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der
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Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
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Herausgegeben von
Buchausſtattung von F. H. Ehmke
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Franzöſiſche
Volksmärchen
Aus aͤlteren Quellen
berſetzt von Ernſt Tegethoff
Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena 1923
Alle Rechte, insbeſondere das der uͤberſetzung in fremde Sprachen,
vorbehalten. Copyright 1923 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
Einleitung |
Geſchichte des franzoͤſiſchen Maͤrchens
Die Kultur des Abendlandes, welche heute rettungslos und
muůde wie ein welker Greis zu Grabe ſinkt, erinnert ſich gern
ihrer Kindheitstage, die goldumſtrahlt wie die Gletſcher bei
Sonnenuntergang in das hereinbrechende Dunkel heruͤber⸗
leuchten. Die Voͤlker des Abendlandes hatten eine wilde
Knabenzeit: raufluſtig und grauſam, wie Knaben einmal
ſind, traten ſie auf das Welttheater und erledigten mit
ein paar Fauſtſchlaͤgen die hohl und faul gewordene Antike.
Der Zweck des Lebens war der Heldenſang vom laͤchelnd er⸗
tragenen Tod, und jenſeits des blutigen Walſtattdunſtes
leuchtete der Nachruhm. Dieſe wilden Burſchen hoͤrten nicht
gern auf die Maͤrchen, welche als Schoͤpfungen abendlicher
Abſpannung und Ruhe eine gleichmaͤßige Heiterkeit, eine
gewiſſe Muͤdigkeit der Seele und eine unbeſtimmte Taten⸗
loſigkeit vorausſetzen. Und dennoch kannten auch die alten
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Germanen eine betraͤchtliche Anzahl jener Motive, die, aus
den Anſchauungen und Gebraͤuchen der Urzeit geboren, ſich
je nach der Art der Kompoſition und Bindung in oͤrtlicher
und zeitlicher Hinſicht zu Mythus, Sage oder Maͤrchen zu⸗
ſammenſchloſſen. Ja, wir koͤnnen aus den geringen Reſten
altgermaniſcher Epik, die uns ein guͤtiges Geſchick erhalten
hat, auf das Beſtehen bereits fertiger Maͤrchen im germa⸗
niſchen Altertum ſchließen. Es waren dies ſolche Maͤrchen,
die der Abenteuerluſt und dem Tatendrang der Zeit ent⸗
gegenkamen, wie das vom Baͤrenſohn, der in die Unterwelt
dringt und dort eine Jungfrau von einem huͤtenden Drachen
befreit; weiterhin ſolche, die ihren Stoff aus dem Alltags⸗
—
leben dieſer wilden Jahrhunderte nahmen: die von herrſch⸗
ſuͤchtigen Frauen und treuloſen Ratgebern erzaͤhlten, wie
jenes von der unſchuldig verklagten und gerichteten Koͤnigin,
deren Unſchuld ſich dann doch offenbart, von der Braut, die
einer falſchen weichen mußte und dann doch wieder zu ihren
Rechten kommt, von der trotzigen Jungfrau, die dann doch
1 Franz. Märchen 1 5
*
bezwungen wird. Die goldene Ferne lockte, und dieſe wilden
Knaben traten aus dem Nebel ihrer Urwaͤlder heraus, uͤber⸗
ſchritten den Rhein und wandten ſich zu den rebenumſaͤumten
Huͤgeln der Marne und Oiſe, das Reich des Syagrius brach
zuſammen, und der germaniſche Bauernkoͤnig reſidierte in
Soiſſons. Doch wurden die Unterworfenen milde behandelt,
und ſo kam es, daß jede Neigung zu nationalen Gegenſaͤtzen
im Keime erſtickt wurde. Frankreich wurde der Brennpunkt
dieſer jungen Kultur. Hier kreuzten ſich Einfluͤſſe der ver⸗
ſchiedenſten Art: die Sagen und Märchen der Antike lebten
in den Truͤmmern der Roͤmerſtaͤdte fort, die keltiſche Urbe⸗
voͤlkerung bewahrte ihre Erzaͤhlungsſtoffe, welche, im ewigen
Nebel der Suͤmpfe und des Nordſeegeſtades erwachſen, die
gigantiſchen und grotesken Formen eines Nebelbildes zeigen
und zugleich die leiſe Wehmut und dann wieder die aus⸗
gelaſſene Luſtigkeit des keltiſchen Stammes mitbringen. Die
noch heute in Frankreich fortlebenden Geſchichten von Midas,
von Polyphem und von Perſeus und Andromeda, von den
Sirenen und vom Orkus weiſen auf die Antike, waͤhrend die
keltiſche Feenwelt weit uͤber Frankreichs Grenzen hinaus⸗
gedrungen iſt. Zu dieſer Doppelheit kamen als dritter Faktor
die erobernden Franken, welche, als Traͤger der neuen Kultur
berufen, die Daͤmonen und die Sagen der endloſen Waͤlder
ihrer Heimat mit in das ſonnige Frankreich brachten. Dieſe
drei Beſtandteile miſchten ſich zu jenem ſtark individuell aus⸗
gepraͤgten Geſamtbild, das im mittelalterlichen Frankreich
der literariſchen Kultur Europas ihre Eigenart verlieh. Auf
neufraͤnkiſchem Boden entſtand wahrſcheinlich zur Voͤlker⸗
wanderungszeit die Wielandſage, die auf eine Erzählung aus
dem weitverbreiteten Kreis von der geſtoͤrten Mahrtenehe
zuruͤckgeht, vielleicht auch die Siegfriedſage, welche mit Er⸗
innerungen aus der fraͤnkiſchen Geſchichte die Umriſſe des
Baͤrenſohnmaͤrchens verband. Auf fraͤnkiſche Entſtehung
weiſt das beruͤhmte Maͤrchen vom Machandelboom, das,
einer Epiſode der Wielandſage nahe verwandt, jene blutige
Zeit am beſten widerſpiegelt. Auch der Verſchlingungs⸗
II
mythus von Rotkäppchen hat in Frankreich Züge bewahrt,
die in ihrem Kannibalismus weit uͤber tauſend Jahre uͤber
die klaſſiſche Erzaͤhlung Perraults zuruͤckgehen; vielleicht darf
man auch das Maͤrchen vom ſingenden Knochen der fraͤnki⸗
ſchen Voͤlkerwanderungszeit zurechnen.
Aus den Knabenjahren der Voͤlkerwanderung traten die
Bewohner Frankreichs, umhuͤllt vom ſchuͤtzenden Mantel der
Mutter Kirche, in das Mittelalter, die Juͤnglingszeit unſerer
Kulturepoche. Gewiß, das Mittelalter hatte ſeine dunkeln
Schatten, aber heute, da wir auf dieſe Zeit mit der Wehmut
des Todgeweihten zuruͤckblicken, haben wir das Recht, nur
noch das Licht zu ſehen, und wir trinken es mit vollen Zuͤgen,
ehe wir den Becher ins Meer werfen. Es war die Zeit der
erſten Liebe. Wie Nachtigallenruf in Sommernaͤchten dringt
das Lied der Troubadours in unſere Maſchinenzeit heruͤber,
auch das Gebiet des Religioͤſen nahm der Minneſang in An⸗
ſpruch, die Myſtik redete die Sprache der weltlichen Liebet
irdiſche und himmliſche Liebe wurden eins. Es war die Zeit
der hohen und ſtolzen Frauen, die mit großen blauen Augen
von den Zinnen ihrer Burgen nach ihren fernen Geliebten
Ausſchau hielten, die mit langen, wehenden Schleiern wink⸗
ten, und, wenn ſie durch die Felder gingen, beugten ſich die
Margueriten und Schluͤſſelblumen vor ihnen. Es war die
Zeit, da das ferne Wunderland des Oſtens lockte und da
hinter Arabiens Wuͤſtenſand das irdiſche Paradies, das reiche
Indien, auftauchte. Das Maͤrchen wurde zum Leben und das
Leben zum Maͤrchen. Das Maͤrchen nimmt die Farben der
Zeit an: das weitaus beliebteſte Maͤrchen des Mittelalters
war das vom Goldener, jenem Helden, der in Verachtung
und Niedrigkeit aufwaͤchſt und dann als Ritter auf weißem
Roß in ſtrahlender Ruͤſtung in dreitaͤgigem Turnier die Hand
der Koͤnigstochter erringt. Die Dichtungen von Aiol, von
Elie de St. Gilles, Beuve de Hamtoune, Gautier d Aupais,
Mainet, Jourdain de Blaivies und Robert dem Teufel reden
von der Beliebtheit dieſes Stoffes, deſſen Urſprung uns noch
unbekannt iſt. Daneben finden wirimaltfranzoͤſiſchen Hel⸗
1˙ I
denepos jene Stoffe wieder, die wir für germaniſch hielten.
Das Märchen von der unſchuldig leidenden Königin fand in
England noch waͤhrend der Voͤlkerwanderungszeit einen lite⸗
rariſchen Niederſchlag in den Sagen von Offa und Aella.
Die Normannen, die ſo vielfach als Vermittler germaniſcher
und romaniſcher Kultur eine Rolle geſpielt haben, verpflanz⸗
ten das Maͤrchen nach Frankreich: es begegnet zuerſt in der
Chronik des Anglonormannen Trivet, ſpaͤter in der „Mane⸗
kine“ des Philipp von Beaumanoir und im Volksbuch von
der ſchoͤnen Helene. Nahe verwandt ſind ihm die Crescentia⸗
legende und die Erzählung von der Gattin Karls des Großen.
Ein anderer Zweig des gleichen Maͤrchenſtammes war be⸗
rufen, nach Aufnahme eines keltiſchen Reiſes die Vorge⸗
ſchichte des Lohengrinepos zu bilden. Die untergeſchobene
Braut begegnet in der Berthaſage, welche, vielleicht deutſcher
Herkunft, von einem Spielmann Adenet le roi mannigfach
umgebildet, in franzoͤſiſche Verſe gebracht wurde. Das
Baͤrenſohnmaͤrchen ſcheint die Grundlage der Chanson de
geste von Huon von Bordeaur zu ſein, und der Droſſelbart⸗
typus erſcheint in der verlorenen franzoͤſiſchen Quelle der
ſkandinaviſchen Clarusſaga. Wenn germaniſche Märchen in
der Hauptſache Verwendung in den Chansons de geste
fanden, ſo beruht die um ein Jahrhundert ſpaͤter einſetzende
hoͤfiſche Epik im weſentlichen auf keltiſch⸗bretoniſcher
Grundlage. Doch ſteht der ritterliche Dichter dem Maͤrchen
ſchon nicht mehr fo naiv gegenüber wie der jougleor. Chrötien
von Troyes, der bedeutendſte Vertreter hoͤfiſcher Dichtungs⸗
art, bietet in der Hauptſache Gedankendichtung, ihm ſchwebte
zuerſt der Leitgedanke vor, zu deſſen Illuſtration er ſeinen
Stoff zurechtmachte. Zuſammenhaͤngende Maͤrchen bieten
dieſe Epen nicht, nur Motive und Formeln, und dieſe ſtammen
weniger aus dem Volksmaͤrchen, als vielmehr aus der kel⸗
tiſchen Heldenſage. Beſonders die Cuchullinſage iſt es, die,
wie beſonders Brown und Ehrismann nachgewieſen haben,
auf die Romane aus dem Kreis der „matiere de Bretagne“
eingewirkt hat. Zwei Hauptmotive ſind den meiſten Artus⸗
IV
epen gemeinſam: eine Fee lockt den Helden zu ſich, entweder
um ſeine Liebe zu genießen oder um ſeine Unterſtuͤtzung
gegen aͤußere Feinde zu erlangen: das eine iſt der reine Stoff
der geſtoͤrten Mahrtenehe, das andere deſſen heldenſagen⸗
maͤßige Umformung. Hierher gehoͤrt Laudine im Iwein.
Das zweite Motiv zeigt den Helden auf ſeinem Weg in die
Unterwelt, wo er im Kampf mit einem daͤmoniſchen Waͤchter
eine Jungfrau befreit: das iſt der Stoff des Baͤrenſohn⸗
maͤrchens. So befreit Lanzelot die Ginover, Gawain die
gefangenen Frauen aus dem Chastel marveil, Im Triſtan
begegnet der Maͤrchenzug von der goldhaarigen Jungfrau,
der Parcival zeigt Anklaͤnge an Maͤrchen von der Unterwelts⸗
fahrt eines Dummlings, waͤhrend die Graalſage wahrſchein⸗
lich auf das Maͤrchen von der unablaͤſſig mahlenden Wunſch⸗
muͤhle zuruͤckgeht. Die Kundryepiſode gehoͤrt zu einem
keltiſchen Maͤrchenkreis, der von Maynadier bis auf Chaucer
herab verfolgt wurde, und die Lehren des Gurnemanz ſind
denen des ſterbenden Vaters in dem von uns wieder⸗
gegebenen bretoniſchen Maͤrchen verwandt. Auch der Erek
und der Cligés zeigen Zuͤge von Maͤrchen.
Mehr noch als in den Artusepen tritt die Reinheit des
Maͤrchens in den Lais zutage, jenen kurzen Verserzaͤhlungen,
die Marie de France ſo meiſterhaft in franzoͤſiſche Zunge
brachte. Unter den Stoffen dieſer bretoniſchen Gedichte tritt
beſonders der von der geſtoͤrten Mahrtenehe hervor, von der
ehelichen Gemeinſchaft eines Menſchen mit einem elbiſchen
Weſen, die durch die Übertretung eines vom letzteren ge⸗
ſtellten Verbotes zu einem vorzeitigen Abſchluß gebracht
wird. Hierher gehören die Novellen von Lanval, Ponec,
Graelent, Guingamor, vom bel desconnu und von Sir
Deégarré, während der lai du fraisne zum Typus von der
untergeſchobenen Braut ſtimmt und der Lai von Eliduc das
bekannte Motiv vom Schlangenkraut enthaͤlt. Selbſt die
Troubadours ſind fuͤr den Maͤrchenforſcher nicht ohne Be⸗
deutung: Wilhelm von Poitiers uͤberliefert zuerſt den
Schwankſtoff vom verſtellten Narren.
V
**
Neben germaniſchen und keltiſchen Märchen wurden für
die Literatur des Mittelalters die durch die Kreuzzuͤge ver⸗
mittelten orientaliſchen beſonders wichtig. Hier ſpielte die
byzantiniſche Kultur die Vermittlerrolle. Spaͤtgriechiſcher
Dichtung verdankt die im Mittelalter ſo verbreitete Erzaͤhlung
von einem Liebespaar, das ſich nach langer Trennung und
endloſen Gefahren endlich doch wiederfindet, ſeine Ent⸗
ſtehung, jene Geſchichte, die uns in Aucaſſin und Nicolette,
dann aber auch in Flore und Blancheflor, in Magelone und,
legendenhaft umgebogen, im Wilhelm von England Chré⸗
tiens entgegentritt. Zum byzantiniſchen Amicus⸗ und
Ameliusſtoff ſtimmt der Schluß des Maͤrchens vom getreuen
Johannes, deſſen Eingang zu den Brautwerbungsſagen aus
dem juͤdiſch⸗byzantiniſchen Salomokreiſe gehoͤrt: hier duͤrfte
Entſtehung des Maͤrchens aus der Literatur vorliegen. Der
Parthonopier des Denis Pyramus, deſſen Ausdehnung in
der Weltliteratur der der „matière de Bretagne“ kaum nach⸗
ſteht, iſt der mileſiſchen Fabel von Amor und Pſyche nahe
verwandt. Das Maͤrchen vom Meiſterdieb, das ſich bis zu
Herodot hinauf verfolgen laͤßt, hatte im Mittelalter eine große
Verbreitung und entſprach zumal dem franzoͤſiſchen Ge⸗
ſchmack, der aus den germaniſchen diebiſchen Zwergen die
mannigfach nuancierte Klaſſe der „Larrons“ ſchuf, jener
kleinen und behenden Spitzbuben, deren Prototyp der
Maugis d' Aigremont iſt. Dieſes Märchen zieht ſich in viel⸗
fachen Abarten durch die geſamte Literatur des Mittelalters:
die bekannteſte Verſion iſt die im Mittelniederlaͤndiſchen be⸗
wahrte, aber auf franzoͤſiſche Quelle zuruͤckgehende von
Karl und Elegaſt, der Pferdediebſtahl des Meiſterdiebes be⸗
gegnet im Elie de St. Gilles und faſt gleichzeitig beim Eng⸗
laͤnder Walter Map, der verwandte Scherz vom nuͤſſe⸗
knackenden Dieb auf dem Kirchhof bildet die Grundlage des
Fabliaus Eſtula, waͤhrend das Fabliau von Barat und
Haimet die Streiche der Gauner in luſtigſter Verwirrung be⸗
ſchreibt. Nahe zum Meiſterdiebſtoff gehört endlich das
Fabliau von Trubert, deſſen Stoff in modernen franzoͤ⸗
VI
ſiſchen Sammlungen noch mehrfach begegnet. Das orienta⸗
liſche Maͤrchen vom goldenen Vogel liegt der verlorenen
Quelle des mittelniederlaͤndiſchen Walewijnromans zugrunde.
Aber von weiter her noch als von den Ufern des Bosporus
und von den Schloͤſſern der Kalifen ſtroͤmte der Maͤrchen⸗
ſtrom herein: das ferne Indien öffnete die Tore feiner un⸗
ergruͤndlichen Schatzkammern und uͤberſchwemmte das
Abendland und namentlich Frankreich mit ſeinen Stoffen,
die bald in maͤrchenhafter Pracht ſchwelgen und in wilder
Haͤufung des Phantaſtiſchen die Wunder einander uͤber⸗
treffen und uͤbertrumpfen laſſen, bald mit bitterer Ironie
die menſchlichen Schwaͤchen und mit Vorliebe die Unbeſtaͤn⸗
digkeit der Weiber geißeln. Freilich läßt ſich nur eine ganz
geringe Anzahl der ſogenannten Fabliaur, jener kurzen
Reimſchwaͤnke, die das Dreieck: Gatte — Frau — Liebhaber
von allen erdenklichen Seiten beleuchten (wodurch dann
allerdings oft Dinge ans Licht kommen, die beſſer verborgen
geblieben waͤren) — nur eine kleine Anzahl dieſer Stoffe
laͤßt ſich in denjenigen orientaliſchen Sammlungen, die dem
Mittelalter bekannt waren — der disciplina clericalis, dem
Dolopathos, dem directorium humanae vitae und dem
Barlaam und Joſaphat — nachweiſen; viele dieſer Kleinig⸗
keiten ſind gewiß auch in Europa und ſpeziell in Frankreich
ſelbſt entſtanden. Dieſe Reimſchwaͤnke, deren Verfaſſer, die
uͤbrigens nur in den ſeltenſten Faͤllen mit ihren Namen hervor⸗
treten, aus dem Stand der fahrenden Kleriker und der Be⸗
rufsſpielleute ſtammen, ſind nicht nur wegen der Verbreitung
ihrer Stoffe wichtig, ſondern ſie ſind auch eine Fundgrube
fuͤr den Kulturhiſtoriker. Sie lehren uns, woruͤber das Frank⸗
reich des 13. Jahrhunderts gelacht hat. „Bald leichtſinnig
und derb, bald feinſinnig und bald zyniſch, uͤber allzu un⸗
bedeutenden Anlaß lachend, immer ſpoͤttiſch, ſelten ſatiriſch,
ſo iſt das Fablel ein wichtiger Zeuge fuͤr die niederen Triebe
der galloromaniſchen Raſſe.“ So definiert Bedier, der be⸗
deutendſte Erforſcher dieſer Gattung, die Fabliaur. Die
Schwaͤnke des Mittelalters lebten nicht nur in Proſa auf⸗
VII
gelöft in den unzähligen Schwankſammlungen der ſpaͤteren
Jahrhunderte fort, ſondern ſie werden auch noch in der
Gegenwart mit Behagen erzaͤhlt.
Nicht nur in Versform, auch in Proſa fanden dieſe leichten
Stoffe Eingang in die Literatur des Mittelalters, hier be⸗
ſonders in Form der Predigtmaͤrlein. Die Illuſtration
moraliſcher Lehren durch Geſchichten novellenhafter Art geht
in ihrem Gebrauch ſchon auf den Stifter des Chriſtentums
zuruͤck. Die Homilien Gregors des Großen machen zuerſt
ausgiebigen Gebrauch von dieſen Erzaͤhlungen, die auf einen
populären Hoͤrerkreis zugeſchnitten find. Ein wichtiges Er⸗
ziehungsmittel werden ſie in den Haͤnden der Franziskaner
und Dominikaner, der eigentlichen ordines praedicatorum.
Dieſem Orden gehoͤrte der große franzoͤſiſche Prediger
Etienne von Bourbon an, der in ſeinem „liber de septum
donis spiritus sancti“ ein Kompendium dieſer Exempla für
den Gebrauch der Prediger gab, in den meiſten Faͤllen ab⸗
haͤngig von ſeinem großen Vorgaͤnger Jakob von Vitry,
welcher uͤber 200 Fabeln, Schwaͤnke und Anekdoten in ſeine
„Sermones vulgares“ einſchob. Eine weitere Sammlung
von Exemplis mit Nutzanwendungen in anglonormanniſcher
Sprache gab im 14. Jahrhundert der engliſche Franziskaner
Nikolaus Bozon. Weiterhin waͤre die „Summa virtutum
ac vitium“ des Wilhelm Peraldus und die „Fleurs des
commandemens de Dieu“ zu erwähnen. Das „Speculum
exemplorum“, das wahrſcheinlich in Belgien entſtand, wurde
noch im 17. Jahrhundert von einem Jeſuiten aus Douai,
Johannes Major, bearbeitet. Zu dieſen Sammlungen ge⸗
hoͤrt auch das beruͤhmteſte Maͤrchenbuch des Mittelalters, die
Gesta Romanorum, deſſen Urſprungsland nach den neueften
Forſchungen das von franzoͤſiſchem Einfluſſe abhaͤngige
England iſt. Aus dem 14. Jahrhundert ragt die Sammlung
„Scala caeli“ hervor, die den Dominikanermoͤnch Johann
Junior Gobii aus Alais in Suͤdfrankreich zum Verfaſſer hat.
Die „Scala caeli“ wird beſonders dadurch wichtig, daß ſie
zum erſten Male auch eigentliche Zaubermaͤrchen fuͤr
VIII
Predigtzwecke verwertet. Das Märchen vom dankbaren
Toten, das wir aus dieſem Werk bringen, begegnet übrigens
auch in einer Reihe von epiſchen Werken des franzoͤſiſchen
Mittelalters: dem Her vis de Metz, dem Richars li biaus und
dem Lion de Bourges.
Wir duͤrfen den Boden des Mittelalters nicht verlaſſen,
ohne auch des Tiermaͤrchens zu gedenken, das im franzoͤſiſchen
„Roman de Renart“ feine klaſſiſche Verwertung fand. Die
Quellen des mittelalterlichen Tierepos ſind mannigfacher
Art, nicht nur die antike Fabel und das indiſche Pantſcha⸗
tandra, ſondern auch die nordgermaniſchen und finniſchen
Voͤlker, die den Baͤren in den Mittelpunkt einer Tierfabel⸗
kette ſtellten, tragen das ihrige zur Ausbildung dieſer Dicht⸗
gattung bei.
Der Hochbluͤte mittelalterlicher Dichtkunſt, die in Frank⸗
reich in die letzten Jahrzehnte des 12. und den Beginn des
13. Jahrhunderts faͤllt, folgte eine Erſchlaffung, die auf
unſerem Gebiet durch das Zuruͤcktreten der Zaubermaͤrchen
und das Überhandnehmen der Schwankſtoffe charakteriſiert
wird: im 14. und 15. Jahrhundert wurde in Italien die
Novelle geboren, und ſie drang alsbald nach Frankreich: noch
dem 15. Jahrhundert gehört die Sammlung der „cent nou-
velles nouvelles an. Das 15. Jahrhundert iſt bemerkens⸗
wert durch die Proſaaufloͤſung der alten Versepen, die
nunmehr durch Aufnahme maͤrchenhafter Wanderſtoffe im
proſaiſchen Gewande anſchwellen. Der „Perceforest“, dem
im uͤbrigen kein Versroman zugrunde liegt, bietet uns die
ältefte Verſion des Dornroͤschenmaͤrchens, der „Zauberer
Virgilius“ nahm das orientaliſche Märchen vom Geiſt in
der Flaſche auf, und der „Ogier“ bereicherte ſic um ein
Mahrtenehemaͤrchen.
Gleichzeitig mit dem Proſaroman bluͤhte das Dam das
neben der heiligen Geſchichte (in den Myſtsres) auch Stoffe
ſchwank⸗ und maͤrchenhafter Art in den Farcen und Morali⸗
taͤten pflegte. So begegnet in einer Farce des Euſtache
Deschamps (f 1415) jener ſchlaue Betrüger Trubert wieder,
IX
der uns oben in Zuſammenhang mit dem Meiſterdiebmaͤrchen
beſchaͤftigte.
Das 16. Jahrhundert zeigt die Voͤlker des Abendlandes in
der Bluͤte ihrer erſten Mannesjahre: es war eine Zeit, die
ſich ſtuͤrmiſch von liebgewordenen Jugendtraͤumen losriß, die
wild von Tat zu Tat eilte, in der jeder Tag einen Markſtein
in der Geſchichte bedeutet. Das chriſtliche Jenſeitsideal konnte
dem immer reicher werdenden Erdenleben nicht mehr Ge⸗
nuͤge tun, das Jahrhundert wandte ſeinen Sinn auf das
Irdiſche, ein Beſtreben, das es der Antike naͤher fuͤhrte, die
nun ihre glaͤnzende Auferſtehung feierte. Aber neben antiker
Formenpracht, neben religioͤſer Erneuerung lebte die gotiſche
Barbarei fort. Es war ein Jahrhundert der Gegenſaͤtze.
Waͤhrend de Baff die „Elektra“ uͤberſetzte, waͤhrend Calvin
ſeine „Institutiones“ ſchrieb, verſammelte ſich der franzoͤſiſche
Hof in Lyon und betrachtete mit Stielglaͤſern, wie Monte⸗
cucculi, der des Giftmordes am Dauphin bezichtigt war, von
vier Pferden auseinandergeriſſen wurde, und die Hoͤflinge
ſchloſſen Wetten ab, welches Glied der Gewalt der aufge⸗
peitſchten Roſſe am laͤngſten Widerſtand leiſten wuͤrde. Nur
Margaretha von Ungoul&me, die feinfühlige Dichterin, ver⸗
barg ihr Haupt an der Schulter ihres koͤniglichen Bruders.
Die Hinwendung zum Realen und die Ausbildung des In⸗
dividuellen konnte dem Maͤrchen keinen Vorſchub leiſten: das
16. Jahrhundert ſetzte die Entwicklung vom Zaubermaͤrchen
zum Schwank in verſchaͤrftem Tempo fort: die ungeſtuͤme
Lebenskraft der Zeit aͤußert ſich im Schwank und in der
derben Faſchingspoſſe, man nimmt das Menſchliche menſch⸗
lich. Es iſt das Jahrhundert des Frangois Rabelais. Sein
„Gargantua“ (1532) iſt nichts anderes als eine gigantiſche
Verzerrung des Maͤrchens vom ſtarken Hans, ein Maͤrchen⸗
typus, der auf die Jugendgeſchichte des germaniſchen Sieg⸗
fried ſowohl wie des finniſchen Kullervo eingewirkt hatte,
der aber in Frankreich durch die Tätigkeit der Spielleute, die
im Rainouart des Karlszyklus ein Vorbild des Rabelaisſchen
Helden ſchufen, und nicht ohne Einwirkung des keltiſchen
X
Hanges zur Groteske jene Form erreichte, die das Märchen
noch heute im Volksmund feſthaͤlt: eine Vergroͤberung und
Verſpottung des altgermaniſchen Rieſentypus.
Neben Rabelais verſchwinden die Autoren von Schwank⸗
ſammlungen, die dem von den Fabliaur und der italieni⸗
ſchen Novelle gewieſenen Wege folgten. 1521 wurden die
Gesta Romanorum unter dem Titel „Violier des histoires
romaines“ durch Jehan de la Garde in Paris gedruckt. 1535
eröffnete Philipp von Vigneuilles mit feinem noch unge⸗
druckten „Recueil“ den Reigen der Nachahmer Boccaccios,
Poggios, Sacchettis und Maſuccios, kurz darauf folgt
Nicolaus v. Troyes „Parangon“ (1535) und Bonaventura
Desperiers mit ſeinen „Joyeus devis“. Der große Nachahmer
Lucians, der feinen Kampf gegen das Chriſtentum 1544 frei:
willig beendete, um den Verfolgungen der Inquiſition zu
entgehen, ſchenkte der Mitwelt hier das Kind ſeiner heitereren
Muſe. Freilich ſind drei Viertel der Sammlung eigene Er⸗
findung. Henri Eſtienne, der Hugenott und Helleniſt, miſchte
in ſeine gegen den Katholizismus gerichtete „Apologie pour
Heérodote (1566) viele Schwankſtoffe, Noel du Fail er⸗
waͤhnt in feinen „Contes d'Eutrapel“ (1565) und in feinen
„Propos rustiques“ eine große Anzahl von Märchen, wäh:
rend Margarethe von Navarra in ihrer Boccaccionachahmung
(Heptameron 1559) die ernſten Stoffe bevorzugte. Sie
brachte den Ernſt, die Tragik und das Mitleid in die Novelle.
Verville mit feinem „Moyen de parvenir“ und die „Elite
des contes des Seigneur d' Ouville — um nur die be⸗
kannteſten Namen zu nennen — gehoͤren ſchon dem folgen⸗
den Jahrhundert an.
Mit Rieſenſchritten eilte die franzoͤſiſche Kultur ihrem
Kulminationspunkte zu. Der Hof Ludwigs XIV. wurde der
Sammelplatz der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften der Welt. In
goldbeſtuckten Spiegelſaͤlen beugten ſich betreßte Hoͤflinge,
geiſtreiche Frauen plauderten in ihren Salons uͤber Descartes,
die Sprache, bald geheimnisvoll fluͤſternd, bald pathetiſch
rollend, verſchmaͤhte die Ausdruͤcke des Poͤbels und floh das
8
Alltaͤgliche, während von den Gobelins die geftidten Helden
der Antike auf die im Winde flatternden Allongeperuͤcken
herabſchauten: die Welt Molisres, Corneilles und Racines
taucht auf. Die Komoͤdie ſuchte ihre Stoffe in Spanien und
Italien, die Tragoͤdie folgte den Spuren des Euripides, alle
Laͤnder und Zeiten trugen zur Verherrlichung des groͤßten
Repraͤſentanten des Abſolutismus bei. Da mußte auch das
Märchen feinen Tribut zahlen: der große Molisre hielt das
apulejiſche Rokokogeſchichtchen von Amor und Pſyche für
gut genug zu einem Hofſpektakel (1672) und Lafontaine,
der ihm den Stoff dazu geliefert hatte, ließ ſein zyniſch⸗
epikuraͤiſches Weltbild in den Stoffen der Fabliaur und der
Tiermaͤrchen widerſtrahlen. Lafontaine ſchoͤpfte feine „Nou-
velles en vers“ zumeiſt aus Boccaccio und Arioſt, manche
decken ſich mit den Fabliaur, andere gehen bis auf die Antike
zuruͤck. Sein beruͤhmteſtes Werk, die „Fables“ (1668 —78),
gehen den Weg Aſops. Viele davon haben Parallelen in
noch heute erzaͤhlten Tiermaͤrchen. Lafontaine hatte eine
faſt romantiſche Vorliebe fuͤr die Maͤrchen, man kennt ſeine
berühmte Stelle: „Si, Peau d’äne‘ m'étoit conté, j'y pren-
drois un plaisir extreme“ (Fables VIII 4), dennoch ſchoͤpfte
er kaum je aus dem Volksmund unmittelbar.
Je hoͤher die Ziviliſation der Menſchheit ſteigt, deſto
weniger naiv ſteht ſie dem Maͤrchen gegenuͤber, es wird vom
Selbſtzweck zum Mittel zum Zweck, es ſteigt aus der abend⸗
lichen Spinnſtube in das Kinderzimmer. In dieſem Jahr⸗
hundert, das eine gleichmaͤßige Ausbildung aller menſchlichen
Faͤhigkeiten erſtrebte — wobei es freilich die wichtigſten, die
des Herzens und der Phantaſie, vergaß —, erfüllte das Mär:
chen eine aͤhnliche Funktion wie in den Exempeln der
Dominikaner: es ſollte moraliſche Lehren illuſtrieren, oder
eher umgekehrt: es bekam ein moraliſches Schwaͤnzchen an⸗
gehängt. 1697 erſchienen die „Contes de ma mère P’oye“ von
Charles Perrault. Aber Perrault war kein Romantiker.
Noch fünf Jahre zuvor hatte er geſagt: „Les fables milé-
siennes sont si puériles, que o’est leur faire assez d’honneur
XII
que de leur opposer nos contes de Peau d’äne et de la mère
Poye.“ Perrault lebt in der Literaturgeſchichte als der geiſt⸗
und wortreiche Vorkaͤmpfer des Fortſchritts im Kampfe gegen
Boileaus antikiſierende Irrgaͤnge, und die Maͤrchen, die ſein
Sohn auf ſeine Veranlaſſung niederſchrieb, erſchienen im
gleichen Jahre, in welchem fein Lebenswerk, die „Paralleles
des anciens et modernes“ abgeſchloſſen wurde. Das Maͤr⸗
chen war nur eine Erholung fuͤr ſeine Mußeſtunden und er
blickte, wie ſeine ganze Zeit, mit einer gewiſſen Verachtung
auf dieſe Jugendverirrungen der Menſchheit herab, die erſt
durch den Anhang einer Nutzanwendung Exiſtenzberechti⸗
gung erhalten konnten.
Nicht anders wie Perrault ſtellte ſich die Graͤfin Aulnoy
zu den Märchen, die fie bearbeitete. Keine ihrer Erzählungen
iſt eine getreue Wiedergabe aus dem Volksmunde, ſondern
ſie nahm die Motive, wo ſie ſie gerade fand, und ſetzte ſie
mit dem ihrer Zeit eigenen Geſchmack zu jenen gefälligen,
drolligen und etwas moraltriefenden Geſchichtchen zuſam⸗
men, die einen ſo ungeheuren Einfluß ausuͤbten und zum
Geſamtbild des Rokoko gehoͤren wie die Bilder Watteaus und
die Dramen Marivaux'. Den Ausſchlag gab die Überſetzung
aus Tauſendundeinenacht, die Galland im Jahre 1709
brachte. Die Nachahmungen ſchoſſen derart aus dem Boden,
daß die Sammlung all dieſer Erzaͤhlungen im „Cabinet des
fees“, die zu Ende des 18. Jahrhunderts veranſtaltet wurde,
nicht weniger als 41 ſtattliche Baͤnde fuͤllen konnte. Dieſe
Feengeſchichten, die zumeiſt von Frauen geſchrieben ſind
(Graͤfin Murat, Gräfin d'Auneuil, Graͤfin Hamilton, Mlle.
de la Force u. a.), und die ſo zierlich und zerbrechlich ſind
wie ein Rokokofiguͤrchen, uͤbten nicht nur auf die ſchreibende
Mitwelt — man denke an die orientaliſchen Erzählungen
Voltaires — einen tiefgehenden Einfluß aus, ſondern ſie
zogen auch das lebende Maͤrchen in ihren Bann, das ſich im
Volksmund nach ſeinem literariſchen Vorbild umgeſtaltete.
So erſcheint das Maͤrchen vom dankbaren Toten, das im
Jahre 1725 von Mme. de Gomez unter dem Titel „Jean de
XIII
Calais“ bearbeitet wurde, in den meiſten franzoͤſiſchen Fafs
ſungen der Gegenwart abhaͤngig von dieſem literariſchen
Vorbild. Das germaniſche Märchen von Rumpelſtilzchen
wurde von Mme. l'Heéritier 1705 als „Ricdin-Ricdon“ mo:
derniſiert, und dieſe Umformung verdraͤngte im Volksmund
in ſtarkem Maße die alte Form. Das Maͤrchen von „La belle
et la böte“ wurde 1740 von Mme. de Villeneuve erzählt und
erlangte eine ſolche Verbreitung, daß die Wiſſenſchaft die
außerordentlich verbreiteten volksmaͤßigen Varianten dieſer
Kunſtnovelle auf dieſe letztere als auf ihre Quelle zuruͤck⸗
fuͤhren zu ſollen glaubte. Die meiſten Kunſtmaͤrchen dieſer
Zeit freilich ſind leere Phantaſien: „Gemiſche aus ſogenann⸗
ten orientaliſchen Zauberweſen und modern ſchaͤferiſchen
Liebesgeſchichten“, ſo charakteriſieren ſie die Bruͤder Grimm.
Die „Féeries nouvelles“ des Grafen Caylus und die anony⸗
men „Nouveaux contes de fées“ aus dem Jahre 1718 ver⸗
dienen noch hervorgehoben zu werden. Die „Contes bleues“
wurden durch die eindringende Welle der engliſchen Literatur⸗
mode hinweggeflutet, ſie wurden geſammelt, und Samm⸗
lungen beweiſen ſtets, daß das lebendige Intereſſe an dem
darin geſammelten Objekt im Erloͤſchen iſt.
Die Romantik bezeichnet den Eintritt der abendlaͤndiſchen
Welt ins Greiſenalter; und wie ſich das Alter gern mit einer
gewiſſen ſehnſuͤchtigen Wehmut vergangener Zeiten erinnert,
ſo lebte jetzt die Anteilnahme an den Schoͤpfungen des Volks⸗
geiſtes neu auf. Man betrachtete die Maͤrchen mit ehrfuͤrch⸗
tiger Scheu als Produktionen der dichtenden Volksſeele und
ſah in ihnen einen Abglanz der mythiſchen Vorſtellungen der
germaniſchen Voͤlker, wodurch das Bemuͤhen gezeitigt wurde,
dieſe einfältigen Kinder des Volkes fo naturgetreu wie moͤg⸗
lich nachzuzeichnen. Frankreich, das ſich von den Anſtren⸗
gungen der Revolution und der napoleoniſchen Kriege er⸗
holen mußte, erblickte in der Romantik eine willkommene
Reaktion gegen die Überſpannung der Jahrhundertwende
und nahm die von Deutſchland hereindringende Stroͤmung
willig auf. Waͤhrend das Drama ſich einerſeits bemuͤhte, das
XIV
hiſtoriſche Kolorit treu zu wahren, während Victor Hugo im
Zeitalter Franz I. den geeigneten Boden fuͤr die Verwirk⸗
lichung ſeines Kunſtideals von der Vermiſchung des Sublimen
und Grotesken erblickte, ſo fand andererſeits der Meſſias der
Romantik, Shakeſpeare, in Alfred de Muſſet ſeinen Apoſtel,
der in ſeinen Maͤrchendramen die Zeitloſigkeit und ſonnen⸗
ſtrahlenhafte Zartheit der Maͤrchengebilde am beſten traf,
und der in ſeiner „Barberine“ nicht ohne Grund dasſelbe
Zymbelinemaͤrchen verwertete wie ſein großes Vorbild in
der Geſchichte von Imogen. Auf dem Gebiete der Novelle
waͤre vor allem Nodier zu nennen, der 1842 gemeinſam mit
Leroux de Lincy die „Bibliotheque bleue“ wieder aufleben
ließ.
Die wiſſenſchaftliche Beſchaͤftigung mit den Märchen, die
durch die Bruͤder Grimm fuͤr ganz Europa angeregt wurde,
fand in Frankreich erſt ſpaͤt Nachahmer. Erſt im Jahre 1845
erſchien, wenn man von der kleinen Sammlung Pluquets
aus Bayeux von 1832 abſehen will, die Sammlung nor⸗
manniſcher Sagen von Amelie Bosquet, die freilich weniger
dem Maͤrchen dient, und im gleichen Jahre veroͤffentlichte
Souveſtre den erſten Band ſeiner „Foyers bretons“, ein
allzu individuell gefaͤrbtes Werk, das fuͤr die Forſchung nahe⸗
zu wertlos iſt. Von den ſechziger Jahren an bemuͤhte ſich
eine ganze Anzahl von Sammlern, die Schaͤtze, die Frank⸗
reich noch birgt, unter Dach zu bringen. Vor allem iſt Paul
Ssbillot, der Schoͤpfer und das Haupt der franzoͤſiſchen Volks⸗
kunde, zu nennen, der nicht nur weit uͤber feine hochbretoni⸗
ſche Heimat hinaus als zuverlaͤſſiger und unermuͤdlicher
Sammler tätig war, ſondern auch in feinem Lebenswerk,
dem „Folklore de France“ (1904-07), das geſammelte
Material zu einem Kompendium der franzoͤſiſchen Volks⸗
kunde verarbeitete. Paul Söbillot iſt der Herausgeber der
wichtigſten volkskundlichen Zeitſchrift Frankreichs, der „Re-
vue des traditions populaires“ (ſeit 1886). Die meiſte Aus⸗
beute bot die Bretagne, der die Werke von Luzel, Orain,
Mme. de Cerny u. a. angehoͤren. Weiter waͤren zu nennen
XV
die Sammlertaͤtigkeit Blades für die Gascogne, Pineaus für
Poitou, Lamberts fuͤr Languedoc, Carnoys fuͤr die Somme⸗
gegend und nicht den geringſten zuletzt: Cosquins, deſſen
treffliche Anmerkungen zu ſeinen lothringiſchen Maͤrchen eine
der elementarſten Grundlagen fuͤr die geſamte Maͤrchen⸗
forſchung darſtellen und die hauptſaͤchlich eine Bruͤcke vom
Orient zum modernen Okzident zu ſchlagen ſich bemuͤhen.
Es war hohe Zeit, die Schaͤtze zu bergen, denn auf die
Romantik folgte das Maſchinenzeitalter, jene Epoche, in wel⸗
cher die Menſchheit in wahnſinniger Überhebung die Natur
zu beherrſchen glaubte, bis die Technik ihren Haͤnden ent⸗
glitt, eigenes Leben gewann und in wilder Raſerei den Bau
der Jahrhunderte zertruͤmmerte.
XVI
| Aus Älteren Quellen
VVonitttelalter bis zum Ausgang des Rokoko)
Zwoͤlftes und dreizehntes Jahrhundert
1. Wie Galopin fuͤr Elias von St. Gilles das
Wunderpferd Primſaus von Aragon ſtahl
Rp las von St. Gilles ritt, vom Fluche feines Vaters ge⸗
troffen, in die Welt. Nach mannigfachen Abenteuern
uͤberraſchte er einſt in Spanien vier Raͤuber beim
Mahl; drei davon erſchlug er, den vierten, Namens Galopin,
einen ſchlauen und behenden Burſchen, nahm er als Diener
an. Und bald bedurfte er ſeiner, denn bei einem Überfall der
Sarazenen wurde Elias verwundet. Galopin ſchleppte ſeinen
Herrn in einen Weingarten und hier erblickte ihn Roſamunde,
die Tochter des Heidenkoͤnigs Macabre. Sie pflegte den
Wunden und heilte ihn mit kraͤftigen Traͤnken.
Ein ſarazeniſcher Koͤnig, Lubien von Baudas, warb um
die Jungfrau und drohte, falls ſie ihm verweigert wuͤrde,
ihren Vater mit Krieg zu uͤberziehen. Schon hatte ſein Heer
Macabres Burg im Halbkreiſe umſchloſſen, doch niemand
wagte es, den gewaltigen Heiden zu bekaͤmpfen. Da erbot
ſich Roſamunde ſelbſt, einen Kaͤmpfer gegen den ungeliebten
Werber zu ſtellen, und ſie bat Elias um den Ritterdienſt. „O,
Herrin,“ ſagte Elias, „wie ſollte ich einer Frau dienen, die
nicht an meinen Gott glaubt! Aber um deſſentwillen, was
Ihr an mir getan habt, als ich krank und verwundet dalag,
will ich Eurer Bitte willfahren. Gebt mir Roß und Waffen,
ſo will ich hinausgehen und meinen Leib gegen Euren Freier
zum Pfande ſetzen. Bei Gott, ich weiß meine Lanze zu
fuͤhren, und kein Heide in Spanien, der Euch beleidigt hat,
ſoll ſich des Sieges ruͤhmen, wenn wir auseinandergehen.“
„Herr, ſagte die Jungfrau, „Ihr macht mich froh. Um
Euretwillen werde ich Mohammed verlaſſen und mit Euch
nach Frankreich gehen. Aber vor einem huͤtet Euch, wenn
Ihr mit dem Emir kaͤmpfen wollt. Der Schurke beſitzt ein
Streitroß, wie es in Frankreich keines gibt: es heißt Prim⸗
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ſaus von Aragon, Oriande war feine Mutter. Wenn in der
Schlacht das Gedraͤnge groß iſt, dann ſpringt es mit allen
vier Beinen auf und ſchreit und ſchlaͤgt mit den Fuͤßen um
ſich und toͤtet jeden, den es trifft. Jeden, der es beim Zuͤgel
nimmt, wirft es zu Boden, er muͤßte denn trefflich zu tur⸗
nieren verſtehen.“ Nr
Als Galopin dieſes Lob hörte, ſprang er auf und trat zu
ſeinem Herrn: „Edler Graf,“ ſagte er, „was zaudert Ihr
noch? Bittet die Jungfrau, daß ſie Euch Waffen gibt. Ehe
nach Mitternacht der erſte Hahn kraͤht, werde ich Euch das
Streitroß verſchaffen, allen Heiden zum Trotz!“ Galopin be⸗
kleidete ſich mit ſeinem Mantel — er maß nur drei Fuß —
und band fc) hundert Denare um.
Er war ein Spitzbube und kannte fein Handwerk. er
ſchlich ſich durch die Hintertuͤr und durchwatete den Bach,
der am Schloſſe vorbeiſtroͤmte; dann eilte er durch den
Weingarten und durchmaß das feindliche Lager, bis er
zum Zelte des Emirs gelangte. „Der große Mohammed,
der die Welt regiert,“ rief er Lubien zu, der vor ſeinem
Zelte ſaß, „erhalte den Kaiſer und alle, die ihm dienen.“
„Freund,“ antwortete der Emir argwoͤhniſch, „er ſegne
auch dich. Doch ſage mir, wer biſt du und aus welchem
Lande ſtammſt du?“ Galopin, der Schlaue, entgegnete
ihm: „Herr, von jenſeits des Meeres komme ich. Noch
geſtern abend bei der Veſper war ich ein reicher Kauf⸗
mann, ich fuͤhrte ein Schiff, wie noch kein Menſch eines ſah,
voll Gold und Silber, Seidenſtoff und Tuch; zwanzig Streit⸗
roſſe waren darauf und zwanzig ſchoͤne Maultiere, die ſandte
Euch der Herr meines Landes, denn er ehrt Euch ſehr.
Macabre hat mir alles weggenommen, meine Leute hat er
mir getoͤtet und mich ſelbſt ins Meer geworfen. Nun komme
ich zu Euch, o Koͤnig, daß Ihr mir mein Recht verſchafft.“
Als der Koͤnig das hoͤrte, geriet er außer ſich, er richtete ſich
auf und legte die Hand an den Kopf: „Zu ſeinem Ungluͤck
hat das der Schurke erdacht, bei meinem Barte! Ihr werdet
Eure Schiffe und Eure Habe wiederbekommen und vom
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Seinigen noch fuͤnfzehnmal ſoviel dazu, ehe der Krieg
endet.“ „Herr,“ ſagte der Spitzbube, „an den Waren liegt
mir nicht viel, denn ich verſtehe es wohl, mir neue zu er⸗
werben; aber die Roſſe bekuͤmmern mich, denn eines war
darunter, das ſehr ruͤhmenswert war: ein praͤchtiger arme⸗
niſcher Grauſchimmel mit ſchmalem Kopf und offenem, ſtol⸗
zem Auge. Kleine Ohren hatte er und zartes Haar, lang⸗
beinig war er und ſchnellfuͤßig. Nie war ein beſſerer Streit⸗
hengſt im Kampf. Wenn er im Schlachtgetuͤmmel einen
Ritter am Boden liegen ſah, ſo trat er ihn mit Fuͤßen, bis
er zerſtampft war.“ „Schweig, du Schuft,“ rief der Emir,
„ich habe hundert Roſſe, die mehr zu ſchaͤtzen ſind. Ich gaͤbe
ſie nicht um tauſend Pfund lauteren Goldes her. Wenn du
alle Pferde Frankreichs zuſammenbraͤchteſt, ich möchte fie
nicht gegen eines meiner Roſſe vertauſchen. Aber gleich ſollſt
du es ſehen.“ „Herr, ſagte der ſchlaue Galopin, „warum
ſollte ich es ſehen? Ich verſtehe nichts von Pferden. Wenn
ich eines ſchnell laufen ſehe, ſo halte ich es fuͤr einen guten
Traber. Lieber waͤre es mir, Ihr gaͤbet mir ein wenig zu
eſſen. Lange trieb ich auf dem Meere und der ganze Koͤrper
iſt mir durchnaͤßt.“ „Bei meinem Haupte,“ rief der Emir,
„du biſt ein Eſel“, und ſtieß aus Zorn das Schachbrett um.
Galopin konnte es kaum erwarten, daß er das Roß zu ſehen
bekaͤme. „Herr,“ lenkte er ein, „zuͤrnt mir nicht. Wenn Ihr
es wuͤnſcht, fo will ich es gern anſchauen.“ Das Wunderpferd
ſtand in einem wohl mit Stahl verankerten Geruͤſte, deſſen
geringſten Pfeiler kein Saumtier haͤtte tragen koͤnnen. Mit
drei goldenen Ketten war es um den Hals gefeſſelt und vier
Paar Spannſtricke hielten ihm die Fuͤße zuſammen, uͤber der
Haut mit Filz gepolſtert. Futter und Hafer hatte es genug
vor ſich und es trank aus einem Gefaͤße, das mit Gold ein⸗
gelegt war. Waſſer lief vor ihm in einem Kanale und drei
Kerzen brannten im Raum. Dreißig Waͤchter mußten das
Roß behuͤten, und wenn fuͤnfzehn ſchliefen, mußten die an⸗
deren fuͤnfzehn wachen. Keiner haͤtte ſich ſchlafend ertappen
laſſen duͤrfen: er waͤre geblendet und des Landes verwieſen
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worden. Lubien nahm den Vorhang weg: das Tier hatte
eine zarte Flanke und war an Kopf und Fuͤßen weiß ge⸗
zeichnet. Dann fragte er den Spitzbuben: „War das deinige
ſo koſtbar?“ — „Nein,“ ſagte dieſer, „ich will es Euch nicht
verhehlen: nie ſah ich ein ſo ſchoͤnes Roß und auch nie eines
ſo wohl verwahrt.“ Dabei aber murmelte er zwiſchen den
Zaͤhnen, daß ihn keiner hoͤrte: „So gut wird es doch nicht
bewacht ſein, daß ich es nicht ſtehlen kann. Herr Elias, wenn
Ihr dieſes Roß habt, fo könnt Ihr Euch ruͤhmen, daß im wei⸗
ten Frankreich kein Ritter je auf einem ſolchen ſaß. Aber
es iſt gut verwahrt. Bei der Seele meines Vaters, lieber
waͤre es mir, wenn es draußen an einem Baume angebunden
wäre.”
Von nun an hatte Galopin keine Ruhe mehr, und feine
Gedanken waren ſtets bei dem Roſſe. Die Waͤchter ſetzten
ſich zum Mahl, dann gingen ſie ſchlafen, da ſie an nichts
Boͤſes dachten und auf den kleinen Spitzbuben wenig achte⸗
ten. Die andere Haͤlfte wachte beim Roß. Galopin trat an
das Geruͤſt, ſtuͤtzte ſich auf das Geländer und betrachtete das
Tier. „Heilige Jungfrau Maria,“ betete er, „verſchaff' mir
das Pferd, aber ſo, daß es mich weder tritt noch verwundet.“
Das Tier erſchrak vor ſeinem Atem und ſprang mit allen
Vieren zugleich. Die Waͤchter griffen zu ihren Waffen und
ſuchten den Raum wohl ſiebenundzwanzigmal ab. Galopin
ſtand im Schatten, und ſie bemerkten ihn nicht, obwohl ſie
ihn faſt beruͤhrten. Kein Wunder, daß der Dieb in Furcht
geriet.
Da die Waͤchter nichts fanden, ſetzten ſie ſich zum
Schachſpiel, und der eine ſagte zum andern: „Was hat das
Tier gehabt?“ — „Bei meinem Kopf,“ ſagte der Oberſte,
„es iſt zu fett und ruht zu viel, beim kleinſten Anlaß er⸗
ſchrickt es.“ Galopin hatte ein Zauberkraut in der Taſche,
das zog er nun hervor und rieb es, ſo daß der ſtarke Geruch
hervordrang. Er warf es durch die beiden Gitter hindurch,
und die Waͤchter ſchliefen von dem ſtarken Dufte ein. Nun
war das Pferd unbewacht. „Bei Gott,“ frohlockte der Dieb,
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„ihr ſeid mattgeſetzt. Der Emir wäre ein Dummkopf, wenn
er euch nicht ſaͤmtlich haͤngen laſſen würde.” Dann nahm er
das Geruͤſt bei den Gittern und riß es um. Er trat zu dem
Pferde, ſtreichelte ihm die Seiten und gedachte es fort⸗
zufuͤhren. Doch das Roß kannte ihn nicht, es faßte ihn mit
den Zaͤhnen, ſtieß ihn zu Boden, hob ihn dann wieder in die
Hoͤhe und ſchleuderte ihn fuͤnfzehn Fuß weit davon. Er
rannte gegen einen Pfahl, daß er faſt die Beſinnung verlor,
und rief Gott an, er moͤge ihn um Elias willen nicht ver⸗
laſſen. Als er furchtſam vorwaͤrtskroch, fand er einen Pruͤgel,
den er beim dicken Ende packte. Dreißig Schlaͤge gab er dem
Tier auf die Flanken, bis es ruhig ward und fein Übermut
verflog. „Halt die Fuͤße ſtill,“ rief er, „es waͤre Torheit,
wenn du dich bewegteſt.“ Nun legte er dem Roß den Sattel
auf, warf ihm den Zaum uͤber den Kopf und ſchlug die
Ketten herab.
Galopin beſtieg den verhaͤngnisvollen Gaul, aber er
konnte nicht reiten und ſtellte ſich wie ein Tor. Beim
erſten Schritt des Tieres lag er unten und haͤtte ſich faſt
Rippen und Arme zerbrochen. Er ſchwur, nie wieder hinauf⸗
klettern zu wollen, und fuͤhrte das Roß hinter ſich her; ſo
ſchnell ſchritt er, daß es ihm kaum folgen konnte. Das Pferd
ſah, daß er ein kleiner Knirps war, und hatte wenig Reſpekt
vor ihm, es warf den rechten Fuß vor und ſtieß ihn zu Boden.
Diesmal blieb er unbeſchaͤdigt, ſprang leichtfuͤßig wieder auf
und packte das Tier nun beim Leibgurt. Nie haͤtte der kleine
Spitzbube das gute Roß geſtohlen, wenn es ſich beſſer ge⸗
wehrt hätte. Doch er nahm einen ellenlangen Stock und gab
ihm elf Schlaͤge auf die feiſten Flanken, bis es ruhig ſtand
und ihm der Leib zitterte wie ein Lorbeerblatt. „Sicher“,
ſagte Galopin, „iſt Gewalt oft nuͤtzlich. Ruͤhr dich nicht oder
du mußt es buͤßen.“ Dann band er dem Tier einen Strick
um den Hals und fuͤhrte es ſo, daß es ihn nicht mehr treten
konnte. Er zitterte, als er am Zelte des Emirs vorbeimußte,
aber zu ſeinem Gluͤck fand er ihn ſchlafend in dem koſtbaren
Pavillon. Dann uͤberquerte er den Bach und gelangte in
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den goldbemalten Raum, wo Elias ſchlief. Ehe der Ritter
erwachte, war das Roß, das er ſo heiß begehrt hatte, ſein.
Als Elias es erblickte, wurde er froh geſtimmt, ſtreckte die
beiden Haͤnde zum Himmel auf und rief: „Hei, Vater im
Himmel, dir ſei gedankt!“
| 2. Huͤon von Bordeaux |
arl der Große hielt zu Pfingften Hof in Paris, denn
R. wuͤnſchte wegen ſeines hohen Alters noch bei Leb⸗
Leiten ſein Reich auf einen Nachfolger zu uͤbertragen.
Er ſchlug ſeinen Sohn Karlot als Nachfolger vor, und die
Barone erklaͤrten ſich einverſtanden. Der Verraͤter Amauri
ſtellte das Fernbleiben der Brüder Huͤon und Gerard als Un⸗
botmaͤßigkeit dar und erbot ſich, fie zur Aburteilung an den Hof
zu bringen, dabei machte er mit Karlot aus, daß ſich dieſer in
einen Hinterhalt legen ſollte. So geſchah es, und im Kampfe
wurde Karlot von Huͤon erſchlagen. Amauri beſchuldigte nun
Huͤon des wiſſentlichen Mordes am Koͤnigsſohn; zwar ent⸗
ſchied ein Zweikampf zugunſten Huͤons, doch Karl wollte
dieſem fein Erbe nicht eher zuruͤckgeben, bis er nach Babylon
gehe, den erſten, der ihm am Hofe begegnete, erſchlage, die
Tochter des Emirs dreimal kuͤſſe und Bart und Zaͤhne des
Emirs ſelber mitbringe. Huͤon trat ſelbzwoͤlft die Reife an,
und der buͤßende Ritter Jéröme ſchloß ſich ihnen unterwegs
an und zeigte ihnen den Weg. |
So gelangten fie in Oberons Zauberwald. Ermuͤdet
ſtreckte ſich Huͤon unter einer Eiche zur Ruhe: „Bei Gott,“
ſagte er, „ich kann nicht mehr. Ich kann vor Hunger nicht
mehr weiter reiten.“ „Schlecht verſteht Ihr zu faſten,“
ſpottete Jéröme, „eßt doch von dieſen Wurzeln. Ich habe
ſeit dreißig Jahren keine andere Nahrung gehabt.“ „Das
bin ich nicht gewohnt“, meinte Huͤon. Während fie fo redeten,
kam ein kleiner Mann durch den gruͤnen Wald gegangen; der
war ſo ſchoͤn wie die Sonne am Sommertag; ein Mantel
aus Seide, mit goldenen Baͤndern verziert, umhuͤllte ihn.
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Einen Bogen trug er in der Hand, der ihm ſtets Wildbret
verſchaffte; ein Horn aus reinem Elfenbein hing ihm um
den Hals, welches Feen auf einer Inſel im Meer gefertigt
hatten. Die eine hatte ihm dieſe Gabe verliehen: wer das
Horn ertoͤnen hoͤrte, der wuͤrde auf der Stelle geſund, und
waͤre er auch dem Tode nahe. Die zweite Fee hatte hinzu⸗
gefuͤgt: wer das Horn hoͤrte, deſſen Hunger und Durſt wuͤrde
alſogleich geſtillt. Ein jeder, hatte die dritte beſtimmt, muͤſſe
zu ſingen anfangen, wenn er den Ton des Hornes hoͤrte,
und druͤcke ihn die Sorge noch ſo ſchwer. Die vierte endlich
gab ihm dieſe Kraft: wenn das Horn ertoͤnte, in welchem
Lande es auch ſei, Oberon muͤſſe den Ton vernehmen in
Monmur, feiner Stadt. Der kleine Mann blies auf dem
Horn, und die Ritter begannen ſogleich zu ſingen. „Mein
Gott,“ rief Huͤon, „wer will uns beſuchen? Ich ſpuͤre keinen
Hunger mehr noch Schmerz.“ „Um Gottes willen, Herr,“
ſagte Seröme, „es iſt der bucklige Zwerg. Redet ihn nicht an,
wenn Euch Euer Leben lieb iſt.“ Der kleine Bucklige rief
ihnen mit lauter Stimme zu: „Ihr Maͤnner, die ihr meinen
Wald durchquert, ſeid mir gegruͤßt beim Herrn der Welt!
Ich beſchwoͤre euch bei Gottes Majeſtaͤt, bei Ol und Chryſam,
bei der Taufe heiligem Salze, bei allem, was Gott geſchaffen
hat, beſchwoͤre ich euch, daß ihr meinen Gruß erwidert.“
Die Ritter aber wandten ſich zur Flucht zum großen Miß⸗
vergnuͤgen des Zwerges, der mit einem Finger ſein Horn
beruͤhrte, worauf ein gewaltiges Unwetter entſtand. Ein
reißender Strom hemmte Huͤons und ſeiner Gefaͤhrten
Flucht. „Es iſt der boͤſe Zwerg, der das verurſacht“, beruhigte
fie Jeröme, aber nur ſchwer erholten fie ſich von ihrem
Schrecken und ſetzten in Unruhe ihren Weg fort. Schon
glaubten ſie dem Zwerg entgangen zu ſein, da ſtand er ploͤtz⸗
lich auf einer ſchmalen Bruͤcke vor ihnen. „Da iſt der Teufel
ſchon wieder“, ſchrie Huͤon. „Knabe, entgegnete Oberon,
der es wohl gehoͤrt hatte, „nie war ich Teufel oder boͤſer Geiſt.
Ich bin ein Menſch aus Fleiſch und Blut wie du, und ich
komme nochmals, im Namen Gottes und durch die Macht, die
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er mir gab, euch zu beſchwoͤren, daß ihr mir Rede ſteht.“
„Ums Himmels willen, flieht!“ rief Jeröme, dann ſpornte er
ſein Roß, und ſeine Gefaͤhrten folgten ihm im Galopp. Ein
drittes Mal ſtellte ſich der Zwerg ihnen entgegen und ver⸗
ſprach ihnen ſeine Hilfe bei der gefahrvollen Fahrt, wenn ſie
ſich entſchließen wollten, ihn anzureden. „Seid uns will⸗
kommen, Herr!“ ſagte Huͤon. „Gott lohne es dir!“ entgegnete
Oberon. „Huͤon, teurer Bruder, nie wurde ein Gruß beſſer
gelohnt, als es der deinige werden ſoll.“ „Herr,“ ſagte
Huͤon, „warum verfolgt Ihr mich?“ „Ich liebe dich“,
erwiderte Oberon, „mehr als irgendeinen anderen Menſchen,
um deiner Lauterkeit willen liebe ich dich. Du weißt noch
nicht, wem du begegnet biſt, jo höre: Julius Zaͤſar erzeugte
mich, und die Fee Morgana gebar mich als ihren einzigen
Sohn. Große Freude herrſchte bei meiner Geburt, und mein
Vater entbot alle ſeine Barone, und alle Feen kamen, meine
Mutter aufzuſuchen. Eine von ihnen, welche unzufrieden war,
verwuͤnſchte mich zu einem buckligen Zwerg, der ich jetzt zu
meinem Schmerze bin; ſeit meinem dritten Lebensjahre bin
ich nicht mehr gewachſen. Sie wollte ihr Wort nicht zuruͤck⸗
nehmen, aber um deſſen Wirkung abzuſchwaͤchen, gab ſie
mir die groͤßte Schoͤnheit naͤchſt Gott. Eine zweite Fee gab
mir ein noch koſtbareres Geſchenk: ſie erlaubte mir, die Her⸗
zen der Menſchen und ihre geheimſten Gedanken zu erkennen.
Einer dritten Fee verdanke ich die beſte Gabe: es gibt kein
Land, in das ich mich nicht durch meinen Wunſch allein ſo⸗
gleich verfuͤgen kann. Begehre ich ein Schloß, ſo ſteht es vor
mir, ich habe Speiſe, wann es mir beliebt, und zu trinken,
wann ich es fordere. In Monmur bin ich geboren, wohl
vierhundert Meilen weit von hier, und dennoch bin ich ſchneller
dort, als ein Roß ein Tagwerk Landes durchmißt. Aber du
haſt noch nicht alles erfahren, was ich den Feen verdanke.
Wiſſe alſo, daß es keinen Vogel gibt, keinen Eber, keine wilde
Beſtie, und ſei ſie auch noch ſo blutgierig, die ſich nicht willig
zu meinen Fuͤßen legte auf ein Zeichen meiner Hand. End⸗
lich weiß ich alle Geheimniſſe des Paradieſes und höre dort
10
me
oben die Chöre der Engel. Nie in meinem Leben werde ich
altern, und wenn ich zu ſterben wuͤnſche, ſo iſt mir an Gottes
Seite mein Platz bereitet.“ Und um ſeine Macht zu zeigen,
zauberte Oberon im Nu eine ſpeiſenbedeckte Tafel hervor.
Nach dem Mahl wollten die Reiſenden aufbrechen, aber
Oberon ſagte: „Huͤon, bleib' noch ein wenig, zuerſt will ich
dir einige von meinen Kleinodien geben.“ Dann ergriff er
mit beiden Haͤnden einen Becher. „Huͤon,“ hub er an, „be⸗
trachte dieſen Becher, damit kannſt du die große Macht, die
Gott mir gab, erproben. Du ſiehſt, dieſer goldene Becher iſt
leer. Nun, ich will ihn nach meinem Willen fuͤllen.“ Bei
dieſen Worten ſtrich er dreimal mit der Hand um das Gefaͤß,
machte das Zeichen des Kreuzes Darüber, und fogleich füllte
ſich der Becher mit lauterem Wein. „Fuͤr alle Lebenden
und fuͤr alle Toten, wenn fie zur Welt zuruͤckkommen würden,
liefert dieſer Becher genuͤgend Wein,“ ſagte Oberon, „und
das iſt ſeine Zauberkraft, doch enthüllt ſich dieſe nur in den
Haͤnden eines reinen Menſchen, denn niemand kann aus ihm
trinken, deſſen Herz nicht ſuͤndenlos iſt. Sobald ein Boͤſewicht
den Becher beruͤhrt, verſchwindet ſeine Kraft. Vermagſt du
daraus zu trinken, ſo iſt er dein.“ Huͤon brachte den Becher
an ſeine Lippen, und dieſer blieb voll, und er trank daraus
in langen Zuͤgen. Oberon zog ihn voll Freude an ſeine Bruſt
und gab ihm das koſtbare Gefaͤß. „Aber trage wohl Sorge,“
ſagte er, „deine Lauterkeit zu wahren, nur unter dieſer Be⸗
dingung helfe ich dir. Sobald du nur eine Luͤge redeſt, ver⸗
liert der Becher ſeine Kraft und du meine Freundſchaft.“
„Herr,“ ſagte Huͤon, „ich gedenke mich wohl zu huͤten, und
Gott vergelte Euch Eure Gabe. Aber nun laßt mich ziehen.“
„Noch warte ein wenig,“ ſagte Oberon, „denn hier habe
ich ein Horn aus lauterem Elfenbein, und da ich dich als einen
Edelmann ohne Suͤnde und Fehl habe kennen lernen, ſo will
ich es dir ſchenken. Wenn du dieſes Horn ertoͤnen laͤſſeſt, und
waͤrſt du auch noch ſo weit entfernt, ſo hoͤre ich es in Monmur,
meiner Stadt, und dann werde ich dir mit hundert Bewaff⸗
neten zur Seite ſtehen, denn gegen jedermann will ich dir
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im Kampfe helfen. Aber Hüte dich, ohne Grund in das Horn
zu ſtoßen, ſonſt gerätft du in Not.“ „Herr,“ ſagte Huͤon,
„ich gedenke mich wohl zu hüten. Aber nun laßt mich ziehen.“
„Geht, Huͤon, und Gott befohlen.“
Auf der Weiterreiſe kehrte Huͤon in Dunoſtre ein, tötete mit
Oberons Hilfe den rieſenhaften Herrn des Landes, dem
auch der Emir von Babylon untertaͤnig war, und raubte ſei⸗
nen Ring. Sodann uͤberſchritt er das Rote Meer und naͤherte
ſich allein, denn ſeine Begleiter hatte er in Dunoſtre zuruͤck⸗
gelaſſen, der Stadt Babylon. An einem Feſte des heiligen
Johannes hielt dort der Emir ſeinen Hof. Kein Menſch
konnte das Volk zaͤhlen, das dort zuſammenſtroͤmte, man ſah
Vogelſteller und Roffetummler, Arbeiter und Schachſpieler,
ſolche, die ſich mit Jungfrauen ergoͤtzten, und ſolche, die ſich
im Sommertag ergingen. Huͤon gelangte zur erſten Bruͤcke
und rief den Torwacht an: „Laß mich ein!“ Jener entgeg⸗
nete: „Gern, aber zuvor ſage mir, in welchem Lande du ge⸗
boren biſt. Biſt du ein Franke, ſo ſollſt du um einen Kopf
kuͤrzer gemacht werden; biſt du aber ein Sarazene, ſo wird
die Bruͤcke vor dir niederfallen.“ Nun handelte Huͤon ſehr
toͤricht. Vor der Menge der Heiden hatte er feines Ringes
ganz vergeſſen, und er erinnerte ſich auch nicht des Gebotes,
das Oberon ihm gegeben hatte. Er antwortete allzu vor⸗
eilig: „Ja, ich bin ein Sarazene.“ Da hatte er gelogen, und
Oberon wußte es und zog ſeine Freundſchaft von ihm. Ver⸗
mittels dieſer Unwahrheit gelangte er uͤber die Bruͤcke, aber
vor der zweiten fiel ihm der Befehl des Elfenkoͤnigs ein,
er dachte an ſeine Verfehlung und geriet vor Schmerz faſt
außer ſich. Beim Gekreuzigten ſchwur er, nie in ſeinem Leben
wolle er wieder luͤgen. Ganz niedergeſchlagen kam er zur
zweiten Bruͤcke und rief mit lauter Stimme: „Offne, Huren⸗
fohn, oder der Blitz ſoll dich zerſchmettern!“ Der Torwacht
ſagte: „Aus welchem Lande ſtammſt du und wie haſt du die
erſte Bruͤcke paſſiert?“ „Bei Gott, ſagte Huͤon, „du ſollſt
es wiſſen.“ Er nahm den Ring des Rieſen von der Hand
und rief dem Wächter zu: „Schau, welches Zeichen ich dir
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weiſe!“ Der Wächter erblickte den Ring, erkannte ihn wohl
und beeilte ſich, die Bruͤcke herabzulaſſen. „Sei mir will⸗
kommen, Juͤngling,“ rief er, „was macht mein Herr, der
ſtolze Orgileus?“ Huͤon wuͤrdigte ihn keiner Antwort, er
wagte nicht zu reden, aus Furcht, die Unwahrheit zu ſagen.
Durch die naͤmliche Liſt gelangte er uͤber die dritte und
vierte Bruͤcke und trat nun in den Garten des Emirs Gaudiſe,
in welchem alle Arten von Baͤumen, die Gott geſchaffen hat,
gruͤnten. Dort ſtroͤmte eine Quelle, die vom Paradieſe kam
und deren Waſſer dem hinfaͤlligſten Greiſe ſeine Jugend
wiedergab und der ausſchweifendſten Frau ihre Jungfrau⸗
ſchaft. Eine Schlange huͤtete die Quelle und brachte jedem
Boͤſewicht, der ſich ihr naͤherte, den Tod. Huͤon trat un⸗
gehindert heran, trank aus der Quelle und wuſch ſich die
Haͤnde und vergaß faſt ſeinen Auftrag. Nur wenn er an
Oberon dachte, zitterte er. Wird der Zwerg noch einmal
kommen, um ihm zu helfen? Er wollte ſich deſſen vergewiſ⸗
ſern und ſtieß in ſein Horn, aber umſonſt: niemand ließ ſich
blicken. Der Emir ſaß gerade beim Mahl, die, welche ihm
den klaren Wein eingoſſen, begannen beim Klange des Hor⸗
nes zu ſingen, und er ſelber fing zu tanzen an. „Ihr Barone,“
ſagte er, „hoͤrt, der dort im Garten blaͤſt, iſt gekommen, uns
zu verzaubern. Ich befehle euch, daß ihr euch bewaffnet,
ſobald er ſein Blaſen aufgehoͤrt hat. Wenn er entkommt, ſind
wir alle beſchimpft.“ Als Huͤon merkte, daß niemand kam,
legte er ſein Horn beiſeite und weinte. Dann ſchritt er die
Stufen zum Schloß hinauf, in den Panzer gehuͤllt, mit ge⸗
ſchloſſenem Viſier und das blanke Schwert in der Fauſt.
Ein Großer des Reiches ſtand am Tiſch und ſuchte die Auf⸗
merkſamkeit der ſchoͤnen Emirstochter Esclarmonde, die er
heiraten ſollte, zu erwecken, er war ein reicher Mann von
edler Abſtammung. Huͤon naͤherte ſich, ſchwang ſein Schwert
und ſchlug dem Heiden den Kopf ab, ſo daß dieſer auf die
Tafel rollte. „Ein guter Anfang,“ ſagte er zu ſich ſelber,
„um dieſes bin ich bei Karl entlaſtet.“ Der Emir wurde mit
Blut beſpritzt und ſchrie: „Barone, faßt mir dieſen Schurken;
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wenn er entkommt, find wir alle beſchimpft.“ Alle Sarazenen
ſtuͤrzten ſich auf Huͤon, der ſich nach Kraͤften verteidigte. Er
nahm den Ring, den er am Finger trug, und warf ihn auf
den Tiſch: „Herr,“ ſagte er, „da ſeht! Um dieſes Zeichens
willen tut mir kein Leid an!“ Der Emir erkannte den Ring
und befahl, Huͤon zu ſchonen. Nun trat dieſer auf die Tochter
des Emirs zu und kuͤßte ſie dreimal, um ſein Wort einzuloͤſen.
Esclarmonde erbleichte, als ſie ſeinen Atem ſpuͤrte. Leiſe
ſprachſſie zu ihrer Magd: „Weißt du, warum ich erbleiche?“
„Nein, bei Gott!“ „Sein ſuͤßer Hauch hat mir das Herz
erfuͤllt; wenn ich ihn heute nacht nicht an meiner Seite habe,
komme ich von Sinnen.“ Hüon trat auf den Emir zu und
meldete ihm den Auftrag Karls: er erſuchte ihn, die Taufe
anzunehmen, dem Frankenkaiſer zu huldigen und ihm den
Tribut zu ſchicken, den er verlangte. Der Emir rief: „Dein
Herr iſt toll, das alles kuͤmmert mich keinen Pfifferling.
Wenn er mir ſein ganzes Erbe gaͤbe, ich wuͤrde nicht von
meinem weißen Barte laſſen und von meinen vier Backen⸗
zaͤhnen. Fuͤnfzehn Boten hat er mir ſchon hierhergeſandt,
keinen einzigen hat er zuruͤckkehren ſehen, alle habe ich er⸗
wuͤrgen und einpoͤkeln laſſen. Und, bei Mahommed, du
ſollſt der ſechzehnte ſein. Nur des Ringes wegen wagten wir
dich nicht anzutaſten. So ſage mir, mit welches Teufels
Hilfe du als Franke in den Beſitz dieſes Ringes gekommen
biſt?“ Huͤon wagte nicht zu luͤgen, da er Oberons Zorn
fuͤrchtete: „Herr Emir,“ ſagte er ſtolz, „ſo wahr Gott mir
helfe, ich will es Euch ſagen. Ich habe Euren Herrn getoͤtet
und zerſtuͤckelt.“ Der Emir ſtieß einen Wutſchrei aus: „Ba⸗
rone,“ rief er, „wollt ihr ihn laufen laſſen? Wenn er ent⸗
kommt, ſind wir alle beſchimpft.“ Die Heiden hoͤrten es und
griffen Huͤon von allen Seiten an. Nach verzweifelter Gegen⸗
wehr entglitt ihm ſein Schwert, er wurde zu Boden ge⸗
worfen, ſein Horn, ſein Becher und ſeine Ruͤſtung wurden
ihm genommen, und der Emir befragte ſeine Barone, wel⸗
Tod er erleiden ſolle. „Gehaͤngt ſoll er werden!“ riefen ſie.
Aber der weiſe Ratgeber des Emirs wußte etwas anderes:
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„Heute tft Johannistag,“ fagte er, „da kannſt du kein Urteil
fällen, wenn du nicht gegen das Geſetz verſtoßen willſt. Man
muß dieſen jungen Mann ins Gefaͤngnis werfen und ihn
ein Jahr lang darin laſſen. Im naͤchſten Jahre ſollſt du ihn
am gleichen Tage befreien und ihm auf offenem Felde einen
Kaͤmpfer gegenuͤberſtellen. Beſiegt er dieſen, ſo ſollſt du ihn
in Frieden ziehen laſſen; wird er aber beſiegt, ſo laͤßt du ihn
hängen.” „Wenn das der Brauch meiner Ahnen war,“
entgegnete der Emir, „ſo will ich ihn nicht außer acht laſſen.“
Huͤon wurde ins Gefaͤngnis geworfen, aber nicht lange ſollte
er darin ſchmachten. Esclarmonde, die ſich auf den erſten
Blick in ihn verliebt hatte, ließ ihn frei. Der Emir wurde
getötet und ſeines Bartes und feiner Zähne beraubt; dann
ergriffen beide die Flucht und gelangten nach vielen weiteren
Abenteuern, bei denen der verſoͤhnte Oberon wieder Hilfe
leiſtete, nach Frankreich, wo Huͤon Land und Lehen zuruͤck⸗
erhielt.
II. rone folgend, um die ungarische Koͤnigstochter Bertha
mit den großen Fuͤßen. Das ungariſche Koͤnigspaar
nahm die Werbung an und ſandte die Jungfrau in der Be⸗
gleitung ihrer alten Amme Margiſte, deren Tochter Aliſte und
ihres Hofmeiſters Tybert an den Hof des Frankenherrſchers.
An einem ſchoͤnen Auguſttage fand in Paris die Hochzeit ſtatt,
und mancher maͤchtige Fuͤrſt diente dem jungen Paare beim
Mahle. Dann raͤumte man die Schuͤſſeln fort, und drei
Spielleute zeigten ihre Kuͤnſte. Als dieſe ihr Spiel beendet
hatten, erhob ſich der Koͤnig und die allgemeine Luſtbarkeit
begann. Fuͤrſten und Barone umringten die junge Koͤnigin
und fuͤhrten ſie auf ihr Zimmer. Aber Margiſte hatte in
ihrem Herzen einen verraͤteriſchen Plan gefaßt: fie kniete
vor der Koͤnigin nieder und fluͤſterte ihr ins Ohr: „Herrin,
es ſchmerzt mich bei Gott, daß ich es ſagen muß, aber geſtern
3. Bertha mit den großen Füßen
oͤnig Pippin von Franken warb, dem Rate ſeiner Ba⸗
15
bat mir ein Freund berichtet, daß feit Anbeginn der Zeiten
fein Menfch fo zu fürchten war, wie der König Pippin es
fein wird, wenn er bei Euch liegt. Ich fürchte ſehr, daß er
Euch toͤtet, wenn er heute nacht ſein Gattenrecht an Euch
ausuͤbt.“ Als Bertha ſolches hoͤrte, begann ſie faſt ſinnlos
vor Angſt zu weinen. „Herrin,“ fagte die alte Hexe, „be⸗
kuͤmmert Euch nicht, denn ich will Euch retten. Wenn die
Biſchoͤfe und Abte von der Einſegnung des koͤniglichen Bettes
zuruͤckgekehrt ſind, werde ich Eure Kammer raͤumen laſſen.
Dann werde ich Aliſte, meine Tochter, geſchwind entkleiden
und an Eurer Statt ins Bett legen. Ich habe ſchon mit ihr
daruͤber geredet und ſie hat ihre Einwilligung dazu ge⸗
geben. Denn ich will lieber, daß ſie umkomme, als daß Ihr
Schaden nehmet.“ Auf dieſe Worte hin umarmte Bertha
die Alte und dankte Gott und allen Heiligen. Die boͤſe
Kammerfrau aber wandte ſich von ihr und ging durch den
koͤniglichen Garten zum Fluſſe, wo ſie ihre Tochter an einem
Steinfenſter lehnend fand. Dieſe glich Bertha, wie das Bild
eines guten Malers dem Originale gleicht. Keine Frau
konnte ſich mit ihnen an Schoͤnheit meſſen, ſowenig wie eine
duͤrre Heide mit einer blumigen Wieſe. Die Alte umarmte
ihre Tochter und kuͤßte ſie auf die Stirn, dann verabredeten
ſie heimlich, wie ſie Bertha verraten koͤnnten. „Tochter,“
ſagte die Alte, „ich liebe dich, darum ſollſt du Koͤnigin wer⸗
den, wenn es Gott und dem heiligen Petrus gefällt.”
„Mutter,“ entgegnete Aliſte, „Gott erhoͤre Euer Gebet.
Schickt nach Tybert, er ſoll uns ſeinen Rat erteilen. Befehlt
ihm, daß er hierher kommt unter dem Vorwande, er habe
geſtern Almoſen fuͤr mich ausgeteilt.“ Die Alte, die zum
Boͤſen ſtets bereit war, lief ſchnell wie ein Windhund davon.
Tybert kam eilends herbei und fand Gefallen an dem Plan.
Alle drei beratſchlagten eifrig, wie ſie ihrer Herrin Bertha
das Frankenreich wegſtehlen moͤchten. „Tochter, ſagte
Margiſte, „zu einem guten Sprung gehoͤrt ein weiter An⸗
lauf: du wirſt ein wenig dabei leiden muͤſſen. Heute nacht
ſoll Bertha in meiner Kammer ſchlafen; wenn es tagt, ſo
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werde ich fie zu Euch ſchicken, gleichſam als folle fie ihren
Platz beim Koͤnige einnehmen. Dann mußt du dir ein Meſſer
in den Schenkel ſtoßen, ſo tief, daß das helle Blut hervor⸗
ſpritzt. Darauf ſchreiſt du um Hilfe und tuſt, als ob ſie dich
habe ermorden wollen; ich werde nun in die Kammer treten
und ſie feſſeln laſſen. Das uͤbrige laßt mich nur machen.“
„Mutter, ſagte die Magd, „es geſchehe, wie es dir gefällt.’
Als es Abend wurde, begaben ſich Biſchoͤfe und Abte in das
Schlafgemach, um das Lager zu ſegnen. Dann hieß die Alte
alles Volk hinausgehen und die Kerzen loͤſchen. Ihre Tochter
legte ſie ins Bett Koͤnig Pippins und ſteckte das Meſſer, mit
dem ſie den Verrat begehen ſollte, in das Bettgeſtell. Die
alte Here lachte haͤmiſch, dann begab ſie ſich in ihre Kammer
und ſagte zu Bertha: „Herrin, voll Schmerz und Unmut
verlaſſe ich meine Tochter. Es iſt unbeſchreiblich, was wir
fuͤr Euch getan haben.“ „Gott lohne Euch dafuͤr, Frau!“
Dann hieß die Alte ſie ſchlafen gehen und ſagte ihr, bei
Tagesanbruch muͤſſe ſie ſich ankleiden und ſich leiſe neben
den Koͤnig ſchleichen. Die ahnungsloſe Bertha ſagte dieſes
ganz ruhig zu, ſie wolle in nichts dem Willen ihrer Amme
zuwiderhandeln. Darauf ſprach ſie ihre Gebete im Bette
ſitzend, denn ſie war wohl gebildet und konnte ſogar ſchreiben.
Indeſſen tat der Koͤnig an der Magd ſeinen Willen und er⸗
zeugte mit ihr einen Erben, der voll Falſchheit und Tuͤcke
war.
Als es Tag wurde, rief die Alte den Verraͤter Tybert, der
mit Freuden herbeikam. Bertha erwachte und begab ſich
leiſe, wie die Alte ihr aufgetragen hatte, in das Schlafgemach
des Koͤnigs. Sie trat zu der Magd, die im geſchmuͤckten
Brautbett lag. Die Magd bemerkte ſie, und ohne Zaudern
ergriff ſie das Meſſer, ſchwang es und verſetzte ſich ſelbſt
einen ſolchen Stich hinten in den Schenkel, daß das helle
Blut herausſpritzte. Dann hielt ſie ihr Meſſer Bertha hin
und dieſe nahm es, ohne ſich etwas Boͤſes dabei zu denken.
Dann fing die falſche Braut an zu ſchreien: „Ha! Koͤnig
Pippin, an Eurer Seite will man mich morden!“ Der
2 Franz. Märchen I. 17
25
König erwachte und ſah das blutende Meſſer, welches die
Koͤnigin in der Hand hielt. Er richtete ſich auf, faſt von Sin⸗
nen vor Zorn. Die Alte ſtellte ſich wuͤtend, als ſie ihrer
Tochter Blut erblickte, und ſchwur, daß die Taͤterin ohne
Gnade ſterben muͤſſe. „O Koͤnig,“ ſagte das Weib, „laßt ſie
ſchleunigſt hinrichten. Habt kein Mitleid mit ihr. Nie in
meinem Leben koͤnnte ich ſie wieder lieben!“ Die alte Hexe
packte Bertha und ſtieß ſie mit einem gewaltigen Schlag aus
der Kammer. Bertha ließ alles ruhig uͤber ſich ergehen,
denn noch glaubte fie, dies alles geſchehe aus Freundſchaft,
obwohl ihr von dem Schlage die Traͤnen aus den Augen
ſtroͤmten. Tybert zerrte ſie am Mantel fort, ſo daß derſelbe
faſt zerriſſen waͤre: „Gott helfe mir,“ ſagte Bertha, „was iſt
mir begegnet, was haben dieſe Leute im Sinn?“ Die boͤſe
Alte reichte Tybert ein Band, dann ſchlugen fie Bertha nie⸗
der, oͤffneten ihr gewaltſam den Mund wie einem Pferde,
das man aufzaͤumt, und ſteckten ihr einen Knebel hinein,
ſo daß ſie um viel Geld kein Wort haͤtte reden koͤnnen. Auch
die Haͤnde feſſelten ſie ihr, warfen ſie auf ein Bett und brei⸗
teten eine Decke uͤber ſie. Die Alte ſaß neben ihr und fluͤſterte
ihr zu: „Wenn du ſchreiſt, wird dir der Kopf abgeſchnitten.“
Bertha war uͤber dieſe Worte ſehr erſchrocken; ſie merkte
wohl, daß jene ſie verraten hatten und daß ſie in ihr Netz
gegangen war, und vor Schmerz wurde fie ohnmaͤchtig.
Margiſte ging nun fort und ließ die Königin in den Händen
Tyberts. Sie begab ſich in das Gemach des Koͤnigs, und als
ſie ihre Tochter erblickte, fiel ſie vor ihr auf die Knie: „Gnade,
Herrin,“ flehte ſie, „um Gottes willen. Wenn Ihr wuͤßtet,
wie ich meine Tochter zugerichtet habe, wuͤrdet Ihr nicht
ſagen, daß ich mitſchuldig wäre.” — „Schmeigt, alte Vettel,“
ſagte der Koͤnig, „Eure Untreue iſt erwieſen. Ihr wolltet
insgeheim Bertha, meine Gemahlin, ermorden. Eure Toch⸗
ter wird ohne Erbarmen verbrannt.“ „Herr,“ ſagte Aliſte,
„glaubt nicht, daß dieſe Alte jemals einen Verrat begangen
haͤtte, es gibt keine tuͤchtigere Frau auf der weiten Welt.
Aber ihre Tochter hat ſtets fuͤr etwas beſchraͤnkt gegolten und
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gleichſam für irrſinnig. Herr, ich bitte Euch um eine Gnade,
um die erſte, ſeit ich Euer Weib bin und Krone trage: ich bitte
Euch bei der Treue, die Ihr mir geſchworen habt, daß dieſe
Angelegenheit verſchwiegen und verheimlicht werde. Kein
Menſch ſoll etwas davon erfahren, weil ich doch die Magd
mitgebracht habe. Laßt vielmehr drei Diener die Magd
fortbringen, ſie ſollen ſie in ein fernes Land fuͤhren und dort
eingraben oder erwuͤrgen oder was ſie wollen, jedenfalls
ſoll ſie ſterben.“ „Herrin,“ ſtimmte die Alte bei, „Euer
Rat iſt gut. Auch ich wuͤnſchte, ſie wuͤrde enthauptet oder
ertraͤnkt oder ſonſtwie zum Teufel geſchickt.“ Der König bes
willigte die Bitte, und die Alte wurde beauftragt, die Sache
zu Ende zu fuͤhren. Der Koͤnig erhob ſich, denn er wuͤnſchte,
daß die Angelegenheit ſchnell erledigt werde; er rief drei
Diener und ſandte fie, ohne ihnen die näheren Umſtaͤnde dar⸗
zulegen, zu Margiſte mit dem Auftrage, alles auszuführen,
was ihnen dieſe befehlen wuͤrde. Die Alte zeigte ihnen das
Zimmer, wo Bertha lag: „Kommt alsbald wieder, die Sache
eilt.“ Dann wandte ſie ſich ſeufzend und weinend zum
Koͤnig: „Nun ruht aus, Herr. Ich verſichere Euch, daß Ihr
nie wieder von der Dirne ſollt reden hoͤren, ich erkenne ſie
nicht mehr als meine Tochter an, das ſchwoͤre ich Euch, weil
ſie meine Herrin ermorden wollte.“ Auch die Magd, ihre
Tochter, begann zu weinen, und der Koͤnig ſuchte ſie zu
tröften: „Weinet nicht um die Moͤrderin und laßt fie gehen,
ſie könnte Euch nochmals töten oder vergiften wollen. Seid
Ihr ſchwer verwundet, Liebſte? Sagt es mir offen!“ „Nein,“
ſagte ſie, „es iſt nicht ſo ſchlimm, nur als ich das Blut ſah,
erſchrak ich. Ich will Euch die Wunde zeigen, geht und fperrt
die Türe zu!“
Tybert und die Alte luden indeſſen Bertha auf einen alten
Klepper, und die drei Männer führten fie gleich nach Tages⸗
anbruch davon, Tybert begleitete ſie als vierter. Das Weib
erſuchte Tybert, der ihr Vetter war, er moͤge ihr das Herz
Berthas zuruͤckbringen, und dieſer verſprach, es nicht zu ver⸗
geſſen. Bertha weinte und betete, denn ſie wußte nicht, wo⸗
* 19
7
hin man fie führte. Fünf Tage lang reiften fie, bis fie in
einen großen Wald gelangten, es war der von Le Mans.
Hier machten ſie unter einem Olivenbaum halt: „Ihr Her⸗
ren,“ ſagte Tybert, „wir brauchen nicht weiter zu gehen.“
Dann ſtiegen ſie von den Roſſen. Einer der drei Begleiter
hieß Moraut, er war ein tuͤchtiger Ritter. Sie hoben die
Koͤnigin vom Pferd; es war das erſte Mal, daß ſie ſie mit
ihren Haͤnden beruͤhrten, denn Tybert hatte niemanden ſich
ihr naͤhern laſſen. Als ſie ſahen, wie ſchoͤn ſie war, klagten
fie um fie, aber Tybert, der Schurke, zog fein Schwert und
ſprach: „Zieht euch zuruͤck, ihr Herren, mit einem Schlage
werde ich ihr jetzt den Kopf abtrennen.“ Als Bertha das
Schwert ſah, ſtreckte ſie ihre Arme mit flehender Gebaͤrde
aus, denn reden konnte fie nicht wegen des Knebels. „Ty⸗
bert,“ rief Moraut, „ſchlage nicht zu, denn, beim allmaͤchtigen
Gott, ich wuͤrde dir Haupt und Glieder abhauen oder nie
nach Frankreich zuruͤckklehren. Tybert zuͤrnte ſehr, als es ihm
nicht geſtattet wurde, Bertha zu toͤten. Aber kaum hatte er
ſein Schwert gezogen, ſo packten ihn die drei Maͤnner von
der Seite und zwangen ihn auf die Knie. Sie riſſen ihre
Schwerter heraus, und waͤhrend die beiden andern den
Schurken Tybert feſthielten, band Moraut mitleidig die
Koͤnigin los und nahm ihr den Knebel aus dem Munde.
„Flieht, ſchoͤne Frau, und der Herr geleite Euch!“ Bertha
eilte in den Wald und dankte Gott, als ſie in Sicherheit war.
Als Tybert ihre Flucht bemerkte, ſagte er zornig: „Schlecht
habt ihr gehandelt, ihr Herren; ich werde euch alle haͤngen
laſſen, wenn wir daheim find.” „Herr, ſagte Moraut,
„wißt Ihr, was wir tun? Ich rate, daß wir das Herz eines
Friſchlings mitnehmen und es Frau Margiſte zeigen, auf
dieſe Weiſe werden wir uns vor Tadel wahren, denn Ihr
wißt, daß wir verſprochen haben, das Herz jener Frau heim⸗
zubringen. Wenn Ihr nicht einverſtanden ſeid, Tybert, ſo
toͤten wir Euch auf der Stelle.“ „Der Rat iſt gut, ſagte
Tybert, „da fie entflohen iſt, muͤſſen wir ſehen, uns vor Bor:
wurf zu wahren.“
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Sie taten, wie Moraut geraten hatte. Die Alte hatte eine
große Freude, als ſie ihren Bericht hoͤrte. „Ihr Herren,“
ſagte ſie, „ich will euch reich belohnen. Jene war das ſchlech⸗
teſte Weib, ſeit die Welt ſteht.“
Bertha hatte indeſſen den Wald durchſchritten und ge⸗
langte nach mannigfachen Gefahren in das Haus eines bie⸗
deren Mannes Namens Simon, der ihr bereitwillig Unter⸗
kunft gewährte. Sie ernaͤhrte ſich mit Handarbeiten und blieb
neun Jahre lang im Hauſe Simons wohnen. Um dieſe Zeit
brach die Koͤnigin Blancheflur von Ungarn auf, um ihre
Tochter zu beſuchen. Auf ihrer Reiſe traf ſie einen Bauern
und befragte ihn uͤber die Koͤnigin, von deren Herrſchaft ſie
nichts Gutes gehoͤrt hatte. „Frau, erwiderte jener, „ich
muß mich uͤber Eure Tochter beklagen! Ich hatte ein einziges
Pferd, mit dem ich fuͤr mich, meine Frau und meine kleinen
Kinder mein Brot verdiente. Sechzig Groſchen hat es mich
gekoſtet, und ich brachte auf ihm meine Waren in die Stadt.
Das hat fie mir wegnehmen laſſen. Gott ſtrafe fie dafuͤr!“
Die Königin hatte Mitleid mit dem Bauern und ließ ihm
hundert Groſchen in die Hand brüden, wofür er ihr dankbar
den Steigbuͤgel kuͤßte.
An einem Montage ritt die alte Koͤnigin in Paris ein.
Pippin hoͤrte es und brachte voll Freude ſeiner Gattin ſelbſt
die Nachricht. Als die Magd dieſe Botſchaft hoͤrte, wurde ſie
ſehr beſtuͤrzt, doch ſtellte ſie ſich, als ob ſie lache. Sogleich rief
ſie ihre Mutter und Tybert und fragte ſie um Rat. „Ich
rate,“ ſagte die Alte, „daß meine Tochter ſich krank ſtellt. Um
nichts in der Welt darf ſie ihr Bett verlaſſen. Koͤnnen wir
den Betrug ſolange durchfuͤhren, bis die alte Koͤnigin heim⸗
kehrt, fo brauchen wir fuͤrderhin nichts mehr zu fürchten.”
Der Rat wurde befolgt; ſogleich wurde ein Lager hergerichtet,
und die Magd legte ſich nieder und ſtellte ſich krank. Der
Koͤnig, den die angebliche Krankheit ſeiner Frau ſehr be⸗
kuͤmmerte, ging allein der alten Koͤnigin entgegen. „Was
macht Bertha, meine Tochter?“ war ihre erſte Frage. „Ach,
Herrin, ſobald ſie erfuhr, daß Ihr kaͤmet, wurde ihr Herz
21
ae Er
von Freude fo bewegt, daß fie fich niederlegen mußte, und
ſeitdem iſt ſie nicht wieder aufgeſtanden. Aber wenn ſie Euch
erblickt, wird ihr gewiß ſogleich beſſer werden.“ Als die Koͤni⸗
gin das Schloß betrat, warf ſich Margiſte ihr ſchmerzheuchelnd
zu Fuͤßen: „Margiſte,“ ſagte Blancheflur, „wo iſt meine
Tochter, ich will ſie gleich ſehen.“ „Herrin,“ jammerte das
falſche Weib, „zum Unheil bin ich geboren! Eurer Tochter
iſt die Freude uͤber Eure Ankunft ſo zu Herzen gegangen,
daß ſie ihr Bett nicht mehr verlaſſen kann. Laßt ſie doch bis
zum Abend ruhen!“ Als Blancheflur nach dem Eſſen ihre
Tochter aufſuchen wollte, ſtellte ſich ihr die böfe Alte mit aus⸗
gebreiteten Armen entgegen. „Sie iſt gerade ein wenig ein⸗
geſchlafen, um Gottes willen, kehrt wieder um!“ Blanche⸗
flur wartete, bis ihre Tochter erwachen wuͤrde; unterdeſſen
unterhielt ſie ſich mit der Alten und fragte ſie nach Aliſte.
„Herrin,“ log das Weib, „ſie ſtarb auf dem Stuhle ſitzend
eines ploͤtzlichen Todes, ich weiß nicht, welches Übel fie auf
der rechten Bruſt hatte, ich glaube, ſie waͤre zuletzt noch aus⸗
ſaͤtzig geworden. Ich ließ ſie ganz im geheimen in der alten
Kapelle beſtatten.“ Endlich konnte ſich Blancheflur nicht
laͤnger halten, ſie befahl einer Jungfrau, ſie mit einer Kerze
ins Schlafzimmer der Koͤnigin zu begleiten, aber Tybert,
der bei der Kranken Wache hielt, trieb das Maͤdchen ſogleich
mit Schlaͤgen zuruͤck: „Geh', Huͤndin, unſre Herrin will ſchla⸗
fen, ſie kann durchaus kein Licht vertragen.“ Blancheflur
trat im Dunkeln an das Bett der Magd. „Mutter, ſeid will⸗
kommen!“ ſagte dieſe mit ſo ſchwacher Stimme, daß man
ſie kaum verſtand, und dann, auf eine Frage der Mutter
nach ihrem Befinden: „Mutter, ich leide ſolchen Schmerz,
daß ich weiß geworden bin wie Wachs. Die Arzte ſagen mir,
daß die Helligkeit mein Leiden verſchlimmern wuͤrde. Ich
wage Euch daher nicht bei Licht zu begruͤßen, ſo ſchmerzlich
es mir auch iſt. Aber nun laßt mich um Chriſti willen ruhen!“
Blancheflur erhob ſich kopfſchuͤttelnd: „Bei Gott!“ ſagte ſie,
„das iſt meine Tochter nicht, die ich hier vorgefunden habe.
Wenn ſie halbtot waͤre, ſo haͤtte dieſe mich umarmt und ge⸗
kuͤßt.“ Dann rief ſie ihr Gefolge und ließ trotz der Alten und
Tyberts Widerſtreben das Fenſter öffnen und Licht bringen.
Sie riß die Decken vom Bett herunter und betrachtete die
Fuͤße der Kranken: ſie waren nur halb ſo groß wie die ihrer
Tochter. „Verrat!“ ſchrie ſie, „Betrug! das iſt meine Tochter
nicht, es iſt die Tochter der Margiſte! Weh! Sie haben mir
mein Kind getoͤtet, meine Bertha, die mich ſo ſehr liebte!“
Als der König den Betrug erfuhr, ließ er die alte Here zum
Feuertode fuͤhren, Tybert wurde von vier wilden Roſſen tot⸗
geſchleift, die falſche Braut wurde um ihrer Kinder willen
geſchont, doch mußte ſie das Land verlaſſen.
Einſt hatte ſich Koͤnig Pippin auf der Jagd im Walde von
Le Mans verirrt, da traf er auf Bertha, die ihn in das Haus
Simons fuͤhrte. Pippin, der ſchon lange im Sinn hatte, ſich
wieder zu verheiraten, fand an Simons ſittſamer Pflege⸗
tochter Gefallen und erſuchte ſie, ihm nach Paris zu folgen,
um ſeine Gattin zu werden. Bertha wies die Werbungen
des Fremden dadurch ab, daß ſie ſich ihm als Pippins Gattin
offenbarte. Der Koͤnig gab ſich nicht zu erkennen, ſondern
ritt, nachdem er ſich nochmals uͤberzeugt hatte, daß er auch
wirklich Bertha vor ſich habe, nach Paris zuruͤck. Dann ließ
er das ungariſche Koͤnigspaar einladen und entbot auch
Simon mit ſeiner Pflegetochter an ſeinen Hof, wo er ſich
ihnen als Koͤnig zu erkennen gab. Ein großes Feſt folgte dem
freudigen Wiederſehen, der wackere Simon wurde zum Rit⸗
ter geſchlagen und auch Moraut, der Bertha das Leben ge⸗
rettet hatte, erhielt reichen Lohn.
4. Parthonopeus und Meliur
R. Chlodwig jagte einſt mit ſeinem Neffen Par⸗
thonopeus im Ardennerwalde. Ein Eber floh vor
dem Juͤngling und lockte ihn immer tiefer in den
Wald hinein. In der Irre tappend gelangte er ſchließlich zum
Ufer des Meeres. Hier fand er eine herrlich geſchmuͤckte Barke
liegen. Der Juͤngling hoffte, auf dieſem Schiffe an den Hof
28
7
Fr,
feines Oheims zuruͤckkehren zu koͤnnen oder doch zum wenig:
ſten zu erfahren, wo er ſei. Aber wie groß war ſein Erſtaunen,
als er keine lebendige Seele auf dem Schiff antraf. Er zog
ſein Roß hinter ſich her, ſtreckte ſich ermuͤdet auf dem Deck aus
und ſchlummerte ein. Als er die Augen wieder oͤffnete, war
kein Land noch Wald mehr zu erblicken, nur Himmel und
Waſſer, und ein heftiger Wind ſchwellte die Segel. Lieber
waͤre Parthonopeus noch im Walde geweſen, denn die Ge⸗
fahren des Landes ſind geringer als die des Meeres. Als aber
die Sonne aufging und er das Wunderwerk betrachtete, das
ihn trug, wurde er ruhiger. Die ganze Ausruͤſtung der Barke
war von Seide und ein ſtrahlender Glanz durchfloß ihr In⸗
neres. Schneller als der Hirſch vor dem Jagdhund flieht, glitt
das Fahrzeug durch die Wellen und landete abends von ſelbſt
am Fuße eines Bergſchloſſes. Parthonopeus ſtieg aus und
fuͤhrte ſein Reittier, das ebenſo abgemagert u war wie er ſelber,
am Zaume nach.
Die hohen Mauern der Feſte waren aus rotem und weißem
Marmor erbaut, der ſchachbrettartig wechſelte. Der Hafen
war groß und tief, wohl hundert Schiffe haͤtte er gefaßt,
rechts und links davon dehnte ſich ein unbebauter Sandplatz
aus. Durch einen hohen und breiten Turm, der ſo weiß war
wie Elfenbein, betrat der Juͤngling die Stadt. Eine Straße,
zu deren Seiten marmorne Palaͤſte mit goldenen Daͤchern
in der Sonne glaͤnzten, fuͤhrte zum Schloß hinauf. Parthono⸗
peus glaubte zu traͤumen, bald duͤnkte ihn das alles ein Trug
der Hoͤlle, bald vermeinte er im Paradieſe zu wandeln, nur
ſein knurrender Magen mahnte ihn an die Wirklichkeit. Unter
dem Schirmdach des Schloßtores war ein Moſaik aus Gold,
das Sonne, Mond und Sterne und die Heldentaten der Alten
darſtellte. Weit öffneten ſich die Tore des Palaſtes und Par⸗
thonopeus durchſchritt eine Anzahl praͤchtiger Saͤle, bis er in
einen gelangte, in welchem ein reiches Mahl gedeckt worden
war. Große Kerzen brannten im Saale, Meſſer, Löffel,
Becher und Gold⸗ und Silberſchalen ſtanden auf der Tafel,
aber in der ganzen Stadt war kein lebendes Weſen zu er⸗
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blicken, kein Ritter und keine Dame ſaß am Tiſch, keine Harfe
und keine Geige ließ ihre Saiten erklingen. Der Hunger
noͤtigte den Juͤngling, daß er beſchloß, von den bereitſtehen⸗
den Speiſen zu koſten. Sogleich bot ihm eine unſichtbare
Hand ein Becken mit Waſſer und eine andere ein Handtuch
dar, und als er ſich die Haͤnde gewaſchen hatte, ſetzte er ſich
auf den Ehrenſitz der Tafel, denn inmitten des hoͤlliſchen
Spuks und Blendwerks blieb er ſich bewußt, daß er aus
koͤniglichem Stamme geboren ſei. Von ſelbſt ſtellten ſich die
Schuͤſſeln vor ihn, und wenn er von einem Gerichte genom⸗
men hatte, wurden die Platten wieder von ebenſo unſicht⸗
baren Haͤnden abgetragen. Feenhafte Schenken goſſen roten
Wein in goldene Schalen, mit welchen ſie den Becher des
Juͤnglings füllten, der aus einem einzigen Safir beſtand, den
ein funkelnder Rubin bedeckte. Nach dem Mahle wurden ihm
wieder Waſſerbecken und Tuͤcher gereicht und dann ein Wuͤrz⸗
wein aufgetiſcht. Parthonopeus fuͤhlte den Schlaf nahen und
trat zum Ausgang des Saales. Sogleich erſchienen zwei
brennende Kerzen, die ihn zu einem reichgeſchmuͤckten Lager
führten. Die Decke war aus dem! Pelze eines Salamanders
gefertigt, der nur im Feuer leben kann, und der Teppich vor
dem Bette beſtand aus Federn des Vogels Phoͤnix, das ganze
Gemach aber war mit Porphyr eingelegt. Parthonopeus
ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, um ſich die goldenen Sporen
abzunehmen, aber ſchon war ihm eine dienende Hand zu⸗
vorgekommen, die ihn entkleidete.
Kaum hatte er ſich in die Decke gehuͤllt, als alle Kerzen
erloſchen und das Gemach ſo dunkel wurde, wie es zuvor in
Helle geſtrahlt hatte. Den Juͤngling laͤhmte ein unbeſchreib⸗
liches Grauen, aber er konnte nicht ſchlafen. Mit einem Male
kam ein Menſch ans Bett, Schritt vor Schritt, leiſe, leiſe.
Parthonopeus fuͤrchtete, es moͤge der Boͤſe ſelber ſein, aber
es war eine Jungfrau, welche die Bettdecke luͤpfte und ſich
neben ihn legte. Er hielt ſich ganz ruhig und druͤckte ſich zur
Seite, aber auf einmal beruͤhrte ihn das Fraͤulein mit dem
Fuße und rief: „Wie? Wer biſt du? Bin ich betrogen?
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Mein ift dies Reich, wie wagteſt du, ohne meine Erlaubnis
deinen Fuß in meinen Palaſt zu ſetzen und dich obendrein in
mein Bett zu legen?“ Der Juͤngling erzaͤhlte, durch welche
ſeltſame Reihe von Abenteuern er hierher gekommen ſei und
entſchuldigte ſich damit, daß er niemanden geſehen habe, den
er um Erlaubnis haͤtte fragen koͤnnen. „Frau,“ bat er, „habt
Erbarmen mit mir! Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden
ſoll, wenn Ihr mich verſtoßt. Ich bin Euer Gefangener,
Frau, beſchließt uͤber mein Leben oder meinen Tod!“ Sie
aber beſtand darauf, daß er gehen ſolle und drohte, ihre Ritter
zu rufen. „Frau,“ flehte er wieder, „ich kann nicht mehr
gehen, ich bin zu muͤde. Macht mit mir, was Ihr wollt, wenn
Ihr Euch meiner nicht erbarmen moͤgt.“ Er ſeufzte tief auf
und erwartete den Tod. Als die Jungfrau ihn ſo ſtoͤhnen
hoͤrte, begann ihr das Herz zu zittern, Mitleid erfaßte ſie mit
dem jungen Manne, den ſie ſo geſchmaͤht hatte, faſt haͤtte ſie
ihn um Verzeihung gebeten, und ſie bereute unter Traͤnen
ihre harten Worte. So machen es die Frauen. So kam es,
daß ihr Widerſtreben ſchwaͤcher und ſchwaͤcher wurde, waͤh⸗
rend der Juͤngling ſie an ſich zog. Er nahm ihr die Bluͤte der
Jungfrauſchaft; Bluͤten nahm er und gab Bluͤten, denn nie
hatte er bisher ein Weib beruͤhrt.
Nun enthuͤllte ihm die Fee, die ſich Meliur nannte, daß ſie
ihn ſchon zuvor gekannt und geliebt habe und daß ſie es ge⸗
weſen ſei, die dem Koͤnig den Gedanken zur Jagd eingegeben,
den Eber aufgeſcheucht, das Schiff geſchickt und ihn durch ihre
Geiſter bewirtet habe. Parthonopeus dankte der Fee und ver⸗
ſicherte ſie ſeiner Liebe: „So ſehr liebe ich Euch,“ ſagte er,
„daß alles andere für mich verſunken iſt. Nur eines fehlt mir
noch: ich habe Eure Reize gefuͤhlt, nun moͤchte ich Euch auch
ſehen.“ „Suͤßer Freund,“ entgegnete die Frau, „jede Nacht
duͤrft Ihr meine Gunſt genießen, aber ſehen duͤrft Ihr mich
nicht. Ich will nicht eher erblickt werden, als bis die Stunde
gekommen iſt, die ich meinen Baronen zur Wahl meines Gat⸗
ten beſtimmt habe. Dritthalb Jahre muͤſſen bis dahin noch
verſtreichen. Bis dahin gehoͤrt alles Euch: Hunde und Falken
26
und ſchoͤne Roſſe, die wildreichen Wälder und die Ströme
voll von Fiſchen, Speiſen und Kleider, die Stadt und das
Schloß und ich ſelbſt. Aber Ihr duͤrft mit niemandem reden
als mit mir allein bis zu dem Tage, da mich mit Einwilligung
all meiner Koͤnige Parthonopeus von Blois zur Gattin er⸗
halten ſoll. Denn erſt dann, ſuͤßer Freund, koͤnnt Ihr Ritter
werden, nie wuͤrden meine Vaſallen einen Knappen als Herrn
anerkennen. Solltet Ihr aber verſuchen, mich vorher mit Liſt
zu erblicken, ſo werden Traͤnen und Ungluͤck die Folge ſein.“
„Welche Gruͤnde Euch auch zu dieſem Gebote treiben, ich achte
fie und unterwerfe mich,“ entgegnete Parthonopeus, „da ich
Eurer Liebe gewiß bin; was fehlt mir noch zu meinem Gluͤck?
Einige Wochen verlebte der junge Mann unter unauf⸗
hoͤrlichen Freuden im Feenlande, dann aber begann er Sehn⸗
ſucht nach ſeiner Heimat zu empfinden. Naͤchtlicherweile,
als er mit Meliur das Lager teilte, geſtand er ihr ſein
Sehnen und bat ſie, ihm die Reiſe zu geſtatten. „Geht,
Freund, ſagte dieſe, „geht, und haltet Eurer Freundin die
Treue. Frankreich bedarf Eurer Hand, denn viele Feinde be⸗
draͤngen es. Chlodwig iſt tot, auch Euer Vater iſt verſchieden,
und Blois, Euer Erbe, belagert der Feind. Geht und begeht
Taten des Ruhms und vergeßt nicht, freigebig zu fein, denn
ſtets will ich Euch reichlich mit Geld verſehen. Seid freund⸗
lich gegen die Armen und ehrt Gott und ſeine heilige Kirche,
aber laßt Euch nicht verleiten, mich ſehen zu wollen. Wenn
der Friede wiederhergeſtellt iſt, ſo verweilt nicht laͤnger im
Frankenlande, ſondern kehrt um meiner Liebe willen zu mir
zuruͤck.“ „Frau,“ entgegnete Parthonopeus, „ich habe Eure
Lehren gehoͤrt und werde Eurem Gebote getreu handeln.“
Mit Schaͤtzen reich beladen gelangte der junge Mann in die
vaͤterliche Burg, verjagte ſeine Feinde und befreite das Fran⸗
kenreich von den Normannen und Sarazenen. Dann kehrte
er nach Blois zuruͤck, aber das Verlangen nach Meliur ließ
ihn nicht ruhen, und die Mutter, die ſeinen Kummer alsbald
bemerkte, ſtellte ihn deshalb zur Rede und fragte ihn, ob ihn
Liebesſorge quale. „Mutter,“ antwortete er, „ja, ich habe
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eine Liebſte, die reichſte und ſanftmuͤtigſte, die irgend zu fin⸗
den iſt.“ „Iſt ſie ſchoͤn?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wie? Das
weißt du nicht, wenn du ſie ſo oft geſehen haſt?“ Nun erfuhr
die Mutter das Verbot der Fee, und obwohl ſie ihren Sohn
darin beſtaͤrkte, den Wunſch ſeiner Geliebten zu achten, ſann
ſie doch darauf, wie ſie ihn den Krallen des Teufels, denn
fuͤr einen ſolchen hielt ſie Meliur, entreißen koͤnne. Man ver⸗
anſtaltete ein Mahl und ſetzte Parthonopeus einen Vergeſſen⸗
heitstrunk vor; und wirklich vergaß ſich dieſer ſoweit, daß er
mit ſeiner freundlichen Nachbarin plauderte und nahe daran
war, ſich in ſie zu verlieben. Das aber war es, was die
Mutter beabſichtigt hatte: das junge Maͤdchen ſollte ihn an
die Heimat feſſeln. Faſt waͤre das Ziel erreicht worden, da
entſchluͤpften dieſem die unbedachten Worte: „Wir haben
unſer Spiel gewonnen, Freund, du biſt der Macht der ſchoͤnen
Fee entriſſen!“ Als Parthonopeus jo an feine Geliebte er⸗
innert wurde, dachte er nach, mit einem Male fiel ihm alles
wieder ein und eine druͤckende Angſt beklemmte ihn. Er ſprang
auf, entriegelte die Tür, durcheilte die Säle und fand fein Roß
am Torweg. Er beſtieg es und eilte im Galopp von dannen.
Aber bald darauf trieb ihn die Sehnſucht nach der Heimat
ein zweites Mal aus den Armen Meliurs, welche ihn diesmal,
Boͤſes ahnend, ungern ziehen ließ. Die Mutter hatte in⸗
zwiſchen den Erzbiſchof von Paris aufgeſucht und ihm erzaͤhlt,
wie eine Fee ihren Sohn verzaubert und ihm verboten habe,
ſie zu ſehen. Als daher der junge Mann nach Blois zuruͤck⸗
kehrte, berief ihn der Erzbiſchof alsbald zu ſich und ermahnte
ihn, ihm ſeine Suͤnden zu bekennen. „Herr,“ ſagte Parthono⸗
peus, „nur einer Suͤnde weiß ich mich ſchuldig. Ich liebe eine
Frau, die nie ich ſah. Sie iſt es, die mir Gold und edle Steine
gab, womit ich Koͤnige und Buͤrger beſchenkte, ſie iſt es, die
unſerem Lande den Frieden verſchaffte, ſie iſt es, der ich
alles verdanke, doch darf ich ſie ohne ihre Erlaubnis nicht
betrachten, und das iſt das einzige, was mir Zweifel und
Furcht verurſacht.“ Als der Erzbiſchof dieſes hörte, riet er
dem jungen Mann, er ſolle durchaus ſeine Geliebte ſehen, um
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ſich zu überzeugen, ob fie nicht ein vermummter boͤſer Geift
ſei. Dann eröffnete ihm die Mutter, daß fie ein Mittel be⸗
ſitze, um ſie unbemerkt zu betrachten. Aber wenn er ſie er⸗
blicke, folle er ſich vor allzu großem Schrecken hüten, denn der
Teufel ſei maßlos haͤßlich. Sie gab ihm eine Zauberlaterne,
welche kein Wind zu loͤſchen vermochte. Parthonopeus, den
die Ermahnungen des Biſchofs erſchreckt hatten, ging in die
Falle und nahm die Laterne mit.
Dunkle Nacht war es, als er im Schloſſe Meliurs anlangte.
Die ſchwerbeladenen Tafeln ließ er heute unberuͤhrt und eilte,
feine Laterne forgfältig unter dem Mantel verbergend, ins
Schlafgemach. Ganz angekleidet warf er ſich aufs Bett, ſo
groß war ſeine Ungeduld, Meliur zu ſehen. Als die Kerzen
erloſchen waren, erſchien die Fee, warf ihren Mantel ab und
legte ſich neben ihren Geliebten. Als der junge Mann ſie
neben ſich fuͤhlte, zog er ſeine Laterne ploͤtzlich unter der Decke
hervor und erblickte die Fee im hellen Lichtſtrahl. Nie hatten
ſeine Augen ein ſchoͤneres Weib geſehen. Meliur aber er⸗
bleichte und erſt jetzt ſah Parthonopeus, daß er töricht gehan⸗
delt habe. Voll Wut warf er ſeine Laterne gegen die Mauer,
ſo daß ſie zerſplitterte, und verfluchte den Tag, da er ſie er⸗
halten. In dieſem Augenblicke fuͤhlte er, wie ſehr man ihn
betrogen, da die Frau, die man ihm als den haͤßlichſten aller
Teufel geſchildert hatte, das ſchoͤnſte Weib auf Erden war.
„Süßer Freund,“ klagte die Fee, „was habe ich dir getan,
daß du mich ſo mit Schmach bedeckſt? Tat ich etwas gegen
deinen Willen, daß du mir ſo zuͤrnſt?“ Durch die Über⸗
tretung des Verbotes naͤmlich hatte die Fee ihre Zauber⸗
macht verloren, und kaum war die unbedachte Tat geſchehen,
als Ritter und Frauen in das Gemach ſtroͤmten, die mit Fin⸗
gern auf das Paar wieſen. Parthonopeus wurde aus dem
Feenlande gewieſen und ſuchte verzweifelt den Tod unter den
wilden Beſtien des Ardennerwaldes. Wie der junge Held
von einer maͤchtigen Fee gerettet wurde und ſchließlich doch
noch die Hand der ſchoͤnen Meliur bei einem Turnier ,
ſollt ihr ein andermal hoͤren.
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5. Robert der Teufel befreit Rom von den Türken
in ihrer Verzweiflung, kein Kind vom Himmel zu er⸗
halten, vergaß ſich einſt die Herzogin der Normandie ſo⸗
weit, eines vom Teufel zu erbitten, und ſie gebar einen
Sohn von außergewoͤhnlicher Staͤrke und Schoͤnheit, der
den Namen Robert erhielt. Aber bald zeigte ſich die hoͤlliſche
Herkunft des Knaben: er biß ſeine Ammen, erſchlug ſeine Er⸗
zieher und mißhandelte die Prieſter. Sein Vater ſuchte ver⸗
gebens edlere Gefuͤhle in ihm zu erwecken, indem er ihm den
Ritterſchlag erteilte; bei dem aus dieſem Anlaß abgehaltenen
Turnier zeigte Robert der Teufel, wie man ihn von nun an
nannte, erſt ſeine ganze Grauſamkeit. Als ihn ſein Vater
daraufhin von ſeinem Hofe verjagte, wurde er zu einem
Banditen, mißhandelte die frommen Wallfahrer und er⸗
mordete die Einſiedler. Solange ſetzte er ſein zuͤgelloſes
Raͤuberleben fort, bis ihn ſelbſt vor dem Schrecken, den er
einfloͤßte, grauſte; da zwang er ſeine Mutter, ihm die naͤheren
Umſtaͤnde ſeiner Geburt zu enthuͤllen. Als er ſeine Herkunft
erfahren hatte, warf er ſeine Waffen weg, bekleidete ſich mit
Bußgewaͤndern und wallte nach Rom, um beim Heiligen
Vater Vergebung fuͤr ſeine Suͤnden zu ſuchen. Der Papſt
glaubte die Verantwortung einer ſolchen Abſolution nicht
uͤbernehmen zu koͤnnen und wies Robert an einen Eremiten,
der ihn wieder zu einem zweiten und dritten ſchickte. Auf
Befehl des Himmels legte ihm der letzte dieſe Buße auf: wie
ein Narr ſolle er ſich gebaren, ſolle ſich der menſchlichen
Stimme entwoͤhnen und mit den Hunden ſeinen Fraß ſuchen,
bis der Himmel ein Zeichen der Verſoͤhnung gebe.
Von nun ab wohnte Robert unter einer Stiege des Kaiſer⸗
palaſtes in Rom, wo ein Hund ſeine Unterkunft hatte, der
mitleidig ſein Stroh mit ihm teilte.
Der Kaiſer hatte eine Tochter, welche ſtumm geboren war,
um dieſe warb ein Seneſchall ſeines Hofes, deſſen Werbung
aber abgewieſen wurde. Aus Groll rief dieſer die Tuͤrken,
welche Rom mit einem gewaltigen Heere belagerten. Unter
30
— . . ͤ—
Fuͤhrung des Kaiſers zogen die Roͤmer zur Schlacht. Die
Frauen und Jungfrauen Roms geleiteten das Heer zu den
Toren der Stadt und empfahlen unter Traͤnen den Kaiſer
und ſein Heer dem Schlachtenlenker. Als Robert in ſeiner
Hundehuͤtte das Heer ausziehen ſah, war er dem Weinen
nahe. Wie gern waͤre er mitgezogen, wenn er nicht ge⸗
fuͤrchtet haͤtte, die Gnade deſſen zu verſcherzen, um deſſen
willen er Buße tat. Denn einen anderen als Gott fuͤrchtete
er nicht. „O Gott,“ betete er in Gedanken, „der du ſo manche
Seele aus den Krallen des Teufels gerettet haſt, wie gerne
eilte ich dem Kaiſer zu Hilfe und kaͤmpfte fuͤr ihn gegen die
ſtolzen Tuͤrken! Aber es iſt nicht dein Wille und ferne ſei es
von mir, mich in einen Kampf einzulaſſen. Aber wenn du
mich wuͤrdigteſt, es zu wollen, ſo ſollte die Sarazenen meine
Ankunft bitter ſchmerzen, mit meinem blanken, hartgeſchmie⸗
deten Schwert wuͤrde ich ihre Leiber zerſchneiden, und waͤren
ihrer auch tauſendmal tauſend.“ Seufzend erhob er ſich und
ging weinend in den Garten. Da, wo eine klare Quelle
ſprudelte, abſeits vom Wege, ließ er ſich nieder, denn er
wuͤnſchte mit ſeinem Schmerz allein zu ſein. Er betete zu
Gott, daß er dem Kaiſer in der Schlacht beiſtehen moͤge.
Waͤhrend er ſo betete, trat die wunderſchoͤne Jungfrau, des
Kaiſers Tochter, zur ſchattigen Quelle, und als ſie ſich um⸗
wandte, erblickte ſie den Narren, wie er ſeine Haͤnde aus⸗
breitete und Gott anzurufen ſchien. Das wunderte ſie ſehr
und fie bedachte, daß einͤer, der ſolches tue, kein Narr fein
koͤnne. Sie ſchaute ihm lange zu und Mitleid mit ihm er⸗
griff fie. Dann blickte fie über das Meer, wo die Türken
heranruͤckten, um Rom zu vernichten. Sie ſah die Roͤmer,
die gegen ſie zogen und ihnen ſchon auf Bogenſchußweite
nahegekommen waren. Noch beobachtete ſie den Zuſammen⸗
ſtoß der Vorhut, da trat plotzlich an die Quelle, wo Robert
ſeinem Schmerze nachhing, ein Ritter von leuchtender Schoͤn⸗
heit. Mit einem ſilberweißen Harniſch war er angetan und
weißer als Lilienbluͤten waren feine Waffen und fein Schild.
Ein gewaltiges Schwert trug er an den Huͤften, deſſen Klinge
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jo weiß war wie friſch gefallener Schnee, und das Roß, auf
dem er ſaß, war weißer als eine eben aufgebluͤhte Blume,
einen weißen Mantel hatte er umgeſchlagen. Vor Robert
ſtieg er ab, neigte ſich vor ihm und ſagte ihm dieſe Botſchaft
Jeſu Chriſti: „Freund Robert, Gott befiehlt dir und traͤgt
dir durch mich auf, daß du unverzuͤglich in die Schlacht eilſt.
Und willſt du mir nicht glauben, ſo nimm dies zum Zeichen:
ich weiß, daß du ins Gebirge gegangen biſt, um beim heiligſten
Manne des Landes Buße zu ſuchen, und daß dieſer dir ſolche
Lebensweiſe auferlegt hat.“ Als Robert dieſe Botſchaft hoͤrte,
wurde er froh und ſein Herz pochte; er warf ſich zu Boden
und ſagte ſeinem Schoͤpfer Dank. Dann nahm er die Waffen
und die Kleider, die der Engel ihm gab, und legte ſie an. Die
Jungfrau aber wunderte ſich gewaltig, als ſie ihn ſich waffnen
ſah, und weinte aus Mitleid und Liebe. Robert guͤrtete ſich
das Schwert um, ſchnallte den Helm feſt und ſprang dann
ganz in Waffen gehuͤllt auf das Schlachtroß, das ihm der
Himmel geſendet hatte. Er ergriff den Schild geſchickt wie
einer, der im Waffenhandwerk erfahren iſt, zog ihn an ſich
und nahm die große und gerade Lanze, mit der er manchen
Sarazenen in den Tod zu ſenden gedachte, ehe die Sonne
ſinken wuͤrde. Darauf ſchied er vom Boten Gottes und ritt
davon. Nie ſah man einen beſſer gewaffneten und ſchoͤner
geſchmuͤckten Ritter.
Gewaltige Heldentaten verrichtete der Unbekannte in der
Schlacht und entſchied ſie zugunſten der Roͤmer. Zwanzig⸗
tauſend Tuͤrken lagen am Strande, die alle ihr Leben ver⸗
loren hatten, ungerechnet jene, die die Schiffe nicht mehr
ſchwimmend erreichen konnten und im Meer verſanken. Als
Robert bemerkte, daß die Schlacht zu Ende war, ſtahl er ſich
von hinnen, ſo daß niemand erfuhr, was aus ihm geworden
ſei. Er eilte wieder zur Quelle, wo ihn der Engel erwartete.
Schild und Helm waren ihm graͤulich zerſchlagen, ſein Antlitz
war von den Schlaͤgen, die er auf das Naſenband erhalten
hatte, mit Blut uͤberſtroͤmt, und die Maſchen des Halsbergs
waren von den unzaͤhligen Streichen in ſein Geſicht einge⸗
32
druͤckt. Der Bote kehrte mit den Waffen zu Gott zuruͤck.
Robert aber wuſch ſein blutiges Antlitz im Bach, und ſeine
Wunden ſchmerzten ihn heftig. Darauf ging er an ſeinen
gewohnten Platz unter die Stufen und haͤufte ſich Stroh
zum Lager. Er uͤberdachte in ſeinem Sinn die heilige Tat
und entſchlummerte. Die Jungfrau aber hatte die ganze Be⸗
gebenheit mit angeſehen und ſie war verwundert und erfreut
uͤber das große Werk, das Robert vollbracht hatte.
Der Kaiſer, der ſehr betruͤbt war, ſeinen Retter nicht auf⸗
zufinden, um ihm danken zu koͤnnen, kehrte in ſeinen Palaſt
zuruͤck und ſetzte ſich zum Mahl. Um dieſe Zeit erwachte
Robert, ſein Herz war tief betruͤbt und er richtete ſein zer⸗
fleiſchtes Geſicht zum Himmel. Sodann verließ er ſein Lager
und ging langſam und muͤde in den Saal und trat auf den
Kaiſer zu. Sobald ihn die ſtumme Prinzeſſin bemerkte, erhob
ſie ſich gegen ihn und neigte tief ihr Haupt, dann ſetzte ſie
ſich wieder ganz zuͤchtig neben ihren Vater. Der Kaiſer aber
ſchaͤmte ſich, denn er wußte nicht, warum ſie ſolches getan
hatte, noch mochte er ſie zur Rede ſtellen. Die Tafelgeſell⸗
ſchaft ſprach manches ſpottende Wort uͤber den garſtigen
Narren und die törichte Jungfrau, die man für toll hielt,
weil ſie dieſen ſo geehrt hatte. Dem Narren wurde Fleiſch
vorgeworfen, welches er mit den Hunden teilte, waͤhrend der
Kaiſer in hoͤchſten Lobeserhebungen den unbekannten weißen
Ritter pries, der die Stadt gerettet habe, und die Prinzeſſin
bemuͤhte ſich vergeblich, durch Zeichen anzudeuten, daß Ro⸗
bert der Geſuchte ſei.
Nach einiger Zeit kehrten die Tuͤrken zuruͤck, um für die
Niederlage Rache zu nehmen, die gleichen Vorgaͤnge wieder⸗
holten ſich, wieder entſchied Robert unerkannt in der Ruͤſtung
des Engels die Schlacht, wieder begruͤßte ihn die Jungfrau,
die alles beobachtet hatte, mit tiefer Verneigung, waͤhrend
der Seneſchall ſich grollend vom Kampfe zuruͤckhielt. Zum
drittenmal zogen die Tuͤrken mit ungeheuren Heeren heran,
der Kaiſer ruͤſtete ſich zur Verteidigung und beriet ſich mit
ſeinen Truppenfuͤhrern. Lange dauerte der Kriegsrat, ſchließ⸗
3 Franz. Märchen 1 33
lich ergriff der Kaiſer das Wort und ſprach: „Ihr Herren!
Gott unſer Vater hat uns zweimal einen Ritter zugeſandt,
der uns gewaltiglich gegen die Tuͤrken verteidigt hat. Sicher
waͤre Rom laͤngſt zerſtoͤrt, waͤre nicht die Kraft und der Glanz
des weißen Ritters und ſeiner Waffen. Hoͤret nun, was ich
beſchloſſen habe. Der mir zweimal ſo geholfen hat, hat großen
Lohn verdient, wenn er ihn nur von mir annehmen wollte.
Kommt er uns diesmal wie ſonſt zu Hilfe, ſo will ich ihn feſt⸗
nehmen laſſen, damit ich ihm den Lohn fuͤr ſeine Dienſte er⸗
ſtatten kann. Dreißig gute Ritter will ich in ein Gehoͤlz in.
Hinterhalt legen, wo er, wie man mir berichtet, nach der
Schlacht vorbeireitet. Dort ſoll er uͤberfallen und feſtgenom⸗
men werden, wenn er kommt und Gott ihn dahinfuͤhrt.“
Die dritte Schlacht endete durch Roberts Eingreifen mit
einer endgültigen Niederlage der Türken. Als Robert in fein
Verſteck zuruͤckkehren wollte, ſah er ſich von den Rittern, die
aus dem Hinterhalte hervorbrachen, angegriffen. Er ſprach
kein Wort, ſondern ſah ſchweigend die Ritter an, um die er
ſich wenig zu kuͤmmern ſchien; doch war er traurig und wußte
nicht, was er tun ſolle. Er ſcheute ſich, ihnen Widerſtand zu
leiſten, denn er wußte wohl, daß der Kaiſer ſie hierher be⸗
ſtellt hatte, damit er ihn belohnen koͤnne. Aber danach trug
er kein Verlangen. Wurde er andererſeits feſtgenommen, ſo
war ſein Geheimnis verraten und er konnte nicht mehr
bleiben. So begann er in Gedanken zu Gott dem Herrn zu
beten, daß er ihn ſchuͤtze und kein Ritter ihn fangen koͤnne, und
er floh talabwaͤrts, ſo ſchnell ihn ſein Roß zu tragen ver⸗
mochte, hinter ihm aber erhob ſich eine Staubwolke von denen,
die ihn verfolgten. Solange eilten ſie ihm nach, bis ihre
eigenen Pferde, der langen Verfolgung muͤde, erſchoͤpft ſtehen
blieben. Nur einem gelang es, auf einem Seitenpfade in
Roberts Naͤhe zu gelangen. Eben wollte er dem fliehenden
Roß in die Zuͤgel fallen, als Robert eine ploͤtzliche Schwen⸗
kung machte. Als jener ſah, daß er ihn nicht fangen konnte,
drohte er ihm, er wuͤrde ſein Pferd erſtechen, wenn er nicht
ſtillhalte. Er legte feine Lanze ein, um das Tier am Guͤrtel
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zu treffen, aber der Stahl verfehlte fein Ziel und traf Robert
in den Schenkel. Bis zum Schaft drang die Waffe in das
Fleiſch, aber trotzdem hielt Robert nicht an, ſondern eilte
unter Schmerzen und blutend von dannen. Er druͤckte ſeine
Wunde mit der Hand zu, damit das Blut nicht zu Boden
tropfe und ihn verrate. Der Ritter, der ihm die Wunde bei⸗
gebracht hatte, blieb hinten und zog ſeine verbogene Lanzen⸗
ſpitze zuruck. Das Eiſen aber trug er nicht heim, das ſteckte in
Roberts Wunde.
Als Robert in großen Schmerzen heimgekommen war, zog
er das Eiſenſtuͤck aus dem Schenkel und vergrub es. Wieder
neigte ſich beim Mahl die Koͤnigstochter vor dem Narren und
gab durch Zeichen zu verſtehen, daß ſie ihn fuͤr den Sieger
halte.
Um den Fremden zu veranlaſſen, ſich zu entdecken, ließ
der Kaiſer auf offenem Markte ausrufen, daß der weiße
Ritter, der ſich durch das Eiſenſtuͤck ausweiſen muͤſſe, die Prin⸗
zeſſin zur Gemahlin erhalten ſolle. Solches erfuhr der ver⸗
raͤteriſche Seneſchall. Er ließ ſich weiße Waffen verfertigen,
brachte ſich eine Wunde am Schenkel bei und ließ das Eiſen
darin. Vor den verſammelten Baronen empfing ihn der
Kaiſer, und alles war uͤberzeugt, daß der Seneſchall der
Retter Roms ſei. Schon wollte der Kaiſer die Hand ſeiner
Tochter in die des Verraͤters legen, da geſchah ein Wunder.
„Meine Tochter,“ ſagte der Kaiſer, „ſei heiter und freundlich
und ſchmuͤcke dich ſchoͤn, denn ich fuͤhre dir deinen Gemahl zu.
Es iſt der Seneſchall meines Reiches, der einſt mit mir um
deinetwillen Krieg gefuͤhrt hat. Er iſt der tapfere Ritter mit
den weißen Waffen, der uns gerettet hat. Dreimal war er
uns ein ſo guter Schutz, daß die Tuͤrken uns keinen Schaden
zufuͤgen konnten, ſondern weichen mußten. Tochter, zeig
ihm ein freundliches Geſicht und laß das Weinen, denn das
weiß Gott, der hoͤchſte Koͤnig, daß er derſelbe Ritter iſt, der
ſich im Sturm fo gut gehalten hat.“ „Lieber Vater,“ ant⸗
wortete die Stumme, „wiſſet, daß er es nicht iſt!“ Staunend
wich die Menge zuruͤck und der Kaiſer wollte ſeinen Ohren
* 35
nicht trauen. „Ich bin jederzeit ſtumm geweſen,“ fuhr die
Jungfrau fort, „bis zu dieſer Stunde, da Ihr auf mich ein⸗
dranget, daß ich den Seneſchall zu meinem Liebſten naͤhme.
Gott will nicht, daß er mich erhalte, denn nicht er trug die
Wunde beim Heimweg aus der Schlacht davon. Was er Euch
auch erzaͤhlen mag, alles iſt Luͤge. Ein anderer als er iſt der
Retter Roms, da ſteht er, der buͤßende Narr. Gott will, daß
er ſeine Buße ende, und darum hat er dieſes Wunder be⸗
wirkt.“ Um ihre Worte zu bekraͤftigen, grub ſie die Lanzen⸗
ſpitze aus, denn ſie hatte beobachtet, wie Robert ſie vergraben
hatte, und der Ritter, der ihn verwundet hatte, erkannte ſie
als zu ſeiner Lanze gehoͤrig. Alles Volk jubelte und Robert
gab ſich zu erkennen, doch nur, um auf die Hand der Kaiſer⸗
tochter zu verzichten und ſein Leben in der Tiefe des Waldes
als Einſiedler zu enden.
6. Parzival in der Graalsburg
arzival gedachte einſt ſeine Mutter aufzuſuchen und
gelangte auf dem Wege an einen Strom, den keine
Bruͤcke uͤberſpannte. Er ritt eine Zeitlang flußauf⸗
waͤrts, bis ihm ein großer Felsblock den Weg ver⸗
ſperrte. Der Juͤngling ſchaute ſich um und ſah eine Barke auf
dem Strome abwaͤrts gleiten, in welcher zwei Maͤnner ſaßen,
und er blieb ſtehen, um zu warten, bis ſie in ſeine Naͤhe
kaͤme. Aber ploͤtzlich blieb das Fahrzeug mitten in der Stroͤ⸗
mung ruhig ſtehen, als ob es vor Anker laͤge, und der Mann,
der vorne ſaß, warf ſeine Angel aus, um zu fiſchen. Parzival
gruͤßte die Maͤnner und ſprach: „Sagt an, Ihr Herren, ich
bitte Euch, führt keine Bruͤcke auf das andere Ufer?“ „Meiner
Treu, nein, Bruder, erwiderte der Fiſcher, „keine Furt, keine
Faͤhre, keine Bruͤcke vermittelt den Übergang uͤber dieſen
Strom, kein Pferd kann ihn durchſchreiten, und kein Fahr⸗
zeug, das groͤßer waͤre als dieſes kleine Boot, iſt auf zwanzig
Meilen im Umkreis zu finden.“ „So ſagt mir um Gottes
willen,“ fuhr Parzival fort, „wo ich heute nacht Herberge
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finden kann!“ „Ich will Euch heute nacht beherbergen,“
antwortete der Fiſcher. „Steigt nur in jener Felſenſchlucht
aufwaͤrts, und wenn Ihr droben ſeid, wird ſich vor Euch ein
Tal ausbreiten; darin ſteht das Haus, das ich bewohne, nahe
an Fluß und Wald.“
Parzival erſtieg den Gipfel des Berges und vor ſeinen
Augen dehnten ſich weite Laͤnder aus, aber er erblickte nichts
als Himmel und Erde. „Verflucht ſei, der mich ſo in die Irre
führte,’ murrte er, „treulos handelte er, mich zum Spott
hierherzulocken.“ Ploͤtzlich ſah er zu feiner Seite im Tale
einen Turm ragen, viereckig, aus grauem Stein und mit zwei
Erkern geziert. Bis tief nach Aſien war kein ſchoͤnerer ge⸗
baut. Vor dem Turm lag der Saalbau, von Bogengaͤngen
umgrenzt. Der Juͤngling wanderte in der Richtung des
Schloſſes weiter und bat den Fiſcher, den er Luͤgner und Be⸗
truͤger geſcholten hatte, innerlich um Verzeihung. Er ging
auf das Schloßtor zu und fand die Zugbruͤcke herabgelaſſen,
dann ritt er in den Hof und vier Diener traten ihm entgegen.
Zwei davon nahmen ihm die Waffen ab, einer fuͤhrte ſein
Roß in den Stall und warf ihm Futter und Streu vor, einer
huͤllte Parzival in einen Scharlachmantel. Sodann führten
ſie ihn in den Bogengang, wo er wartete, bis der Schloß⸗
herr ihn rufen wuͤrde. Alsbald kamen zwei Diener und fuͤhr⸗
ten ihn in den Saal, der war viereckig und ebenſo lang wie
breit. Mitten im Saale ſtand ein Lager, auf dem ein Ritter
ſaß, deſſen Haupt zierte ein maulbeerſchwarzer, purpur⸗
beſetzter Zobelpelz, und aus dem gleichen Stoffe war ſein
ganzes Gewand. Er ſtuͤtzte ſich auf den Ellenbogen; vor ihm
war ein Feuer aus trocknem Holze angezuͤndet, das hellen
Schein verbreitend zwiſchen vier Saͤulen flackerte. Vier⸗
hundert Gaͤſte haͤtten bequem rings um das Feuer Platz ge⸗
funden. Die Diener nahmen den Fremden in ihre Mitte
und fuͤhrten ihn vor den Schloßherrn, dieſer begruͤßte ihn
und ſprach: „Moͤge es Euch nicht kraͤnken, mein Freund, daß
ich mich nicht vor Euch erhebe!“ „Bei Gott, Herr, es kraͤnkt
mich nicht“, erwiderte Parzival. Der Ritter erhob ſich den⸗
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noch, fo gut er konnte, und lud den Juͤngling ein, an feiner
Seite Platz zu nehmen, dann fragte er ihn: „Woher kommt
Ihr heute, Freund?“ „Herr, heute früh brach ich von Bel⸗
repaire auf“, erwiderte der Juͤngling. „Bei Gott,“ ſprach der
Ritter, „dann habt Ihr einen huͤbſchen Marſch hinter Euch.
Ihr muͤßt aufgebrochen ſein, ehe noch der Hornſtoß des Waͤch⸗
ters den jungen Tag verkuͤndete.“ „Es hatte gerade zur Prim
gelaͤutet, als ich davonritt“, antwortete Parzival.
Waͤhrend ſie ſo redeten, trat ein Juͤngling durch die Tuͤr
des Saales, der trug ein Schwert um den Hals, das er dem
Ritter reichte. Dieſer zog es halb aus der Scheide und ſah
nach, wo es gearbeitet war, denn das war auf dem Schwerte
eingegraben. Es war aus gutem Stahl gearbeitet und konnte
nur in einer einzigen Gefahr zerſplittern, die aber kannte nie⸗
mand als der, welcher das Schwert geſchmiedet und gehaͤrtet
hatte. Der Juͤngling, der es brachte, ſprach: „Herr, Eure
Nichte uͤberreicht Euch dieſes Schwert als Gabe, nie fand man
ein leichteres weit und breit. Ihr ſollt es ſchenken, wem es
Euch gefaͤllt. Doch wuͤrde es die Dame freuen, wenn es der,
der es erhaͤlt, in Ehren verwendet. Der das Schwert ge⸗
ſchmiedet, fertigte nicht mehr als drei der Art und ſchwur,
keines mehr zu ſchmieden nach dieſem.“ Der Schloßherr ums
guͤrtete den Fremdling mit dem Schwert. Es war das Schatz⸗
haus eines Koͤnigs wert, Arabien hatte ſein beſtes Gold zum
Griffe geliefert und feinſte Venezianer Arbeit war die Scheide.
Der Ritter ſagte: „Bruder, dieſes Schwert iſt Euch beſtimmt
und ich wuͤnſche, daß Ihr es tragt. Guͤrtet es Euch um und
zieht es in Ehren!“ Jener dankte dem Schloßherrn, ſchnallte
ſich das Schwert um, und es gefiel ihm wohl, trefflich ſtand
es ihm an, da er es an ſeiner Seite trug, und beſſer noch, als
er es in der Fauſt hielt, um die Klinge zur Haͤlfte heraus⸗
zuziehen, um ſie zu pruͤfen. Hinter ihm ſah er im Schein
des Feuers den Diener ſtehen, der die Waffen verwahrte;
dieſem gab er das Schwert, daß er es aufbewahre. Dann
nahm er wieder neben dem Schloßherrn Platz, der ihm große
Ehren erwies.
38
az
Als fie noch Über dies und jenes ſprachen, trat ein Juͤng⸗
ling aus einer Kammer, der eine weiße Lanze in der Mitte
umklammert hielt. Langſam trug er ſie hoch erhoben zwiſchen
dem flammenden Feuer und den beiden Rittern auf der
Lagerſtatt voruͤber, und alle, die im Saale waren, blickten auf
die Lanze und den weißen Stahl. Und ſiehe: von der Lanze
Spitze troff ein purpurroter Tropfen Bluts herab und rollte
auf des Traͤgers Hand. Parzival ſah dies Wunder, aber er
fragte nicht nach ſeiner Deutung, denn er erinnerte ſich des
Verbotes, das ihm jener auferlegt, der ihn zum Ritter
ſchlug!, als er ihm ſagte, er ſolle ſich vor zu vielem Reden
huͤten; ſo fuͤrchtete er, man wuͤrde ſein Fragen fuͤr Ungebuͤhr
erachten, und blieb ſtumm. Darauf traten zwei Juͤnglinge
ein, die Leuchter aus emailverziertem Gold in den Haͤnden
trugen, und zehn Kerzen brannten links und rechts in jedem
Leuchter. Hinter den beiden kam eine Jungfrau in den Saal,
wie ein Engel anzuſchauen, die hielt mit ihren beiden Haͤn⸗
den den Graal umſpannt. Als ſie den Saal betrat, drang eine
ſolche Helle aus dem Graal, daß alle Kerzen ihren Schein
verloren, gleichwie vor der Sonne oder des Mondes Licht
der Sterne Glanz verblaßt. Viel koſtbare Steine ſchmuͤckten
den Graal, die reichſten, die der Schoß der Erde birgt, alle
Schaͤtze der Welt uͤberſtiegen ſie an Wert. Hinter der Graal⸗
traͤgerin ſchritt eine Jungfrau, die einen ſilbernen Teller
trug, der mit feinem Golde eingelegt war. Ebenſo wie der
mit der Lanze wallten ſie vor dem Lager voruͤber und
verſchwanden in einem Nebenraum. Parzival ſah ſie
voruͤberſchreiten und wagte nicht, nach dem Graal zu fragen,
denn er trug ſtets die Worte des Weiſen im Herzen.
Darauf befahl der Schloßherr den Dienern, das Waſſer
zu bringen und den Tiſch herzurichten, was ſogleich geſchah.
Der Schloßherr und der Juͤngling wuſchen ihre Haͤnde in
lauwarmem Waſſer, dann brachten zwei Diener eine Tafel
aus Ebenholz ganz aus einem Stuͤck und hielten ſie ſo lange,
bis zwei andere Diener kamen, die zwei Geruͤſte brachten,
1 Gemeint iſt Gurnemanz.
39
welche aus einem wunderbaren Holze gefertigt waren, das
weder Faͤulnis noch Feuer zerſtoͤren kann. Auf dieſe Ge⸗
ruͤſte ſetzte man die Tafel und breitete ein Tuch daruͤber;
kein Papſt hatte je von einem weißeren geſpeiſt. Die erſte
Speiſe war ein Hirſchſchlegel in Pfeffer; klarer, herber Wein
wurde dazu in goldene Becher gegoſſen. Ein Diener zer⸗
teilte das Fleiſch mit einem ſilbernen Meſſer und legte den
Rittern die Stuͤcke auf einem Teller vor. Und bei jeder
Speiſe, die man auftrug, ſah der Juͤngling den Graal ganz
unverhuͤllt voruͤbergleiten, doch er fragte nicht, wozu er
diente. Freilich haͤtte er es gern gewußt, aber er dachte, ehe
er fortginge, koͤnne er einen der Diener des Schloſſes darnach
fragen. Einſtweilen beſchraͤnkte er ſich auf das Eſſen und
Trinken, denn Speiſen und Getraͤnke waren von ausgeſuch⸗
tem Wohlgeſchmack, und kein Kaiſer wurde jemals ſo gut
bedient wie der Schloßherr und der Juͤngling an dieſem
Abend. Nach dem Eſſen plauderten beide noch eine Zeit⸗
lang, und die Diener brachten ihnen Fruͤchte und Gewuͤrze
vor dem Schlafengehen. Da gab es Datteln, Feigen und
Muskatnuͤſſe, purpurrote Granataͤpfel und zuletzt alexan⸗
driniſchen Ingwer. Hierauf nahmen ſie einen Wuͤrztrank und
dann Maulbeerwein und hellen Sirup. Endlich ſagte der
Ritter: „Freund, fuͤr heute iſt es Zeit zum Schlafen. Moͤge
es Euch nicht kraͤnken, wenn ich drinnen in meiner Kammer
zur Ruhe gehe; Ihr ſelbſt werdet ein Lager bereit finden,
ſobald es Euch Vergnuͤgen macht, Euch niederzulegen. Ich
habe keine Macht uͤber meinen Koͤrper und man muß mich
forttragen.“ Drei kraͤftige Diener traten aus der Kammer,
ergriffen die Decke, welche auf dem Lager des Schloßherrn
ausgebreitet war, und trugen ihn in ſein Schlafgemach.
Andere Diener waren beſtimmt, dem Juͤngling aufzuwarten.
Sie loͤſten ihm die Schuhe ab, als es ihm gefiel, halfen ihm,
ſich zu entkleiden und huͤllten ihn in weiße Leintuͤcher. Und
Parzival ſchlief, bis am andern Morgen die erſte Roͤte des
Tages aufzog und das Schloßgeſinde ſich erhob.
Der Juͤngling blickte in ſeinem Schlafgemach umher, aber
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er ſah keinen Menſchen im ganzen Raum. Er mußte ſich alſo
allein erheben, ſo ſehr ihn das auch kraͤnkte. Er bekleidete ſich,
ſo gut es gehen wollte, legte ſeine Schuhe an, ohne auf fremde
Hilfe zu warten, und nahm ſeine Waffen, die er auf dem
gleichen Tiſche liegend vorfand, auf welchen er ſie am Abend
zuvor niedergelegt hatte. Als er ſich gewaffnet hatte, wollte
er die Kammer durch die Tuͤr verlaſſen, die, wie er geſehen
hatte, die Nacht uͤber offen geblieben war; aber zu ſeinem
Erſtaunen fand er ſie verſchloſſen. Er rief und ruͤttelte und
pochte: vergebens, niemand antwortete, niemand oͤffnete.
Als er des Schreiens muͤde war, trat er zur Offnung der
Kammer, die ins Freie fuͤhrte, und fand ſie unverſperrt, er
ſtieg die Stufen hinab, fand ſein Roß geſattelt und ſah ſeine
Lanze und ſeinen Schild an die Wand gelehnt. Dann beſtieg
er ſein Roß und blickte ſich um, aber er ſah keinen Knappen
und keinen Diener. Er wandte ſich zum Tor und fand die
Bruͤcke herabgelaſſen. Er glaubte, da er dies ſah, die Diener
ſeien in den Wald gegangen, um nach Wildbret zu ſpaͤhen,
und ritt ohne Saͤumen auf die Bruͤcke, denn gern haͤtte er
von einem der Knappen erfahren, warum die Lanze blute
und wohin man den Graal trage. Kaum aber hatte er die
Bruͤcke betreten, als er fühlte, wie ſich die Füße feines Roſſes
hoben, das Tier machte einen gewaltigen Satz, und wenn es
nicht ſo gut geſprungen waͤre, ſo waͤre es ihnen beiden uͤbel
ergangen. Der Ritter wandte ſein Geſicht, um zu ſehen, was
das geweſen ſei, und er bemerkte, daß man die Bruͤcke empor⸗
gezogen habe. Er rief, aber niemand antwortete ihm.
„Heda, rief er, „du, der du die Bruͤcke aufgezogen haſt, wo
biſt du, ſprich mit mir, denn ich ſehe dich nicht. Tritt vor,
ich will dich um etwas fragen, das ich wiſſen moͤchte!“ So
ſprach er, und da niemand ihm antworten wollte, merkte er,
daß zuviel Schweigen manchmal ebenſo unklug iſt, wie zuviel
Reden. Er lenkte ſein Pferd auf einen Pfad, wo er eine
friſche Spur von Roſſen erblickte; „da ſind ſie wohl fortgerit⸗
ten, die ich ſuche“, ſprach er bei ſich und trabte tiefer und
tiefer in den Wald hinein
41
7. Iwein
ls König Artus einft zu Carduel das Pfingfifeft be
ging, erzählte Kalogreant feine letzte Abenteuerfahrt
zur Wunderquelle von Broceliande, welche für ihn
einen ſchlimmen Ausgang genommen hatte. König Artus
hoͤrte den Bericht und ſchwur, er wolle am Johannistage das
naͤmliche Abenteuer beſtehen, aber Iwein, der das Miß⸗
geſchick ſeines Vetters Kalogreant raͤchen wollte, brach in
aller Stille nach dem Zauberwalde auf.
Ein Bauer wies ihm den Weg: „Geht nur immer gerade⸗
aus, ſagte er, „dann werdet Ihr zu der kochenden Quelle
gelangen, die trotzdem ſo kalt iſt wie Marmelſtein. Der herr⸗
lichſte Baum, der Sommer und Winter ſein Laub behaͤlt,
überfchattet fie, und daran hängt an langer Kette ein metall⸗
nes Becken. Neben der Quelle werdet Ihr einen Stein finden
und auf der anderen Seite eine kleine Kapelle. Wenn Ihr
nun das Becken mit Waſſer fuͤllt und dieſes auf den Stein
ausgießt, ſo wird ſich ein ſolches Unwetter erheben, daß Wild
und Voͤgel den Wald fliehen; denn ſolchermaßen wird es
blitzen, ſturmen und krachen, regnen und donnern, daß Ihr
ſchon gewaltiges Gluͤck haben muͤßt, wenn Ihr ohne Schaden
davonkommen wollt.“
Gegen Mittag gewahrte J Iwein den Baum und die Ka⸗
pelle. Am Baume war ein Becken aus lauterm Golde be⸗
feſtigt, die Quelle aber brodelte wie kochendes Waſſer. Der
Steinblock war ein durchbohrter Smaragd mit vier Rubinen
beſetzt, die flammten wie die Morgenſonne. Iwein fuͤllte
das Becken und goß das Waſſer auf den Stein. Auf der
Stelle zuckten mehr als ein Dutzend Blitze hernieder und die
Wolken goſſen Schnee, Regen und Hagel aus. Iwein glaubte
von den rings um ihn einſchlagenden Blitzen und von den
ſplitternden Baͤumen vergehen zu muͤſſen. Aber alsbald
ſandte Gott wieder ſchoͤnes Wetter, die Voͤgel kehrten auf
die Tanne zuruͤck und trieben ihr luſtiges Spiel uͤber der
Wunderquelle. Kaum hatte ſich der Sturm gelegt, ſo er⸗
42
= 3 — —— *
ſchien, vor Zorn flammend wie Kohlenglut, ein Ritter mit
ſolchem Laͤrm, als jage er einen Brunſthirſch: es war der
Huͤter der Quelle. Beider Blick verkuͤndete, daß ſie einander
auf den Tod haßten. Mit maͤchtigen Lanzenſtoͤßen zerſpreng⸗
ten ſie einander Schild und Harniſch, die Lanzen zerſplitter⸗
ten und die Truͤmmer flogen in die Hoͤhe. Dann gingen ſie
einander mit den Schwertern an und es entbrannte ein furcht⸗
barer Kampf, doch keiner wich um eines Fußes Breite von
der Stelle. Schließlich zerhieb Herr Iwein den Helm des
Gegners, ſo daß das Blut von deſſen Haupte ſtroͤmte und die
Maſchen ſeines weißen Harniſchs roͤtete. Auf den Tod ver⸗
wundet floh der Fremde; im Galopp ſprengte er nach ſeiner
Burg, die Zugbruͤcke raſſelte herunter und das Tor oͤffnete
ſich, hinten nach aber jagte Herr Iwein, ungeſtuͤm wie ein
Falke, der einen Kranich verfolgt. So galoppierten ſie beide
durch das Stadttor und durch die menſchenleeren Straßen
und gelangten mit verhaͤngten Zuͤgeln vor das Tor des
Schloſſes. Der Zugang war ſo eng, daß zwei Ritter nicht
nebeneinander eindringen konnten. Wie bei einer Ratten⸗
falle befanden ſich unter dem Tor zwei Schlagfallen, welche
eine ſcharf geſchliffene eiſerne Falltuͤr hielten. Trat jemand
auf dieſe Vorrichtung, ſo ſauſte die Falltuͤr herab und er
war gefangen oder gar zerhackt. Der Quellwaͤchter ſprengte
geradeswegs hindurch, Iwein aber, der hinter ihm her⸗
haſtete, packte ihn ſchon am Sattelbogen, da trat ſein Roß
auf das Holzbrett, welches die Eiſentuͤre hielt. Wie die Teufel
in die Hoͤlle, ſo fuhr die Falltuͤr herab, durchſchnitt den Sattel
und trennte das Pferd mitten auseinander, ohne indeſſen,
Gott ſei Dank, Herrn Iwein zu beruͤhren, dem nur die
beiden Sporen von den Ferſen geriſſen wurden. Da ſtuͤrzte
er und der Todwunde entkam ihm. Eine ebenſolche Tuͤr,
wie ſie am aͤußeren Eingang ſich befand, war auch innen an⸗
gebracht. Der Schloßherr eilte hindurch und die Tuͤr fiel
hinter ihm herab. So war Herr Iwein gefangen.
Auf einmal hoͤrte er, wie ſich das ſchmale Tuͤrchen eines
Seitenraumes oͤffnete; eine wunderſchoͤne Jungfrau trat
43
heraus und ſchloß die Pforte hinter ſich wieder zu. Als fie
Herrn Iwein erblickte, erſchrak ſie: „Wenn man Euch hier
bemerkt, Herr Ritter,“ rief ſie, „ſo ſeid Ihr verloren. Unſer
Herr iſt auf den Tod verwundet, und wohl weiß ich, daß Ihr
ſein Moͤrder ſeid. Unſere Herrin und ihre Leute ſind troſtlos
und werden Euch gewißlich toͤten, wenn ſie Euch hier er⸗
wiſchen.“ „Das ſteht bei Gott!“ antwortete Iwein. „Sie
ſollen Euch aber nicht erwiſchen,“ hub Lunete, die Jungfrau,
wieder an, „denn ich will Euch helfen, wie Ihr mir einſt am
Artushofe halfet, als ich als kleines bloͤdes Maͤdchen dorthin
kam. Da, nehmt dies Ringlein und ſtellt es mir zuruͤck, wenn
Ihr wieder frei ſeid!“ Sie fuͤgte hinzu, daß es mit dem
Ringe dieſe Bewandtnis habe: wenn man ihn ſo anſtecke, daß
der Stein in der Fauſt verborgen ſei, ſo brauche der, welcher
den Ring am Finger trage, nichts mehr zu fuͤrchten, denn er
ſei fuͤr jedermann unſichtbar, ebenſo wie ein Baumſtamm,
den die Rinde verdeckt. Nach dieſen Worten fuͤhrte ſie den
Ritter in den Nebenraum, hieß ihn ſich auf ein Ruhebett
niederlaſſen und reichte ihm Speiſe und Trank. Nun kamen
die Ritter und Buͤrger, die ihren Herrn raͤchen wollten, ſie
zogen die Falltuͤren in die Hoͤhe und fanden die beiden Teile
des toten Roſſes, aber Iwein war nirgends zu ſehen. Raſend
vor Wut ſtuͤrzten ſie in den Saal und ſchlugen blindlings auf
Waͤnde, Betten und Baͤnke ein, aber das Bett, auf dem
Iwein lag, blieb unberuͤhrt.
Waͤhrend ſie noch in ihrer Blindheit raſend um ſich
ſchlugen, trat eine Frau in den Saal, die war ſo ſchoͤn, wie
ſie kein Sterblicher je geſehen. Doch war ſie ſo gramgebeugt,
daß ſie dem Tode nahe ſchien. Das eine Mal ſchrie ſie laut
auf, dann ſank ſie wieder ohnmaͤchtig zu Boden, darauf be⸗
gann ſie ſich zu zerfleiſchen und ihre Haare zu raufen. Und
ſiehe, die Leiche des Herrn wurde auf einer Bahre voruͤber⸗
getragen, Kerzentraͤger gingen ihr voraus und Kloſterfrauen,
dann folgten Geiſtliche mit Meßbuͤchern und Weihrauch⸗
keſſeln. Herr Iwein hoͤrte die Wehklagen, und die Prozeſſion
zog voruͤber, um die Bahre aber draͤngte ſich eine ſtaunende
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Menge, denn das Blut floß klar und purpurn aus den Wun⸗
den des Toten. Das war der ſichere Beweis, daß der, wel⸗
cher den Tod des Schloßherrn veranlaßt hatte, ſich noch hier
im Saale befinden mußte. Von neuem begann das Suchen
und Schlagen, doch Herr Iwein ruͤhrte ſich nicht. Die Frau
aber ſchrie wie eine Wahnſinnige: „Ach Gott! Soll man den
Moͤrder, den Schurken nicht finden, der meinen guten Herrn
umgebracht hat. Guten? Den Beſten der Guten! Hat ſich
ein Geiſt oder der leidige Feind unter uns gemengt, bin ich
behert, daß meine Augen ihn nicht ſehen? Ein Feigling iſt
er, wenn er mir nicht ſteht, er, der gegen meinen Herrn ſo
mutig war. Wahrlich, er kann nicht von dieſer Welt ſein,
wenn er meinem unvergleichlichen Herrn ſtandhielt.“ Dann
trugen ſie die Leiche hinaus und begruben ſie. Die Menge
wurde ſchließlich des Suchens muͤde und zerſtreute ſich. Nun
trat die Jungfrau wieder zu Iwein. „Herr“, ſagte fie, „wie
ein Jagdhund nach einem Rebhuhn oder einer Wachtel ſpuͤrt,
ſo haben ſie jeden Winkel abgeſucht. Das muß Euch in Furcht
geſetzt haben!“ „Das iſt richtig,“ antwortete Iwein, „aber
nichtsdeſtoweniger moͤchte ich durch ein Fenſter den Leichen⸗
zug da draußen beobachten.“ So ſagte er, aber in Wahrheit
kuͤmmerte er ſich weder um die Leiche noch um den Zug,
ſondern er ſprach es, weil er die Herrin der Stadt ſchauen
wollte. Lunete fuͤhrte ihn an ein Fenſterchen, durch welches
er die ſchoͤne Frau erſpaͤhen konnte, welche immer noch ihrem
toten Gatten nachtrauerte: „Euch, lieber Herr, kam nie ein
Ritter gleich an Ehren weder noch an feiner Sitte. Frei⸗
gebigkeit war Eure Freundin und Mut Euer Gefaͤhrte. Unter
der Schar der Heiligen moͤge, teurer Herr, Eure Seele weilen.“
Dabei zerriß ſie immer wieder mit den Haͤnden ihr Gewand,
dergeſtalt, daß Iwein ſich nur mit Muͤhe zuruͤckhalten ließ,
ſie daran zu hindern. Lunete mahnte ihn nochmals, ruhig
und beſonnen zu bleiben, dann ging auch ſie, um an der
Leichenfeier teilzunehmen.
Inzwiſchen hatte aber die Frau, ohne es zu wiſſen, einen
Raͤcher fuͤr den Tod ihres Gatten gefunden, und zwar einen
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ſtaͤrkeren als fie felbft jemals hätte finden koͤnnen: Amor
hatte naͤmlich fuͤr ſie Rache genommen, dadurch, daß er
Iwein durch die Augen in das Herz getroffen hatte. Hier⸗
durch hatte Herr Iwein eine Wunde erhalten, die nie wieder
heilen ſollte. Je laͤnger Iwein die Frau durch das Fenſter
beobachtete, deſto mehr verliebte er ſich in ſie und deſto
ſchoͤner erſchien ſie ihm. Gewiß, er wußte, daß ſie ihn wegen
der Toͤtung ihres Gatten haſſen muͤſſe, aber eine Frau hat
mehr als tauſend Gefuͤhle. Vielleicht wird ſich das Gefuͤhl,
daß ſie zur Zeit hegt, noch einmal aͤndern? Sicher wird es
das, ohne „vielleicht“ und er wäre töricht, wenn er zuvor
verzweifeln wollte, Gott gebe nur, daß es bald wechſle.
Waͤhrend er noch in ſolchen Gedanken befangen war, kehrte
Lunete zuruͤck, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, ihn zu troͤſten
und zu zerſtreuen. „Herr Iwein,“ redete ſie ihn an, „wie
iſt es Euch inzwiſchen ergangen?“ „Nach Gefallen!“ er⸗
widerte er. „Nach Gefallen? Wie? Kann es einem nach
Gefallen ergehen, wenn man zum Tode geholt werden ſoll?“
„Gewiß, meine liebe Freundin,“ entgegnete er, „ich moͤchte
jetzt nicht ſterben, denn was ich ſah, hat mir ſehr gefallen und
gefällt mir noch und wird mir immer mehr gefallen!“
„Laſſen wir das,“ ſprach Lunete, „ich verſtehe ſehr wohl,
worauf dieſes Wort zielt, ich bin nicht ſo einfaͤltig. Aber jetzt
kommt, damit ich Eure Befreiung bewerkſtellige. Heute
Nacht noch oder morgen fruͤh ſollt Ihr in Sicherheit ſein.“
„Oho,“ verſetzte er, „ich will nicht wie ein Dieb davon⸗
ſchleichen. Mit mehr Ehren werde ich von dannen ziehen,
wenn alles Volk draußen auf der Straße verſammelt iſt, als
wenn ich naͤchtlicherweile mich aus dem Staube mache!“
Die Jungfrau erinnerte ſich ſehr wohl an Iweins Worte,
und da ſie ſehr gut mit ihrer Herrin ſtand, ſo benutzte ſie
die naͤchſte Gelegenheit, um die Sache zur Sprache zu brin⸗
gen. „Herrin,“ ſprach ſie, „es wundert mich ſehr, daß Ihr
Euch ſo ſinnlos gebaͤrdet; glaubt Ihr denn, den Herrn durch
Eure Traͤnen zuruͤckzugewinnen?“ „Ach,“ entgegnete jene,
„ich wuͤnſchte, ich ſtuͤrbe vor Schmerz!“ „Warum?“ „Um
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ihm nachzufolgen!“ „Ihm nach...? Davor bewahre Euch
Gott, vielmehr gebe er Euch wieder einen ebenſo guten Ge⸗
mahl, der auch ebenſo tapfer iſt.“ „Einen ſo trefflichen kann
er mir nicht wiedergeben!“ „Einen beſſeren wird er Euch
geben, wenn Ihr ihn nehmen wollt, das will ich Euch be⸗
weiſen.“ „Geh, ſchweig! Einen ſolchen werde ich nie fin⸗
den!“ „Doch, Herrin, wenn Ihr wollt. Denn, ſagt mir
doch — um Vergebung —, wer ſoll Euren Boden ſchuͤtzen,
wenn Koͤnig Artus herkommt, der, wie Ihr wißt, naͤchſte
Woche zur Quelle und zum Steinblock gelangen wird? Ihr
ſolltet lieber einen Entſchluß faſſen, wie Ihr Eure Quelle ver⸗
teidigen wollt, anſtatt daß Ihr unaufhoͤrlich jammert.“
„Geh!“ zuͤrnte die Herrin, „ich will nichts mehr davon
hoͤren!“ „Auch gut, Frau!“ ſchmollte Lunete, „da kann man
nichts machen, wenn ſich die Herrin uͤber guten Rat er⸗
zuͤrnt.“ Aber ihre Worte hatten doch gewirkt, die Dame
hätte gar zu gern gewußt, wie Lunete beweiſen wollte, daß
ſie einen beſſeren Ritter finden koͤnne, als ihr Gatte geweſen
war, und bald kam das Geſpraͤch wieder auf dieſen Gegen⸗
ſtand. „Geſetzt, daß zwei Ritter ſich bewaffnet im Kampfe
gegenuͤberſtehen“, ſagte Lunete, „und daß der eine den an⸗
deren beſiegt, wer, glaubt Ihr, iſt wohl der beſſere? Ich
meinerſeits wuͤrde dem Sieger den Preis zuerkennen. Und
Ihr?“ „Mir ſcheint, du willſt mir auflauern, um mich dann
beim Wort zu nehmen.“ „Ich ſage die reine Wahrheit, ich
will Euch nur beweiſen, daß der, welcher Euren Gatten be⸗
ſiegte, ein beſſerer Ritter iſt als jener war.“ Nun brach der
Zorn der Herrin los und Lunete eilte wieder zu Iwein, der
bekuͤmmert daruͤber war, daß er den Anblick der Schloß⸗
herrin entbehren mußte. Dieſe ſorgte ſich indeſſen doch
darum, wie ſie ihre Quelle verteidigen ſollte, und ſie bereute
ihre harten Worte gegen Lunete. Am anderen Morgen ent⸗
ſchuldigte ſie ſich bei ihr und fragte ſie nach Name und Art
des Siegers. „Ich werde ihn“, ſagte fie, „Dafür buͤrge ich
dir, zum Herrn uͤber mich und mein Land machen. Aber es
muß ſo geſchehen, daß uͤber mich keine uͤble Nachrede ent⸗
47
Bar —
ein
fteht, etwa: das iſt die, die den Mörder ihres Gatten ge⸗
nommen hat.“ „Gewiß, Herrin, Ihr werdet den edelſten
und vornehmſten und ſchoͤnſten Mann bekommen, der je aus
dem Stamme Abels geboren wurde.“ „Wie heißt er denn?“
„Herr Iwein.“ „Bei Gott, der iſt nicht uͤbel. Er iſt von
edler Geburt, ich weiß wohl, er iſt der Sohn des Koͤnigs
Urian.“ „So iſt es.“ „Und wann kann ich ihn haben?“
„In fuͤnf Tagen.“ „Das iſt zu lange, er ſollte ſchon da ſein.
Er ſoll heute Nacht oder doch ſpaͤteſtens morgen kommen.“
Lunete verſprach nun, den Ritter herbeizuſchaffen und beriet
ihre Herrin, wie ſie ihre Barone mit ihrer ſchnellen Wieder⸗
verheiratung verſoͤhnen koͤnne: es muͤßte doch jedem ein⸗
leuchten, daß die Quelle einen neuen Verteidiger haben muͤſſe.
Iwein wurde alſo vor die Schloßherrin gefuͤhrt, um von
ihr, wie die liſtige Lunete ſagte, ins Gefaͤngnis geworfen zu
werden, und er folgte demuͤtig und krank vor Liebe und Sehn⸗
ſucht. Und hatte die Jungfrau nicht recht, wenn ſie ihn einen
Gefangenen nannte? Denn wer liebt, iſt in Ketten. Ge⸗
beugten Hauptes trat Iwein vor die Schloßherrin, er faltete
die Haͤnde und ließ ſich vor ihr auf die Knie nieder. „Herrin,
ich bitte nicht um Gnade. Gern will ich alles leiden, was Ihr
mit mir vorhabt, und ich will Euch noch dafuͤr danken.“ „Und
wenn ich Euch toͤten laſſe, wie Ihr meinen Herrn getoͤtet
habt?“ „Wenn Euer Herr mich angriff, welches Unrecht tat
ich, mich zu verteidigen?“ „Wenn Ihr Euch ſchuldlos fuͤhlt,
warum wollt Ihr dann meinen Willen uͤber Euch ergehen
laſſen? Setzt Euch und ſteht mir Rede!“ „Herrin, mein
Herz treibt mich dazu!“ „Und wer trieb Euer Herz?“
„Herrin, meine Augen!“ „Und wer die Augen?“ „Die hohe
Schoͤnheit, die ich an Euch ſah!“ „Die Schoͤnheit, was hat
die damit zu tun?“ „Herrin, ſie heißt mich lieben!“ „Lieben?
Und wen?“ „Euch, teure Frau!“ „Mich? Und wie?“ „So,
daß ich nur noch an Euch denke, daß ich Euch mehr liebe als
mich ſelbſt, daß ich fuͤr Euch leben oder ſterben will!“ „Und
werdet Ihr meine Quelle ſchuͤtzen?“ „Gegen die ganze
Welt!“ „Dann ſind wir alſo einig.“
48
Darauf führte fie ihn in den Saal zu den Baronen, wel:
chen ſeine ritterliche Geſtalt gewaltig in die Augen ſtach und
welche ihn ohne Widerrede als ihren Herrn anerkannten.
Noch am gleichen Tage vermaͤhlte ſich Herr Iwein mit
Laudine von Landuc, der Tochter des ſangesberuͤhmten Her⸗
zogs Landunet.
Am Tage darauf kam Koͤnig Artus mit ſeinen Begleitern
zur Wunderquelle und zum Stein. „Nun?“ ſpottete Kei,
„was iſt aus Iwein geworden, der ſich nach dem Mahle vom
Weine berauſcht ruͤhmte, ſeinen Vetter raͤchen zu wollen. Er
iſt feige geflohen!“ „Gnade, Herr Kei, verſetzte Gawein,
„wenn Herr Iwein nicht hier iſt, ſo hat er ſicherlich einen
Entſchuldigungsgrund.“ Kei ſchwieg und der Koͤnig goß
Waſſer aus dem Becken auf den Stein unter der Tanne, und
ſogleich begann es in Stroͤmen zu regnen. Alsbald erſchien
Herr Iwein bewaffnet im Walde. Kei bat den Koͤnig, als
erſter mit dem Huͤter der Quelle kaͤmpfen zu duͤrfen und
dieſe Bitte wurde ihm ſogleich gewaͤhrt. Herr Iwein aber
verſetzte ihm einen Stoß von ſolcher Heftigkeit, daß er einen
Purzelbaum von ſeinem Sattel herab ſchoß und ſein Helm
am Boden rollte. Iwein ließ ihn liegen und trat vor den
Koͤnig, indem er Keis Roß am Zuͤgel fuͤhrte. „Herr,“ ſprach
er, „nehmt dieſes Roß. Ich wuͤrde uͤbel tun, wenn ich etwas
von Eurer Habe zuruͤckbehalten wollte.“ „Und wer ſeid Ihr?“
fragte Koͤnig Artus, „ich kenne Euch nicht, wenn ich nicht
Euren Namen hoͤre oder Euch unbewaffnet erblicke. Da gab
ſich Iwein zu erkennen und Kei war aͤußerſt niedergeſchlagen,
zumal da er noch kurz zuvor uͤber ihn geſpottet hatte. Gawein
aber freute ſich hundertmal mehr als alle anderen, daß er
ſeinen Gefaͤhrten wiedergefunden hatte. Nun mußte Iwein
dem Koͤnig ſein Abenteuer erzaͤhlen, aber als er ſeinen Be⸗
richt beendet hatte, erſuchte er Artus, er moͤge mit all ſeinen
Rittern bei ihm Herberge nehmen. Der Koͤnig erwiderte,
gern wolle er ihm fuͤr eine Woche Ehre, Freude und Geſell⸗
ſchaft verſchaffen. Iwein dankte dem Koͤnig und nun be⸗
gaben ſich alle zur Burg, nachdem zuvor ein Bote an Laudine
4 Franz. Märchen 1 49
abgeſchickt worden war, der fie von dem bevorſtehenden Be⸗
ſuch in Kenntnis ſetzen ſollte. Durch die gaffende Menge
ging die Schloßherrin, umgeben von tanzenden Jungfrauen,
in ein Hermelingewand gehuͤllt und mit einer rubingeſchmuͤck⸗
ten Krone auf dem Kopfe, dem Koͤnig entgegen und bewill⸗
kommnete ihn. Den Tag beſchloß ein großes Feſt und Ga⸗
wein dankte es Lunete durch mannigfache Gunſtbezeigungen,
daß ſie ſeinen Freund vom Tode gerettet hatte. Die ganze
Woche verging unter Feiern, Jagden und Beſichtigen der
Schloͤſſer. Als aber der Koͤnig nicht mehr laͤnger ver⸗
weilen wollte, ließ er alles zur Abreiſe ruͤſten.
Man hatte ſich die ganze Woche bemuͤht, Iwein zu ver⸗
anlaſſen, daß er mitziehe. „Wie?“ hatte Gawein zu ihm ge⸗
ſagt, „gehoͤrt Ihr auch zu denen, die weniger taugen, ſobald
ſie beweibt ſind? Verflucht ſei, wer nur heiratet, um ſich zu
verliegen, man ſoll umgekehrt tuͤchtiger werden durch den
Umgang mit ſchoͤnen Frauen. Brecht die Feſſel, die Euch
bindet, dann wollen wir beide wieder zu Turnieren reiten,
damit niemand Euch eiferſuͤchtig ſchilt. Jedes Gut wird be⸗
gehrenswerter, wenn man ſeinen Genuß hinausſchiebt,
ſchoͤner iſt es, ein geringes Gluͤck nach einem Aufſchub zu
koſten, als ein großes alle Tage. Spaͤte Liebesfreude gleicht
einem brennenden gruͤnen Buſch, der um ſo heißer brennt,
je laͤnger er zoͤgert, Feuer zu fangen.“ So lange redete Ga⸗
wein auf ſeinen Freund ein, bis dieſer ihm verſprach, mitzu⸗
ziehen. Aber zuvor muͤſſe er ſeine Herrin fragen, ob ſie ihm
Urlaub gewaͤhren wolle, um nach Britannien zuruͤckzukehren.
Er ſprach alſo zu Laudine: „Meine teuere Frau, die Ihr mein
Herz und meine Seele ſeid, wollt Ihr mir um Eurer und
meiner Ehre willen etwas verfprechen?” „Lieber Herr,” ver⸗
ſetzte ſie, „Ihr moͤgt mir befehlen, was Euch gut duͤnkt!“
Nun bat ſie Iwein um Urlaub, dem Koͤnig zu folgen und
zu Turnieren zu reiten, damit man ihn nicht traͤge ſchelte.
Sie ſprach: „Ich gewaͤhre Euch den Urlaub bis zu einem be⸗
ſtimmten Zeitpunkt. Aber meine Liebe, die ich zu Euch
trage, wird ſich in Haß verwandeln, wenn Ihr dieſen Zeit⸗
50
punkt, den ich Euch angeben werde, überfchreitet. Wenn Ihr
Euch meiner Liebe fuͤrderhin erfreuen wollt, ſo ſeid darauf
bedacht, in ſpaͤteſtens einem Jahre zuruͤck zu ſein, acht Tage
nach dem Feſte St. Johannis. Los und ledig ſollt Ihr meiner
Liebe werden, wenn Ihr an dieſem Tage nicht wieder bei
mir ſeid.“ Iwein konnte ihr vor Gram kaum antworten:
„Herrin, dieſe Zeitſpanne iſt zu lang. Koͤnnte ich eine Taube
ſein, gar oft waͤre ich bei Euch! Ich bitte Gott, daß er mich
nicht ſo lange verharren laͤßt. Aber was ſoll werden, wenn
Krankheit oder Haft mich hindern?“ „Wenn Gott Euch vor
dem Tode bewahrt, ſo wird Euch keine Verzeihung zuteil,
wenn Ihr nicht mein zur rechten Zeit gedenkt. Nehmt dieſen
Ring an Euren Finger, er wird Euch vor Kerker und Wunden
bewahren. Wenn ein wahrhaft Liebender ihn traͤgt, ſo wird
er dadurch ſo hart wie Eiſen: der Ring Toll Euer Schild und
Harniſch fein!" Weinend trennte ſich Iwein von ihr, mit
Traͤnen waren ihre Abſchiedskuͤſſe beſaͤt und von Zaͤrtlichkeit
umduftet.
Nun begann ein bewegtes Leben. Überall, wo man tur:
nierte, waren Iwein und Gawein zu ſehen. So ging das
Jahr voruͤber, und immer noch gelang es Gawein, ſeinen
Freund zuruͤckzuhalten. Das andere Jahr brach an und es
war ſchon zu Mitte Auguſt, als Koͤnig Artus Hoftag in
Cheſter hielt. Gerade am Tage vorher waren die beiden
Gefaͤhrten von einem Turnier zuruͤckgekehrt, bei welchem
Iwein den Hauptpreis davongetragen hatte. Sie hatten
nicht in der Stadt abſteigen wollen, ſondern hatten ihre Zelte
außerhalb der Mauern aufgeſchlagen. Dort ſuchte ſie Koͤnig
Artus auf und ſetzte ſich zwiſchen ſie auf das Lager. Da be⸗
gann Herr Iwein in Gedanken zu verfallen und nie, ſeit er
von ſeiner Herrin Abſchied genommen hatte, war ihm ein
Gedanke ſo ſchwer aufs Herz gefallen wie dieſer, denn er
wußte wohl, daß er ſein Verſprechen nicht gehalten hatte und
daß der Zeitpunkt uͤberſchritten war. Noch gruͤbelte er ſo,
da ſah man auf ſchwarz⸗ und weißgeflecktem Roß eine
Jungfrau heranreiten. Vor dem Zelte ſtieg ſie ab, aber nie⸗
4* 51
mand kam, ihr zu helfen, niemand nahm ihr Roß in Hut.
Als ſie den Koͤnig erblickte, ließ ſie den Mantel fallen und
trat ins Zelt. Sie ſagte, ihre Herrin laſſe den Koͤnig gruͤßen
und Gawein ebenſo und alle außer dem Verräter Iwein,
dem Luͤgner und gleißneriſchen Schwaͤtzer, der ſie verlaſſen
und betrogen habe. „Als Heuchler hat ſich der erwieſen, der
ſich als wahrhaft Liebender ausgab und doch ein falſcher Ver⸗
raͤter war. Er hat ihr Herz geſtohlen und iſt damit geflohen.
Herr Iwein hat meine Herrin dem Tode nahegebracht. Ach,
ſie glaubte, er wolle ihr Herz bewahren und ihr nach Jahres⸗
friſt zuruͤckſtellen. Alle Tage des Jahres hat ſie in ihrer
Kammer angekreidet und jede Nacht hat ſie die Tage ge⸗
zaͤhlt, die verſtrichen waren und die noch kommen ſollten.
Doch du kamſt nicht. Ich will dich nicht anklagen, aber ſo viel
will ich ſagen, daß uns der verraten hat, der dich mit unſerer
Herrin verheiratete. Iwein, nun ſorgt ſie ſich nicht mehr um
dich, ſondern fie befiehlt dir durch mich, daß du ihr nie wieder
unter die Augen treteſt und ihren Ring nicht laͤnger be⸗
halteſt. Gib ihn zuruͤck, Verraͤter, dann geh, wohin du willſt!“
Wie Iwein vor Kummer wahnſinnig wurde, wie er durch
eine Zauberſalbe geheilt wurde und dann nach endloſen
Abenteuern und Gefahren ſchließlich doch ſeine Laudine
zuruͤckgewann, das alles moͤgt ihr bei Meiſter Chriſtian ſelber
nachleſen.
8. Die Geburt des Schwanritters
s geſchah einmal, daß der Koͤnig Oriant, welcher
Ei maͤchtiger und ruhmvoller Herrſcher war, mit
der Koͤnigin Beatrix, ſeiner Gemahlin, am Fenſter
feines Schloſſes ſaß. Und fie blickten auf die Straße; da
gewahrte der Koͤnig eine Frau, welche zwei Kinder trug, die
Zwillinge zu ſein ſchienen. Der Koͤnig ſagte zur Koͤnigin:
„Frau, es wundert mich ſehr, daß wir kein Kind haben. Seht
da, die arme Frau, welche deren zwei hat, und ſogar ſehr
ſchoͤne, Zwillinge, wie mir ſcheint.“ Als die Dame die
52
Worte ihres Gatten vernahm, ſprach fie voll Zorn und
Gram: „Ach Herr, ich koͤnnte niemals glauben, daß eine
Frau zwei Kinder auf einmal haben kann, wenn ſie nicht
bei zwei Maͤnnern gelegen iſt.“ „Ha, Frau!“ ſagte der
Koͤnig, „Ihr redet ſchlecht. Denn wiſſet, bei Gott iſt nichts
unmoͤglich.“ Dann ließen ſie von dieſer Rede, bis der Koͤnig
eines Tages bei ſeiner Gattin lag und ihr mit Gottes Hufe
ſieben Kinder erzeugte.
Der Koͤnig Oriant hatte eine Mutter, welche eine boͤſe
alte Hexe war. Sie war ſehr betruͤbt, als ſie erfuhr, daß die
Koͤnigin ſchwanger ſei. Die Koͤnigin trug ihre Buͤrde, bis
Gott ihr erlaubte, an einem Tage mit ſieben Kindern nieder⸗
zukommen. Bei ihrer Entbindung hatte fie keine andere
Frau bei ſich als die alte Matabrune, die Mutter des Koͤnigs
Oriant, welche ein betruͤgeriſches und boͤſes Weib war. Sechs
von den Kindern waren Soͤhne, das ſiebente aber war ein
Maͤdchen, und aus allen ging ſpaͤterhin ein edles Geſchlecht
hervor. Matabrune legte die Kinder in ihren Schoß und rief
Marke, einen ihr Untergebenen, zu ſich und zu ſprach ihm:
„Nehmt, Freund, und bringt dieſe Kinder an einen ſolchen
Ort, daß man niemals wieder von ihnen reden hoͤre. Tragt
Sorge, daß Ihr ſie toͤtet!“ Marke nahm die Kinder und trug
ſie tief in den Wald, dort legte er ſie ins Gras. Die Kindlein
laͤchelten ihn an. Als Marke ſie erblickte, hatte er großes Mit⸗
leid mit ihnen und ſprach: „Gott ſoll mich verlaſſen, wenn ich
euch ein Leid antue!“ Er ließ alſo die Kinder dort und
kehrte heim. Die alte Hexe ſchaute unter einer Stiege nach
und fand eine Huͤndin, welche ſieben Huͤndlein geworfen
hatte. Dieſe nahm ſie und ging zu ihrem Sohn. Als der
Koͤnig Oriant ſie kommen ſah, erhob er ſich gegen ſie und
ſprach: „Seid willkommen, Mutter! Was bringt Ihr Neues,
Mutter?“ „Ach,“ ſagte die alte Matabrune, „lieber Sohn,
ich bringe haͤßliche, ſchreckliche und boͤſe Nachricht. Da, ſeht,
womit Euch Eure Gattin beſchenkt hat! Sie iſt mit dieſen
ſieben Huͤndlein niedergekommen. Sie iſt die unzuͤchtigſte
Frau, die je gelebt hat, und verweigert ſich keinem Manne.
53
En.
Gar oft habe ich fie mit einem anderen als mit Euch über:
raſcht. Aber um Eurer Ehre willen habe ich geſchwiegen.
Jetzt aber hat ſie dieſe lieben Hunde geboren. Laßt ſie ver⸗
brennen! Denn es gab nie eine ſchlechtere Frau, als ſie iſt,
und wenn Ihr es nicht tun wollt, ſo werde 85 ſie ſelber ver⸗
brennen!“
Als der Koͤnig die Hunde ſah und hoͤrte, was ſeine Mutter
zu ihm ſprach, da wurde er ſehr traurig und ſagte: „Mutter,
ich glaubte nie, daß es auf der Welt eine beſſere und zuͤch⸗
tigere Frau gibt als die meine. Ihr Fehltritt ſchmerzt mich
arg. Aber, um Gottes willen, liebe Mutter, helft mir dies
verheimlichen, denn ich habe ſie geheiratet und habe ihr ver⸗
ſprochen, ich wolle ihr treu und gnaͤdig ſein. Und wie koͤnnte
ich ſie verbrennen laſſen oder zuſehen, wie ſie verbrannt
wuͤrde?“ „Lieber Sohn,“ ſagte die Alte, „Ihr zoͤgert zu
lange. Ich werde ſie in einen Kerker werfen laſſen.“ Da rief
die Alte zwei ihrer Diener und trat zu dem Bette der guten
Beatrix. „Du ſchmutzige, unzuͤchtige Dirne,“ ſagte ſie zu
ihr, „jetzt tritt deine Schamloſigkeit ans Licht; ſagteſt du doch,
daß eine Frau keine zwei Kinder haben koͤnne, ohne ſich zwei
Maͤnnern hingegeben zu haben. Nun koͤnnte mein Sohn
ſagen, daß du bei ihrer ſieben gelegen biſt. Nicht um das
ganze Gold von Rußland wuͤrde er darauf verzichten, daß
du morgen verbrannt wirſt.“ „Die heilige Jungfrau“,
verſetzte die Koͤnigin, „wird nicht zulaſſen, daß ich auf ſolche
Weiſe umkomme, ſo wahr ich in Zuͤchten gelebt habe!“
„Das nuͤtzt dir nichts, du Hure!“ ſagte die alte Matabrune.
Da packten die boͤſen, verraͤteriſchen Diener die gute Koͤnigin
und ſchleppten ſie in einen finſteren Kerker, wo die gute Frau
weder Bett noch Linnen hatte. Darauf wurden die zwei
Diener ſogleich geblendet und ſahen fuͤrderhin das Licht
nicht mehr. Die Frau aber litt große Pein.
Nun aber hoͤrt von den Kindern, welche im Walde an
einem Fluß lagen, wo ſie Marke eingehuͤllt in ein Fell
zuruͤckgelaſſen hatte. Jedes von ihnen hatte ein Kettlein um
den Hals, und das war ihre Beſtimmung: wenn ſie dieſe
54
Kettlein verlieren würden, jo müßten fie geflügelte Schwäne
werden. Solange ſie dieſelben aber trugen, hatten fie
menſchliche Geſtalt. Siehe, da kam ein Einſiedler, welcher
ſchon ein Jahr im Walde gelebt hatte, dorthin. Er gewahrte
die Kinder und bat unſeren Herrn, daß er ihnen nach ſeinem
Gefallen Nahrung ſchicken möchte, davon fie leben könnten.
Es dauerte nicht lange, da ſandte Gott eine Ziege, welche
die Kinder mit Milch verſah, ebenſogut wie es eine Frau
getan haͤtte. Der Eremit trug die Kinder in ſein Haus, und
jeden Tag kam die Ziege dorthin. Und ſo naͤhrte er die Kin⸗
der lange Zeit.
Da geſchah es eines Tages, daß der Einſiedler in den Wald
gegangen war und eines der Kinder mit ſich genommen
hatte. Der Foͤrſter Malquerre kam durch Zufall in das
Haus des Einſiedlers, fand die ſechs ſchoͤnen Kinder und ſah
die Kettlein, die ſie um den Hals trugen. Er ſagte zu ſich,
wenn es mit dem Willen ſeiner Herrin geſchehe, ſo wolle er
ihnen die Kettlein wegnehmen. Der Verraͤter begab ſich
alſo zu einer Herrin und ſprach: „Herrin, ich habe ſechs
wunderſchoͤne Kinder in jenem Walde gefunden, und ſie
trugen ſechs Kettlein um den Hals. Herrin, wenn Ihr es mir
erlaubt, ſo werde ich gehen und ſie ihnen nehmen.“ Als die
Alte ſolches vernahm, wurde ſie ſehr bekuͤmmert, denn ſie
merkte wohl, daß dies ihre Enkel waͤren, die Marke in den
Wald gebracht hatte. Sie ſprach zu Malquerre: „Geht wie⸗
der in die Einſiedelei und nehmt ihnen die Ketten ab, und
wenn fie euch Widerſtand leiſten, fo tötet fie!” Sogleich
machte ſich Malquerre auf den Weg. Matabrune rief Marke,
ſie wolle mit ihm reden; und er kam. Da fuͤhrte ſie ihn in
ein Gemach und beſchwor ihn, daß er ihr der Wahrheit ge⸗
maͤß erzaͤhle, was er mit den ſieben Kindern gemacht habe,
die ſie ihm anvertraut haͤtte, und wenn er luͤgen wuͤrde, ſo
wolle ſie ihn in Stuͤcke zerreißen. Da ſagte der wackere Mann:
„So wißt, Herrin, daß ich ſie lebendig im Walde zuruͤck⸗
ließ.“ Die Alte ließ * ergreifen und en die Augen aus⸗
reißen. | -
55
Malquerre wanderte fo lange, bis er in die Einſiedelei kam.
Es traf ſich, daß der Eremit in den Wald gegangen war und
eines der Kinder mit ihm. Als Malquerre die ſechs Kinder
und ihre Ketten erblickte und bemerkte, daß niemand zugegen
war, da wurde er ſehr froh. Er nahm die Kinder und jagte
ſie aus dem Hauſe, und jedesmal, wenn er eines ergriff, riß
er ihm ſeine Kette ab. Und jene wurden zu weißen Schwaͤ⸗
nen und flogen auf einen Teich ihres Vaters, des Koͤnigs
Oriant von Illefort. Als der Verraͤter dieſes ſah, erſchrak er
gewaltig. Darauf kehrte Malquerre zu ſeiner Herrin zuruͤck
und brachte ihr die Kettlein. Matabrune ließ einen Gold⸗
ſchmied kommen und bat ihn, er moͤge aus den ſechs Ketten
eine Trinkſchale verfertigen. Jener antwortete: „Gerne,
Herrin!“ Darauf nahm er eine der Ketten und ſchmiedete
ſie und verfertigte eine praͤchtige Schale daraus. Die uͤbri⸗
gen fuͤnf Ketten aber brachte der Goldſchmied in Sicherheit,
denn er merkte wohl, daß ſie uͤberaus koſtbar waren. Als
der Einſiedler und das Kind aus dem Walde zuruͤckkamen
und die übrigen Kinder nicht mehr zu Haufe vorfanden, da
wurden ſie gar betruͤbt und zornig und gebaͤrdeten ſich ganz
verzweifelt.
Kurz darauf ereignete es ſich, daß Matabrune zum Koͤnig
Oriant, ihrem Sohne, ging und ſprach: „Lieber Sohn, du
biſt zu ſehr beſchimpft; laß deine Frau verbrennen, denn es
iſt ein gar zu todeswuͤrdiges Verbrechen, daß ſie mit einem
Hunde ſchlief.“ Da wurde der Koͤnig ſehr traurig; er berief
alle ſeine Barone, damit ſie ein Urteil uͤber ſeine Frau ſpre⸗
chen ſollten. Dieſe lag nun ſchon ſeit fünfzehn Jahren im
Kerker und war in dieſer Zeit niemals ſatt geworden. Sie
flehte inniglich zu Gott, daß er ſie aus dieſem Elend erloͤſen
moͤge, denn der Hunger und die Not quaͤlten ſie gar ſehr.
Als die Barone verſammelt waren, wurde das Urteil dahin⸗
gehend gefaͤllt, daß die Koͤnigin am folgenden Tage ver⸗
brannt werden ſollte, wenn ſie keinen Kaͤmpfer faͤnde, der
ſie verteidigen wuͤrde.
Da ereignete es ſich, daß unſer Herr Jeſus Chriſtus, der
56
nicht wollte, daß die Frau umkaͤme, einen feiner Engel zum
Einſiedler in den Wald ſandte, welcher zu ihm folgender⸗
maßen ſprach: „Eremit, Gott befiehlt dir, daß du morgen
fruͤhe deinen Knaben in die Stadt Illefort ſendeſt, damit er
ſeine Mutter, welche die Gattin des Koͤnigs Oriant iſt, vor
dem Feuertode rettet. Er und die ſechs anderen Kinder ſind
Soͤhne des Koͤnigs Oriant und der Koͤnigin Beatrix. Mata⸗
brune hat ſie verleumdet, ſie habe ſieben Hunde geboren,
und darum ſoll ſie morgen verbrannt werden, wenn ihr keine
Hilfe kommt. Aber Ihr ſollt nicht zweifeln, daß ihr Gott
helfen wird.“ Fernerhin befahl er, daß der Knabe getauft
werde und den Namen Helias erhalte. Darauf verſchwand
der Engel. Als der Tag angebrochen war, weckte der Ein⸗
ſiedler den Knaben und ſprach zu ihm: „Lieber Sohn, er⸗
hebe dich; du mußt nach Illefort gehen, deine Mutter vor
dem Feuertode retten und von dem Verbrechen, deſſen ſie
Matabrune beſchuldigt hat, reinigen. Ferner mußt du dich
taufen laſſen und ein Chriſt werden, und du ſollſt den Namen
Helias tragen.“ Der Eremit machte ihm einen Mantel aus
Laub und bekleidete ihn damit; dann nahm er eine Stange
in die Hand, und der Einſiedler begleitete ihn bis zum
Waldesrande. Hier ſprach er zu ihm: „Lieber Sohn, ſei tapfer
und verſtaͤndig! Wiſſe, daß du der Sohn des Koͤnigs Oriant
biſt und ſei verſichert, daß Gott dir helfen wird.“ Darauf
wies ihm der Einſiedler den Weg und zeigte ihm Illefort, wo⸗
hin er gehen muͤſſe. Dann trennte ſich der Einſiedler von
ihm, und der Knabe ging, um ſeine Mutter von der Schuld,
deren fie Matabrune bezichtigt hatte, zu reinigen. Mata⸗
brune hatte durch Zauber erfahren, daß die Koͤnigin durch
eines ihrer Kinder gerettet werden ſollte, und ſie ſchickte ihm
unverzüglich zwei Diener entgegen, die ihn töten ſollten.
Der Knabe begegnete ihnen und fragte ſie, welcher von
ihnen feine Mutter wäre, denn er hatte nie ein Weib ger
ſehen. Die Diener hielten ihn fuͤr toll; ſie wußten jedoch,
daß er es waͤre, um deſſentwillen ſie ausgeſandt waren.
Einer zielte nach ihm, und der andere packte ihn. Da ſprach
57
das Kind: „Welches iſt Matabrune? Mein Vater ſagte mir,
ich ſolle mich an ſie wenden, und ſo will ich es tun.“ Dann
nahm er ſeinen Stock und zerſchlug dem einen die Schulter,
darauf ſchlug er ihn ſo heftig, daß er ihm den Kopf zer⸗
ſchmetterte. Da wandte ſich der andere zur Flucht, und der
Knabe kam ungehindert nach Illefort.
Als der Knabe in Illefort angekommen war, wunderte
er ſich hoͤchlich uͤber die Leute, die dort waren, und er ſprach,
er haͤtte nie geglaubt, daß es ſo viele Einſiedler auf der Welt
gaͤbe, denn nie hatte er ſo viel Volks geſehen. Darauf ge⸗
wahrte er den Koͤnig, der ſein Schwert umgeguͤrtet hatte und
auf einem Roſſe ritt. Der Knabe hatte große Furcht. Als
der Koͤnig ihn erblickte, verwunderte er ſich ſehr, denn er glich
einem Narren. Der Knabe trat auf den Koͤnig zu und be⸗
fragte ihn uͤber alles, was er ſah, und der Koͤnig ſtand ihm
gutmuͤtig Rede und Antwort. Der Knabe fragte ihn nach
dem Pferd, dem Zuͤgel und dem Schwert ſowie nach anderen
Dingen; dann vernahm er einen Schrei und fragte, was das
bedeute. Der Koͤnig ſagte ihm: „Freund, ich habe eine Frau,
welche ohne Treu und Zucht war, ſie hat mir ſieben Hunde
geboren und meine Barone haben ſie verurteilt. Nun fuͤhrt
man ſie zum Scheiterhaufen.“ — „Ha, guter Koͤnig,“ ver⸗
ſetzte der Knabe, „Ihr habt ſie zu Unrecht verurteilt, denn
das, was Ihr ſagt, iſt niemals wahr, und niemals tat ſie
ſolches. Vielmehr hat ſie irgend jemand, Eure Mutter oder
ſonſt wer, der ſie nicht liebt, ſo treulos verleumdet. Wenn
nun jemand kaͤme, der fuͤr ſie kaͤmpfen wollte und denjenigen
beſiegen wuͤrde, der ſie eines ſolchen Vergehens zeiht, waͤre
es dann nicht billig, daß die Frau ihrer Feſſeln los und ledig
würde?" — „Sicherlich, ja,“ ſprach der König, „und ich wäre
ſehr froh darüber.” — „Herr,“ erwiderte der Knabe, „ich bin
gekommen, um fuͤr die Frau zu kaͤmpfen, und ich will ſie
verteidigen!“ Als der Koͤnig ſeinen Sohn alſo reden hoͤrte,
wurde er ſehr froh, aber er erkannte ihn nicht. Da ging der
Koͤnig zu ſeiner Mutter und ſprach: „Mutter, es waͤre grau⸗
ſam, dieſe Frau zu verbrennen. Bei Gott! Laßt ſie in Ruhe,
58
SJ ine he,
denn Ihr ſuͤndigt, wenn Ihr fie dieſes Vergehens anklagt.
Wenn Ihr aber darauf beſteht, daß es ſo iſt, ſo muͤßt Ihr einen
Kämpfer ſuchen, der beftätigt, was Ihr gegen fie vorgebracht
habt. Denn die Frau hat einen Kaͤmpfer gefunden, der ſie
gut verteidigen wird.“ Als Matabrune dieſes hoͤrte, wurde
ſie zornig, denn ſie ſah ein, daß ſie einen Kaͤmpfer haben
muͤſſe. Sie ging zu Malquerre und ſprach zu ihm: „Mal⸗
querre, lieber Freund, du mußt dieſen Kampf gegen den
Knaben beſtehen. Und wenn der Knabe tot und die Frau
verbrannt iſt, ſo werden wir ſuchen, meinen Sohn umzu⸗
bringen, dann bin ich Herrin und Koͤnigin in Illefort, und dann
werden wir beide miteinander unſere Luft haben. — „Herrin,“
erwiderte er, „Ihr muͤßt ſchwoͤren. Denn wenn ich ſchwoͤren
wollte, jo würde ich einen Meineid leiſten.“ — „Malquerre,“
ſagte Matabrune, „darum ſorge dich nicht! Ich verbiete es
dir, daß du die Wahrheit ſagſt.“ — „Herrin,“ entgegnete
Malquerre, „ich werde Euern Befehl erfuͤllen.“ Darauf
begab ſich Matabrune zum Koͤnig und ſprach: „Nun, Koͤnig,
laß deinen Knaben wappnen!“ — „Gern, Mutter!“ —
„Herr,“ ſprach der Knabe, „ich will zuerſt getauft werden,
denn mein Vater, der Einſiedler, ſagte mir, ehe ich von ihm
ſchied, daß ich getauft werden und den Namen Helias er⸗
halten ſolle.“ Da ließ man den Knaben taufen, und er erhielt
den Namen Helias. Es waren aber mehrere Barone am
Hof, die ſprachen: „Um Gottes willen, Koͤnig, behaltet den
Knaben bei Euch, denn er iſt wunderſchoͤn, und Ihr muͤßt
wiſſen, daß er Euch aͤhnlich ſieht.“ Darauf ließ der Koͤnig
den Knaben bewaffnen und mit reicher Ruͤſtung bekleiden.
Auch Malquerre wurde praͤchtig ausgeruͤſtet. Dann trug man
die Heiltuͤmer herbei, und zuerſt ſchwur Malquerre, daß er
die Koͤnigin habe bei einem Hunde liegen und ſieben Huͤnd⸗
lein zur Welt bringen ſehen. Darauf wollte er das Heiltum
kuͤſſen, aber er vermochte es nicht, ſondern er ſchwankte, und
ſogleich ſagten die Barone, daß er meineidig waͤre. Nun
ſchwur der Knabe Helias und ſagte, daß alles erlogen ſei, daß
die Koͤnigin nie an ſolche Schandtat gedacht und daß ſie
59
jederzeit brav und züchtig mit dem König, ihrem Herrn, ge:
lebt habe. Alle insgemein beteten fuͤr Helias, daß Gott ihm
helfen moͤge, Malquerre, den Verraͤter, zu vernichten.
Siehe, da trat der Knabe zu ſeiner Mutter und ſprach:
„Herrin, vertraut auf Gott und ſeine Mutter, denn wiſſet
wohl, daß ich mit Gottes Hilfe Euch von dem Vergehen
reinigen werde, deſſen Euch die alte Matabrune geziehen
hat.“ Die Dame dankte ihm innig. Darauf beſtieg Helias
ſein Roß, und der Kampf begann. Schließlich wurde Mal⸗
querre beſiegt. Als die alte Hexe Matabrune ſah, daß Mal⸗
querre beſiegt war, floh ſie auf ihr Schloß Malbruiant, denn
ſie wußte wohl, daß ihr Sohn, der Koͤnig, ſie ſehr haßte. Als
der Kampf beendet war, ſagte der Knabe zum Koͤnig: „Herr,
ich habe mit Gottes Hilfe im Kampf geſiegt. Die Frau muß
befreit werden.“ Da Malquerre ſah, daß er beſiegt war, rief
er dem Knaben zu: „Knabe, toͤte mich nicht, ſondern wiſſe,
daß Matabrune all dieſe Frevel veranlaßt hat. Sie hieß mich
die Ketten vom Halſe der Kinder reißen, die deine Bruͤder
waren.“ Der Knabe antwortete: „Du haſt ſchlecht gedient
und du ſollſt deinen Lohn empfangen.“ Da zog er ſein
Schwert und hieb ihm den Kopf ab.
Nach dem Kampfe trat der Koͤnig zur Koͤnigin und ſprach:
„Herrin, vergebt mir um Gottes willen, daß ich meine Pflicht
gegen Euch vernachlaͤſſigt habe; aber meine Mutter hat all
dies veranlaßt.“ „Herr,“ verſetzte die Koͤnigin, „ich vergebe
Euch aus ganzem Herzen!“ Darauf wollte die Frau den
Knaben kuͤſſen, aber dieſer entzog ſich ihr und ſprach: „Herrin,
das habe ich im Walde nicht gelernt, denn nie ſah ich eine
Frau oder Jungfrau, ſondern nur wilde Tiere!“ Als die
Barone dies hoͤrten, lachten ſie laut. „Herr,“ ſprach der
Knabe alsdann, „laßt Marke kommen, denn ihm ſind von
Matabrune um meinet⸗ und meiner Bruͤder willen die Augen
ausgeriſſen worden.“ „Herr,“ ſagte Marke, „da bin ich.“ Da
wandte ſich Helias zu ihm, hauchte ihm auf die Augen, und
durch Gottes Kraft wurde er ſogleich wieder ſehend. Der
Koͤnig aber und die Barone verwunderten ſich ſehr. Darauf
60
fragte der König den Knaben, wer er waͤre und woher er
kaͤme. Der Knabe gab ſich ihm als ſein Sohn zu erkennen
und erzaͤhlte ihm alles, was vorgefallen war. „Herr,“ ſagte
Helias alsdann, „kommt mit mir und Ihr ſollt große Wunder
unſeres Herren ſchauen.“ Sie gingen zum Teich und Helias
lockte die Schwaͤne herbei. Dieſe flogen herzu und liebkoſten
ihn mit den Fluͤgeln. Darauf gab er jedem ſeine Kette und
ſie nahmen ihre menſchliche Geſtalt wieder an. Nur einer
war darunter, dem ſie fehlte, der ſchlug mit den Fluͤgeln, riß
ſich mit dem Schnabel die Federn aus und gebaͤrdete ſich
ganz verzweifelt. Als der Koͤnig und die Koͤnigin dieſes ſahen,
beweinten ſie ihr Kind, das ſie auf dieſe Weiſe verloren
hatten.
Am anderen Tage wurden die Kinder getauft und Koͤnig
Oriant und Koͤnigin Beatrix freuten ſich ihres Nachwuchſes.
Der Koͤnig entbot ſeine Barone und kroͤnte unter großen Feſt⸗
lichkeiten ſeinen Sohn Helias zum Koͤnig.
Aber Helias graͤmte ſich, daß ihm Matabrune entkommen
war; er rief ſein Heer zuſammen, zog vor Malbruiant, wo
die Alte hauſte, und belagerte die Stadt. Die Einwohner be⸗
reuten es alsbald, die alte Hexe aufgenommen zu haben; ſie
gingen zu Helias und uͤberlieferten ihm die Stadt. Der Koͤnig
Helias zog in die Stadt ein, ging ins Schloß und ließ die Alte
feſſeln. Darauf befahl er, daß ein großes Feuer angezuͤndet
wuͤrde, und er warf Matabrune ſelbſt hinein. Da wurde die
alte Hexe verbrannt. Der König hatte feine Mutter herbei⸗
holen laſſen, und ſie kam gern zu ihm und war ſehr froh, daß
die Alte verbrannt war, die ihr ſoviel Leids und ſo e
Unrecht angetan hatte.
9. Die Manekine
s lebte einſt ein weiſer und gerechter Koͤnig, der über
ganz Ungarn herrſchte; ſeine Gattin war eine arme⸗
niſche Koͤnigstochter von hoher Schoͤnheit und uͤber⸗
menſchlicher Guͤte, lange haͤtte man wandern muͤſſen, um
ihresgleichen zu ſuchen. In ihrer zehnjaͤhrigen Ehe hatte die
61
Königin nur einer Tochter das Leben geſchenkt, welche Joie
hieß, weil durch ihre Geburt das ganze Land erfreut wurde.
Der Tod, der auch die Großen der Erde nicht verſchont, warf
die Koͤnigin, noch ehe ſie gealtert war, aufs Lager und ver⸗
wandelte die Roſenfarbe ihres Leibes in Leichenblaͤſſe. Da
ſprach ſie zu ihrem Gatten: „Herr, ich bitte Euch, daß ihr
keine Frau nach mir heiratet. Wenn aber die Edlen Eures
Landes nicht wollen, daß das ungariſche Reich unſerer Tochter
verbleibt, und wenn Ihr Euch, um einen maͤnnlichen Erben
zu erhalten, zu neuer Ehe entſchließen muͤßt, ſo bitte ich Euch,
daß Ihr nur eine Frau heiratet, welche mir gleicht.“ Das
beſchwur der Koͤnig und dann ſchied die Koͤnigin aus dieſem
Leben.
Kurz darauf verſammelten ſich die Barone und der aͤlteſte
von ihnen ſprach: „Das Koͤnigreich Ungarn wuͤrde in Be⸗
draͤngnis geraten, wenn ein Weib es in ſeinen Haͤnden hielte.
Deshalb laßt uns zum Koͤnig gehen und ihn von Herzen
bitten, daß er nach unſerem Rat eine neue Gattin nehme.“
So taten ſie, aber der Koͤnig antwortete, er habe ſeiner toten
Gemahlin verſprochen, nie eine Frau zu nehmen, welche ihr
nicht an Schoͤnheit und Guͤte gleichkaͤme. Als die Barone
ſolches hörten, wählten fie zwoͤlf Boten aus, welche ausziehen
ſollten, um eine der toten Koͤnigin aͤhnliche Jungfrau zu
ſuchen. Die Boten erſchauten die Tochter von manchem
Koͤnig und von manchem Grafen und litten manche Pein,
aber das Ziel ihres Suchens erreichten ſie nicht. Als der
Koͤnig beim heiligen Weihnachtsfeſte zur Tafel ſaß, kamen die
Boten zuruͤck und berichteten, daß ſie nirgends eine Frau ge⸗
funden haͤtten, welche der Verſtorbenen gleiche. Nun ge⸗
ſchah es aber, daß einer der Grafen die ſchoͤne Koͤnigstochter
beim Mahle bediente, und als er ſie anblickte, da ſchien es
ihm, als ſei ſie ihre Mutter ſelber, nur daß ſie um vieles
juͤnger war. Nach dem Eſſen ſagte er alſo zu den Baronen:
„Ihr Herren, nie wird man ein ſolches Weib finden, wie es
der Koͤnig ſucht, es ſei denn, daß er ſeine Tochter heiratet.“
Da nickten die Barone zuſtimmend, aber der Koͤnig, dem ſie
62
ihre Meinung vortrugen, lehnte ein ſolches Anſinnen ab.
Wie aber die Großen des Landes auf der Wiederverheiratung
beſtanden und wie auch die Praͤlaten und Biſchoͤfe ihren
Dispens erteilten, da beſann ſich der Koͤnig und bat dann,
ihm bis Lichtmeß Friſt zu gewaͤhren.
Einſt trat der Vater unangemeldet in Joiens Gemach, er
ergriff ihre Hand und ſetzte ſich neben ſie. Darauf ſchaute er
ihr ins Geſicht und bemerkte, daß die Natur nie ein ſchoͤneres
Weib gebildet hatte. Als er aber von ihr ging, war der Funke
ſuͤndiger Liebe in ſeiner Bruſt entzuͤndet. Eines Tages ließ
er ſeine Tochter vor ſich kommen und ſprach zu ihr: „Liebe
Tochter, erzuͤrne dich nicht uͤber das, was ich dir jetzt ſagen
werde!“ „Vater,“ entgegnete dieſe, „Euer Wille iſt mir nie
mißfaͤllig.“ „Liebe Tochter,“ hub der König wieder an, „ich
habe deiner Mutter auf ihrem Totenbette verſprochen, daß
ich nach ihr keine andere Frau heiraten wolle als eine ſolche,
die ihr gliche. Aber nur du allein kommſt ihr auf der weiten
Erde gleich. Sieh, meine Barone wollen nicht, daß das
ungariſche Reich ohne maͤnnlichen Erben bleibe, deshalb hat
die Geiſtlichkeit mir die Erlaubnis erteilt, mich mit dir zu
vermaͤhlen: du ſollſt gekroͤnte Koͤnigin von Ungarn ſein!“
„Vater, antwortete die Jungfrau, „laßt dieſe Worte! Ich
wuͤrde lieber den Tod erleiden, als meiner Seele Seligkeit
verlieren.“ „Toͤricht haſt du mir geantwortet,“ rief der Vater
voll Zorn, „wenn du dich meinem Willen nicht fuͤgen willſt,
ſo werde ich dich zwingen!“ Ohne Abſchied ging er hinaus
und die Jungfrau kehrte auf den Tod betruͤbt in ihre Kammer
zuruck.
Lichtmeß kam und Barone, Ritter und Geiſtliche verſam⸗
melten ſich wieder am Hofe. Der Koͤnig ſagte ihnen, daß er
ihrem Willen, ein anderes Weib zu nehmen, willfahren wolle,
und alle waren ſehr froh daruͤber. Joie aber hatte durch eine
Spaͤherin erfahren, daß die Großen des Landes kommen
wuͤrden, ſie vor den Koͤnig zu holen. Als ſie dieſes hoͤrte, ge⸗
riet ſie in große Furcht und wußte nicht, was ſie tun ſollte.
Sie trennte ſich von ihren Gefaͤhrtinnen, ohne daß dieſe es
63
Bi,
1
ö
merkten, und eilte von Saal zu Saal. Endlich gelangte fie in
einen Kuͤchenraum, welcher mit der Hinterwand an einen
Fluß grenzte. Alle die Kuͤchenknechte waren ins Schloß ge⸗
gangen, um dem Hoftag zuzuſchauen, ſo daß Joie ganz allein
war. Auf dem Anrichtetiſch lag ein großes ſcharfes Kuͤchen⸗
meſſer, das ergriff ſie und bat die Gottesmutter, daß ſie ihr
Kraft verleihe. Schon hoͤrte ſie, wie die Menge vor ihrer
Kammer laͤrmte, wie man kam, um ſie vor den Koͤnig zu
holen, da faßte ſie das Meſſer feſter und mit einem kraͤftigen
Schlag trennte ſie ihre linke Hand vom Arme und warf ſie
in den Fluß, dann ſchwanden ihr vor Schmerz die Sinne.
Als ſie wieder zu ſich kam, wickelte ſie den Stumpf in ein
Tuch und trat mit totenblaſſem Antlitz in ihre Kammer, wo
vier Grafen ihrer warteten. „Eine gute Nachricht bringen wir
Euch, Jungfrau,“ redeten ſie dieſe an, „freuet Euch, Ihr
ſollt Koͤnigin von Ungarn werden. Der Koͤnig erwartet
Euch im Schloß und traͤgt Euch durch uns auf, unverzuͤglich
vor ihm zu erſcheinen.“ Schweigend und bleich folgte die
Jungfrau den vier Grafen vor den Koͤnig, eine Schar Maͤgde
begleitete ſie. Der Koͤnig nahm Joie bei der Hand und um⸗
armte ſie, dann bemerkte er das Blut an ihrem Arm. „Toch⸗
ter,“ ſprach er, „was iſt Euch geſchehen?“ „Herr, erwiderte
ſie, „wohl weiß ich, was Ihr von mir verlangen wollt, aber
Koͤnigin werde ich nicht. Seht, mir fehlt die linke Hand,
und nach unſerem Geſetz darf ein Koͤnig keine Frau ehelichen,
der eines ihrer Glieder fehlt.“ Als der Koͤnig und die Barone
den Stumpf ſahen, da wurde ihre Freude in Leid verwandelt.
Der Koͤnig merkte wohl, daß ſie ſolches aus freien Stuͤcken
getan hatte, um ſich ſeinem Willen zu entziehen, und er be⸗
fahl voll Zorn ſeinem Seneſchall, daß er die Jungfrau heute
uͤber drei Tage zum Feuertode fuͤhre. Die Barone erſchraken
ſehr, aber ſie wagten nicht, ihren Kummer zu zeigen. Da
ging der Hoftag in Trauer und Klagen auseinander, und der
Koͤnig zog ſich auf ein fernes Schloß zuruͤck. Der Seneſchall
blieb zurüd, um Joie, die im Gefängnis ſchmachtete, zum
Scheiterhaufen zu bringen. Die Nachricht, daß Joie ver⸗
64
brannt werben follte, verbreitete ſich im ganzen Lande, und
beſonders die Armen, denen ſie oft Brot und Kleider ge⸗
geben hatte, waren von Zorn und Gram erfuͤllt. Der Sene⸗
ſchall beſchloß, die Jungfrau zu retten; er ließ ein Fahrzeug
mit Fleiſch und Wein fuͤllen, dann ließ er drei Roſſe ſatteln,
Joie mußte das eine beſteigen und der Seneſchall und der
Kerkermeiſter ritten zu ihren Seiten. So verließen ſie im
Dunkel der Nacht die Stadt und ritten ſo lange, bis ſie ans
Ufer des Meeres kamen. Da ſprach der Seneſchall zu der
Jungfrau: „Ihr wißt, Herrin, daß mir der Koͤnig bei meinem
Leben befahl, Euch ins Feuer zu werfen. Aber das Mitleid,
das ich fuͤr Euch empfinde, laͤßt nicht zu, daß ich Euch unter
ſolchen Qualen ſterben ſehe. Ich will Euch in einem ſegel⸗
und maſtloſen Boot ausſetzen und Euch dem Schutze Gottes
anheimſtellen, er moͤge Euch geleiten und bewahren.“ „Ich
bin Euch dankbar, verſetzte die Jungfrau, „daß Ihr meinen
Leib vor dem Feuer gerettet habt, denn lieber will ich er⸗
trinken, wenn es Gott gefaͤllt, als verbrennen. Ferner bitte
ich den wahren Gott von Herzen, daß er meinem Vater die
Suͤnde, die er an mir tat, vergeben moͤge, und daß er ihm
mehr Freuden verleihen möge, als mir beſchieden find.” Der
Seneſchall fuͤhrte ſie weinend in das Schiff, dann befahl er
ſie Gott und der heiligen Jungfrau und ſtieß den Nachen ins
Meer.
Am neunten Tage landete die Jungfrau mit Gottes Hilfe
an der Kuͤſte Schottlands. Es war gerade Funkenſonntag,
und die Einwohner des Landes trieben Kurzweil am Meeres⸗
ufer. Unter ihnen befand ſich auch der Profoß. Er hatte ſein
Geſicht zum Meer gewendet und bemerkte den Nachen, der
ohne Segel und Maſt herantrieb. Als das Boot an Land
kam, begab ſich die Menge zum Strande und der Profoß
begruͤßte die Fremde: „Jungfrau, der wahrhaftige Gott gebe
Euch Gluͤck und Freude!“ „Herr,“ entgegnete fie, „der, den
Ihr anrieft, moͤge Euch erhoͤren!“ „Jungfrau, berichtet uns,
wo Eure Heimat und wie Euer Name iſt!“ „Herr, ich bin
b Franz. Märchen I N 65
eine Unglüdliche, die hier ans Ufer trieb. Wenn es Euch
gefällt, jo rettet mich; mehr kann ich Euch nicht ſagen.“
„Wenn Euch jemand Unrecht tat, Schoͤne, ſo ſeid Ihr hier
in guter Hut. Ich will Euch zu meinem Herrn fuͤhren, der
Koͤnig in dieſem Lande iſt, er iſt jung und ſchoͤn. Bei ſeiner
Mutter wird es Euch wohlergehen und an nichts fehlen.“
Der Profoß nahm die Jungfrau mit ſich heim und fuͤhrte ſie
am anderen Tage nach Dondieu, wo der König mit feiner
Mutter weilte. Dieſer ſaß gerade mit zweiunddreißig ſeiner
Barone bei der Tafel, als der Profoß, die Jungfrau an der
Hand haltend, eintrat. „Herr,“ ſagte er, „eine ſchoͤne Beute
bringe ich Euch hier. Nehmt ſie, die ein Schiff hertrieb, in
Gnaden auf!“ Der Koͤnig wandte ſich liebevoll an die
Fremde und fragte ſie nach ihrer Herkunft und ihrem Schick⸗
ſal, ſie aber ſagte, ſie wolle lieber ſterben, als ihr Ungluͤck er⸗
zaͤhlen. Da der Koͤnig ihre Traͤnen ſah, drang er nicht weiter
in ſie, ſondern fuͤhrte ſie ſeiner Mutter zu. So blieb ſie am
Hofe und wurde bald ihrer Guͤte und Schoͤnheit wegen all⸗
gemein beliebt; da man aber ihren Namen nicht wußte,
nannte man ſie die Manekine, das heißt Einhand. Je laͤnger
ſie am Hofe verweilte, in deſto hoͤherem Maße kehrte ihre
fruͤhere Schoͤnheit wieder, und je ſchoͤner ſie wurde, deſto mehr
fuͤhlte ſich der junge Koͤnig zu ihr hingezogen, bis die Bande
der Liebe, die ihn feſſelten, fo ſtark wurden, daß er fie nicht
mehr zerreißen konnte. Auch ihr Herz war von Liebe er⸗
fuͤllt, aber keiner von beiden kannte die Gefuͤhle des anderen.
So verging ihnen ein ganzes Jahr unter ſchlafloſen Naͤch⸗
ten, aber der Koͤniginmutter, welche das ſchlechteſte und
liſtenreichſte Weib von der Welt war, entging es nicht, daß
ihre Herzen Liebe zueinander trugen und ſie ſprach zornig
zu Manekine: „Es ſcheint mir, daß mein Sohn dich von
Herzen liebt. Ich verbiete dir, wenn dir dein Leben lieb iſt,
ihm in Zukunft Geſellſchaft zu leiſten. Ich werde dich toͤten
laſſen, wenn er ſich noch einmal mit dir ſehen laͤßt.“ Als am
dritten Tage der Koͤnig wieder in ihr Zimmer trat, zitterte
die Jungfrau vor Furcht und weinte. Der Koͤnig merkte
66
wohl, daß fie in Kummer war und er fragte fie nach der
Urſache ihres Grams. Da erzaͤhlte ſie ihm das Verbot der
boͤſen Alten. „Freundin,“ erwiderte er, „beruhigt Euch! Ich
will Euch vor ihr ſchuͤtzen und will Euch nicht länger verheim⸗
lichen, was ich bisher verborgen hielt. So wißt denn, mein
ſuͤßes Lieb, daß Ihr mein Herz und mein Leben ſeid, all
mein Gut, meine Geſundheit und meine Freude, daß ich
heute und immerdar Euch gehoͤre.“ Die Jungfrau verbarg
ihre Freude uͤber dieſe Worte und antwortete zuͤchtig und
beſcheiden, ſie ſei zwar zu niedrig fuͤr ſeine Liebe, doch wage
ſie nicht, eine ſo große Ehre auszuſchlagen. Darauf kuͤßte ſie
der Koͤnig wohl zwanzigmal auf den Mund, dann fuͤhrte er
ſie in ſein Schloß und ließ den Kaplan rufen; dieſer aber
legte ihre Haͤnde ineinander und vermaͤhlte ſie. Als die
Mutter dies erfuhr, ſprach ſie: „Verflucht ſei er, wenn er ſie
genommen hat, und jeder, der ihn noch als Koͤnig achtet.
Gar zu niedrig hat er gehandelt, daß er eine Landſtreicherin,
eine Hergelaufene geheiratet hat, eine Frau mit nur einer
Hand!“ Vierzehn Tage darauf wurde Pfingſten gefeiert,
und an dieſem Tage wollte der Koͤnig ſeine junge Gemahlin
kroͤnen laſſen. Zu dieſer Feier berief er alle ſeine Vaſallen
aus Schottland, Cornwall und Irland und die Nachricht von
ſeiner Vermaͤhlung verbreitete ſich pfeilgeſchwind im ganzen
Lande. Als die Nachtigallen ſangen und die Wieſen bluͤhten,
da fuͤllten die Ritter, die Grafen und Barone mit ihren
Damen die Zelte, und drei Tage lang wurde die Hochzeit
gefeiert. Die Mutter des Koͤnigs aber reiſte am naͤchſten
Tage voll Grimm auf ihr Landgut, denn ſie gluͤhte vor Neid
und Haß gegen die junge Koͤnigin.
Fuͤnf Monate mochten ſeitdem vergangen ſein, da ſprach
der Koͤnig eines Tages zu ſeiner Gemahlin: „Ich bitte Euch,
liebe Freundin, daß Ihr mir um meiner Ehre willen eine
Reiſe gewaͤhrt: in Frankreich findet ein großes Turnier ſtatt,
dem ich beiwohnen muß.“ „Dieſe Reiſe erſchreckt mich,“ er⸗
widerte die Manekine, „denn ich bin allein in dieſem Lande
und Eure Mutter haßt mich.“ „Ich werde Euch in ſolcher
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1
Hut laſſen, daß Ihr weder meine Mutter noch ſonſt jemanden
zu ſcheuen braucht.“ Der Koͤnig hatte einen Seneſchall, der
ſein treueſter Ratgeber war, dieſen berief er nebſt zwei an⸗
deren Rittern zu ſich und ſprach: „Ihr Herren, ich gehe auf
kurze Zeit in ein anderes Land, um Ehre und Ruhm zu er⸗
werben. Ihr werdet bei der Koͤnigin bleiben und ſie mit
eurem Leben ſchuͤtzen. Vor allem werdet ihr ſie vor meiner
Mutter behuͤten, damit dieſe ihr kein Leids antut.“ Darauf
nahm er Abſchied von ſeiner Gattin und trat mit großem Ge⸗
folge die Fahrt an.
Die Koͤnigin, welche ihn bis zum Meere begleitet hatte,
kehrte in Geſellſchaft ihrer drei Huͤter zuruͤck. Es gab nichts
mehr auf der Welt, was ſie erfreuen konnte, ſeit ſie den An⸗
blick ihres Gemahls entbehren mußte, doch ſie troͤſtete ſich,
ſo gut ſie es vermochte, wegen der Leibesfrucht, die ſie trug.
Endlich gebar ſie den ſchoͤnſten Knaben, den die Natur je⸗
mals gebildet hat. Überall im Lande verbreitete ſich die
Kunde, daß die Koͤnigin entbunden habe und der Seneſchall
berief feine zwei Gefährten zu ſich: „Ihr Herren,“ ſagte er,
„wir muͤſſen unverzuͤglich einen Boten an den Koͤnig nach
Frankreich ſchicken, der ihm die erfreuliche Nachricht uͤber⸗
bringe.“ Darauf nahm er ein Pergament, denn er verſtand
Romaniſch und Latein, und begann zu ſchreiben, wie folgt:
„Dem Koͤnige von Schottland, ſeinem Herrn, dem Gott
Freude und Ehre gebe, entbietet Gruß und Freundſchaft der
Seneſchall, den er zuruͤckließ, ſein Land und ſein Weib zu
ſchirmen. Ich tue Euch zu wiſſen, daß meine Herrin mit
einem Knaben niederkam, wie ihn ſchoͤner kein Menſch je
erſah, und Eure Liebſte iſt bei guter Geſundheit. Das Kind⸗
lein aber heißt Johannes. Solches tun wir Euch zu wiſſen.
Aber kehrt um Gottes willen, wenn es Euch gefaͤllt, ſchleu⸗
nigſt zuruͤck, denn meine Herrin hat große Sehnſucht nach
Euch und vergeht ſchier vor Gram.“ Darauf verſiegelte er
den Brief und uͤbergab ihn einem Boten. Dieſer machte ſich
auf den Weg und gelangte am zweiten Tage nach Evoluic,
wo die Mutter des Koͤnigs ſich aufhielt. Der Bote trat in ihr
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—— — — — — —
—— 2
| Haus, denn er wußte nichts von dem Haſſe, den fie gegen die
junge Koͤnigin trug. Die Alte begruͤßte den Boten und fragte
ihn, wohin er gehe. Als ſie den Zweck ſeiner Reiſe erfahren
hatte, ließ ſie ihm einen ſtarken Wein reichen, und er trank
ſo lange, bis er ſeiner Sinne nicht mehr maͤchtig war. Da
lachte die boͤſe Alte, und waͤhrend der Trunkene ſchlief, durch⸗
ſuchte ſie ſeine Taſchen, bis ſie die Kapſel mit dem Briefe
fand, dann rief ſie ihren Schreiber und ließ ſich den Brief
vorleſen. Der Inhalt mißfiel ihr und fie ließ einen anderen
anfertigen, in welchem zu leſen war, daß der Seneſchall
ſeinem Herrn Gruß entbiete und daß er ihm voll Zorn und
Schmerz unfrohe Nachricht zu wiſſen tue: „Herr, Eure Gattin
hat entbunden, aber nie im Leben ſah man ein ſo ſcheußliches
Geſchoͤpf wie das, welches ſie unter ihrem Herzen trug. Es
hat vier Fuͤße, iſt ganz behaart und ſeine Augen liegen tief
im dicken Kopf. Sobald es geboren war, entſchluͤpfte es wie
eine Schlange ſeinen Waͤrterinnen, und dieſe wagten kaum,
es wieder zu ergreifen. Alle Eure Untertanen ſind in
Schrecken und Verwunderung. Nun tut uns Euren Willen
kund, was mit einem ſolchen Erben geſchehen ſoll.“ Darauf
verſiegelte ſie den Brief wieder, legte ihn in die Kapſel und
trug dieſe wieder dahin, wo ſie ſie gefunden hatte. Als der
Bote ausgeſchlafen hatte, machte er ſich wieder auf den Weg,
und die boͤſe Alte befahl ihm, auf dem Ruͤckwege wieder bei
ihr vorzuſprechen.
Der Bote gelangte nach Frankreich, ſuchte ſeinen Herrn
auf und uͤbergab ihm den Brief. Der Koͤnig brach das Siegel
auf und faſt ſchwanden ihm die Sinne, als er den Inhalt des
Schreibens las. Damit die Leute ſeine Verwirrung nicht be⸗
merken ſollten, zog er ſich in ſein Gemach zuruͤck und las den
Brief immer wieder von neuem. Er raufte ſeine Haare, zer⸗
riß fein Gewand, und Tränen entſtroͤmten feinen Augen.
Als er ſich ein wenig beruhigt und mit ſeinen Begleitern Rats
gepflogen hatte, nahm er Pergament und Tinte und ſchrieb:
„Der Koͤnig von Schottland gebietet den dreien, denen er
ſeine Geliebte in Hut gab, daß dieſe in ihrem Wochenbette
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gut gepflegt werde. Wenn ihnen ihr Leben lieb iſt, follen fie
ſeine teure Gattin und das, was ſie geboren hat, ſo wert
halten wie ihren eignen Leib. Zu Faſten wird der Koͤnig
zurüdfehren und dann feinen weiteren Willen kundtun.“
Darauf verſiegelte er den Brief und uͤbergab ihn dem Boten,
welcher ſogleich den Ruͤckweg antrat. |
Als die boͤſe Alte ihn kommen ſah, war fie ſehr froh; fie
erwiderte freundlich ſeinen Gruß und fragte ihn nach dem
Wohlergehen des Koͤnigs. Darauf ließ ſie ihm wieder ſtarken
Wein auftragen, und er trank ſo lange, bis er vor Trunken⸗
heit in Schlaf verfiel. Als die dunkle Nacht gekommen war,
ſchlich ſich die Alte in die Kammer des Boten, nahm ihm den
Brief und ließ ihn ſich von ihrem Schreiber vorleſen. Als ſie
hoͤrte, daß der Koͤnig ſeine Heimkehr zu Faſten in Ausſicht
ſtellte und daß bis dahin die Manekine gut gepflegt, bedient
und geehrt werden ſollte und ihre Leibesfrucht mit ihr, da
wurde ſie mißmutig und ließ ſogleich ein anderes Schreiben
aufſetzen. Der Schreiber mußte antworten, daß der Koͤnig
ſeinem Seneſchall gebiete, er ſolle unverzuͤglich die Koͤnigin
zum Feuertode fuͤhren, ſobald ſie ihr Wochenbett verlaſſen
habe, und mit ihr das, was ſie geboren habe. Denn er habe
wenig erfreuliche Neuigkeiten uͤber die Manekine erfahren,
wohl wiſſe er, warum ſie nur eine Hand habe und nicht um⸗
ſonſt ſei ſie ſo verſtuͤmmelt. „Verbrennt ſie ohne Zaudern,
wenn Euch Euer Leben lieb iſt!“ ſo ſchloß das Schreiben. Als
es vollendet war, legte der Schreiber das Wachs wieder auf,
ohne daß das Siegel verletzt wurde und verſchloß den Brief
in die Kapſel des ſchlafenden Boten.
Nach dreimonatlicher Abweſenheit kehrte der Bote nach
Dondien zuruͤck und überreichte dem Seneſchall das Schrei⸗
ben. Die drei Beſchuͤtzer erkannten das Siegel des Koͤnigs
und erbrachen den Brief, als ſie ihn aber geleſen hatten, da
verwunderten ſie ſich ſehr und weinten und ſeufzten. Dann
berieten ſich die drei Getreuen untereinander und ſprachen:
„Den Willen unſeres Herrn muͤſſen wir erfuͤllen, wenn wir
auch Kummer und Mitleid im Herzen tragen.“ Die Nach⸗
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richt, daß der König befohlen habe, fein Weib und fein Kind
zu verbrennen, verbreitete ſich bald im Lande und alles Volk
verwunderte ſich und fluchte dem Koͤnig. Der Koͤnigin aber
verheimlichte man den Befehl, bis ſie ihr Wochenbett, das
einen vollen Monat dauerte, verlaſſen hatte. Eines Tages
rief ſie den Seneſchall zu ſich und ſprach: „Seneſchall, mein
Herz iſt gramerfuͤllt uͤber das lange Ausbleiben meines ge⸗
liebten Herrn. Iſt der Bote noch nicht zuruͤck? Wiſſet, daß
mein Herz ſchlimme Nachricht ahnt. Ich werde nie mehr froh
ſein, bis ich meinen Herrn wiederſehe. Oh, ſagt es mir, wenn
Ihr etwas von ihm wißt!“ Der Seneſchall antwortete mit
Traͤnen in den Augen: „Oh, liebe Frau, es iſt ſo weit ge⸗
kommen, daß der Koͤnig Euch haßt, wenn ich auch nicht weiß,
warum. Lange haben wir es Euch verheimlicht, aber einmal
muͤßt Ihr es erfahren. Unſer Herr hat uns wiſſen laſſen, daß
wir, wenn uns unſer Leben lieb iſt, Euch und Euren Knaben
auf dem Scheiterhaufen verbrennen muͤſſen. Da er zu den
Faſten zuruͤckkehrt und Euch dann nicht mehr lebend vorfinden
will, ſo muß innerhalb dreier Tage ſein Befehl vollzogen
ſein.“ Da erſchrak die junge Koͤnigin und ihr Herz krampfte
ſich zuſammen. „Was habe ich getan, großer Gott,“ klagte
ſie, „daß ich ſo harten Tod erleiden ſoll? Womit hat es mein
Kind verdient, daß es ſterben muß?“ Dann fiel ſie vor dem
Seneſchall auf die Knie und bat ihn, ihr Kind zu ſchonen,
wenn er auch mit ihr taͤte, was er wolle. Der Seneſchall ver⸗
prach ihr, ſich mit ſeinen beiden Gefaͤhrten zu beraten. Da
beſprachen ſie ſich miteinander, und der Seneſchall riet, ſie
wollten die Maneline fo ziehen laſſen, wie fie gekommen ſei,
auf einem maſt⸗ und ſegelloſen Schiff, und fie der Hut Gottes
anheimſtellen. Ferner wollten ſie Bilder aus Holz ſchnitzen
laſſen, die der Koͤnigin und ihrem Soͤhnlein glichen und dieſe
vor allem Volke verbrennen, damit ſie ſich vor Strafe be⸗
wahrten. Als dieſe Vorbereitungen beendet waren, hießen
ſie die Koͤnigin mit ihrem Kind auf einen Zelter ſteigen und
fuͤhrten ſie in die Verbannung. Am dritten Tage kamen ſie
an das Ufer des Meeres, wo das Schiff bereit ſtand. „Lieber
Herr,” fagte die Königin, „ich danke Euch, daß Ihr mich vor
dem Feuer bewahrt habt. Ich bitte Euch, gruͤßt meinen
Herrn, den Koͤnig, und ſagt ihm, daß ich ihn immer noch uͤber
alles auf der Welt liebe. Gott vergebe ihm ſeine Schuld und
ſchenke ihm Ehre und Gluͤck. Sehet, die Liebe der Menſchen
iſt eitel, ſo verleihe mir Gott ſeine Huld, die unwandelbar iſt
und ohne Haß.“ Der Seneſchall fuͤhrte ſie weinend in das
Schiff, dann befahl er ſie Gott und der heiligen Jungfrau und
ſtieß den Nachen ins Meer.
Am neunten Tage landete die Barke am Ufer des Tiber.
Ein Senator nahm die Manekine mit ihrem Kinde auf. Als
der Koͤnig heimkehrte, erfuhr er den Betrug und ließ ſeine
Mutter lebendig einmauern, dann machte er ſich auf die
Suche nach ſeiner Frau. Nach ſiebenjaͤhriger Wanderung ge⸗
langte er nach Rom und der Trauring fuͤhrte das Wieder⸗
erkennen zwiſchen den beiden Gatten herbei. In Rom fand
ſich auch Joiens Vater ein, welcher, von Gewiſſensbiſſen ge⸗
quaͤlt, beim Papſt Vergebung fuͤr ſeine Suͤnden ſuchen wollte.
Schließlich fand die Koͤnigin durch ein Wunder in einer Quelle
ihre abgehauene Hand, welche auf das Gebet des heiligen
Vaters ſich wieder mit ihrem Arm vereinigte.
| 10. Der Fiſchfang des Wolfes
hr Herren! Es war um jene Zeit, da der Sommer
zu Ende geht, um dem rauhen Winter Platz zu
machen. Reinhart der Fuchs war in ſeinem Bau;
er hatte nichts zum Beißen und zum Brechen und wußte
nicht, woher er etwas nehmen ſollte. Der Not gehorchend
machte er ſich alſo auf den Weg und ſtrich durch ein Binſen⸗
geſtruͤpp zwiſchen dem Wald und dem Fluß, bis er die
Landſtraße erreichte. Dort angekommen duckte er ſich hinter
eine Hecke und wartete auf Abenteuer. Siehe, da kamen
Kaufleute, welche Fiſche vom Meere her brachten. Sie
hatten eine Ladung friſcher Heringe, denn letzte Woche war
der Wind zum Fiſchfang guͤnſtig geweſen, und auch an⸗
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dere Arten zuter Fiſche: von Neunaugen und Aalen waren
ihre Koͤrbe voll. Reinhart war noch einen Bogenſchuß
weit von ihnen entfernt. Als er den mit Fiſchen beladenen
Wagen erblickte, lief er ein wenig voraus, doch ſo, daß die
Kaufleute ihn nicht bemerkten, denn er wollte fie täufchen.
Dann legte er ſich mitten auf den Weg und ſtellte ſich
tot: er kniff die Augen zu, biß die] Zähne zuſammen und
hielt den Atem an. Der eine Kaufmann ſah ihn und rief
ſeinem Gefaͤhrten zu: „Sieh, iſt das ein Fuchs oder ein
Koͤter?“ „Es iſt ein Fuchs,“ entgegnete jener, „pack ihn ges
ſchwind, den Hurenſohn, damit er uns nicht entwiſcht, denn
er iſt ſchlau. Er ſoll uns ſeinen Pelz laſſen!“ Die Kaufleute
liefen — der eine hinter dem andern her — auf Reinhart zu.
Sie fanden ihn am Boden hingeſtreckt und drehten und wen⸗
deten ihn nach allen Seiten ohne Furcht, daß er ſie beißen
moͤchte. Sie ſchaͤtzten den Ruͤcken und den Hals, der eine
ſagte, er ſei drei Groſchen wert, doch der andere erwiderte:
„Bei Gott, er iſt mindeſtens viere wert und das iſt noch
billig! Wir haben nicht viel geladen; werfen wir ihn auf
unſeren Karren! Seht nur, was fuͤr eine ſaubere, weiße Kehle
er hat!“ Mit dieſen Worten warfen ſie ihn auf das Waͤgelchen
und fuhren weiter. |
Reinhart aber machte ſich über die Körbe her. Mit den
Zaͤhnen oͤffnete er den einen und entnahm ihm mehr als
dreißig Heringe: da war der Korb leer. Er fraß ſie mit Ge⸗
nuß ohne Salz und Salbei, dann oͤffnete er den anderen Korb.
Er ſteckte ſeine Schnauze hinein und zog drei Netze voll Aale
hervor. Der Schlaumeier packte die Stricke mit den Zaͤhnen,
warf ſich die Netze auf den Ruͤcken und uͤberlegte ſich nun,
wie er wieder vom Wagen herunterkommen ſollte. Erſt
kniete er und ſpaͤhte, dann ſchnellte er ſich los und ſprang mit
einem Satz vom Wagen herab auf die Straße, waͤhrend er
um den Hals geſchlungen ſeine Beute trug. Nachdem er
ſeinen Sprung getan hatte, rief er den Kaufleuten zu: „Gott
behuͤte euch! Dieſer Haufen Aale iſt mein, den Reſt koͤnnt
ihr behalten.“ Als die Kaufleute ſolches hoͤrten, erſchraken
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fie und riefen: „Seht den Fuchs!“ Sie ſprangen vom Wagen
herab und hofften Reinhart noch zu erwiſchen, aber umſonſt.
„Wehe!“ ſagten fie und rangen die Hände, „das iſt ein ſchoͤner
Schaden! Wir Toren haben Reinhart geglaubt! Nun hat er
uns die Koͤrbe aufgebunden, hat ſich ſatt gefreſſen und nimmt
uns noch drei Netze voll Aale mit. Moͤge er daran platzen!“
„Ihr Herren! Wozu der Laͤrm? Ihr koͤnnt reden, was ihr
wollt. Ich bin Reinhart und werde ſchweigen.“
Als die Kaufleute die Verfolgung aufgegeben hatten, ging
Reinhart geradeswegs in ſeine Burg, wo ihn ſeine Ange⸗
hoͤrigen, die der Hunger quaͤlte, mit Ungeduld erwarteten.
Hermeline, ſeine treffliche Gattin, ſprang ihm entgegen, und
die Bruͤder Percehaie und Malebranche eilten auf ihren Vater
zu, welcher in kurzem Trab, dick, vollgefreſſen und heiter
daherkam, die Aale um ſeinen Hals geſchlungen. Reinhart
trat in ſeinen Bau und ſperrte vorſorglich die Tuͤre ab von
wegen der Aale. Seine Kinder putzten ihm indes die Stiefel
ab und haͤuteten die Fiſche, dann ſchnitten ſie dieſelben in
Stuͤcke und ſteckten dieſe auf kleine Bratſpieße aus Haſel⸗
gerten. Hierauf wurden die Kohlen angeblaſen und die Fiſche
auf die Glut gelegt.
Waͤhrend die Aale brieten, ſiehe, da kam Herr Yſengrin,
der Wolf, des Weges, welcher ſchon ſeit dem fruͤhen Morgen
umhergelaufen war, ohne nur das geringſte gefangen zu
haben. Hungrig ſchlich er ſich durch das Holz auf Reinharts
Bau los; denn er ſah aus der Kuͤche, in welcher die Aale
am Spieße gedreht wurden, Rauch aufſteigen. Dfengrin
witterte den Duft, der ihm fremd war: er kraͤuſelte die Naſe
und leckte ſich den Bart; darauf trat er zu einem Fenſter, um
zu erſpaͤhen, was es da gaͤbe. Die Frage war nur, wie er
dahinein gelangen koͤnne, denn gegen Bitten pflegte Rein⸗
hart unempfaͤnglich zu ſein. Der Wolf lief unſtaͤt umher, hier
und da einen ſehnſuͤchtigen Blick nach der Burg werfend,
welche ihm unzugaͤnglich blieb. Schließlich beſchloß er, ſeinen
Gevatter zu bitten, er moͤge ihm um Gottes willen ein wenig
von ſeinem Fleiſche abgeben. Er rief alſo durch ein Loch:
74
„Herr Gevatter, öffnet mir die Tür! Ich bringe Euch gute
Nachricht!“ Reinhart hoͤrte und erkannte ihn wohl, dennoch
hatte er taube Ohren für ihn. Yſengrin ſtand betruͤbt draußen
und ſprach: „Offnet, lieber Herr!“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte
Reinhart laͤchelnd. „Ich bin es!“ verſetzte jener. „Wer ich?“
„Euer Gevatter!“ „Ach ſo, wir glaubten, Ihr waͤret ein
Landſtreicher.“ „Nein,“ ſprach Yſengrin, „oͤffnet!“ „Ihr
werdet Euch einen Augenblick gedulden muͤſſen, ſagte Rein⸗
hart, „bis die Moͤnche geſpeiſt haben, die ſich gerade zum
Eſſen niederſetzen!“ „Wie? ſind das Moͤnche?“ „Vielmehr,“
entgegnete jener, „eher Canonici. Sie ſind vom Orden
St. Benedikts und ich habe mich ihnen angeſchloſſen.“ „Um
Gottes willen,” ſprach der Wolf, „redet Ihr die Wahrheit?“
„Bei der heiligen Barmherzigkeit!“ „Aber, ſagt mir, eßt Ihr
Fleiſch?“ „Das iſt verpoͤnt, fagte Reinhart. „Was eſſen
denn die Moͤnche?“ „Sie eſſen Weichkaͤſe und Fiſche. So
empfiehlt es St. Benedikt!“ Yſengrin ſprach: „Davon wußte
ich nichts. Aber gewaͤhrt mir Gaſtfreundſchaft. Es iſt ſpaͤt
und ich weiß nicht, wohin ich mich noch wenden ſoll.“ „Gaſt⸗
freundſchaft?“ ſagte Reinhart, „redet nicht davon! Nur ein
Moͤnch oder ein Eremit kann bei mir Unterkunft finden. Geht
anderswo hin!“ Dfengrin ſah ein, daß er unter keinen Um⸗
ſtaͤnden eingelaſſen werden wuͤrde; trotzdem fing er wieder
an: „Fiſche? Iſt das gutes Fleiſch? Gebt mir doch einen
Brocken, nur um zu verkoſten!“ Der ſchlaue Fuchs nahm drei
Stucke Aal, die auf den Kohlen brieten und inzwiſchen gar
geworden waren. Ein Stuͤck aß er ſelbſt, die anderen brachte
er dem Wolf und ſprach zu ihm: „Gevatter, tretet ein wenig
näher und empfangt aus Naͤchſtenliebe von unſerer Speiſe.
Aber wir erwarten, daß Ihr auch in unſeren Orden eintreten
werdet!“ „Ich weiß es noch nicht, aber es iſt moͤglich!“ ver⸗
ſetzte Yſengrin, „jedoch, lieber guter Meiſter, gebt mir ge⸗
ſchwind das Eſſen!“ Mengrin erhielt es und verſchlang es in
einem Happ. „Wie duͤnket Euch darum?“ fragte Reinhart.
Der Feinſchmecker zitterte und brannte vor Gier. „Es moͤge
Euch tauſendmal vergolten werden, Herr Reinhart!“ ſprach
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er, „aber gebt mir nur noch ein einziges Stuͤck, füßer, lieber
Gevatter, nur zum Anbeißen; dann will ich auch Eurem
Orden beitreten.“ „Ich rate Euch ſehr, Moͤnch zu werden,“
antwortete der liſtige Reinhart, „denn bei Euren Anlagen
werdet Ihr es noch vor Pfingſten zum Prior oder Abt brin⸗
gen.“ „Hätte ich dann Fiſche genug?“ „Soviel Ihr effen
wollt; aber zuvor muͤßt Ihr Euch Haar und Bart ſcheren
laſſen.“ Yſengrin begann zu brummen, als er vom Scheren
reden hoͤrte. „Wenn es ſein muß, Gevatter, ſo ſchert mich
geſchwind!“ Reinhart erwiderte: „Sogleich werdet Ihr eine
große und breite Tonſur haben, nur muß erſt das Waſſer
warm ſein.“ Der Fuchs ſtellte Waſſer aufs Feuer und ließ
es kochen; dann kam er wieder und hieß den Wolf ſeinen Kopf
durch ein Loch neben der Türe ſtecken. Yſengrin reckte den
Hals vor und Reinhart goß ihm das kochende Waſſer uͤber
den Schaͤdel. Der Wolf biß die Zaͤhne zuſammen und fuhr
zuruͤck: „Reinhart!“ ſchrie er, „ich bin hin. Das war ein
ſchlechter Streich, Ihr habt mir eine zu große Platte ge⸗
ſchoren.“ Reinhart ſtreckte die Zunge einen halben Fuß weit
aus dem Maul: „Herr, ſo iſt es im Kloſter der Brauch,“
ſagte er, dann fuhr er fort: „Der heilige Orden erheiſcht es,
daß wir in der erſten Nacht eine Probe beſtehen. Wir wollen
fiſchen gehen.“ Yſengrin entgegnete: „Gern werde ich alles
tun, was die Regel verlangt.“ Reinhart ſchluͤpfte durch einen
Spalt und trat zu Dfengrin, der noch immer über feine Platte
klagte, auf der keine Haut und kein Fell mehr geblieben war.
Beide gingen von dannen, Reinhart voraus und der andere
hinterher, bis ſie zu einem Weiher gelangten.
Es war wenig vor Weihnacht, um die Zeit, da man die
Schinken in Salz legt. Der Himmel war klar und ſternen⸗
hell, und der Teich, in welchem Yengrin fiſchen ſollte, war
feſt zugefroren. Nur ein Loch war offen geblieben, welches
die Bauern geſchlagen hatten, um ihr Vieh zu traͤnken, und
neben dem Loch war ein Eimer ſtehen geblieben. Reinhart
ging vergnuͤgt auf den Eimer zu, ſah ſeinen Gevatter an und
ſprach: „Herr, dieſen nehmt! Hier gibt es eine Menge Fiſche,
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und auf dieſe Weiſe pflegen wir fie zu fangen.“ „Bruder
Reinhart!“ erwiderte Yſengrin, „bindet mir dieſen Eimer
feſt an den Schwanz!“ Der andere nahm ihn und band ihn
ſo feſt er konnte. „Bruder,“ ſagte er dann „jetzt haltet Euch
ruhig, damit die Fiſche kommen.“ Dann druͤckte er ſich unter
ein Gebuͤſch und ſteckte die Schnauze zwiſchen die Fuͤße, um
zu beobachten, was jener anſtellen wuͤrde. Das Waſſer be⸗
gann zu gefrieren und der Eimer an Yſengrins Schwanze
fror mit ein, ſo daß der Schwanz feſt an das Eis geheftet
wurde. Nach einer Weile glaubte der Wolf, es ſei nun ge⸗
nug, und er verſuchte, den Eimer herauszuziehen. Lange
zerrte er vergebens, dann rief er nach Reinhart, denn der
Tag begann ſchon zu daͤmmern. Reinhart erhob den Kopf,
oͤffnete die Augen und blickte ſich um: „Bruder,“ ſprach er,
„laßt Eure Arbeit ſtehen, gehen wir heim, lieber Freund!
Wir haben genug Fiſche gefangen.“ „Reinhart, es ſind zu⸗
viell“ rief ihm Dfengrin zu. „Ich habe fo viel gefangen, daß
ich den Eimer gar nicht wieder herausziehen kann!“ Rein⸗
hart antwortete lachend: „Wer zuviel begehrt, verliert alles.“
Die Nacht war voruͤber, der Tag brach an, und die Sonne
erhob ſich im Oſten. Alle Wege waren weiß vom Schnee.
Herr Conſtant von Granches, ein behaͤbiger Ritter, hatte in
der Naͤhe des Teiches genaͤchtigt und ſich nun ſamt ſeinem
Jagdgefolge zufriedenen Gemuͤtes erhoben. Er nahm ſein
Horn, rief den Hunden und ließ ſich ſeinen Sattel bringen,
während der Jagdtroß laͤrmte und ſchrie. Reinhart hörte es
und floh, bis er feinen Bau erreicht hatte. Yſengrin hingegen
mußte bleiben, er zog und zerrte mit ſolcher Wut, daß ihm
faſt die Haut barſt. Waͤhrend der Wolf ſich ſo abquaͤlte, kam
ein Burſche des Weges, der zwei Hunde an der Leine fuͤhrte.
Er erblickte Yſengrin, der mitſamt ſeinem Glatzkopf auf dem
Eiſe angefroren war und ſchrie: „Hoho! Der Wolf! Herbei,
herbei!“ Die Jager ſprangen ſamt den Hunden aus dem
Hauſe. Herr Conſtant ſprengte auf ſeinem Roſſe hinterdrein
und rief: „Laßt los, laßt die Hunde los!“ Die Hundefuͤhrer
koppelten die Hunde ab, und dieſe ſtuͤrzten ſich auf den Wolf,
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der ſich nach Kräften wehrte. Herr Conſtant zog ſein Schwert
und ſchickte ſich an, den Wolf gut zu treffen. Dieſerhalb ſtieg
er vom Pferde und ging uͤber das Eis hinuͤber auf ihn los.
Von hinten wollte er ihn treffen, aber er verfehlte ihn, kam
durch den Schwung ins Gleiten und fiel ſo heftig hin, daß
ihm der Kopf blutete. Mit Muͤhe erhob er ſich und ging
zornig wieder auf den Wolf los. Er gedachte ihn auf den
Kopf zu treffen, aber der Schlag ging daneben: das Schwert
traf nur den Schweif und ſchnitt ihn da, wo er angewachſen
war, ratzibutz ab. Diengrin fühlte ſich frei, er ſprang davon,
von den Hunden verfolgt und gebiſſen, den Schwanz jedoch
mußte er zu ſeinem Schmerz als Pfand zuruͤcklaſſen. Er floh
einen Abhang hinauf, und als er droben war, blieben die
Hunde ermuͤdet ſtehen und kehrten um. Yſngrin aber eilte
weiter, bis er den ſchuͤtzenden Wald erreicht hatte. Dort hielt
er inne und ſchwur, er wolle ſich an Reinhart blutig raͤchen.
11. Predigtmaͤrlein des 13. Jahrhunderts
Der neue Adam
in Eremit tadelte einſtmals Adam und grollte ihm,
daß er ein ſo leichtes Gebot uͤbertreten habe, an⸗
ſtatt Mitleid mit ihm zu fuͤhlen. Sein Gefaͤhrte
wollte ihn zuͤchtigen; er legte eine Maus zwiſchen zwei
Schuͤſſeln und ſagte zu ihm: „Bruder, bis ich zuruͤckgekehrt
bin, ſollſt du nicht nachſehen, was zwiſchen dieſen beiden
Schuͤſſeln verborgen iſt.“ Als jener fort war, begann der
andere nachzugruͤbeln: warum hat er mir dieſes Gebot
auferlegt? ich muß doch einmal ſehen, was er zwiſchen die
beiden Schuͤſſeln verſteckt hat. Er hob die obere Schuͤſſel
auf, und die Maus entwich. Als der Gefaͤhrte zuruͤckkam
und die Maus nicht mehr fand, ſagte er: „Du tadelteſt
Adam, weil er ein ſo leichtes Gebot uͤbertreten habe, und
du haſt ein noch leichteres nicht gehalten.“ Hierauf ließ der
Eremit von ſeiner Anmaßung ab und nn feinen Groll
mit Mitleid, 2
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Der Engel und der Waldbruder
inſt wurde ein Eremit vom Geiſte der Laͤſterung ver⸗
ſucht und gruͤbelte daruͤber nach, wie doch die Urteile
Gottes ungerecht ſeien, wie die Guten in Kummer
und die Schlechten in Freuden lebten. Da erſchien ihm ein
Engel in Menſchengeſtalt und ſprach zu ihm: „Folge mir,
denn Gott ſchickt mich, daß du mit mir geheſt und ich dir den
verborgenen Sinn ſeiner Urteile zeige.“ Und er fuͤhrte ihn
in das Haus eines biederen Mannes, der ſie wohlwollend und
gaſtfreundlich aufnahm und mit allem Noͤtigen bemirtete,
Am anderen Morgen aber entwendete der Engel ihrem Gaſt⸗
freunde einen Becher, welchen dieſer ſehr hoch ſchaͤtzte. Hier⸗
uͤber begann der Eremit zu murren, denn er glaubte, jener
ſei nicht von Gott geſandt. Die naͤchſte Nacht verbrachten ſie
im Hauſe eines Mannes, der ihnen ein ſchlechter Wirt war
und der ſie unfreundlich behandelte. Dieſem gab der Engel
den Becher, den er dem guten Gaſtgeber geſtohlen hatte. Als
der Eremit ſolches ſah, wurde er noch betruͤbter und begann
eine noch ſchlechtere Meinung von ſeinem Begleiter zu be⸗
kommen. Von dort weitergehend naͤchtigten ſie ein drittes
Mal im Hauſe eines guten Mannes, der ſie mit großer Freude
empfing und ihnen reichlich mit allem Notwendigen auf⸗
wartete. Am anderen Morgen gab er ihnen einen jungen
Mann, ſeinen Diener, mit, daß er ihnen den Weg zeige.
Dieſen ſtuͤrzte der Engel von einer Bruͤcke herab und er⸗
traͤnkte ihn im Waſſer. Als der Eremit ſolches ſah, wurde er
traurig und aͤrgerlich. In der vierten Nacht nahm ſie ein
trefflicher Mann aufs beſte auf, brachte ihnen mit heiterer
Miene reichliche Speiſe und ließ ihnen geeignete Lagerſtaͤtten
herrichten. Aber das kleine Soͤhnchen des Gaſtwirtes, das
einzige, das er hatte, begann in der Nacht zu weinen und
hinderte ſie am Schlafen. Da ſtand der Engel naͤchtlicher⸗
weile auf und erwuͤrgte den Knaben. Als der Eremit ſolches
ſah, glaubte er, ſein Gefaͤhrte ſei der Satan ſelber und wollte
ſich von ihm trennen. Jetzt endlich redete der Engel und
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ſprach: „Deshalb hat mich der Herr zu dir geſchickt, daß ich
dir den verborgenen Sinn ſeiner Urteile zeige, und damit
du erfahreſt, daß nichts auf der Erde ohne Grund geſchieht.
Jener wackere Mann, dem ich den Becher fortnahm, liebte
ihn zu ſehr, bewahrte ihn neidiſch und dachte haͤufig an den
Becher, wenn er an Gott haͤtte denken ſollen. Deshalb habe
ich ihn ihm zu ſeinem Heile genommen und jenem ſchlechten
Wirte, der uns in ſeinem Hauſe uͤbel aufnahm, gegeben, da⸗
mit er ſeine Vergeltung noch in dieſem Leben empfange,
denn im Jenſeits wird ihm kein Lohn mehr zuteil werden.
Jenen Diener aber habe ich ertraͤnkt, weil er ſich vorgenom⸗
men hatte, am folgenden Tage ſeinen Herrn zu toͤten, und
ſo habe ich unſeren guten Gaſtgeber vor dem Tode errettet,
ſeinen Diener aber vor einer Mordtat, damit er, ohnehin
ſchon ein Moͤrder dem Vorſatze nach, um etwas weniger in
der Hoͤlle beſtraft werde. Unſer vierter Gaſtfreund endlich
tat viel Gutes, ehe er den Sohn hatte und bewahrte alles,
was er an Lebensmitteln und Kleidung eruͤbrigte, fuͤr die
Armen auf; als aber ſein Knabe geboren war, zog er ſeine
Hand von den Werken der Barmherzigkeit zuruͤck und be⸗
ſtimmte alles für ſeinen Sohn. Ich habe ihm den Anlaß zur
Habſucht genommen und gleichzeitig die Seele des unſchul⸗
digen Kindes ins Paradies gebracht.“ Als der Eremit ſolches
hoͤrte, wurde er von jeder Verſuchung befreit und begann die
Urteile Gottes, deren Sinn verborgen iſt, mit lauter Stimme
zu preiſen.
Der Wolf in der Vorratskammer
8 wird erzählt, daß der Fuchs den mageren Wolf uͤber⸗
redete, ihm in eine Vorratskammer Stehlens halber
zu folgen. Der Wolf aber fraß ſo viel, daß er durch die
enge Offnung, die ihm Einlaß gewaͤhrt hatte, nicht mehr
herauskonnte, und er mußte ſo lange faſten, bis er ſeine ehe⸗
malige Magerkeit wieder erreicht hatte. Er wurde indes uͤber⸗
raſcht und gepruͤgelt und mußte unter Zuruͤcklaſſung ſeines
Pelzes fluͤchten.
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— —— ä —— — — —— —
Der buͤßende Rauber
1: einem Haufe jenſeits des großen Sees bei Neuen⸗
(A in der Dioͤzeſe Lauſanne wohnte ein Geiftlicher
namens Wilhelm, der wegen der Wunder, die Gott
um ſeinetwillen gewirkt haben ſoll, fuͤr heilig gilt. Ein Ritter,
der ihn beſuchte, fragte ihn, warum er ſich ſo durch Faſten,
Traͤnen und Bußhemden abtoͤte und abmuͤhe. Der Geiſt⸗
liche antwortete, es drohe ihm am Tage des Gerichts ein
Flammenmeer von der Groͤße des Sees, und es beduͤrfe der
ganzen Kraft ſeiner Buße, um dem hoͤlliſchen Feuer zu ent⸗
gehen. Und er erzaͤhlte als Beiſpiel, daß ein Raͤuber, der
ſeinen Gegnern entfloh, ſich in Geſtalt des Kreuzes zu Boden
warf, als er ſah, daß kein Entrinnen mehr moͤglich ſei, und
bekannte, er habe den Tod wohl verdient; weil er Gott be⸗
leidigt habe. Er weinte daruͤber, geſtand, daß er ein Suͤnder
ſei und bat ſeine Verfolger, daß ſie, um Gott mit ihm zu ver⸗
ſoͤhnen, feine Glieder der Marter preisgaͤben. Einem Eremi⸗
ten, der ſchon viele Jahre in den Bergen buͤßend verbracht
hatte, wurde offenbart, wie Engel die Seele dieſes Raͤubers
unter Lobgeſaͤngen in den Himmel trugen. Dafuͤr wußte der
Eremit Gott keinen Dank, ſondern er aͤrgerte ſich und be⸗
dachte, daß er, der ſich allen Kaſteiungen ausgeſetzt habe, auf
gleichen Lohn fuͤr ſeine Buße Anſpruch habe. Als aber ſeine
Tage gezaͤhlt waren, uͤberſchritt er einen Bach, glitt von der
Bruͤcke und verſchwand in den Wogen, und Teufel trugen
ſeine Seele zur Hoͤlle. 8
Der Koͤnig und der Weiſe |
in König hatte in feinem Lande einen weiſen und
reichen Mann wohnen, fand aber keine Gelegenheit,
aus ihm Geld herauszupreſſen. Da richtete er drei
Fragen an ihn, die er loͤſen muͤſſe, wenn er nicht eine ge⸗
waltige Summe Geldes zahlen wolle. Die Fragen aber
ſchienen unlösbar zu ſein. Die erſte war: wo der Mittelpunkt
der Erde ſei? Die zweite: wieviel Maß Waſſer das Meer
enthalte? Die dritte: wie groß die . Gottes
6 Franz. Märchen I r 81
ſei? Am beitimmten Tage nun wurde der Weiſe in Anweſen⸗
heit des geſamten Hofes aus dem Kerker, in welchem er ge⸗
fangen gehalten wurde, herbeigeholt, um ſich loszukaufen,
wenn er nicht die erwaͤhnten Aufgaben loͤſe. Da ſtieß er mit
dem Stab auf den Boden und ſagte: „Hier iſt der Mittelpunkt
der Welt. Widerlege es, wenn du kannſt. Willſt du, daß ich
das Maß des Meeres ausmeſſe, fo halte die Fluͤſſe und alle
Waſſer an, damit ſie nicht ins Meer dringen, bis ich es aus⸗
gemeſſen und dir die Zahl der Maße geſagt habe. Die dritte
Aufgabe werde ich loͤſen koͤnnen, wenn du mir deine Ge⸗
waͤnder abtrittſt, damit ich vom Thronſeſſel aus meine Ant⸗
wort gebe.“ Hierauf, als er ſich auf dem Thronſeſſel und in
koͤniglichem Schmucke befand, ſagte er: „So hoͤret und ſehet
die Erhabenheit von Gottes Erbarmung, denn ich war eben
ein Sklave, nun bin ich ein Koͤnig geworden, eben war ich
arm, nun bin ich reich, eben war ich in der Tiefe, nun bin
ich erhöht, eben in Kerker und Ketten, nun aber in Freiheit.“
So iſt der Mittelpunkt der Barmherzigkeit Gottes uͤberall im
gegenwaͤrtigen Leben, ſeiner Gnaden iſt keine Zahl und ſeine
Erhabenheit und Allgegenwart aͤußert ſich darin, daß der
Suͤnder aus den Feſſeln und Gefaͤngniſſen der Suͤnde durch
den Weg der Buße zum Himmelreiche gelangt.
Crescentia
ir leſen, daß ein roͤmiſcher Kaiſer eine wunder⸗
ſchoͤne unde ngelreine Gemahlin hatte, welche er,
da er in Amtsgeſchaͤften verreiſen mußte, mitſamt
ſeinem Lande ſeinem Bruder zur Verwahrung uͤbergab. Der
Bruder bedraͤngte fie, durch ihre Schönheit verlockt, mit Ber:
ſprechungen, Drohungen und Gewalt. Da ſie ihn aber ver⸗
ſchmaͤhte und ſich tapfer gegen ihn wehrte, ſo verklagte ſie der
Bruder nach der Ruͤckkehr des Kaiſers bei dieſem, indem er
ſein Verbrechen auf ſie zu waͤlzen trachtete. Der Gatte
ſchenkte dem Verleumder ohne weiteres Glauben, mißhan⸗
delte die Frau, als ſie ihm entgegeneilte, mit Fuͤßen und
Faͤuſten und uͤbergab ſie zwei Sklaven, damit ſie ſie heimlich
82
in den Wald führten und enthaupteten. Dieſe wollten ihr,
durch ihre Schoͤnheit verleitet, gerade Gewalt antun, waͤh⸗
rend ſie ſich aus Leibeskraͤften wehrte und die Hilfe der
heiligen Jungfrau, der ſie ergeben diente, mit lauter Stimme
anrief, als ein fremder Edelmann voruͤberkam. Er hoͤrte das
Geſchrei, lief herzu, befreite ſie und toͤtete die Sklaven. Sie
ſelbſt aber nahm er mit ſich und betraute fie mit den Ob⸗
liegenheiten einer Hausfrau, indem er ihr ſeinen Sohn zur
Pflege überließ. Unterdeſſen bedraͤngte fie der Bruder ihres
neuen Herrn. Da ſie aber nicht einverſtanden war, ſondern
ſich tapfer mit den Faͤuſten wehrte und ihm blutige Striemen
beibrachte, erwuͤrgte dieſer, während fie ſchlief, den neben ihr
ruhenden Sohn des Bruders, um die ihm zugefuͤgte Unbill
zu raͤchen. Daraufhin überlieferte fie ihr Herr einigen Schif⸗
fern, welche ſie in ewige Verbannung fuͤhren ſollten. Dieſe
wollten ſie vergewaltigen und dann ins Meer werfen, ſetzten
ſie aber auf ihre Bitte hin auf einer Inſel an Land, wo ihr
die ſelige Jungfrau erſchien, die ſie troͤſtete und ihr ein ge⸗
wiſſes Kraut zeigte, welches die ſchlimmſten Krankheiten zu
heilen vermochte, beſonders aber wurden die Ausſaͤtzigen
durch dieſe Pflanze geheilt, vorausgeſetzt, daß ſie ihre Suͤnden
beichteten. Das Geruͤcht von einer ſolchen Heilkraft drang
bis zu den Ohren ihres Herrn. Er fuͤhrte ſeinen Bruder
— jenen, der ihr hatte Gewalt antun wollen und das Kind
getötet hatte und nun zur Strafe ausſaͤtzig geworden war —
zu ihr. Sie erkannte beide und ſagte, ſelbſt unerkannt, daß
es zu einer ſolchen Heilung zunaͤchſt der Beichte des Kranken
in Gegenwart ſeines Bruders beduͤrfe. Da jener aber das
vorher erwaͤhnte Verbrechen nicht erwaͤhnte, ſo nuͤtzte die
Medizin nichts. Nun ſagte fie vor allem Volke, daß der
Kranke bisher eine Suͤnde verheimlicht habe und daß infolge⸗
deſſen die Heilung verhindert werde. Da ermahnte ihn der
Bruder und beſchwur ihn, alles zu geſtehen, und jener ent⸗
huͤllte fein Vergehen und wurde geheilt. Als der Kaiſer
dieſes Wunder erfuhr, ließ er ſie, da ſein Bruder gleichfalls
hochgradig ausſaͤtzig geworden war, zu ſich kommen und bat
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ſie unter großen Ehrungen um die Heilung feines Bruders.
Sie entgegnete, daß ſie ihn nur dann heilen koͤnne, wenn er
ſeine Schuld vor aller Welt bekenne. Da er anderes geſtand,
das, was er gegen ſie gefehlt hatte, aber verheimlichte, ſo
wurde er nicht eher geheilt, bis er auf das Draͤngen des
Kaiſers hin das gegen ſie begangene Verbrechen beichtete.
Der Kaiſer war untroͤſtlich, da er ſie nicht erkannte. Als der
Bruder geheilt war, berief ſie den Kaiſer zu ſich und beſaͤnf⸗
tigte ſeinen Zorn gegen jenen. Er aber erkannte ſie waͤhrend
der Unterredung an gewiſſen Zeichen, nahm ſie wieder auf,
und aller Schmerz wurde in Freude verwandelt. Die
Kaiſerin wurde ſpaͤter Nonne und diente auf das Ergebenſte
der ſeligſten Jungfrau Maria.
12. Cleomades und das hoͤlzerne Pferd
m Lande Afrika herrſchten einſt drei reiche Koͤnige.
Ihre Laͤnder waren benachbart und die Koͤnige waren
einander freundſchaftich zugetan. Sie waren aber
alle drei erfahren in der ſchwarzen Kunſt und in der Stern⸗
kunde. Melocandis und Baldigant waren weiſe, edel, ſchoͤn
und ritterlich, aber den dritten, welcher Crompart hieß, ver⸗
unzierte ein Buckel, ſeine Augen lagen tief im Kopf und das
Kinn hing ihm auf der Bruſt. Dieſe drei Koͤnige hatten davon
reden hoͤren, daß Koͤnig Marcadigas von Spanien drei
wunderſchoͤne Toͤchter beſitze. Zu dieſen hatte ſie vom bloßen
Hoͤrenſagen Liebe ergriffen, und ſie beſchloſſen, um ihre Hand
anzuhalten. Crompart, der ſchlaue, riet: „Ihr Herren, Mar⸗
cadigas iſt wegen der gewaltigen Tapferkeit ſeines Sohnes
Cleomades weit und breit gefuͤrchtet. Wir werden guttun,
wenn wir uns ſein Wohlwollen mit reichen Geſchenken er⸗
kaufen.“ Da verfertigte Meliocandis eine Henne mit drei
Kuͤchlein aus lauterm Gold, und dieſe Tierlein ſangen ſo
ſchoͤn, daß ſuͤßere Melodien niemals vernommen wurden.
Baldigant ſchuf einen Mann aus Gold, der eine Trompete
in der Hand hielt, und jedesmal, wenn jemand Verrat oder
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Unbill plante, fo blies der Trompeter, daß er ein ganzes Heer
erwecken mochte. Koͤnig Crompart endlich erſann das koſt⸗
barſte Geſchenk. Es war ein Pferd aus Ebenholz, das ſeinen
Reiter uͤberall hintrug, wohin er wollte; wenn man einen der
ſtaͤhlernen Zapfen drehte, mit denen es an Stirn und Bruſt
ausgeſtattet war, ſo flog das Tier in die Luft oder zu Tal,
zur Seite oder geradeaus, und es durchſchnitt die Luft ſo
ſchnell, daß niemand ihm mit den Augen folgen konnte. Mit
dieſen drei Geſchenken kamen die afrikaniſchen Koͤnige in die
große Stadt Sevilla, als gerade Koͤnig Marcadigas am Erſten
des Monats Mai ſein Geburtstagsfeſt beging. Viele Barone
hatten ſich zum Feſt am Hofe verſammelt und das Volk
drängte ſich auf den Gaſſen, als die drei fremden Herrſcher
ihren Einzug hielten. Cleomades, der Koͤnigsſohn, ging
ihnen entgegen und begruͤßte ſie mit den geziemenden Ehren,
darauf wurden ſie vor den Koͤnig geleitet. Dieſem boten ſie
ihre Kleinodien dar, ohne ihm jedoch den wahren Zweck ihrer
Fahrt zu enthuͤllen. „Wir fordern darfuͤr“, ſprach der liſtige
Crompart, „nur eine Gegengabe fuͤr uns alle drei.“ „Und
ich bewillige ſie euch,“ erwiderte der Koͤnig, „ſchont meiner
Habe nicht! Waͤhlt unter meinen Burgen und Staͤdten, unter
meinem Gold und meinen Edelſteinen, fordert kuͤhn, was
euch gefaͤllt, ich verſpreche euch im voraus, daß es euer iſt.“
Der Bucklige hub wieder an: „Herr, Ihr macht uns froh,
denn Ihr bewilligt uns reiche Gabe. So wiſſet: um Eurer
Toͤchter willen verließen wir unſer Land und ſie verlangen
wir von Euch. Ihr habt uns unſere Bitte im voraus gewaͤhrt,
nun nehmt die Kleinodien, die wir Euch mitbrachten!“ Mar⸗
cadigas ſah, daß er hintergangen war und ſein vorſchnelles
Verſprechen reute ihn wegen der Mißgeſtalt Cromparts, aber
ein Koͤnig darf ſein Wort nicht brechen. Auch dem Koͤnigs⸗
ſohn mißfiel es, daß der Mann mit dem Schweinsruͤſſel eine
ſeiner Schweſtern bekommen ſollte, er benachrichtigte die
Jungfrauen und dieſe ſpaͤhten durch ein Loch in der Wand in
den Saal. Die beiden erſten gefielen ihnen nicht uͤbel, aber
als ſie den kleinen haͤßlichen Crompart ſahen, da fragten ſie
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ſich angſtvoll, welcher von ihnen dieſer beſtimmt werden ſollte.
Nachdem alles im Saale Platz genommen hatte und Ruhe
geboten war, nahm Melocandis die goldene Henne und ſetzte
ſie mit ihren Kuͤchlein mitten in den Saal, und ſiehe, alle vier
ließen einen wunderlieblichen Geſang hoͤren. Dem Koͤnige
gefiel die Gabe ſowohl wie der wohlgeſtaltete Spender und
auch Cleomades erklaͤrte ſich zufriedengeſtellt. Melocandis
verneigte ſich vor dem König und erhielt die aͤlteſte Tochter,
die durch das Loch mit Wohlgefallen den edlen Ritter be⸗
trachtete. Dann trat Baldigant vor und uͤberreichte dem
Koͤnig den Mann aus Gold, indem er ihn dabei uͤber deſſen
Eigenſchaften unterrichtete. Er erhielt die zweite Tochter
und neigte ſich dankend vor dem Herrſcher. Da geriet die
jüngfte, welche Marina hieß, in große Not, denn ihr blieb
nur der haͤßliche Zwerg uͤbrig. Cleomades, der ihre Traͤnen
ſah, verſprach, er wolle es ſo einrichten, daß Crompart ſie nicht
zur Frau erhalten ſolle, und uͤber dieſe Worte wurde ſie wie⸗
der ein wenig froh und laͤchelte. Waͤhrend ſie ſolches in der
Kammer beſprachen, hatte aber der Bucklige ſchon ſo geſchickt
mit dem Koͤnig geredet, daß dieſer ihm ſeine Tochter zuge⸗
billigt hatte. Cleomades verbarg ſeinen Zorn und ſprach leiſe
zu ſeinem Vater: „Wollt Ihr Eure Tochter ewiger Trauer
uͤberliefern, indem Ihr ſie dieſem mißgeſtalteten Geſchoͤpf
zum Weibe gebt?“ „Ich nahm ſein Geſchenk und gab ihm
mein Verſprechen. Koͤnige luͤgen nicht.“ „Herr,“ wandte
Cleomades ein, „woher wißt Ihr, daß das Pferd die Eigen⸗
ſchaften beſitzt, die er an ihm ruͤhmt? Erprobt zunaͤchſt die
Wahrheit ſeiner Worte und den Wert der Gabe!“ Der Koͤnig
war damit einverſtanden und Cleomades ſetzte dem Zwerg
ſeine Zweifel auseinander. „Wenn Ihr das Pferd beſteigen
wollt,“ ſagte Crompart mit haͤmiſchem Lachen, „ſo ſollt Ihr
erfahren, ob ich log. Ertappt Ihr mich auf Unwahrhaftigkeit,
ſo moͤgt Ihr mit mir machen, was Ihr wollt.“ Der Treuloſe
hatte wohl gemerkt, daß Cleomades die Heirat hintertrieb,
und er ſuchte nach einer Gelegenheit, ſich an ihm zu raͤchen.
Waͤhrend der Bucklige dieſe Worte ſprach, blies der goldene
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Trompeter in fein Horn, weil gegen Cleomades Verrat ges
plant wurde, aber niemand achtete auf den Ton. Das Roß
wurde in den Hof gefuͤhrt und die Menge draͤngte ſich gaffend
herum. Ein Sattel aus Ebenholz deckte das Zauberpferd und
ſeine Steigbuͤgel hatten die Eigenſchaft, daß ſie ſich der Groͤße
eines jeden Reiters anpaßten. Cleomades, begierig, das Ge⸗
heimnis zu erfahren, beſtieg den Ruͤcken des Tieres und drehte
an einem Zapfen an deſſen Stirn. Wie der Sturmwind
ſauſte das wunderbare Flugzeug durch die Luft davon, und
die Zuruͤckbleibenden verloren es alsbald aus den Augen. Der
Koͤnig wandte ſich zornig an Crompart: „Laßt das Pferd
umkehren, es iſt ſchon zu weit fort. Mir ſcheint, es iſt nun hin⸗
reichend erprobt.“ „Herr,“ entgegnete der Verräter mit un⸗
ſchuldiger Miene, „es ſteht nicht in meiner Macht, das Roß
zuruͤckzurufen, denn ich vergaß, Euren Sohn, als er aufſtieg,
zu lehren, wie er umkehren koͤnne. Erſt als er fort war, fiel
es mir ein. Es ſchmerzt mich ſehr, doch kann ich ihn Euch
nicht wiedergeben.“ „Freund, ſprach der Koͤnig, „du wirſt
nicht das Licht des Tages ſehen, bis ich meinen Sohn wieder⸗
habe. Wahrlich, uͤbel war ich beraten, da ich die Warnung
des Blaͤſers nicht beachtete, und toͤricht handelte ich, daß ich
Euch nicht ſelber Euer Roß verſuchen ließ.“ Der Zwerg ſuchte
ſich zu verteidigen, aber das nuͤtzte ihm nichts; er wurde ge⸗
bunden und ins Gefaͤngnis geworfen, wo er Gelegenheit
hatte, ſeine Hinterliſt zu bereuen.
Den Koͤnigsſohn indeſſen trug das Zauberroß in kurzer Zeit
ſo weit, daß er nicht mehr wußte, welche Laͤnder und Meere
unter ihm voruͤbereilten. Wohl merkte er, daß Crompart ihn
hintergangen hatte, um ſich ſeiner zu entledigen, aber ſein
tapferes Herz verzagte darum nicht. Er erinnerte ſich, daß
er den Buckligen einen Zapfen an der Stirn des Roſſes habe
drehen ſehen, er taſtete oben und unten und fand ſchließlich
einen Zapfen auf der rechten Seite des Tieres, den er be⸗
wegte: da wandte ſich das Pferd augenblicklich nach rechts.
Nun verſuchte er einen Zapfen nach dem andern, bis er
wußte, wie er die Maſchine, die durch die Zapfen ihre Be⸗
87
wegung erhielt, ſteuern muͤſſe. Schließlich fand er auf der
Bruſt des Holzpferdes einen Zapfen, der veranlaßte, daß das
Flugzeug ſich ſo ſanft, wie ein Aprilregen auf die junge Saat
fällt, zur Erde herabließ und ſtille ſtand. Er wußte jetzt, wie
er in die Hoͤhe und abwaͤrts, wie er vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts
fliegen koͤnne, und gar gern waͤre er nach Spanien zuruͤck⸗
gekehrt, aber ſo weit hatte ihn das Roß ſchon getragen, daß
er nicht mehr wußte, welche Richtung er einſchlagen muͤſſe,
und zudem war er muͤde und hungrig, denn er reiſte nun
ſchon einen Tag und eine Nacht mit ungeheurer Geſchwindig⸗
keit. Er gedachte alſo, zur Erde herabzugleiten, um ſich aus⸗
zuruhen. Er blickte unter ſich und gewahrte, daß er uͤber
einer weiten Ebene ſchwebte, durch welche ſich ein Fluß
ſchlaͤngelte. Ein feſtes und ſchoͤnes Schloß lag unter ihm, um⸗
geben von Waͤldern, Weinbergen und Wieſen. Von Kon⸗
ſtantinopel bis Oſterreich hätte man kein praͤchtigeres Schloß
finden koͤnnen. Hier herrſchte ein Koͤnig mit Namen Car⸗
mans, der eine wunderſchoͤne Tochter beſaß. Neben dem
Tor des Schloſſes bemerkte der Juͤngling einen hohen Turm,
der aus Marmorſtein gehauen und mit Blei gedeckt war.
Auf dieſen Turm zu nahm er ſeinen Flug und ſteuerte ſeine
Maſchine ſo, daß er auf der Spitze desſelben landete. Er
ſtieg vom Roß und erblickte ein kleines Pfoͤrtchen, durch wel⸗
ches er in das Innere des Schloſſes dringen konnte. Er ließ
alſo ſein Flugzeug oben auf dem Dache und eilte die Stufen
hinab, denn der Hunger trieb ihn. Durch eine Flucht von
praͤchtigen Saͤlen irrte er, bis er in einen Raum gelangte, in
welchem eine Tafel aus Ebenholz und verziert mit koſtbaren
Steinen gedeckt war. Mancherlei Speiſen luden da zum
Mahle, und in goldenen Pokalen funkelte der Wein. Fleiſch
und Wein aber waren ein Opfer, welches die Bewohner
dieſes Landes am erſten des Mai ihren Goͤttern darbrachten,
um von ihnen Fruchtbarkeit zu erflehen. Der König und
ſeine Großen hatten ein wenig von den Speiſen genoſſen,
dann hatten ſie ſich in einen anderen Saal begeben, wo boͤh⸗
miſche Floͤtenſpieler und deutſche Geiger zum Tanze auf⸗
88
ſpielten. Dort war der ganze Hof bis Morgengrauen in aus⸗
gelaſſener Luft verſammelt und fo blieb die Ankunft des
Fliegers unbemerkt. Cleomades wuſch ſich ſeine Haͤnde an
einem Waſſerſtrahl, der aus dem Maule eines ſilbernen
Löwen hervorſprudelte und ſetzte ſich zum Mahl, während
die Klänge der Fiedeln und Harfen aus dem Tanzſaal her⸗
uͤbertoͤnten. Als er ſich guͤtlich getan hatte, wandte er ſich zur
offenen Tuͤr des Saales und trat in ein Gemach, in dem ein
Mann von rieſenmaͤßigem Wuchſe, doch ohne Bart, ange⸗
kleidet auf einem Lager ſchlief, das von Waffen aller Art
rings umgeben war. Der Juͤngling ſchlich ſich an dem
Schlaͤfer vorbei und trat in einen Saͤulengang, der einen
Blumengarten umgrenzte. Er ſtand ſtill und ſah ſich um.
Das Gaͤrtlein zeigte keinen anderen Ausgang als eine Pforte
aus Ebenholz; zu dieſer wandte ſich der Koͤnigsſohn und
druckte auf die Klinke, worauf ſich die Tuͤre mühelos öffnete,
Cleomades trat in ein Gemach von undenklicher Pracht; dieſes
hatten der Koͤnig und die Koͤnigin fuͤr ihre Tochter Clarmon⸗
dine hergerichtet, welche fie über alles liebten. Sie zu be⸗
wachen diente der rieſenhafte Eunuch, der vor dem Gaͤrtlein
ſchlief. Eine Unzahl von Kerzen erhellte den Raum und durch
die Fenſter brach ſchon der junge Tag. Drei Betten ſtanden
in der Kammer, in welchen drei Jungfrauen ruhten, aber auf
der rechten Seite ſtand das ſchoͤnſte Lager, das je ein Menſch
geſehen. Es war von Gold, und Hyazinthen, Topaſe, Ru⸗
binen und Saphire funkelten daran, weiße Felle waren uͤber
die ſeidenen Decken gebreitet. In dieſem Bett ruhte die
ſchoͤne Koͤnigstochter. Cleomades näherte ſich dem Lager,
erblickte die anmutige Schlaͤferin und neigte ſich uͤber ſie. Als
er ihre Wangen aus Milch und Purpur ſah, faßte er ſich ein
Herz und kuͤßte ſie, worauf ſie erwachte und mit einem tiefen
Atemzug ihre Augen oͤffnete. Sie erſchrak gewaltig, als ſie
einen Mann vor ſich ſtehen ſah. Cleomades ließ ſich vor ihr
auf die Knie nieder, um ſie zu begruͤßen, und ſie erwiderte
ihm: „Lieber Herr, wie kommt Ihr hierher? In dies Ge⸗
mach darf kein anderer treten als der Koͤnigsſohn von Ar⸗
89
kadien, mit dem ich in meiner Kindheit verlobt wurde, ohne
ihn je geſehen zu haben. Sagt, ſeid Ihr der? Wenn nicht,
ſo ſeid Ihr des Todes, und wenn Euer Leben fuͤnffache Kraft
haͤtte.“ „Schoͤne Maid,“ ſprach der Koͤnigsſohn, „ich bin der,
von dem Ihr ſpracht und werde alles tun, was Euch gefällt.”
„Wer fuͤhrte Euch hierher?“ „Niemand weiß, daß ich kam.
Die Sehnſucht nach Euch, meiner Braut, trieb mich hierher.
Nun, nachdem ich Euch geſehen, will ich mich unverzüglich
wieder entfernen, denn um nichts in der Welt moͤchte ich Euch
laͤſtig ſein.“ Die Jungfrau wurde froh, denn ſie glaubte den
Worten des Juͤnglings, der ihr überaus mohlgefiel. Seine
Schoͤnheit ergriff ihr Herz mit den Flammen der Liebe und
ebenſo fuͤhlte ſich unſer Held von Amors Pfeil verwundet.
Clarmondine weckte nun ihre Dienerinnen und dieſe waren
ſo ſprachlos vor Verwirrung uͤber die Anweſenheit des Frem⸗
den, daß ſie deſſen hoͤflichen Gruß mit keinem Wort erwider⸗
ten. Cleomades beſchloß, das Gemach zu verlaſſen, bis die
Prinzeſſin ſich erhoben haͤtte; doch verſprach er nicht eher zu
gehen, als es ihr gefiele. Der Juͤngling trat in den Blumen⸗
garten, wo er ſich liebeskrank niederließ und den Duft der
Bluͤten einſog. Clarmondine kleidete ſich indeſſen an und er⸗
zaͤhlte dabei ihren drei Geſpielinnen von dem jungen Ritter,
den ſie noch immer fuͤr ihren Verlobten hielt. Als ſie fertig
waren, begaben ſie ſich alle vier zu dem Koͤnigsſohn in den
Garten, und dieſer ſuchte zunaͤchſt in Erfahrung zu bringen,
in welchem Lande er eigentlich ſei. Dabei ſah er die Jung⸗
frau mit verliebten Augen an und die Liebe ſchlug ihre Wur⸗
zeln in ihren Herzen. Schon lange ſaßen ſie ſo da in Ge⸗
ſpraͤche und ſtumme Blicke vertieft, da ſpaͤhte der Rieſe, der
die Koͤnigstochter behuͤten ſollte, durch ein kleines Fenſter⸗
chen in den Garten. Er erſtaunte uͤber die Maßen, als er den
Ritter ſah, und er wußte nicht, wie er hineingekommen ſei,
denn er glaubte alle Eingaͤnge wohlverwahrt zu haben. So⸗
gleich eilte er zum Koͤnig, um ihm Bericht zu erſtatten.
Dieſer geriet uͤber ſolche Nachricht in grenzenloſe Wut.
Eilends begab er ſich an das Fenſter und gewahrte ein lieb⸗
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liches Bild: feine Tochter wand aus Blüten einen Kranz,
während ihre Gefpielinnen die Blumen dazu pflüdten und
der Juͤngling die Seide zuſammenflocht, um den Kranz zu
binden. Der Koͤnig, raſend daruͤber, daß ein Mann bei ſeiner
Tochter weile, ließ die aͤlteſte der Waͤrterinnen rufen, um von
ihr Rechenſchaft zu fordern. Sie erzaͤhlte ihm alles, was ſie
von Cleomades wußte, aber der Koͤnig merkte ſogleich die
Unwahrheit ſeiner Worte, denn ſein kuͤnftiger Schwieger⸗
ſohn war ihm wohlbekannt. Haſtig trat er in das Gaͤrtlein,
und die Liebenden ſprangen erſchrocken vor ihm auf. Der
Juͤngling begruͤßte den Koͤnig, ohne Furcht zu zeigen, doch
dieſer blieb ihm die Antwort ſchuldig und gebot, ihn augen⸗
blicklich zu feſſeln. Die Knechte legten Hand an den Koͤnigs⸗
ſohn, der ſich ohne Gegenwehr binden ließ. Die Jungfrau
aber kniete vor dem Vater nieder und ſprach: „Herr, dieſer
Mann tat mir kein Leid. Er iſt der arkadiſche Prinz, mein
Verlobter, den Ihr mir ſelbſt zum Gatten beſtimmt habt.“
Der Koͤnig ſah an den Mienen ſeiner Tochter, daß ſie ſich
keiner Schuld bewußt war. „Tochter,“ ſagte er, „es iſt nicht
der, den Ihr meint. Nie ſah ich dieſen Mann. Wenn Euer
Verlobter ins Land kaͤme, ſo ſollten ſich meine Schloͤſſer mit
Scharen feſtlicher Säfte füllen. Doch dieſer iſt ein-Betrüger,
der Euch Eure Ehre rauben will. Aber er ſoll es buͤßen, denn
ich will ihn lebendig ſchinden laſſen, will ihm den Kopf ab⸗
ſchlagen, ihn verbrennen, haͤngen und lebendig begraben.“
Cleomades erſchrak, weil man ihn auf einer Luͤge ertappt
hatte und ließ ſich gutwillig fortſchleppen. Die Mutter ſuchte
Clarmondine zu troͤſten, aber ihr Herz war nicht in ihrem
Leib, ſondern wanderte mit dem Koͤnigsſohn in den Kerker,
und wo das Herz nicht iſt, da iſt jeder Troſt umſonſt. Cleo⸗
mades ſtand in Banden geſchlagen und von Bewaffneten
umgeben im Hofe, als die Koͤnigin zu ihm trat, und trotz ſeiner
Erniedrigung ſchien er ihr ſchoͤn und liebenswert. Man fragte
den Juͤngling nach Name und Heimat, aber er ſchwieg hart⸗
naͤckig. Erſt als der Koͤnig ihm vorwarf, daß er der Ehre ſeines
Kindes nachgeſtellt habe, antwortete er haſtig, daß er nichts
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Boͤſes gegen die Prinzeſſin im Schilde geführt habe, und er
erzaͤhlte eine halb wahre, halb erdachte Geſchichte, wie Feen
ihn entfuͤhrt, ihn auf ein hoͤlzernes Zauberpferd geſetzt und
hier abgeladen hätten. Er erflärte ſich bereit, dem König das
Roß, das auf dem Turme ſtehe, zu zeigen. Dieſer wurde neu⸗
gierig und begehrte, das Tier zu ſehen; er ſchickte Cleomades
mit einer Schar Bewaffneter auf den Turm, ſein Flugzeug
zu holen. Der Juͤngling fand das Pferd im naͤmlichen Zu⸗
ſtand vor, wie er es verlaſſen hatte; er brachte es dem Koͤnig
und dieſer betrachtete es mit Erſtaunen. Die Königin hatte
Erbarmen mit dem jungen Mann und bat ihren Gemahl um
Gnade. Dieſer haͤtte ihm gern verziehen, wenn ihn ſeine
Luͤge nicht verdaͤchtig gemacht haͤtte. Er wandte ſich an ſeine
Ratgeber und fragte ſie, was er mit dem Gefangenen tun
ſolle. Die Meinungen gingen weit auseinander, aber ſchließ⸗
lich einigte man ſich dahin, daß er gehaͤngt werden ſolle. Da
bedachte ſich Cleomades und ſprach: „Koͤnig, ich fuͤrchte den
Tod nicht, aber da ich Euch nicht entgehen kann, bitte ich
Euch um eine Gnade: haͤngt mich nicht wie einen Straßen⸗
raͤuber! Ich bin ein Ritter und verdiene einen ehrenvollen
Tod. Laßt mich mein Pferd beſteigen und dann durchbohrt
mich mit Euern Pfeilen und Schwertern.“ Der Koͤnig ge⸗
ſtand ihm dieſe Gnade zu, denn es war ihm gleichguͤltig, auf
welche Weiſe er ums Leben kaͤme. Rings um das Roß ver⸗
ſammelten ſich die Knechte mit Spießen, Lanzen, Pfeilen,
Schwertern und Stöden; große Steinblöde hielten fie im
Schoß, um ſie auf den Gefangenen zu ſchleudern. Cleomades
beſtieg freudigen Herzens ſein Gefaͤhrt, als er aber oben ſaß,
legte er ſeine Hand an die Stirn des Tieres, drehte den
Zapfen und ſogleich durchſchnitt die Maſchine die Luft, ſo
daß die Zuruͤckbleibenden mit geoͤffneten Maͤulern daſtanden
und meinten, der Leibhaftige habe ſie genarrt.
Cleomades nahm feinen Flug nach Spanien, wo er mit
größter Freude empfangen wurde. Seine erſte Bitte war,
Crompart aus dem Gefaͤngnis zu entlaſſen, die Hand Ma⸗
rinas freilich habe er durch ſeine Treuloſigkeit verwirkt. Der
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— *
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K
Bucklige war ſehr bekuͤmmert, als ihm der Koͤnig ſeine Toch⸗
ter verweigerte und er verließ ihn voll Scham und Trauer
ohne Abſchied. Er entließ ſein Gefolge, das er in Sevilla
zuruͤckgelaſſen hatte, er ſelber aber blieb in der Stadt, um
eine guͤnſtige Gelegenheit abzuwarten, daß er ſich am Koͤnig
und beſonders an Cleomades raͤchen koͤnne. Er kleidete ſich
als Arzt und uͤbte das Gewerbe eines Heilkuͤnſtlers aus. Den
Koͤnigsſohn indeſſen ließ die Liebe zu Clarmondine nicht
raſten, und er glaubte nicht eher Ruhe zu finden, bis er ſie
als feine Gattin heimgefuͤhrt habe. Als drei Tage verſtrichen
waren, nahm er von ſeinem Vater Abſchied, um zu ihr zuruͤck⸗
zukehren. Er nahm denſelben Weg, den er gekommen war
und ließ ſein Flugzeug unter einer Ulme in der Naͤhe von
Koͤnig Carmans Schloß zu Boden gleiten, um dort in Furcht
und Hoffnung den Anbruch der Nacht zu erwarten. Als der
Mond aufgegangen war, beſtieg er ſein Roß wieder und flog
ruhig und ſicher in die Burg. Er ließ den Turm zur Seite
liegen und ſenkte ſein Gefaͤhrt in das Blumengaͤrtlein her⸗
nieder, wo ihn der Koͤnig letzthin uͤberraſcht hatte. Dort ſtieg
er ab und verbarg das Pferd in einer Mauerniſche. Die Tuͤr
der Schlafkammer der Prinzeſſin ſtand offen, um dem Duft
der Bluͤten Eintritt zu gewaͤhren, und Cleomades gelangte
ungehindert in das Gemach. Er blieb einen Augenblick ſtehen
und überzeugte ſich zunaͤchſt, ob alles ſchlief, dann trat er an
das Bett der Jungfrau und weckte ſie mit einem Kuß. Sie
ſchlug mit einem Seufzer die Augen auf und ſprach: „Ach,
wer hat mich gekuͤßt? Beim Licht der Kerzen erkannte ſie
den Juͤngling ſogleich, aber ſie wußte nicht, ob ſie ſchweigen
oder ſchreien ſolle, denn ſie mißtraute dem Fremden, obwohl
ſie ihn liebte. „Herr,“ ſagte ſie, „ich ſollte Euch zuͤrnen, weil
Ihr neulich eine Züge geredet habt. „Jungfrau, ich ſchwoͤre
Euch, daß ich Euch heute die Wahrheit ſagen will. Cleo⸗
mades heiße ich und mein Vater herrſcht uͤber Spanien.“
Bei dieſen Worten jubelte Clarmondinens Herz, denn der
Ruhm ſeiner Heldentaten war ſchon in ihr fernes Land ge⸗
drungen und vom Hoͤrenſagen hatte ſie den Vollbringer ſo
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vieler edler Taten ſchon geliebt. Sie fragte ihn, warum er
gekommen ſei, und er fluͤſterte ihr leiſe, leiſe, damit die
Waͤrterinnen nicht erwachten, ſeinen Plan ins Ohr und bat
ſie mit aufgehobenen Haͤnden, ſie moͤge mit ihm in ſeine
ſchoͤne Heimat ziehen, um an ſeiner Seite als Koͤnigin zu
herrſchen. „Herr,“ ſagte ſie, „ich ergebe mich in Euern Wil⸗
len. Aber ich fuͤrchte, mein Vater wird nicht in dieſe Heirat
einwilligen, denn er hat mich ſchon fuͤr einen andern be⸗
ſtimmt.“ Es bedurfte geringer Überredungskunſt, um fie zur
Flucht mit ihm zu bewegen. Darauf verließ Cleomades das
Gemach, um ſie im Garten zu erwarten. Die Prinzeſſin
weckte indeſſen ihre Geſpielinnen und erzaͤhlte ihnen, daß der
beruͤhmte Ritter Cleomades gekommen ſei, um ſie mit ſich
in ſein Land zu fuͤhren. Die Jungfrauen, die gleichfalls ſchon
viel von der Tapferkeit des ſpaniſchen Koͤnigsſohnes gehört
hatten, lobten ihre Wahl und redeten ihr zu, mit ihm zu
fliehen. Darauf traten ſie alle vier in das Gaͤrtlein und die
Waͤrterinnen trugen dem Paar einen Imbiß auf und baten
den Koͤnigsſohn, ſie ſobald als moͤglich in ſein Land zu rufen.
Die Prinzeſſin aber war bekuͤmmert, daß ſie ihre Eltern ver⸗
laſſen ſollte, und Cleomades mußte ihr verſprechen, daß er
ihr noch einmal Gelegenheit geben wolle, ſie zu ſehen. Die
Waͤrterinnen mahnten nun die Liebenden, nicht länger mehr
zu verharren, denn König ECarmans hatte die Gewohnheit,
bei Tagesanbruch ſich zu erheben und ſich mit ſeinem Gefolge
im Schloßpark zu ergehen. Schon daͤmmerte der Tag herauf
und die eine der Dienerinnen ſtieg auf den Turm, von dem
aus man den Park uͤberſehen konnte. Da ſah ſie, wie der
Koͤnig und die Koͤnigin ſich mit einer Schar von Damen und
Rittern unter einer Pinie niedergelaſſen hatten. Hurtig ſtieg
ſie wieder herab und bat den Koͤnigsſohn, unverzüglich feinen
Plan auszufuͤhren. Der Juͤngling hob Clarmondine auf ſein
Roß und band ſie feſt, um ſie vor dem Fallen zu bewahren,
die Maͤgde befeſtigten Koͤrbe mit Speiſen und Wein an den
Seiten des Flugzeugs und dann ſetzte er ſich ſelbſt vor die
Prinzeſſin auf das Zauberpferd; er drehte den Zapfen, der
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zii .
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den Flug nach aufwaͤrts regelte, und ſchwebte mit feinem
Lieb dem jungen Tag entgegen. Zunaͤchſt ſteuerte er ganz
langſam und hielt ſich nahe am großen Turm, von wo man
den Park, den die erſten Strahlen der Sonne beſchienen,
überbliden konnte. König Carmans luſtwandelte dort mit
ſeinen Begleitern. Da hub Cleomades von ſeiner luftigen
Hoͤhe aus zu reden an: „Herr, ſucht Eure ſchoͤne Tochter nicht,
denn Euer Suchen iſt umſonſt. Ich habe mich Eurer Tochter
ergeben und ſie hat mir ihre Huld gewaͤhrt. Nun fliegen wir
nach Spanien in mein Heimatland, unſer Hochzeitsfeſt zu
halten. Und damit Ihr wißt, wer Eure Tochter entfuͤhrt: ich
bin von edler Art und weit in ferne Lande drang meines
Namens Ruhm, Cleomades heiße ich, mein Vater traͤgt die
Krone Spaniens.“ Die Koͤnigin blickte in die Hoͤhe und rief:
„Ach, mein Kind, wohin gehſt du?“ Dann fiel ſie bewußtlos
vor Gram zu Boden. Waͤhrend die Herren und Damen des
Hofes ſich um die ohnmaͤchtige Koͤnigin bemuͤhten, flog das
Liebespaar in blitzſchneller Fahrt weſtwaͤrts, der Koͤnig Car⸗
mans aber faßte ſich an die Stirn und glaubte, ein ſchwerer
Traum habe ihn gequaͤlt.
Cleomades reiſte mit der Prinzeſſin ſo lange durch die Luft,
bis an einem Dienstag Morgen die Sonne vor ihren Augen
die Tuͤrme Sevillas vergoldete. Da ſprach der Koͤnigsſohn:
„Nun freut Euch, ſuͤßes Lieb, wir ſind am Ziel!“ „Herr,“
ſprach die Jungfrau, „ich bitte Euch, Ihr wollet mich hier an
einem geſchuͤtzten Orte abſteigen laſſen. Ich bedarf zunaͤchſt
der Ruhe, ehe ich vor Eure Eltern trete, denn ich zittere vor
Angſt und Kälte. Der Juͤngling trug fie in einen Garten
von Pinien und Lorbeerbaͤumen, der ſich außerhalb der
Mauern ausdehnte, und ſetzte ſie unter einem Olivenbaume
ab. Die Jungfrau ſtreckte ſich ermattet auf den gruͤnen Raſen,
und nachdem ſie ein wenig geruht hatte, begehrte ſie zu
eſſen. „Wenn es Euch nicht mißfaͤllt, Liebſte,“ ſprach Cleo⸗
mades, „jo möchte ich jetzt meine Eltern und meine Schweſter
aufſuchen und ſie bitten, Euch hier abzuholen.“ „Holt ſie,
Herr, und laßt mich indes hier ruhen. Die Glieder ſchmerzen
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mich und ich kann mich fo nicht vor dem Volke zeigen.“ „So
erholt Euch, bis ich wiederkomme und lauſcht dem Sang der
Voͤgel, die in den Zweigen zwitſchern!“ Cleomades eilte in
fein väterliches Schloß und ließ die Jungfrau mit dem Pferd
im Garten, die ſich mit Singen die Zeit vertrieb. Crompart,
der Falſche, hatte ſich an dieſem Morgen fruͤh erhoben und
erging ſich in dem naͤmlichen Garten, um Heilkraͤuter zu
ſammeln. Er hoͤrte das Lied der Jungfrau und wandte ſich
der Gegend zu, aus der die Toͤne kamen. Clarmondine er⸗
ſchrak, als ſie das Scheuſal erblickte; ſie verſtummte augen⸗
blicklich und rief mit lauter Stimme nach ihrem Geliebten.
Crompart freute ſich in ſeinem treuloſen Herzen, denn er
glaubte, eine Gelegenheit zur Rache gefunden zu haben.
Überdies gefiel ihm die Jungfrau, und er dachte, wenn er
Marina nicht bekommen koͤnne, ſo wolle er wenigſtens dieſe
zu ſeiner Liebſten machen. Als er ſie nach Cleomades rufen
hoͤrte, erriet er den Zuſammenhang. „Erſchreckt nicht,“ ſagte
er, „ich will Euch kein Leid tun!“ „Herr, mir graut vor Euch!
Bitte, geht, denn gleich wird Cleomades zuruͤckkehren, dem
ich angehoͤre.“ „Eben dieſer iſt es, der mich ſendet,“ ent⸗
gegnete der Zwerg liſtig, „er befiehlt Euch, daß Ihr zu ihm
kommt; ich werde Euch auf dem Roß zu ihm tragen, denn er
lehrte mich, es zu behandeln, und daran moͤgt ihr erkennen,
daß ich ſein Vertrauter bin.“ Die Jungfrau glaubte den
Worten des Schurken und erhob ſich. Der Bucklige ſetzte ſie
auf das Zauberpferd und band ſie feſt, dann hing er Fleiſch
und Wein an die Seite des Tieres und ſtieg ſelber auf. Hurtig
drehte er den Zapfen, und in raſender Fahrt erhob ſich das
Flugzeug in die Wolken.
Hier muͤſſen wir unſer Liebespaar ſeinem Schickſal uͤber⸗
laſſen und geben es dem Leſer anheim, ſich ſelber auszumalen,
welche Gefahren und Abenteuer die Liebenden noch zu be⸗
ſtehen hatten, bis ſie endlich wieder miteinander vereinigt
wurden.
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13. Altfranzoͤſiſche Marienlegenden
Der Taͤnzer Unſerer lieben Frau
3 war einmal ein Gaukler, der tanzend und ſpringend
von Ort zu Ort zog, bis er der ewigen Wanderfahrt
und aller Weltluſt muͤde ward. Da gab er all ſeine
Habe hin und trat in das Kloſter zu Clairvaux ein. Der neue
Laienbrüder war zwar ſchoͤn und ſtattlich von Geſtalt, doch
die Braͤuche und Sitten des Kloſters kannte er nicht. Er hatte
ja ſeine ganze Zeit mit Springen, Tanzen und Raͤderſchlagen
verbracht und nie hatte ein Menſch den Gedanken gehabt,
ihm das Vaterunſer, das Ave oder gar das Kredo zu lehren.
Voll Demut ſtaunte er alles im Kloſter an, er ſah, wie die
Bruͤder nie ihr frommes Schweigen brachen, und ſo ging auch
er wie ein Stummer umher, bis er von den Bruͤdern verlacht
und mit Zwang zum Reden gebracht wurde. Er ſah, wie
jeder auf ſeine Weiſe dem Herrn diente, wie die Prieſter am
Altar ihr heiliges Amt vollzogen, wie die Diakonen die Evan⸗
gelien laſen, wie die Kloſterſchuͤler im Chor den Pſalter ſan⸗
gen, und wie ſelbſt der kleinſte von ihnen ohne Zaudern das
Vaterunſer aufſagen konnte. Da ſtand er beſchaͤmt: ach er
allein, er konnte nichts! Oft ſtand er lauſchend vor den Zellen
und hoͤrte Klagen und Weherufe von drinnen hervortoͤnen,
und wie er den Grund des Weinens reiflich uͤberlegte, fand
er, daß die da drinnen Gott für ihre Schuld um Gnade an⸗
flehten. „Ach,“ ſprach er, „was tue ich hier? Ich kann nichts
als muͤßig ſtehen und gaffen! Ich bin das Brot nicht wert,
das man mir gibt. Ach, wenn man es merkt, ſo werden ſie
mich mit Schande verjagen, weil ich zu gar nichts nuͤtze bin!“
In ſeinem Gram fluͤchtete er aus des Tages Licht in eine
unterirdiſche Kapelle, wo zwiſchen Kerzen das Bild der
Gottesmutter ſtand. Dort verkroch er ſich ſorgenvoll in einen
Winkel. Plöglich klang tief und voll die Münfterglode, welche
die Bruͤder zur Meſſe lud. Er hob das Haupt und ſprang auf:
„Soll ich hier liegen, während alle andern wetteifern, Unſere
Frau zu loben? Was ſaͤum' ich noch? Bin ich nicht auch in
7 Franz. Märchen 1 97
mancherlei Kuͤnſten erfahren? Nach Kräften dient ihr ein
jeder, ſo will auch ich tun, was ich kann!“ Raſch warf er die
lange Kutte beiſeite und guͤrtete ſich fein duͤnnes Jaͤckchen um
die Lenden. Dann trat er demutsvoll vor das Bild der
Gottesmutter und ſprach: „Dir, Koͤnigin ob allen Koͤniginnen
befehle ich Seele und Leib! Zu dir komme ich voll Vertrauen,
oh nimm mit meinem Eifer vorlieb! Die ſchoͤnſten Spiele, die
ich kann, waͤhle ich dir zur Luſt, ſo wie ein Boͤcklein auf der
Heide vor ſeiner Mutter huͤpft und ſpringt. Du verſchmaͤhſt
nie, was dir ein Herz aus Liebe bietet, ſieh, was ich habe,
bring ich dir!“ Und waͤhrend droben die Hymnen erſchollen,
beginnt er mit vollen Kraͤften zu tanzen, bald vor⸗ und bald
ruͤckwaͤrts, auf und nieder, er geht auf den Haͤnden durch die
Kapelle und uͤberſchlaͤgt ſich in der Luft, alle Arten von Taͤn⸗
zen ſpringt er mit kunſtgerechtem Schwung, und nach jedem
Tanz verneigt er ſich vor dem Bilde: „Das tu' ich nur fuͤr
dich, daß ſich dein Auge daran erfreue, erfreuſt du doch die
ganze Welt!“ Und wiederum hebt er an, die Hand auf die
Stirn gelegt, mit kleinen Schritten zierlich in der Runde zu
gehen, dabei weint er und betet: „O Frau, dir ſinge ich Ehre
und Preis mit Herz und Leib, mit Hand und Fuß. Da droben
ſingen ſie Lobeshymnen: laß mich dein treuer Taͤnzer ſein
und gib mir in deinem himmliſchen Palaſt eine kleine Woh⸗
nung, denn dein bin ich ganz und gar.“ Solange der Sang
von oben klingt, tanzt er ruhelos, bis ihm der Atem vergeht
und die Glieder den Dienſt verſagen: da ſinkt er in Ohnmacht
taumelnd zu den Fuͤßen der Himmelskoͤnigin nieder. Und
ſiehe: die Strahlende neigt ſich mit guͤtigem Laͤcheln hernieder
und faͤchelt ihn mit ihrem Tuͤchlein, und mit ihrer ſuͤßen
Gnadenhand kuͤhlt ſie das Feuer ſeiner Schlaͤfen.
Ein Moͤnch hatte von draußen dieſe Vorgaͤnge mit ange⸗
ſehen und heimlich den Abt geholt. Dieſer ließ am anderen
Tage den Laienbruder vor ſich laden. Der Arme erſchrak zu
Tode, denn er glaubte, er ſolle wegen ſeines Muͤßiggangs
vertrieben werden. Er fiel alſo voll Zagen vor dem Abt auf
die Knie und ſprach: „O Herr, ich weiß, ich kann hier nicht
98 8
bleiben, doch ich will tun, was ihr befehlt. Ich will hinaus
ins Elend gehen!“ Doch der Abt neigte ſich voll Ehrfurcht,
kuͤßte ihn und bat ihn, zu Gott fuͤr ihn und die Bruͤder zu
beten, damit ſie einſt von ſeinen Gnaden erben moͤchten. Da
ward der Arme vor Freude krank und kam zu ſterben. Als
aber ſein letztes Stuͤndlein gekommen war, da trugen der
Engel Scharen den Taͤnzer Unſerer lieben Frau zum aller⸗
. Sternenzelt. |
Der Judenknabe
. ie Juden, die uberall in der Welt verſtreut find, hatten
| ſich wie in jeder anderen guten Stadt, fo auch in
Bourges niedergelaſſen und lebten dort nach ihrem
Geſetz. Nun geſchah es, daß die ſchoͤne Oſterzeit nahte, und
alle Welt feierte mit Glockentoͤnen und Geſaͤngen die Auf⸗
erſtehung des Herrn. Maͤnner, Frauen und Kinder eilten in
freudiger Haſt zum Muͤnſter und ſiehe, ein kleiner Juden⸗
knabe folgte den Geſpielen in das Gotteshaus, wie er ihnen
ſonſt zum Spiele nachlief. Er trat in den hohen Dom, da
glaͤnzten die Bilder, gleißend von Gold, da funkelten die Ge⸗
faͤße, da gluͤhten die Kerzen, und Freude ergriff das Buͤblein,
das zuvor nie ſolches ſah. Er tat den anderen Kindern alles
nach: bald ſchlug er ſich an die Bruſt, bald bekreuzte er ſich
und dann warf er ſich nieder in den Staub. Zwiſchendurch
betrachtete er die Bilder und beſonders gefiel ihm eines: das
war eine hoheitsvolle Frau, die einen laͤchelnden Knaben an
ihrer Bruſt hielt. Als der Gottesdienſt zu Ende war, ging
alt und jung zum heiligen Abendmahl, und jeder ſchlug ſich
demuͤtig vor dem Sakrament fuͤr ſeine Miſſetaten an die Bruſt
und flehte aus Herzensgrund um Erbarmen. Das Kind trat
mit den andern Chriſten vor und empfing den Leib des Herrn,
ohne zu wiſſen, was es tat. Dabei kam es ihm vor, als ob das
Bild der glorreichen Jungfrau und Mutter aus ſeinem Rah⸗
men heraustrete und hinter dem Prieſter hergehend die
Speiſe austeilen helfe.
Indeſſen machten ſich Vater und Mutter auf die Suche
7°
99
nach dem Knaben, Überall auf den Straßen fragten fie nach
ihm und jammerten, denn ſie glaubten, er ſei ihnen genom⸗
men worden. Waͤhrend noch der Schmerz ihr Herz zerriß,
traten die Chriſten, das Herz voll Feſtesfreude, aus dem
Gotteshaus. Das Judenbuͤblein eilte heim und lief ſeinen
Eltern entgegen. Da fragte der Vater mit boͤſem Blick, wo
es geweſen ſei, und das Knaͤblein antwortete furchtſam, es
ſei mit den andern Kindern im Dom des Herrn geweſen und
habe vor dem goldenen Altar mit den andern geſpeiſt. Als
der Vater hoͤrte, daß das Kind die Kommunion empfangen
habe, da knirſchte er vor Wut mit den Zaͤhnen. Ganz in der
Nähe ſtand ein Glasofen mit loderndem Feuer. Der Vater
packte den Knaben unter den Armen und warf ihn in die
Flammen, dann verſperrte er den Ofen von außen, damit der
Koͤrper zu Aſche werde. Die Mutter des Knaͤbleins aber
raufte vor Schmerz ihre Haare und ſchrie, ſo daß das Volk
zuſammenſtroͤmte und nach der Urſache ihres wilden Ge⸗
barens fragte. Da erzaͤhlte ſie den Leuten die Miſſetat ihres
Mannes. Die Leute oͤffneten den Ofen mit Gewalt und
blickten in die flackernde Glut und ſiehe: der Knabe war heil
und unverſehrt. Zwar zuͤngelten die Flammen an ihm her⸗
auf, von allen Seiten umleckte ihn das Feuer, aber er ſpielte
mit den Funken, als ſeien es Bluͤmlein auf gruͤner Au. Da
faßte die Menge freudiges Staunen, und ſie fragten das
Knaͤblein, wie ihm bei der Marter zumute geweſen ſei?
„Marter?“ erwiderte er, „ich fühlte keine! Als ſich der Ofen
ſchloß, da erſchien die hehre Frau, die ich dort im Muͤnſter
bei den Chriſten geſchaut, wie ſie dem Prieſter half, die Speiſe
auszuteilen. Sie ſtand neben mir und hielt einen laͤchelnden
Knaben an ihrer Bruſt, mitten im Feuer ſtand ſie, und mit
ihrem weiten Mantel wehrte ſie die Flammen von mir ab.
Ich habe weder Schmerz noch Pein gefuͤhlt. Wie durch einen
bluͤhenden Garten ſchritt ſie durch die Glut, wahrhaftig, das
muß eine gute und heilige Frau ſein!“ Als die Leute dieſes
hoͤrten, da lobten ſie Gott und ſeine glorreiche Mutter. Der
alte Jude wurde in den Ofen geworfen und zu Aſche ver⸗
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brannt, wie er es verdient hatte, die Mutter aber ließ ſich
nebſt ihrem Soͤhnlein taufen, und das gleiche taten viele
Juden um der ſeligſten Jungfrau Maria willen, die den
Judenknaben vor dem Feuertod gerettet hatte.
Die Nonne und der Ritter
inſt lebte in einer Abtei, deren Sakriſtanin ſie war,
eine Nonne von heiligmaͤßigem Wandel; ihr ganzer
ar Sinn war auf gute Werke gerichtet, fie betete fleißig
und ehrte Gott und ſeine Heiligen, vor allem aber verehrte
ſie Tag und Nacht die Mutter Gottes. Jedesmal, wenn die
gewohnte Stunde gekommen war, kniete ſie allein vor dem
Bilde Unſerer lieben Frau nieder und bat ſie um Vergebung
fuͤr ihre Suͤnden. Der Dienſt Mariens war ihre einzige
Speiſe, und um die Dinge dieſer Welt ſorgte ſie ſich nicht.
Ihre guten Werke wuͤrdigten ſie ſo, daß ſie eine Freundin
Gottes und der heiligen Jungfrau, der ſie diente, wurde. So
groß war ihre Begnadung, daß die Kranken zu ihr kamen und
Geneſung fanden, wenn ihre Hand ſie beruͤhrte. Lange Zeit
verharrte ſie ſo im Wohltun, bis der Teufel, der das Gute
wo er kann vernichtet, ſie verſuchte und ſchließlich zu Fall
brachte. Ein Ritter entfuͤhrte ſie aus dem Kloſter und ver⸗
lockte ſie durch Verſprechungen, daß ſie ſich ihm ganz zu eigen
gab. Sie vergaß ihren Eid und warf ihr Ordensgewand vor
dem Bild der Himmelskoͤnigin beiſeite, ſie floh das Licht und
tauchte in die Finſternis. Wie ein Wanderer, dem die Kerze
verloͤſcht, auf naͤchtlichen Pfaden in den Abgrund ftürzt, fo
wandelte ſie die finſteren Wege der Welt, die ins endloſe
Feuer fuͤhren.
Zwei Jahre verharrte ſie in ſuͤndiger Fleiſchesluſt, aber
dann erinnerte fie ich plotzlich ihrer Meiſterin und Freundin,
der heiligen Jungfrau, welche ſie feige verlaſſen hatte. Sie
ward freudenlos und krank, als ſie ihrer Untreue gedachte. Es
kam ein Tag, da ihr Geliebter ſie mit harten Worten tadelte,
ſie eine entlaufene Nonne ſchalt und ihr aus Eiferſucht ihren
Fehl und ihren Wandel vorhielt. Schmerzbewegt erwiderte
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fie ihm: „Ihr redet wahr! Ich bin noch ſchlechter, als jemand
mich ſchelten koͤnnte. Nun iſt mir recht geſchehen, wohl habe
ich Tadel verdient, da ich mich von Gott und der erhabenen
Herrin abgewendet habe, die mich wuͤrdigte ihre Arztin zu
ſein. Aber Gott iſt nicht tot. Wenn ich mich bemuͤhe, ihm
wieder zu dienen und meine Suͤnden bereue, ſo kann mir
vielleicht Vergebung werden, denn Gott verheißt dem reu⸗
muͤtigen Suͤnder Erbarmen.“
Wie eine Irrſinnige eilte ſie von binnen und lief fo lange,
bis fie zu ihrer Rechten den Turm einer weißen Abtei ges
wahrte. Dorthin wandte fie ſich und traf zufällig den Abt vor
der Tuͤr, der ſich, als er ſie in Traͤnen ſah, vor ihr erhob. Sie
warf ſich ihm zu Fuͤßen, er aber richtete ſie auf und vergoß
Traͤnen des Mitleids. Weinend bekannte ſie ihm ihren Kum⸗
mer und ihre Schuld. Der gute Abt ſah durch ihr Antlitz in
ihn Herz und ſprach: „Schweſter, oft wählt man den unrechten
Weg und Gott laͤßt es zu, daß der ſtrauchelt, den er liebt, da⸗
mit er ſich neu geſtaͤrkt erhebe. So müßt auch Ihr Euch er:
heben und Buße tun, durch die Ihr die Verzeihung Gottes
und ſeiner Mutter finden werdet, die mit freigebiger Hand
ihr Erbarmen dem reuigen Suͤnder ſpenden.“ „Herr, ich bin
bereit, meinen armſeligen Leib zu geißeln, meinen Leib, der
der Urgrund meiner Suͤnden iſt. Ach, wenn es ſein koͤnnte,
daß ich wieder Gottes Freundin wuͤrde, nie wollte ich ihn
wieder erzuͤrnen.“ „Liebe Freundin, ich werde Euch ſagen,
wie Ihr Buße tun ſollt. Ich befehle Euch im Namen Gottes,
daß ihr wieder in Euer Vaterhaus zuruͤckkehrt und dort in
Einſamkeit und Buße lebt. Je mehr Ihr aber leidet, deſto
groͤßere Gnade werdet Ihr erlangen. So ſehr ſollt Ihr Euch
demuͤtigen, daß Ihr Eure Schweſtern um Verzeihung bittet.“
„Herr, das kann ich nicht! Lieber laſſe ich mich zerſtuͤckeln!
Ich bin eine Edeldame dieſes Landes, und mein Vater wuͤrde
mich toͤten, wenn er mich wiederſaͤhe. Die Gemeinen wuͤrden
mit Fingern auf mich weiſen und uͤberall wuͤrde meine
Schandtat bekannt. Gebt mir, Herr, eine Buße, die meinen
Leib mehr quält und mir mein Leben härter macht!“ „Liebe
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Freundin, Ihr müßt dies tun, Gott wird Euch tröften und
ſtaͤrken. Eine andere Buße kann ich Euch nicht geben, geht
in Frieden, und ich ſage Euch, daß ſich Eure Miſſetat zum
Guten wenden wird.“ „So werde ich Eurem Befehle nach⸗
kommen, Herr! Ich lege mein Leben in Gottes und der
heiligen Jungfrau Hand. Moͤge ihr Erbarmen uͤber mir Un⸗
würdigen erſcheinen, und ſende mir Gott baldigen Tod!“ Sie
ging und zerraufte ſich mit den Haͤnden das Haar. Einſame
Wege wanderte ſie und ſprach weinend ihr Gebet: „Herrin,
Königin der Majeftät, füße Herrin! Im Tempel deiner Jung⸗
frauſchaft weilte Gottes Sohn und wollte ſich nicht von dir
trennen, denn wie eine ſuͤße Blume duftet deine Reinheit.
Bewahre meinen Leib und meine Seele, den Leib vor
Schmach und Tod, die Seele vor Suͤnde! Ich bereue meine
Schuld und gebe mich ganz in dein Erbarmen. Hab' Gnade,
Herrin, dein bin ich ganz und gar!“ So ging ſie in Verzweif⸗
lung und wanderte ſo lange, bis ſie zu einer Huͤtte kam, die
neben dem Kloſter, in welchem ſie gedient hatte, lag. Eine
gute alte Frau, die in der Abtei beſchaͤftigt war, bewohnte das
Haͤuslein. Hier wurde fie aus Naͤchſtenliebe beherbergt, und
ſie ſpeiſte mit der Alten zu Abend. Nach dem Eſſen plau⸗
derten ſie uͤber dies und jenes, und ſchließlich redete die Nonne
ohne Schleier ihre Hausfrau folgendermaßen an: „Wirtin,
Eure Sakriſtanin, welche mit ſo großem Eifer im Kloſter
diente und die Kranken zu heilen pflegte, wo iſt ſie? Ich habe
viel Übles von ihr reden hoͤren: daß ein Mann ſie entfuͤhrt
habe, dem ſie ſich in ſuͤndiger Luft hingab. Um Gottes willen,
ſagt mir, was Ihr davon wißt!“ Die Alte erſchrak uͤber das
Gehoͤrte und antwortete zornig: „Frau, Ihr ſeid toll, daß Ihr
ſo von unſerer Sakriſtanin redet, Ihr verleumdet die beſte,
die heiligſte, die meiſtgeliebte Frau, die je auf Erden lebte.
Ihr braucht nicht lange nach ihr zu ſuchen, denn erſt heute
habe ich ſie geſehen und ihren Segen empfangen da, wo ſie
ihren Dienſt wie eine Heilige und ohne Fehl verſieht. Ihr
ſeid nicht bei Sinnen, daß Ihr ſo von ihr redet. Seht, auf
der Straße harren an zwanzig Kranke: Lahme, Blinde und
103
Beſeſſene, die alle den naͤchſten Tag erwarten, damit fie die
Heilige mit einem Zeichen ihrer Hand heilen moͤge. Schweigt
mit Eurer Torheit, denn uͤbel koͤnnte es Euch ergehen, wenn
Euch andere Leute hoͤren.“ Als die Buͤßerin ſolches hoͤrte,
verwunderte ſie ſich ſehr und wußte nicht, was ſie davon
halten ſolle. Sie verbrachte die Nacht ſchlaflos in Gedanken,
und ſobald die Morgenglocke laͤutete, erhob fie ſich, kleidete
ſich an und ging in das wohlbekannte Kloſter. Eine milde
Frau oͤffnete ihr, die Verlorene wich zuruͤck und ſprach:
„Herrin, um Gott, wer ſeid Ihr?“ „Sagt mir zuerſt, liebe
Freundin, wer Ihr ſeid,“ fragte die Pfoͤrtnerin. „Herrin, mit
Schmach geſteh ich's ein. Ich war Sakriſtanin in dieſem
Kloſter und gut tat ich meine Pflicht, bis der Teufel mich
uͤberwand und mich all meiner Schaͤtze beraubt in die Schande
ſtieß. Ich bin die, von der Gott ſich abwandte, weil ich um
der Suͤnde des Fleiſches willen ihn und ſeine Mutter verließ.
Um meine Meiſterin, der ich mich weihte, graͤme ich mich am
meiſten, denn ſie berief mich zu großen Ehren. Nun bin ich
durch eigene Schuld ihre Widerſacherin geworden, und kaum
wage ich, ſie um Verzeihung anzugehen. Ich bin verflucht
und ausgeſtoßen, von der Liebe Gottes ausgeloͤſcht. Um
Gnade und Erbarmung zu erflehen komme ich her, aber
ſchwerlich werde ich fuͤr meine raſende Luſt Vergebung finden.
Herrin, nun habe ich Euch geſagt, wer ich bin. Um des Er⸗
loͤſers willen bitte ich Euch, ſagt mir jetzt Euren Namen!“
„Ich will ihn dir nennen: ich bin Maria, die Gott gebar. Du
haſt meine große Guͤte ſchlecht vergolten. An deiner Statt
habe ich die Zellen gefegt, die Glocken geläutet, die Tuͤren
geoͤffnet, die Lampen entzuͤndet, und jedermann glaubte, du
ſeieſt hier. Niemand weiß um deinen Fehltritt, denn dafür,
daß du mir ſo treu gedient, habe ich deine Schmach verhuͤllt.
Ich vergebe dir deine Sinnenluſt, aber huͤte dich, ein zweites
Mal zu ſuͤndigen. Nun geh zu meinem Altar, dort findeſt du
dein Ordenskleid, bekleide dich damit und fuͤrchte nichts!“
Außer ſich vor Freude warf ſich die Suͤnderin zu Fuͤßen der
Gottesmutter in den Staub, doch dieſe entſchwebte, und ſie
104
hielt nur die Erde umfaßt, die fie kuͤßte, weil die Sohlen der
Himmelskoͤnigin ſie beruͤhrt hatten. Dann wandte ſie ſich zum
Altar, bekleidete ſich mit ihrem Nonnengewand und machte
ſich daran, ihren Dienſt zu verſehen, wie ſie es fruͤher getan
hatte. Niemand aber ahnte etwas von dem, was ſie verſchul⸗
det hatte. Mit Beten, Faſten, Kaſteiung und guten Werken
brachte ſie ihre Jahre dahin, um die verſaͤumte Zeit wieder
einzuholen, bis Gott der Herr ihre Seele zu ſich in ſein Reich
nahm.
Vom Dieb, der ſich jedesmal, wenn er zum Stehlen
ging, Unſerer Frau empfahl
8 war einmal ein Dieb, der eine ſonderbare Gewohn⸗
heit hatte: ſein Sinn war ſo ganz und gar vom Ge⸗
danken an die ſuͤße Mutter des Koͤnigs der Glorie er⸗
füllt, daß er ſich jedesmal, wenn er zum Stehlen ging, in ihre
Hut empfahl. Und wenn er ſich ihr empfohlen hatte, ging er
ruhigen Herzens zum Raub, als ob er dazu beauftragt ge⸗
weſen waͤre. Niemals aber beſtahl er die Armen und Be⸗
draͤngten, vielmehr tat er ihnen Gutes wo er konnte, aus
Liebe zur Gottesmutter. Eines Tages wurde er beim Dieb⸗
ſtahl uͤberraſcht, und jedermann war ſich daruͤber einig, daß
er haͤngen muͤſſe, denn er war weithin beruͤchtigt. Man legte
ihm den Strick um den Hals und knuͤpfte ihn an den Galgen.
Da rief er in ſeinem Herzen zu Unſerer lieben Frau, dieſe
aber, die nie einen der ihrigen vergißt, kam ihm alsbald zu
Hilfe. Ihre weißen Haͤnde breitete ſie unter ſeine Fuͤße und
hielt ihn ſo zwei Tage lang, ſo daß er weder Schmerz noch
Qual empfand. Am zweiten Tage kamen ſeine Henker, um
nach ihm zu ſehen. Als ſie ihn lebendig und geſund fanden,
ſprachen ſie: „Wir haben getrunken, ehe wir dieſen Dieb
haͤngten; ſchlecht haben wir gearbeitet, der Strick mag nicht
recht gebunden fein.” Sie ergriffen ihre Schwerter und woll⸗
ten ihn in die Gurgel ſtechen, aber ſie konnten ihm kein Leids
tun, denn die Mutter des Erloͤſers hielt ihre Haͤnde ſchuͤtzend
vor ihn. Da rief der Dieb: „Flieht, flieht, vergebens muͤht
105
ihr euch, denn wißt, daß meine Herrin, die heilige Maria, mir
zu Hilfe kam. Sie iſt es, die mich ſtuͤtzt und ihre weiße Hand
vor meine Kehle breitet. Die ſuͤße Herrin neigt ſich zu mir
und laͤßt nicht zu, daß ihr mir wehe tut.“ Als die Henker dieſe
Worte hoͤrten, banden ſie ihn los und ſagten dem Himmels⸗
koͤnig und ſeiner Mutter fuͤr dieſes Wunder Dank. Der Suͤn⸗
der aber trat am ſelbigen Tage als Moͤnch in ein Kloſter und
diente von nun an in Demut Unſerer lieben Frau.
Vom Koͤnig, der den Sohn ſeines Seneſchalls ver⸗
brennen wollte
in Koͤnig von Agypten hatte einen Seneſchall 5 ihm
lange gedient und dafuͤr reichen Lohn verdient hatte.
Dieſem Seneſchall war ein Sohn erwachſen, der das
Alter von fuͤnfzehn Jahren erreicht hatte. Der Knabe war
verſtaͤndig fuͤr ſein Alter, und all ſein Sinnen war auf die
Liebe zu Gott und der hl. Jungfrau gerichtet. Es geſchah
aber, daß ſein Vater krank wurde und zu ſterben kam. Der
Koͤnig erfuhr davon, ſuchte den Kranken auf und ſetzte ſich
an ſein Lager. „Herr,“ ſprach der Seneſchall, „von Eurer
Kindheit an habe ich Euch treu gedient, mehr als fuͤnfund⸗
dreißig Jahre lang war ich Euer Knecht. Ich fuͤhle, daß mein
Ende naht, aber zuvor moͤchte ich Euch, lieber Herr, um eine
Gnade bitten, die ihr mir um Gottes Willen gewaͤhren moͤgt.
Wenn ich tot bin, ſo nehmt Euch meines Sohnes an und
wollet an ihm meine treuen Dienſte vergelten!“ Der Koͤnig
verſprach dem Sterbenden, er wolle ſeinen Sohn ſtets um
lich halten und ihm Land und Lehen geben. Darauf hauchte
jener ſeine Seele aus.
Der Koͤnig hielt ſein Verſprechen. Er beſtellte dem 3 Juͤng⸗
ling einen Lehrmeiſter und zog ihn zuſammen mit ſeinem
eigenen Sohne auf. Taͤglich kam er, die Knaben zu ſehen und
ihnen Geſchenke zu bringen; er hatte beide ſehr lieb, und auch
die jungen Leute waren einander in inniger Freundſchaft zu⸗
getan. Der Lehrmeiſter aber war voll Zorn und Neid dar⸗
uͤber, daß der Koͤnig den Fremdling ſo ſchaͤtzte, und er ſagte
106
in feinem treulofen Herzen: „Der König iſt nicht weile, daß
er einen hergelaufenen Burſchen ſo wert hält wie feinen
eigenen Sohn. Mir ſollte er wohltun und mich achten, denn
ich bin an mancherlei Kuͤnſten reich, ſtatt deſſen verſchwendet
er ſeine Liebe an einen, der ſie nicht verdient. Aber ich will
ihn ausloͤſchen aus der Liebe des Koͤnigs.“
Eines Tages wandte er ſich an den Knaben und ſprach
tadelnd zu ihm: „Mein Sohn, wenn der Koͤnig wieder her⸗
kommt und dich in ſeine Arme nimmt, ſo wende dein Haupt
ab, denn dein Atem iſt ihm nicht angenehm.“ Bald darauf
kam der Koͤnig, die Knaben zu beſuchen, und ſchloß beide in
ſeine Arme; da wandte der Sohn des Seneſchalls, welcher an
nichts Arges dachte, ſein Geſicht ab, um den Koͤnig nicht zu
belaͤſtigen. Dies tat er fünf oder ſechsmal, bis der König es
merkte und den Lehrmeiſter fragte, was das bedeuten ſolle.
Der Treuloſe antwortete: „Herr, ich moͤchte Euch die Wahr⸗
heit ſagen, wenn ich nicht fuͤrchten muͤßte, Euch zu erzuͤrnen.
So wißt denn: der Knabe hat mir geſtanden, daß er Euern
Atem nicht ertragen kann.“ Der Koͤnig erſchrak uͤber dieſe
Rede; er haßte von nun an den Knaben und ſchwur, ihm nicht
mehr wohltun zu wollen, ja, er wollte ihn uͤberhaupt nicht
mehr ſehen und beſchloß, ſich ſeiner zu entledigen. Der Ver⸗
raͤter aber freute ſich | in ſeinem Herzen.
Der Koͤnig ließ einen Foͤrſter kommen und befahl ihm, daß
er im Walde ein großes Feuer entzuͤnde; welchen er, der
Koͤnig, aber als erſten dorthin ſenden werde, den ſolle er er⸗
greifen und in das Feuer werfen. So lieb ihm ſein Leben
ſei, ſolle er dieſen Befehl vollziehen und die Ausfuͤhrung ge⸗
heim halten. Der Foͤrſter verſprach zu tun, wie ihm befohlen
ſei, er kehrte heim und zuͤndete das Feuer mit eigener Hand
an. Darauf ließ der Koͤnig den Burſchen rufen und gebot
ihm, ſogleich ſein Pferd zu beſteigen, um eine Botſchaft zu
uͤberbringen. Dabei trug er ihm auf, wohin er reiten und
was er dem Foͤrſter ſagen ſolle. Der Juͤngling ſtieg ſogleich
zu Roß und ritt eilends davon. Auf dem Wege empfahl er
ſich Gott und der heiligen Jungfrau und betete, fie möchten.
107
ihm vor Gefahr bewahren. Während er fo in frommen Ge⸗
danken befangen war, hoͤrte er das Gloͤcklein eines Einſiedlers
laͤuten und ſprach: „Ich will in die Kapelle gehen, um meine
gewohnten Gebete zu ſprechen und wenn moͤglich eine Meſſe
zu hoͤren. Mein Geſchaͤft iſt nicht ſo dringend, und bald wird
der Gottesdienſt beendet ſein.“ Er wandte ſein Pferd nach
rechts, ritt den Huͤgel, auf welchem die Klauſe des Eremiten
ſtand, hinauf und betrat die Kapelle, waͤhrend der heilige
Mann die Meſſe ſang. Als aber die Wandlung vollzogen
wurde und der Juͤngling unter Traͤnen an ſeine Bruſt ſchlug,
ſiehe, da ſchwebte eine weiße Taube hernieder, welche einen
Brief in ihrem Schnabel trug. Dieſen ließ ſie auf den Altar
niederfallen. Nachdem der Einſiedler den Gottesdienſt be⸗
endet hatte, kuͤßte er das Schreiben dreimal und oͤffnete es
ſodann. Der Brief gebot dem Eremiten, er ſolle den Juͤng⸗
ling zuruͤckhalten, bis die Mittagsſtunde voruͤber ſei, denn
Gott und die heilige Jungfrau, welche ihn in ihrer Hut haͤtten,
wollten ihn aus Gefahr retten. Der Einſiedler trat auf den
Juͤngling, der ſchon ſein Roß wieder beſteigen wollte zu und
bat ihn, bis Mittag bei ihm zu verweilen. Nach laͤngerem
Zoͤgern willigte dieſer ein und ließ fein Roß graſen; der hei⸗
lige Mann jedoch hielt ihn mit freundlichen Worten ſo lange
feſt, bis die Sonne im Mittag ſtand.
Der Lehrmeiſter, welcher nicht wußte, was aus dem Knaben
geworden ſei, begab ſich unterdeſſen zum Koͤnig, und dieſer
befahl ihm, unverzuͤglich in den Wald zu reiten und den
Foͤrſter zu fragen, ob er des Koͤnigs Gebot erfuͤllt habe. Der
Meiſter ritt in den Wald und ſprach zum Foͤrſter: „Der Koͤnig
wuͤnſcht zu wiſſen, ob ſein Wille geſchehen iſt.“ „Nein,“ ver⸗
ſetzte jener, „noch nicht, aber gleich ſoll er geſchehen.“ Mit
dieſen Worten packte der Foͤrſter den Schurken und warf ihn
ins Feuer, wo er alsbald zu Aſche verbrannte.
Alsbald kam der Knabe zu dem Feuer; dieſem rief der
Foͤrſter von weitem entgegen: „Ich weiß wohl, was Ihr
wollt! Geht, und ſagt dem Koͤnig, daß ich ſeinem Befehle
nachgekommen bin.“ Sogleich wandte der junge Mann ſein
108
Roß, um dem König dieſe Botſchaft zu überbringen. Als
dieſer die Wahrheit erfahren hatte, liebte er den Knaben noch
inniger als fruͤher und ließ ihn zu großen Ehren gelangen.
Von der Koͤnigin, die ihren Seneſchall toͤtete
n Agypten lebte einſt ein König, der war jung, ſchoͤn
und reich. Gar ſehr liebte er Hunde und Falken und
trieb oft mit ihnen ſeine Luſt. Eines Tages war er zum
Jagen in den Wald gegangen; als er aber die Spur eines
Hirſches verfolgte, brach ein furchtbares Unwetter los. Jeder
ſuchte ſich einen Unterſchlupf, und der Koͤnig blieb ganz allein;
er ritt in ein Unterholz und verbarg ſich dort ſo lange, bis das
Wetter ſich verzogen hatte. Der Koͤnig ritt nun durch den
Wald und ſuchte ſeine Begleiter, aber er hoͤrte weder Horn
noch Hund und wußte nicht, welchen Weg er nehmen ſollte.
Schon brach die Nacht herein, da fand er einen Pfad, der, wie
er glaubte, ihn zu einer Herberge fuͤhren muͤſſe. Und wirklich,
wie er aus dem Walde trat, erblickte er einen Strom und ein
Schloß daruͤber, und er dankte Gott, der ihm den Weg ge⸗
wieſen hatte. Muͤde klopfte er an die Pforte der Burg, die
Zugbruͤcke wurde herabgelaſſen, und der Schloßherr ging dem
ſpaͤten Gaſt, den er alsbald als ſeinen Lehnsherrn erkannte,
entgegen, um ihn zu bewillkommnen. Im Saal begruͤßten
ihn die Gattin und die Tochter des Ritters, eine Jungfrau
von außergewoͤhnlicher Anmut. Als der Koͤnig die Maid er⸗
blickte, wurde ſein Herz bewegt, und er hielt ihre Schoͤnheit
fuͤr wertvoller als alle ſeine Schaͤtze. „Wenn ſie meine Liebe
nicht zuruͤckweiſt,“ ſagte er zu ſich ſelber, „ſo werde ich ſie zur
Koͤnigin machen. So ſoll es ſein! Ich will ſie beſitzen!“ Das
Abendeſſen wurde aufgetragen, und die Jungfrau, die den
Funken der Liebe in ihres Herren Herzen entzuͤndet hatte, ſaß
dem Koͤnig gegenuͤber. Nach einer ſchlafloſen Nacht trat der
junge Koͤnig vor den Schloßherrn und trug ihm ſeinen Wunſch
vor. Dieſer warf ſich ihm zu Fuͤßen und dankte ihm die Ehre
unter Traͤnen; darauf wurde allſogleich die Verlobung ge⸗
feiert. Kaum war die Feier beendet, ſo drang das Gefolge
109
des Königs, das ihn den ganzen Tag gefucht hatte, in das
Schloß, und alle freuten ſich, ihn geſund zu finden. |
Der König hatte einen Seneſchall, der alle feine Geſchaͤfte
beſorgte, aber der war ein habgieriger Mann und von nied⸗
riger Geſinnung. Sein Herr, der ihm in allem vertraute, er⸗
zählte ihm feine Verlobung mit der Tochter des Ritters. Er
ließ ſeine Braut rufen, und als der Seneſchall ſie erblickte,
erſtaunte er uͤber ihre Anmut und lobte gar ſehr den Entſchluß
ſeines Herrn. Bald darauf nahm der Koͤnig Urlaub, nachdem
er zuvor ſeiner Liebſten verſprochen hatte, er wolle uͤber drei
Tage wiederkommen, doch nur im geheimen und unter vier
Augen. Da beging die Jungfrau eine Torheit, die ſie viel
Traͤnen koſten ſollte, ſie zeigte naͤmlich ihrem Geliebten, wie
er heimlich in ihr Gemach gelangen koͤnne und gab ihm den
Schluͤſſel zu einer verborgenen Pforte. Waͤhrend des Heim⸗
rittes geſtand der Koͤnig ſeinem Seneſchall, was er vorhabe.
Dieſer tadelte ihn, daß er ſich und die Jungfrau der Schande
ausſetzen wolle und drang ſo lange in ihn, bis er verſprach,
die Sache auf ſich beruhen zu laſſen und den Schluͤſſel ſeinem
Seneſchall uͤberantwortete. Als der Treuloſe das Schluͤſſe⸗
lein in der Hand hielt, keimte in ihm der verbrecheriſche Ge⸗
danke, er wolle zugreifen und das ſeltene Gluͤck, das ſich ihm
biete, genießen. Er begab ſich alſo zur verabredeten Zeit, ge⸗
ſchuͤtzt vom Dunkel der Nacht, in das Schlafgemach der Rit⸗
terstochter und beſtieg mit dieſer, die nichts Boͤſes ahnte, das
Lager. In dieſer Nacht verlor ſie ihre Jungfrauſchaft. Dann
ſchlief der Schurke ein und begann zu ſtoͤhnen wie ein alter
Mann. Da wunderte ſich die Maid und ſagte ſich, daß der
Koͤnig ein junger Mann ſei, waͤhrend ſie dieſen groß und
plump fand. Leiſe erhob ſie ſich vom Bett und entzuͤndete
eine Kerze, da erkannte ſie den Schlaͤfer und ſprach: „Ich
habe hier einen ſchlechten Freund, ſo will ich ihm auch eine
ſchlechte Geliebte ſein, er ſoll ſich nicht ruͤhmen, bei mir ge⸗
legen zu fein.” Sie ergriff das Schwert des Seneſchalls und
ſchnitt ihm damit das Herz entzwei. Alsdann holte ſie ihre
Baſe, und die beiden ſchleppten die Leiche hinaus und warfen
110
—. Set, 9
ſie in einen waſſerloſen Brunnen, in welchen ſie Erde und
Schutt haͤuften, ſo daß niemand ahnen konnte, was die Tiefe
barg. Der Koͤnig ließ im ganzen Lande ſeinen Seneſchall
ſuchen, aber nichts verlautete von ihm, und ſchließlich wurde
der Tote vergeſſen, wie denn das Leben den Lebenden gehoͤrt.
Einer Verſammlung ſeiner Barone und Biſchoͤfe trug der
Koͤnig ſeinen Heiratsplan vor, und es wurde beſchloſſen, daß
die Hochzeit bald darauf im Schloſſe des Koͤnigs ſtattfinden
ſolle. An dieſem Tage bat die junge Koͤnigin ihre Baſe, ſie
moͤchte in der erſten Nacht bei dem Könige ruhen, damit dieſer
den Verluſt ihrer Jungfrauſchaft nicht bemerken ſolle. Dieſe
war damit einverſtanden, und als es Nacht geworden war,
beſtieg ſie mit dem Koͤnig das Brautbett. Um Mitternacht
entſchlummerten beide, da trat die Koͤnigin an das Bett,
zupfte ihre Baſe an den Zehen und wollte ſie wecken, um den
Platz wieder mit ihr zu tauſchen, aber die Treuloſe ſprach:
„Ich werde mich nicht von der Stelle ruͤhren. Ich will den
Koͤnig zum Gatten haben, denn ich habe dieſe Ehre wohl ver⸗
dient.“ Die junge Koͤnigin wurde von Verzweiflung ergriffen
und legte Feuer an die Bettſtatt, nachdem ſie zuvor ihre Baſe
mit einem Schleier gefeſſelt hatte. Das Feuer fand reiche
Nahrung am Stroh und verbreitete ſich raſch. Sobald der
Koͤnig fuͤhlte, wie die Flammen an ſeinen Ferſen leckten,
ſprang er vom Lager und trachtete ſo ſehr danach, ſich zu
retten, daß er ſeine Frau vergaß. Als er die Koͤnigin draußen
geſund fand, freute er ſich ſehr, die andere aber verbrannte
in ihrem Bett, ſo daß keine Spur von ihr zuruͤckblieb.
Waͤhrend der Hochzeitsfeierlichkeiten blieb die Koͤnigin ſtill
und traurig, denn in ihrem Herzen trug ſie die Erinnerung
an die Mordtaten, die ſie begangen. Um ihre Schuld zu
ſuͤhnen, ließ ſie zu Ehren der Gottesmutter ein Muͤnſter bauen
und ſetzte einen Kaplan dorthin, der der Allerſeligſten Tag
und Nacht dienen ſollte. Gar oft hoͤrte ſie ſelbſt unter Gebeten
und Reuetraͤnen die heilige Meſſe und lobte die heilige Jung⸗
frau. Zwei Jahre lang ſchleppte ſie ihr Geheimnis mit ſich
herum, endlich aber entſchloß ſie ſich, es zu beichten. Der
111
Kaplan war ein ſcheinheiliger Heuchler; als fie ihr Geſtaͤndnis
beendet hatte, ſprach er zu ihr: „Fuͤr dieſe Tat habt Ihr den
Tod verdient; wenn der Koͤnig davon erfaͤhrt, wird er Euch
verbrennen laſſen. Ich will Euch aber das Leben retten,
wenn Ihr Euch mir hingeben wollt.“ Die Frau erſchrak und
antwortete: „Falſcher Prieſter! Ich ſuchte Buße und Troſt
bei dir, und du verlangſt eine groͤßere Ubeltat von mir, als die
iſt, die ich begangen habe. Ich will lieber im Feuer ver⸗
brennen, als den Eid brechen, der mich an meinen Herren
bindet.“ Darauf ging der Kaplan zum Koͤnig und erzaͤhlte
ihm, was die Koͤnigin gebeichtet hatte. Der Koͤnig ließ ſo⸗
gleich in dem Brunnen nachforſchen, und da die Leiche des
Seneſchalls gefunden wurde, war auch ihr zweites Verbrechen
erwieſen. Eine Verſammlung der Großen des Landes trat
zuſammen und verurteilte die Koͤnigin zum Tod auf dem
Scheiterhaufen. Da betete die Frau zur Mutter des Erloͤſers
und ſprach: „Herrin, die Angſt packt mich ans Herz, und aus
der Tiefe meiner Not ſchreie ich zu dir! Du, die du Weg und
Leben biſt, Herrin, Freundin! ich flehe dich um Erbarmung
an, erloͤſe mich vom Flammentod, oder wenn ich ſterben muß,
rette meine Seele vor Verdammnis!“
Am naͤchſten Tage wurde die Koͤnigin, nur mit einem
Hemde bekleidet, zum Scheiterhaufen gefuͤhrt, Scham und
Reue erfuͤllte ihr Herz, aber ſie vertraute auf Gottes Erbar⸗
mung. In der Naͤhe des Schloſſes hauſte, wie ein Vogel in
feinem Bauer, ein mehr als hundertjaͤhriger Einſiedler. Die⸗
ſem erſchien in der Nacht die Mutter Gottes und befahl ihm,
er ſolle ſich morgen in aller Fruͤhe erheben, ſich ins Schloß
aufmachen und dem Koͤnig entbieten, er duͤrfe ſein Weib nicht
anruͤhren laſſen, denn er werde ein Wunder erleben, das ihm
zeigen ſolle, daß ihr vergeben ſei. Als der Einſiedler ſeinen
Auftrag ausgerichtet hatte, ließ der Koͤnig die Suͤnderin vor
ſich fuͤhren, und dieſe erſchien mit gefeſſelten Haͤnden, ver⸗
bundenen Augen und aufgelöften Haaren, den weißen Leib
mit einem duͤnnen Hemdlein bedeckt. Der fromme Klausner
konnte ſich der Traͤnen nicht enthalten, als er dies Frauenbild
112
ſah; aber ſobald die Königin dem heiligen Manne gegenüber
trat, fielen ihr die Ketten von den Haͤnden, und vom Him⸗
melszelt hernieder ſchwebte ein Purpurmantel, der ſich um
ihre Schultern ſchlang, waͤhrend ein wallender Schleier ihr
Haupt bedeckte. Da wußte der Koͤnig, daß ſein Weib eine
Freundin Gottes ſei, und er dankte dem Erloͤſer und feiner
ſuͤßen Mutter. Der falſche Prieſter wurde dem Scheiter⸗
haufen uͤberliefert, der Koͤnig aber diente ſeiner Gattin und
hielt ſie treu und wert, waͤhrend dieſe nie der Wohltat vergaß,
die ihr Gott und die heilige Jungfrau hatten angedeihen
laſſen.
14. Proſanovellen des 13. Jahrhunderts
Aucaſſin und Nicolette
<L::: der Sohn des Grafen von Beaucaire, liebte
eine Jungfrau, welche Nicolette hieß. Sie hatte
londe, dichtgelockte Haare, blaue, lachende Augen,
ein laͤngliches Angeſicht, eine hohe wohlſtehende Naſe, Lip⸗
pen von zarterem Rot als Kirſchen und Roſen zur Sommers⸗
zeit und kleine weiße Zaͤhne. Ihre Bruͤſtlein waren hart und
hoben ihr Gewand nicht hoͤher als es zwei Walnuͤſſe getan
haͤtten. Sie war ſchlank um die Lenden, daß ihr ſie mit euren
beiden Haͤnden haͤttet umſpannen koͤnnen, und die Maßlieb⸗
chen, die, von ihren Zehen geknickt, ihr auf den Reihen des
Fußes fielen, waren geradezu ſchwarz gegen ihre Fuͤße und
Beine: ſo weiß war das Maͤgdlein. Nicolette war aber eine
Gefangene, die aus fremden Landen hergefuͤhrt war. Von
Sarazenen hatte ſie der Vizegraf gekauft, er hatte ſie aus
der Taufe gehoben und zu ſeinem Patenkinde gemacht. So
kam es, daß der Graf, Aucaſſins Vater, unter keinen Um⸗
ſtaͤnden eine Verbindung ſeines Sohnes mit der Jungfrau
dulden wollte. Dieſen hatte ſein Liebesgram ſo nieder⸗
gedruͤckt, daß er ſich aller ritterlichen Ubungen enthielt und
nur ſeinen Gedanken an Nicolette nachhing. Nicht einmal
die ewige Seligkeit kuͤmmerte ihn mehr: „Was habe ich
8 Franz. Märchen I 113 |
im Paradieſe zu tun?“ fagte er. „Ich will gar nicht hinein,
wenn ich nur Nicolette habe, mein ſuͤßes Maͤdchen, das ich
von Herzen liebe. Ins Paradies kommen nur jene alten
Pfaffen und jene alten Kruͤppel und Lahmen, die Tag und
Nacht vor den Altaͤren und in den alten Gruͤften hocken,
die mit den alten abgeſchabten Kapuzen und den alten Lum⸗
pen angetan, die nackt ſind und barfuß und ohne Hoſen,
und vor Hunger und Durſt, Froſt und Elend ſterben. Die
kommen ins Paradies; mit denen habe ich nichts zu tun.
Aber in die Hoͤlle will ich gehen! Denn in die Hoͤlle kommen
die weiſen Meiſter und die ſchoͤnen Ritter, die in Turnieren
und in gewaltigen Kriegen gefallen ſind, die guten Knappen
und die freien Maͤnner. Mit dieſen will ich gehn! Auch
kommen dahin die ſchoͤnen hoͤfiſchen Damen, die neben ihrem
Herrn zwei oder drei Freunde hatten. Auch kommt dahin das
Gold und das Silber, Pelz und Grauwerk und Harfner und
Spielleute und die Koͤnige der Welt. Mit dieſen will ich
gehn; aber Nicolette, mein ſuͤßes Lieb, muß bei mir ſein.“
Indeſſen bedraͤngte ein feindliches Heer die Burg des
Grafen, und dieſer ſuchte Aucaſſin durch die Verſprechung,
daß er Nicolette, welche in einen Turm eingeſchloſſen war,
ſprechen und kuͤſſen duͤrfe, zur Teilnahme am Kampfe zu
bewegen. Dieſe Ausſicht veranlaßte auch wirklich den Juͤng⸗
ling, in die Schlacht zu ziehen. Glaubt aber ja nicht, daß er
daran dachte, Ochſen, Kuͤhe oder Ziegen zu rauben oder mit
einem Ritter Hiebe zu wechſeln. Nein, durchaus nicht! Er
war ſo in Gedanken an Nicolette, ſein ſuͤßes Lieb, verloren,
daß er ganz der Zuͤgel vergaß und alles deſſen, was er haͤtte
tun ſollen. Das Roß aber, das die Sporen gefuͤhlt hatte,
trug ihn ins Gedraͤnge und ſtuͤrzte ſich mitten unter die
Feinde. Dieſe legten Hand an ihn von allen Seiten, entriſſen
ihm Schwert und Lanze, fuͤhrten ihn ſpornſtreichs als Ge⸗
fangenen fort und berieten ſich ſchon, welchen Tod ſie ihn
ſterben laſſen wollten. Da aber bedachte ſich Aucaſſin, daß
er ſein ſuͤßes Liebchen nicht mehr kuͤſſen koͤnne, wenn ihm
der Kopf abgeſchnitten wuͤrde, er legte Hand ans Schwert,
114
richtete um ſich her ein Blutbad an und ſprengte im Galopp
zuruͤck. |
Nicolette fühlte ſich indeſſen vor den Nachſtellungen des
Grafen in ihrem Turme nicht mehr ſicher und beſchloß, zu
fliehen. An Bettlinnen und Handtuͤchern ließ ſie ſich herab,
durchquerte unter großer Muͤhe und Drangſal den Burg⸗
graben und fluͤchtete ſich in einen Wald. Ohne Saͤumen
ſchritt ſie dann / durch den tiefen dichten Tann / auf ver⸗
wachſnem Steige fort, / bis ſie kam an einen Ort, / wo ſich
in der Wildnis Mitten / ſieben Waldespfade ſchnitten. / Sie
haͤlt hier am Kreuzweg inne / und gedenkt des Freundes
Minne, / ob ſich die ſo wahr erprobt, / wie ſein Wort es ihr
gelobt. / Und aus friſchem Stechpalmgruͤn, / aus den Lilien,
die dort bluͤhn, / bildet ſie mit ſchwankem Dach / ein ge⸗
flochtnes Laubgemach. / Und fie ſchwoͤrt bei Gottes Gnade: /
„Kommt mein Freund auf dieſem Pfade, / ohne daß ſein
Herz ihm kuͤndet, / wer dies blum ge Haus gegruͤndet, / und
er mir die Liebe tut, / daß er hier ein Weilchen ruht, / dann
iſt falſch, was er verſpricht, / und wir ſollen laͤnger nicht /
Lieb und Liebchen heißen!“ Und wirklich traf Aucaſſin, als
er einſt auf einem Ritt durch den Wald Erholung und Zer⸗
ſtreuung ſuchte, auf Nicolettes Blumenlaube: „Ha, bei Gott,“
rief er aus, „hier war Nicolette, mein ſuͤßes Lieb, und das
baute ſie mit ihren ſchoͤnen Haͤnden. Um ihrer Huld und
Liebe willen werde ich abſteigen und e die m über
ruhen.“
Die Liebenden beſchloſſen nun, in ein anderes Land zu
ziehen, Aucaſſin nahm die Jungfrau vor ſich auf ſein Roß,
und ſie ritten zum Geſtade des Meeres, wo ſie Kaufleute
trafen, die ſie willig in ihr Schiff aufnahmen. Doch als ſie
auf hoher See waren, erhob ſich ein großer, gewaltiger Sturm
und trieb ſie von Land zu Land, bis ſie an eine fremde Kuͤſte
kamen. Sie liefen in den Hafen einer Burg ein und fragten,
was das fuͤr ein Land ſei, und man ſagte ihnen, es ſei das
Land des Koͤnigs von Torelore. Aucaſſin fragte, welch ein
Mann das ſei und ob er Krieg fuͤhre. „Ja, einen großen
8˙*
115
Krieg.“ Da nahm er Abſchied von den Kauffahrern, und dieſe
befahlen ihn Gott. Er ſtieg auf ſein Roß, ſein Schwert um⸗
geguͤrtet und ſein Liebchen vor ſich, und ritt, bis er in die
Burg kam. Er fragte nach dem Koͤnig, und man ſagte ihm,
er liege im Kindbett. „Und wo iſt denn ſeine Frau?“ Man
erwiderte, ſie ſei auf der Heerfahrt und mit ihr alle Leute
des Landes. Als Aucaſſin das hoͤrte, verwunderte er ſich gar
ſehr. Er kam in den Palaſt und ſtieg ab, ſowohl er als ſein
Liebchen. Sie hielt ſein Roß; er aber ſtieg in den Palaſt
hinauf, das Schwert umgeguͤrtet, und kam in das Zimmer,
wo der Koͤnig lag. Aucaſſin war ganz allein; / in die Kam⸗
mer drang er ein / und gelangte bis zur Staͤtte, / wo der
Koͤnig lag im Bette. / Er blieb ſtehn, als er ihn ſah: / „Sag,
du Narr, was machſt du da?“ / Nun vernehmt, was der ge⸗
ſprochen: / „Herr, ich liege in den Wochen! / Wenn mein
Monat iſt dahin / und ich ganz geneſen bin, / werd' ich in die
Meſſe gehn, / wie's von altersher geſchehn. / Aber dann mit
großem Schall / ſchlag ich meine Gegner all, / laſſe nicht vom
Kriege.“ Als Aucaſſin den Koͤnig alſo reden hoͤrte, nahm er
alle Decken, die auf ihm lagen, und ſchuͤttelte ſie auf den
Boden. Er ſah hinter ſich einen Stock, ergriff ihn und ſchlug
damit ſo auf den Koͤnig los, daß er ihn faſt umbrachte. „Ach,
lieber Herr,“ rief der Koͤnig, „was wollt Ihr von mir? Seid
Ihr verruͤckt, daß Ihr mich in meinem eigenen Hauſe ſchlagt?“
„Beim Herzen Gottes,“ ſprach Aucaſſin, „armſeliger Wicht,
ich ſchlage Euch tot, wenn Ihr mir nicht gelobt, daß in Eurem
Lande kein Mann mehr im Kindbett liegen ſoll!“ Er gelobte
es ihm, und als dies abgetan war, ſagte Aucaſſin: „Herr, nun
fuͤhrt mich zu Eurer Frau ins Heer!“ „Gerne Herr,“ ſprach
der Koͤnig. Er ſtieg auf ein Roß und Aucaſſin auf das ſeine
und Nicolette blieb in den Gemaͤchern der Koͤnigin. Der Koͤnig
und Aucaſſin ritten zur Koͤnigin ins Feld, wo eben mit ge⸗
roͤſteten Holzaͤpfeln, Eiern und friſchen Kaͤſen eine Schlacht
geliefert wurde. Aucaſſin ſchaute das mit an und verwun⸗
derte ſich hoͤchlichſt. Auf dem Sattel vorgeneigt, / haͤlt der
Jungherr, ſtaunt und ſchweigt. / Vor ihm wogte weit und
116
e .
breit / dieſer Heere heißer Streit, / die mit Apfeln, muͤrb⸗
gekochten / und mit friſchen Kaͤſen fochten. / Durch die Luft
in hohem Bogen / große Wieſenſchwaͤmme flogen. / Wer mit
Lärm am lautſten tobt, / wird als erſter Held gelobt. / Aucaſ⸗
ſin, der tapfre Mann / ſah die ſeltne Schlacht mit an / und
begann zu lachen. Als Aucaſſin dieſes wunderliche Schau⸗
ſpiel ſah, ging er zum Koͤnig und redete ihn an: „Herr, ſind
das Eure Feinde?“ „Ja, Herr!“ ſagte der Koͤnig. „Und
wollt Ihr, daß ich Euch an ihnen raͤchen ſoll?“ „Ja,“ ſprach
jener, „gerne!“ Da legte Aucaſſin Hand ans Schwert, ſtuͤrzte
ſich mitten unter ſie, begann nach rechts und links um ſich
zu hauen und toͤtete viele. Doch als der Koͤnig ſah, daß er
ſie totſchlug, fiel er ihm in den Zuͤgel und rief: „Ach, lieber
Herr, toͤtet ſie mir nicht ſo ohne weiteres!“ „Wie?“ ſprach
Aucaſſin, „wollt Ihr denn nicht, daß ich Euch raͤche?“ „Herr,“
ſprach der Koͤnig, „das habt Ihr ſchon zuviel getan. Es iſt
unter uns nicht Brauch, daß wir einander totſchlagen.“ Die
Feinde wandten ſich zur Flucht, und der Koͤnig kehrte mit
Aucaſſin ins Schloß Torelore zuruͤck.
Die Leute des Landes aber rieten dem Koͤnig, Aucaſſin
aus ſeinem Reiche zu jagen und Nicolette fuͤr ſeinen Sohn
zuruͤckzubehalten; denn ſie ſcheine eine Frau von hohem
Stande. Als Nicolette das hoͤrte, war ſie nicht ſehr froh dar⸗
uͤber und ſprach: „Komm ich, Herr von Torelor, / Eurem
Volk ſo naͤrriſch vor, / daß ich ſolche Wuͤnſche haͤtte?“ / ſprach
die holde Nicolette./ „Wenn, von meinem Reiz begluͤckt, /
mich mein Liebſter an ſich druͤckt, / nenn’ ich alle Wonnen
mein. / Ball und Tanz und Ringelreihn, / Fie del, Geig’ und
Harfenſpiel, / und was ſonſt der Welt gefiel, / gilt mir nichts
dagegen.“ |
Aucaſſin lebte auf der Burg Torelore herrlich und in Freu⸗
den; denn er hatte Nicolette, ſein ſuͤßes Liebchen, bei ſich.
Doch als er in dieſen Wonnen ſchwamm, kam ein Schiffsheer.
Sarazenen uͤbers Meer daher, lief die Burg an und nahm
ſie im Sturm. Sie raubten das Gut und ſchleppten Maͤnner
und Weiber gefangen fort. Auch Nicolette und Aucaſſin er⸗
117
griffen fie, banden dem Jungherrn Hände und Füße und
warfen ihn in ein Schiff und Nicolette in ein anderes. Da
erhob ſich ein Sturm über dem Meere, der fie trennte. Aucaſ⸗
ſin landete beim Schloß Beaucaire und erfuhr, daß ſeine
Eltern, waͤhrend er in Torelore war, geſtorben ſeien. Die
Burger fuͤhrten ihn in ſein Schloß und huldigten ihm, und er
hielt ſein Land im Frieden. Das Schiff aber, darin Nicolette
war, gehoͤrte dem Koͤnig von Karthago, und der war ihr
Vater. Sie wurde alſo mit großer Freude im Sarazenen⸗
lande aufgenommen und ſollte einem Heidenkoͤnig zur Frau
gegeben werden; aber ſie hatte keine Luſt, ſich zu vermaͤhlen.
Sie verlangte eine Fiedel und lernte darauf ſpielen, und als
man ſie eines Tages einem maͤchtigen Sarazenenfuͤrſten ver⸗
maͤhlen wollte, ſchlich ſie in der Nacht davon, faͤrbte ſich Haupt
und Antlitz, daß ſie ganz dunkel wurde, ließ ſich Rock und
Mantel, Hemd und Hoſen machen und kleidete ſich ſo in die
Tracht eines Spielmanns. Dann nahm ſie die Fiedel, ging
zu einem Schiffsmann und verhandelte mit ihm, daß er ſie
in ſein Schiff nahm. Sie ſpannten die Segel aus und fuhren
durch die hohe See, bis ſie nach dem Lande Provence kamen.
Dort ſtieg Nicolette aus und wanderte fiedelnd durch das
Land, bis ſie zum Schloß von Beaucaire kam, wo Aucaſſin
wohnte. Sie trat vor Aucaſſin und ſang ihm ein Lied, das
von Nicolettes Abenteuern ſeit ihrer Trennung von ihrem
Liebſten handelte. Als die Jungfrau ſah, daß Aucaſſin ſie
noch liebte, ſalbte ſie ſich mit einem Pflaͤnzlein, Schellkraut
geheißen, und wurde wieder ſo ſchoͤn, als ſie je geweſen, dann
ließ ſie Aucaſſin durch die Vizegraͤfin, ihre Pflegemutter, be⸗
nachrichtigen, daß Nicolette, ſein ſuͤßes Lieb, aus fernen Lan⸗
den gekommen ſei, ihn aufzuſuchen. Als nun Aucaſſin ver⸗
nommen, / daß ſein Lieb ins Land gekommen, / ward er
aller Sorgen bar, / froͤhlich, wie er niemals war, / und in
ungeduld'ger Haſt / eilt er in der Frau Palaſt. / In die Kam⸗
mer trat er ein, / und das holde Maͤgdelein / ſprang empor
mit flinken Fuͤßen, / um ihn jubelnd zu begruͤßen. / Aucaſſin,
der ſel'ge Mann / zog mit Armen fie heran, / hielt fie zärtlich
118
3
feft umfangen, / kuͤßt ihr Augen, Mund und Wangen. / Alſo
ließen ſie's die Nacht; / aber als der Tag erwacht, / führt der
Graf in ſtolzer Schar / die Geliebte zum Altar, / und das
Kind in Glanz und Ehre / ward zur Dame von Beau⸗
caire — / und ſie lebten ſonder Klage / lange wonnenreiche
Tage. / Alles Gluͤck, das ſie begehrt, / war den beiden voll
beichert. — / Mehr zu melden weiß ich nicht: / ſomit endet
mein Gedicht, / endet Sang und Sage.
Vom Kaiſer Conſtans
inſt lebte in der Stadt Byzanz ein heidniſcher Kaiſer,
welcher in der Sternkunde unterrichtet war und den
Lauf der Planeten und des Mondes kannte; er ſah
die Wunder des Himmels und glaubte an die Offenbarungen
des boͤſen Feindes. Dieſer Kaiſer, welcher Moslin hieß, ging
eines Nachts bei hellem Mondlicht unerkannt mit einem Rit⸗
ter durch die Straßen der Stadt. Da hoͤrte er, wie in einem
Hauſe, an dem ſie vorbeigingen, ein Chriſtenweib in Kinds⸗
noͤten lag. Der Mann dieſes Weibes aber betete zu Gott;
bald betete er, daß ſie entbinden moͤge und bald wieder, daß
ſie nicht entbinden moͤge. Da verwunderte ſich der Kaiſer und
ſprach zu dem Manne: „Sage mir, du Schurke, warum bitteſt
du das eine Mal deinen Gott, daß er deine Frau entbinden
laſſe und das andere Mal wieder, daß er ſie nicht entbinden
laſſe?“ „Herr,“ entgegnete der Mann, „ich verſtehe viel von
jener Wiſſenſchaft, die man Aſtrologie nennt, ich kenne den
Lauf der Firfterne und Planeten und weiß wohl, daß das
Kind, wenn es zu unrechter Stunde geboren wird, ein grau⸗
ſamer Tod erwartet.“ „Sage mir,“ ſprach der Kaiſer, „was
dir die Sterne kuͤnden!“ „So wiſſet, Herr, daß dieſer neu⸗
geborene Knabe dereinſt die Kaiſerstochter, welche vor acht
Tagen das Licht erblickte, heiraten wird, und er wird Kaiſer
und Herr dieſer Stadt und der ganzen Welt werden.“ Darauf
ging der Kaiſer mit dem Ritter weiter, und er befahl ſeinem
Begleiter, das Kind heimlich wegzunehmen, ſo daß es nie⸗
mand bemerke. Der Ritter ging in das Haus, wo gerade zwei
119
Frauen mit der Wartung der Woͤchnerin beſchaͤftigt waren,
waͤhrend das Kind in Tuͤchlein gewickelt auf einem Seſſel lag.
Der Ritter ergriff das Kind, legte es auf eine Schuͤſſel und
brachte es dem Kaiſer, ohne daß man es merkte. Da ließ der
Kaiſer mit einem Meſſer den Leib des Knaͤbleins vom Magen
bis zum Nabel aufſchneiden, und er ſagte zu ſeinem Begleiter,
nun würde dieſer Hundeſohn feine Tochter nicht mehr hei⸗
raten und nicht mehr Kaiſer werden. Darauf wollte der
Kaiſer dem Kinde das Herz aus dem Leibe reißen, aber der
Ritter wehrte es ihm und ſprach: „Herr, um Gottes willen,
was wollt Ihr tun? Das ſchickt ſich nicht für Euch, und wenn
man es erfuͤhre, wuͤrde man Euch tadeln. Laßt ihn nur, er
iſt mehr als tot. Wenn Ihr aber wollt, daß noch ein uͤbriges
geſchehe, ſo will ich ihn ins Meer werfen und ertraͤnken.“
„Ja,“ ſprach der Kaiſer, „werft ihn hinein, denn ich haſſe ihn
uͤber die Maßen.“ Der Ritter wickelte das Kind in eine
ſeidene Decke und trug es zum Meere. Als er aber am Ufer
ſtand, fühlte er Mitleid mit dem Kinde und fagte, es folle
nicht ertraͤnkt werden; er ließ es alſo in ſeiner Huͤlle auf
einem Miſthaufen vor dem Tore eines Moͤnchskloſters liegen,
in welchem die Moͤnche gerade ihre Morgenmeſſe ſangen.
Als die Moͤnche ihren Gottesdienſt beendet hatten, fanden
ſie das ſchreiende Kind und trugen es zu ihrem Abt. Dieſer
ſah, daß es ein ſchoͤner Knabe war und beſchloß, es aufzu⸗
ziehen. Er ließ es auskleiden und gewahrte, daß ſein Leib
vom Magen bis zum Nabel geſpalten war. Daher ließ er,
als es Tag geworden war, die Arzte rufen und fragte ſie,
um wieviel Gold ſie das Kind heilen wollten. Sie forderten
hundert Byzantinermuͤnzen. Darauf ließ der Abt das Kind
taufen und nannte es Conſtans, weil es ſoviel gekoſtet hatte.
Die Arzte aber bemuͤhten ſich fo lange um das Kind, bis es
geheilt war, denn ſein zartes Fleiſch wuchs bald wieder zu⸗
ſammen, wenn auch die Narbe blieb. Der Abt ließ den Knaben
von einer Amme ernaͤhren und dieſer wuchs heran und ge⸗
langte zu großer Schoͤnheit. Mit ſieben Jahren ſchickte ihn
der Abt in die Schule und bald uͤbertraf er ſeine Gefaͤhrten
120
an Fleiß und Wiſſen. Da der Abt bemerkte, wie ftattlich der
Knabe heranreifte, ließ er ihn auf allen ſeinen Reiſen mit ſich
reiten. Einſt geſchah es, daß der Abt von Amts wegen eine
Unterredung mit dem Kaiſer hatte, welcher gerade auf einem
Schloſſe außerhalb der Stadt verweilte. Der Abt begab ſich
mit ſeinen Kaplaͤnen, ſeinen Schildknappen und ſeinem Ge⸗
folge dorthin, und auch Conſtans befand ſich darunter. Waͤh⸗
rend der Abt mit dem Kaiſer redete, mußte ihm der Juͤng⸗
ling ſeinen Filzhut halten. Der Kaiſer betrachtete den Knaben
und bemerkte, daß er fo ſchoͤn war, wie er nie zuvor einen ge⸗
ſehen hatte. Er fragte den Abt nach der Herkunft des Kindes,
und dieſer erzaͤhlte, wie es die Moͤnche vor fuͤnfzehn Jahren
mit zerſchnittenem Leib auf dem Miſte liegend gefunden
haͤtten. Als der Kaiſer dieſes hoͤrte, da wußte er, daß er der
Knabe ſei, dem er einſt den Bauch geſpalten hatte, um ſein
Herz herauszureißen, und er bat den Abt, er moͤge ihm den
Burſchen uͤberlaſſen. Der Abt antwortete, er muͤſſe zuerſt
den Konvent befragen, dann ſolle er ihn gern haben. Die
Moͤnche rieten, man moͤge den Knaben nur ſchnell dem
Kaiſer ſchicken, damit er ſich nicht erzuͤrne. Nach kurzer Zeit
wurde der Juͤngling alſo dem Kaiſer uͤberliefert und dieſer
empfing ihn voll Zorn, daß ſolch ein hergelaufener Land⸗
ſtreicher ſeine Tochter heiraten ſolle; er uͤberlegte aber in
ſeinem Herzen, wie er ihn mit Liſt aus der Welt ſchaffen
koͤnne, ohne daß es ruchbar wuͤrde.
Der Kaiſer hatte um dieſe Zeit an den Grenzen ſeines
Landes zu tun, er nahm Conſtans mit ſich, und als ſie am
Ziele waren, ſchrieb er folgenden Brief an den Burggrafen
von Byzanz: „Ich, der Kaiſer von Byzanz und Herr von
Griechenland, tue zu wiſſen, daß der, welcher an meiner
Statt das Reich beſchuͤtzt, ſobald er dieſen Brief zu Geſicht
bekommt, den Überbringer desſelben auf der Stelle toͤtet
oder töten läßt, fo ihm fein Leben lieb iſt.“ Solches ſtand in
dem Briefe zu leſen, den Conſtans nach Byzanz tragen mußte,
doch dieſer wußte nicht, daß er ſeinen Tod trug. Der Juͤng⸗
ling nahm alſo den verſchloſſenen Brief, machte ſich auf den
121
Weg und gelangte nach vierzehn Tagen in die Hauptſtadt.
Als er durch das Tor ritt, war es gerade Mittagszeit, und er
dachte bei ſich, er wolle mit dem Überbringen des Briefes
warten, bis der Burggraf geſpeiſt haͤtte. Und da es gerade
um St. Johannis und ſehr heiß war, ſo trat er in einen
Garten, ließ ſein Roß weiden und legte ſich in den Schatten
eines Baumes, wo er alsbald einſchlummerte.
Es geſchah aber, daß die ſchoͤne Kaiſerstochter, als ſie vom
Mahle aufgeſtanden war, ſelbviert mit ihren Gefaͤhrtinnen
in den Garten ging, und ſie begannen einander zu haſchen,
ſo wie die Maͤgdlein es bisweilen der Kurzweil halber zu tun
pflegen. Dabei gelangte ſie zu dem Baume, unter welchem
Conſtans ſchlief, und ſeine Wangen leuchteten purpurn wie
Roſen. Als die Jungfrau ihn erblickte, betrachtete ſie ihn mit
Wohlgefallen und glaubte, daß ſie nie in ihrem Leben ein ſo
ſchoͤnes Menſchenbild geſehen habe. Dann rief ſie ihre Ver⸗
traute und hieß die anderen den Garten verlaſſen. Die ſchoͤne
Kaiſerstochter nahm ihre Geſpielin bei der Hand und fuͤhrte
fie dahin, wo der Schlaͤfer lag. „Siehe,“ ſprach fie, „das iſt
der ſchoͤnſte Juͤngling, den ich jemals ſah, und er traͤgt einen
Brief. Ich wuͤßte gar zu gern, was darin geſchrieben ſteht.“
Die beiden Maͤgdlein naͤherten ſich dem Burſchen und nah⸗
men ihm ſeinen Brief fort, den die Kaiſerstochter ſofort auf⸗
brach. Als ſie ihn aber geleſen hatte, begann ſie zu weinen
und ſagte: „Das ſind traurige Sachen! Aber wenn ich wuͤßte,
daß du ſchweigen kannſt, ſo wuͤrde ich dieſe traurige Nach⸗
richt in eine freudige verwandeln.“ Die Geſpielin mußte
ſchwoͤren, daß fie nichts ausplaudern wollte, und dann nahm
die Kaiſerstochter ein Pergament, auf dem das kaiſerliche
Siegel eingepraͤgt war und ſchrieb wie folgt: „Ich, Koͤnig
Moslin, Kaiſer von Griechenland und Herr der Stadt Byzanz
entbiete meinem Burggrafen Gruß. Ich befehle Euch, daß
Ihr dem Überbringer dieſes Briefes meine ſchoͤne Tochter
unverzuͤglich nach unſerer Sitte zur Gattin gebt, denn ich habe
fuͤr wahr erfahren, daß er von hohem Range iſt und durch⸗
aus wuͤrdig, meine Tochter zu ehelichen. Die ganze Stadt
122
und das ganze Land foll feiern und es ſich wohlergehen
laſſen.“ So ſchrieb die Kaiſerstochter, und als ſie fertig war,
ging ſie wieder in den Garten und ſchob den Brief in die
Kapſel des ſchlafenden Boten. Darauf begann ſie mit ihren
Geſpielen zu ſingen und zu laͤrmen, um ihn zu erwecken. Er
erwachte alsbald und erſchrak, als er ſich von den Maͤgdlein
umringt ſah, die Kaiſerstochter aber begruͤßte ihn freundlich
und fragte ihn, wohin er wolle. Sie erbot ſich alsdann, ihn
zum Burggrafen zu geleiten und fuͤhrte ihn an der Hand
ins Schloß, wo viele Leute verſammelt waren, die ſich alle
von ihren Sitzen erhoben. Sie trat mit dem Juͤngling in das
Gemach des Burggrafen, oͤffnete die Kapſel und kuͤßte Brief
und Siegel ihres Vaters. Darauf zog ſie ſich mit dem Burg⸗
grafen in ein Nebenzimmer zuruͤck, entfaltete den Brief und
las ihn dem Burggrafen vor, dabei tat ſie, als ob ſie uͤber die
Maßen erſtaunt waͤre. „Herrin,“ ſagte der Graf, „wir muͤſſen
den Willen Eures gnaͤdigen Vaters erfuͤllen, ſonſt werden wir
gar ſehr getadelt werden.“ „Oho,“ erwiderte die Jungfrau,
„wie kann ich in Abweſenheit meines Vaters verheiratet wer⸗
den? Das waͤre doch ſonderbar und ich bin ganz und gar
nicht damit einverſtanden!“ „Euer Vater befiehlt jo," ſagte
der Graf, „da gibt es keine Widerrede!“ Dann beſprach ſich
der Burggraf mit den Baronen und zeigte ihnen den Brief,
ſie aber rieten alle, daß der Befehl des Kaiſers alſogleich voll⸗
zogen werde. So heiratete alſo der Juͤngling die Kaiſers⸗
tochter und die Hochzeit dauerte vierzehn Tage; es herrſchte
große Freude in Byzanz, und in der ganzen Stadt tat man
nichts als eſſen, trinken und Kurzweil treiben.
Der Kaiſer blieb lange fern, als er aber ſein Geſchaͤft be⸗
endet hatte, kehrte er in die Hauptſtadt zuruͤck. Als er auf
zwei Tagereiſen herangekommen war, kamen ihm Boten aus
der Stadt entgegen, die fragte er, wie es drinnen ſtehe. Da
ſagten ſie ihm, daß es nichts gebe als Freude und Kurzweil.
„Warum das?“ fragte der Kaiſer. „Warum, Herr? Wißt
Ihr denn das nicht?“ „Ich weiß von nichts, ſo rede doch!“
Da berichtete der Bote, was ſich in der Abweſenheit des
123
Kaiſers zugetragen habe. Dieſer erſchrak und fragte, wie:
viel Zeit ſchon ſeit der Hochzeit verſtrichen ſei. „Herr,“ fagte
der Bote, „es iſt möglich, daß Eure Tochter ſchon ſchwanger
iſt, denn er hat ſie ſchon vor mehr als drei Wochen ge⸗
heiratet.“ „Da es ſich nun einmal fo verhält,“ verſetzte der
Kaiſer, „ſo muͤſſen wir es hinnehmen, zumal da wir nichts
mehr daran aͤndern koͤnnen.“ Und als er in die Stadt kam,
legte er feine Hände auf das Haupt feiner Kinder und ſeg⸗
nete ſie, dann ließ er ſeinen Schwiegerſohn zum Ritter
ſchlagen und vermachte ihm nach ſeinem Hinſcheiden ſein
ganzes Reich.
Amicus und Amelius
n einem deutſchen Schloſſe wurde zur Zeit des Fran⸗
kenkoͤnigs Pippin, einem edlen und frommen Ritter,
ein Sohn geboren. Weil das Kind ihr einziges war,
ſo verſprachen die Eltern Gott und dem heiligen Petrus und
Paulus, ſie wollten es in Rom vom Papſte taufen laſſen,
wenn ſie am Leben blieben. Zur ſelben Zeit hatte der Graf
von Antwerpen ein Geſicht waͤhrend der Schwangerſchaft
ſeiner Frau, in welchem er ſah, wie der Heilige Vater in Rom
viele Kindlein taufte und im Glauben ſtaͤrkte. Dieſen Traum
deutete man ihm dahin, daß er einen Sohn bekommen werde,
den er vom Papſte taufen laſſen muͤſſe. Das Kind wurde
geboren und mit Sorgfalt auferzogen, als es aber zwei Jahre
alt war, da trug es ſein Vater nach Rom. In der Stadt Lucca
traf er den deutſchen Ritter, welcher zum gleichen Zwecke nach
Rom zog, und fie taten ſich zuſammen; die Kindlein aber
ſchloſſen innige Freundſchaft und aßen und ſchliefen mitein⸗
ander. Die Knaben wurden in der Kirche des Heilandes vom
Papſte getauft und der Grafenſohn erhielt den Namen
Amelius, während der Rittersſohn Amicus genannt wurde.
Nach der heiligen Handlung ließ der Papſt zwei mit Gold und
Edelſteinen verzierte Holzbecher bringen, welche einander
völlig gleich waren, die gab er den Kindern und ſprach:
„Nehmt dieſe Gabe zur Erinnerung daran, daß ich euch in
124
der Kirche des Heilandes getauft habe!“ Dann kehrten die
Eltern wieder voll Freude heim, jeder in ſein Land.
Dem deutſchen Rittersſohn gab Gott große Weisheit, und
als er das Mannesalter erreicht hatte, da raffte ein Fieber
ſeinen Vater hinweg. Nach dem Tode des Vaters taten ihm
ſeine Neider aus Haß mancherlei Unrecht, doch er trug ge⸗
duldig, was man ihm antat. Schließlich trieben ſie es ſo weit,
daß ſie ihn ſamt ſeinen Getreuen vom vaͤterlichen Erbe ver⸗
jagten, und er ſprach zu ſeinen Begleitern: „Aus Haß haben
mich meine Neider von meinem Erbe vertrieben, aber ich
baue auf die Hilfe Gottes. Gehen wir an den Hof des Grafen
Amelius, der mein Freund und Gefaͤhrte wurde. Dieſer wird
uns mit ſeiner Habe reich machen. Tut er das nicht, ſo ziehen
wir zu Hildegard, der Koͤnigin und Gattin des Frankenkoͤnigs
Karl, welche gewoͤhnlich die Enterbten unterſtuͤtzt.“ Sie be⸗
gaben ſich alſo an den Hof des Grafen, doch ſie fanden ihn
nicht, denn er war nach Deutſchland gegangen, um ſeinen
Freund uͤber den Tod des Vaters zu troͤſten. Als der Graf
denſelben nicht antraf, ging er voll Unmut fort und beſchloß,
nicht eher heimzukehren, bis er ſeinen Gefaͤhrten Amicus ge⸗
funden habe. Ebenſo ſuchte dieſer ſeinerſeits den Grafen ohne
Unterlaß. Dabei kam er mit ſeinen Begleitern in das Haus
eines Edelmannes, wo er beherbergt und bewirtet wurde.
Der Edelmann aber ſagte zu den Getreuen des Ritters:
„Bleibt bei mir, ihr Herren, ich will eurem Herrn um ſeiner
großen Weisheit willen meine Tochter geben und euch alle
will ich reich an Gold und Gut machen.“ Dieſer Rat gefiel
ihnen und ſie feierten mit großen Feſten die Hochzeit des
Amicus.
Als ſie ein Jahr und ein halbes dort verweilt hatten, ſprach
Amicus zu ſeinen Getreuen: „Wir haben uͤbel gehandelt, daß
wir es ſolange unterlaſſen haben, Amelius zu ſuchen.“ Und
er ließ zwei ſeiner Gefolgsleute und ſeinen Becher zuruͤck und
machte ſich auf gen Paris. Der Graf aber hatte Amicus
ohne Unterlaß zwei Jahre lang geſucht und zog gleichfalls
nach Paris. Auf dem Wege dorthin traf er einen Pilger, den
125
fragte er nach Amicus, dem Landfluͤchtigen. Obwohl ihm
der Pilger keine Auskunft geben konnte, ſchenkte er ihm doch
ſeinen Mantel und bat ihn, fuͤr den Erfolg ſeines Suchens zu
beten. Am naͤmlichen Abend traf Amicus den Pilger und
fragte ihn nach dem Grafenſohn von Antwerpen. „Spottet
Ihr meiner,“ ſprach da der Pilger voll Unmut, „Ihr ſelbſt
ſeid doch Amelius und habt mich erſt heute nach Eurem Ge⸗
faͤhrten Amicus gefragt!“ So aͤhnlich ſahen die Freunde
einander.
Am anderen Morgen war Amelius wieder von Paris auf⸗
gebrochen und ſaß mit ſeinen Rittern in einer bluͤhenden
Wieſe am Seinefluß beim Mahl. Als ſie aber Amicus mit
ſeinen bewaffneten Begleitern heranreiten ſahen, da ſpran⸗
gen ſie auf, waffneten ſich und ritten ihnen entgegen. In⸗
deſſen ſprach Amicus zu ſeinem Gefolge: „Ich ſehe fraͤnkiſche
Ritter, welche in Waffen auf uns zukommen. Kaͤmpft tapfer
und verteidigt euer Leben!“ Dann gingen beide Teile mit
gefaͤllten Lanzen und entbloͤßten Schwertern aufeinander
los, aber ehe ſie zuſammenprallten, fuͤgte es Gott, daß ſie
ihre Roſſe anhielten. „Wer ſeid Ihr, Ritter,“ ſprach Amicus,
„da Ihr Amicus, den Verbannten, und ſeine Begleiter toͤten
wollt?“ Jetzt erkannte Amelius ſeinen Gefaͤhrten und gab
ſich ihm zu erkennen. Sie ſtiegen beide vom Roſſe, um⸗
armten einander und dankten Gott, daß er ſie endlich zu⸗
ſammengefuͤhrt habe. Darauf gingen ſie an den Hof des
Frankenkoͤnigs Karl; dieſer empfing fie freundlich und machte
Amicus zu ſeinem Schatzmeiſter, Amelius aber zu ſeinem
Seneſchall.
Nach dreijaͤhrigem Aufenthalt am Hofe zu Paris ſprach
Amicus eines Tages zu ſeinem Freund: „Lieber Gefaͤhrte,
mich verlangt danach, meine Frau zu beſuchen, welche ich
daheim zuruͤckließ. Ich werde zuruͤckkehren, ſobald ich es ver⸗
mag. Bleibe du am Hofe, aber huͤte dich, die Koͤnigstochter
zu beruͤhren und nimm dich vor dem treuloſen Ardri in
acht!“ Aber als Amicus fort war, warf Amelius feine Augen
auf die ſchoͤne Koͤnigstochter und vergaß das Gebot ſeines
126
Gefährten. Und das war nicht weiter merkwuͤrdig, denn er
war weder heiliger als David noch weiſer als Salomo. Unter⸗
deſſen kam der treuloſe Ardri, der ihn beneidete, zu ihm und
ſprach: „Du weißt alſo nicht, daß Amicus geflohen iſt, weil
er den Schatz des Koͤnigs beſtohlen hat?“ So draͤngte er ſich
an ihn, daß Amelius mit ihm Freundſchaft ſchloß und ihm
fein Geheimnis enthüllte. Eines Tages, als der Graf dem
Koͤnig das Waſſer zum Haͤndewaſchen reichte, ſprach der falſche
Ardri zu Karl: „Nehmt kein Waſſer von dieſem Schurken,
mein Herr und Koͤnig, denn er iſt des Todes mehr wert als
des Lebens, weil er der Koͤnigstochter die Bluͤte der Jung⸗
frauſchaft genommen hat.“ Bei dieſen Worten des Ver⸗
raͤters fiel Amelius zitternd zu Boden und konnte kein Wort
hervorbringen. Der Koͤnig jedoch hob ihn wohlwollend auf
und ſprach: „Erhebe dich, Amelius und fuͤrchte dich nicht,
ſondern verteidige dich gegen dieſen Vorwurf!“ Da erhob
ſich der Graf und ſprach: „Mein Herr und Koͤnig, glaubt
nicht den Luͤgen des falſchen Ardri. Ich weiß, daß Ihr ein
gerechter Richter ſeid, darum bitte ich Euch, mir Friſt zu ge⸗
waͤhren, daß ich mich mit meinen Freunden beraten kann.
Dann will ich mich gegen dieſen Vorwurf verteidigen und
mit dem Verraͤter vor dem ganzen Hofe kaͤmpfen.“ Der
Koͤnig gewaͤhrte beiden eine Friſt bis zum Abend, und als
die Friſt abgelaufen war, da wies Ardri einen Grafen Herbert
vor, der fuͤr ihn buͤrgen wollte, aber Amelius fand keinen
Fuͤrſprecher. Er bat daher um eine neue Friſt und ſie wurde
ihm auf Bitten der Koͤnigin gewaͤhrt, doch unter der Bedin⸗
gung, daß Hildegard fuͤr immer vom Bette ihres Gemahls
geſchieden bleiben ſollte, wenn Amelius nicht rechtzeitig
zuruͤckkehrte, denn ſie ſchien mitſchuldig an dem begangenen
Unrecht. Amelius ritt aus der Stadt und traf auf ſeinen
Freund, welcher gerade an den Hof zuruͤckkehren wollte. „Ich
habe dein Gebot ſchlecht befolgt,“ ſprach er zu ihm, „denn ich
habe mich der Koͤnigstochter wegen dem Tadel ausgeſetzt und
habe einen Zweikampf gegen den treuloſen Ardri angenom⸗
men.“ „Tauſchen wir unſer Gewand!“ erwiderte Amicus,
127
„du gehſt in mein Haus und ich will für dich gegen den Ver⸗
raͤter Ardri kaͤmpfen.“ Sie tauſchten ihre Kleider und ihre
Roſſe, und Amicus ging in der Geſtalt des Amelius an den
Koͤnigshof, waͤhrend letzterer in der Geſtalt des Gefaͤhrten
in deſſen Haus zog. Als das Weib des Amicus ihren ver⸗
meintlichen Gatten zuruͤckkommen ſah, da lief ſie ihm ent⸗
gegen und wollte ihn umarmen, er aber ſtieß ſie von ſich und
ſprach, er trage Kummer im Herzen. Abends beſtiegen ſie
das gemeinſame Lager, aber Amelius legte ſein Schwert
zwiſchen ſich und die Frau und ſprach zu ihr: „Huͤte dich,
mich anzuruͤhren, ſonſt ſtirbſt du von dieſem Schwert!“
Der fuͤr den Zweikampf angeſetzte Zeitpunkt war ge⸗
kommen und die Koͤnigin erwartete Amelius mit Ungeduld.
Schon frohlockte der Verräter, da trat Amicus in der Geſtalt
ſeines Gefaͤhrten vor den Koͤnig und ſprach: „Gerechter
Richter, ich bin bereit, gegen den falſchen Ardri zu kaͤmpfen,
um mich, die Koͤnigin und ihre Tochter von dem Makel, mit
dem man uns befleckt hat, zu reinigen.“ „Wenn du im
Kampfe ſiegſt, Graf,“ ſagte der Koͤnig, „ſo werde ich dir
meine Tochter zur Frau geben.“ Am andern Tage traten
Amicus und Ardri bewaffnet in die Schranken in Gegen⸗
wart des Koͤnigs und des geſamten Hofes. Die Koͤnigin aber
und ihre Frauen beteten fuͤr den Kaͤmpfer der Koͤnigstochter.
Darauf ſchwur Ardri, daß ſein Gegner die Koͤnigstochter ge⸗
ſchaͤndet habe, dieſer aber ſchwur dawider, er habe ſie nie
beruͤhrt. Sie kaͤmpften von der dritten bis zur neunten Stunde,
dann wurde Ardri beſiegt und Amicus hieb ihm das Haupt
ab. Der Koͤnig freute ſich, daß ſeine Tochter von dieſem
Vorwurf gereinigt war und er gab ſie dem Sieger nebſt
vielem Silber und Gold und einer Stadt am Meer, in wel⸗
cher ſie wohnen ſollten. Amicus ritt zu ſeinem Weibe und
Amelius feierte Hochzeit mit der Koͤnigstochter und zog mit
ihr in jene Stadt am Meer.
Bald darauf geſchah es mit Zulaſſung Gottes, daß Amicus
ausſaͤtzig wurde und das in ſolchem Grade, daß er fein Lager
nicht mehr verlaſſen konnte, denn Gott zuͤchtigt, wen er liebt.
128
Sein Weib begann ihn zu haſſen und ſuchte ihn zu erdroſſeln,
daher rief Amicus zwei ſeiner Diener zu ſich und ſprach:
„Nehmt mich von meiner Frau fort, packt meinen Becher ein
und bringt mich auf mein Schloß in Deutſchland!“ Als ſie
aber dorthin kamen, trieb man fie mit Schlägen von hinnen.
Nun bat Amicus Gott um den Tod und befahl ſeinen Dienern,
ihn nach Rom zu fuͤhren. Dort verweilten ſie der Jahre drei,
dann aber brach in Rom Hungersnot und Seuche aus und
die Diener wollten nicht mehr bei ihrem Herrn verharren.
Da bat ſie dieſer, ſie ſollten ihn in jene Stadt tragen, wo
Amelius wohnte. Vor dem Hauſe des Grafen begann
Amicus mit ſeiner Klapper zu ſchlagen, wie es die Sitte der
Ausſaͤtzigen iſt. Als Amelius den Ton hoͤrte, befahl er feinem
Diener, dem Kranken Brot und Fleiſch zu bringen und einen
Becher Wein. Der Diener kam zuruͤck und ſprach: „Bei Gott,
Herr, wenn ich Euren Becher nicht in der Hand hielte, ſo
wuͤrde ich glauben, der Kranke haͤtte ihn genommen, ſo aͤhn⸗
lich ſah ihm der ſeinige.“ Sogleich ließ Amelius den Kranken
hineinfuͤhren und erkannte ſeinen Freund, welcher ihn vor
dem Tode gerettet und ihm die Koͤnigstochter verſchafft hatte.
Man bettete den Kranken auf ein weiches Lager, und er blieb
bei ihnen, und ſie pflegten ihn, bis Gott ſeinen Willen an ihm
ergehen ließe.
Eines Nachts lagen Amicus und Amelius in einer Kammer,
da ſchickte Gott ſeinen Engel Rafael zu Amicus und hieß ihn
reden wie folgt: „Amicus, ſchlaͤfſt du?“ Jener glaubte, fein
Gefaͤhrte rede zu ihm, und er erwiderte: „Ich ſchlafe nicht,
mein Freund!“ „Mit Recht nennſt du dich Freund der
Himmliſchen, hub der Engel wieder an, „denn du gleichſt
Job und Tobias an Geduld. Wiſſe, ich bin Rafael, der Engel
des Herrn, der mich ſendet, dir das Heilmittel fuͤr dein Leiden
zu verkuͤnden, denn er hat dein Gebet erhoͤrt. Du ſollſt
Amelius, deinem Gefaͤhrten, ſagen, er moͤge ſeine beiden
Kinder töten und dich mit ihrem Blute waſchen, auf daß du
die Geſundheit des Leibes wiedererlangſt!“ Nach dieſen Wor⸗
ten verſchwand der Engel, Amelius aber hatte im Schlaf die
9 Franz. Märchen I 129
Worte gehört, er erwachte und ſprach: „Wer hat mit dir ge:
redet? „Niemand,“ verſetzte Amicus, „ich habe nach meiner
Gewohnheit zu Gott gebetet.“ „Das war es nicht, ſondern es
hat jemand zu dir geſprochen!“ Nun erzählte der Kranke dem
Freunde unter Traͤnen, was der Engel von ihm verlangt
habe. Der Graf war zuerſt zwar unmutig und erſchrocken,
dann aber bedachte er bei ſich, wie Amicus einſt an ſeiner
Statt am Koͤnigshofe dem Tode getrotzt habe, und er beſchloß,
ihn zu retten. Sobald ſeine Gemahlin in die Fruͤhmeſſe ge⸗
gangen war, nahm er ſein Schwert und trat in die Kammer,
in der die Kinder ſchliefen. Er warf ſich uͤber ſie und ſprach
weinend: „O, meine Kinder, ich bin Euer Vater nicht mehr,
ſondern Euer Moͤrder!“ Die Kinder erwachten von den
Tränen ihres Vaters und laͤchelten ihn an. Er aber hieb
ihnen die Köpfe ab und wuſch feinen Freund mit ihrem Blute.
Da wurde Amicus von der Miſelſucht geheilt und die
Freunde gingen in den Dom, um Gott zu danken, und die
Glocken begannen von ſelbſt zu laͤuten. Die Graͤfin war
freudig erſtaunt, als ſie den Gaſt geſund ſah, ſie ließ ihn in
praͤchtige Gewaͤnder huͤllen und dann ſetzten ſie ſich zum
Mahl. Um die dritte Stunde wollte die Graͤfin ihre Kinder
ſehen, um mit ihnen zu ſcherzen, doch der Gatte wehrte es
ihr und ſprach: „Laß die Kinder ſchlafen, Frau!“ Und er
ſchlich ſich allein in ihre Kammer, um uͤber ihren Leichen zu
weinen. Aber ſiehe: ſie lagen geſund im Bett und lachten
ihm entgegen. Nur die Schnittſtelle wand ſich rings um den
Hals wie ein roter Faden. Da nahm ſie der Graf auf den
Arm und trug ſie zu ihrer Mutter: „Freut Euch, Frau, denn
Eure Kinder, die ich auf das Gebot des Engels getoͤtet hatte,
ſind am Leben, und von ihrem Blut iſt Amicus geheilt!“
Die Geſchichte von der ſchoͤnen Johanna
A der Grenze zwiſchen Flandern und Hennegau lebte
ein tapferer Ritter, der hatte eine edle Dame zur
Frau, welche ihm eine wunderſchoͤne Tochter geboren
hatte. Die Jungfrau, welche Johanna hieß, war allmaͤhlich
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reif zur Ehe geworden, aber ihr Vater ritt lieber zu Turnieren,
als daß er ſich um die Verheiratung ſeiner Tochter gekuͤmmert
haͤtte. Der Ritter hatte einen Schildknappen mit Namen
Robert, den beſten, der im ganzen Lande zu finden war,
denn er brachte oft ſeinem Herrn die Turnierpreiſe durch
ſeine Kuͤhnheit und Geſchicklichkeit zu. An dieſen wandte ſich
die Dame, daß er den Sinn ſeines Herrn auf die Verhei⸗
ratung von deſſen Tochter lenken moͤge. Als ſie wieder ein⸗
mal vom Turniere heimritten, ſprach der Ritter: „Robin, du
und die Herrin, ihr laßt mich keinen Augenblick in Ruhe mit
der Verheiratung meiner Tochter. Aber ich finde nieman⸗
den im ganzen Lande, dem ich fie geben möchte!” „O Herr,“
erwiderte Robert, „es gibt keinen Ritter in Eurem Lande,
der ſie nicht mit Vergnuͤgen nehmen wuͤrde.“ „Robin, lieber
Freund, die taugen alle nichts, ich moͤchte ſie keinem von
ihnen geben. Ich kenne niemanden, der ihrer wuͤrdig waͤre,
außer einem einzigen und der iſt kein Ritter.“ Da Robert
auf der Heiratsfrage beharrte, ſo ſprach ſein Herr nach einer
Weile: „Robin, du haſt mir gut gedient und dich als einen
Ehrenmann erwieſen. Du haſt mich erſt zu dem gemacht,
was ich bin und mir viel Land erwerben helfen. Deshalb
will ich dir meine Tochter geben, wenn du ſie willſt.“ „Um
Gott, Herr,“ warf Robert ein, „was redet Ihr da? Ich bin
zu arm, um eine ſo vornehme Jungfrau zu heiraten. Es ſind
Ritter genug da, die ſie gern nehmen wuͤrden!“ „Robin,
keinem Ritter will ich ſie geben, ſondern dir, wenn du ſie
willſt, und vierhundert Acker Landes dazu.“ Die Mutter war
zwar zuerſt nicht mit dieſem Heiratsplan einverſtanden, aber
ſchließlich mußte ſie ſich doch fuͤgen; der Ritter ließ ſeinen
Kaplan holen und die Jungfrau wurde mit Robert verlobt.
Am folgenden Tage wurde Robert zum Ritter geſchlagen
und am dritten ſollte die Hochzeit gefeiert werden. Als die
Zeremonie des Ritterſchlags beendet war, ſagte Robert zu
ſeinem Herrn: „Herr, ich habe gelobt, daß ich am Tage, da
ich Ritter werde, eine Wallfahrt nach St. Jacob von Com⸗
poſtella antreten wolle. Dieſerhalb muß ich gleich morgen
9*
131
früh aufbrechen, denn um nichts in der Welt würde ich mein
Geluͤbde unerfuͤllt laſſen.“ Ein Ritter hörte dieſe Worte und
tadelte Herrn Robert gewaltig, daß er ſeine junge Frau
allein laſſen wolle. „Wenn Ihr nach St. Jacob geht“, ſagte
der Ritter, welcher Raoul hieß, „ohne Eure Frau zuvor zu
beruͤhren, ſo werde ich Euch zum Hahnrei machen, ehe Ihr
heimkommt und werde Euch bei Eurer Ruͤckkehr dafuͤr den
Beweis erbringen. Ich ſetze mein Land gegen das Eurige.“
„Ich bin ſicher“, entgegnete Herr Robert, „daß meine Frau
nicht treulos gegen mich handeln wird. Ich gehe die Wette
ein.“ Darauf begaben ſie ſich zu ihrem Herrn und unter⸗
breiteten dieſem ihre Wette. Am anderen Morgen wurde
Herr Robert mit der ſchoͤnen Johanna vermaͤhlt, aber gleich
nachdem die Meſſe geſungen war, verließ er das Schloß und
ſeine junge Gattin und wanderte gen St. Jacob.
Raoul war in einiger Verlegenheit, wie er es anfangen
ſolle, die Wette zu gewinnen und bei der jungen Frau zu
liegen, denn dieſe lebte in der Abweſenheit ihres Gemahls
ſehr zuruͤckgezogen und ging nur aus, um im Muͤnſter fuͤr die
baldige Ruͤckkehr ihres Gatten zu beten. Er ſprach alſo mit
der Alten, welche die ſchoͤne Frau bediente und verſprach ihr
viel Geld, wenn ſie es ſo einrichten wolle, daß er mit ihrer
Herrin insgeheim zuſammentreffen koͤnne, um mit ihr ſeinen
Willen zu tun. Zugleich druͤckte er der Alten vierzig Sous
fuͤr ein neues Kleid in die Hand. Die Alte ſchob das Geld
vergnuͤgt ein und verſprach, ſie wolle mit ihrer Herrin reden.
Als die Dame vom Muͤnſter zuruͤckkam, ſprach ſie zu ihr:
„Herrin, ſagt mir doch: hatte Euer Gatte Euch beruͤhrt, ehe
er nach St. Jacob ging?“ „Warum fragt Ihr danach, Frau
Herſent?“ „Herrin, ich glaube, Ihr ſeid noch Jungfrau.“
„Das bin ich auch, Frau Herſent!“ „Das iſt ſchade, Herrin,“
ſprach Frau Herſent, „wenn Ihr wuͤßtet, welche Freuden die
Liebe bereitet! Ich wundere mich, daß Ihr die Liebesfreuden
nicht ſo ſchaͤtzt, wie es die anderen Frauen tun. Aber wenn
Ihr wollt, ſo will ich Euch welche verſchaffen, denn ich kenne
einen edlen Ritter, der Euch gern lieben wuͤrde; er iſt reich
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und viel ſchoͤner als der ehrloſe Feigling, der Euch ſchnoͤde
im Stich gelaſſen hat.“ „Frau Herſent“, erwiderte Johanna,
„laßt dieſe Worte! Ich habe keine Luſt, mich ſelbſt zu ent⸗
ehren.“ Herr Raoul kam zu der Alten und ſie erzaͤhlte ihm,
was ſie zu ihrer Herrin geſagt und was dieſe ihr geantwortet
habe. „Frau Herſent“, ſagte der Ritter, „ſo ziemt es ſich
fuͤr eine zuͤchtige Frau zu antworten. Aber Ihr muͤßt noch⸗
mals mit ihr reden. Hier ſind zwanzig Sous zu Stoff fuͤr
ein neues Oberkleid.“ Die Alte nahm das Geld und ſprach
haͤufig mit ihrer Herrin von dem Anliegen des Ritters; aber
es half alles nichts. Die Zeit floß dahin und man erfuhr, daß
Robert von St. Jacob zuruͤckkehre und ſchon nahe bei Paris
ſei. Herr Raoul, welcher fuͤrchtete, ſein Land zu verlieren,
machte ſich nochmals an die Alte. Dieſe ſagte, mit Reden
koͤnne man nichts erreichen, aber ſie wolle es ſo einrichten,
daß er allein mit ihrer Herrin im Hauſe ſei, dann koͤnne er an
ihr ſeinen Willen tun und wenn es ſein muͤſſe mit Gewalt.
Wenige Tage, bevor Herr Robert zuruͤckkehren mußte, be⸗
reitete die Alte ihrer Herrin ein Bad. Zugleich beſtellte ſie
Herrn Raoul und ſchickte das ganze Geſinde aus dem Hauſe.
Herr Raoul trat in die Kammer, als die junge Frau badete,
und begruͤßte ſie, doch ſie erwiderte ſeinen Gruß nicht und
rief: „Herr Raoul, Ihr ſeid nicht edel! Wißt Ihr, ob mir
Eure Gegenwart angenehm iſt? Pfui uͤber einen zuchtloſen
Ritter!“ „Gnade, Herrin!“ ſprach Raoul, „ich vergehe vor
Sehnſucht nach Euch! Um Gottes willen, habt Erbarmen mit
mir!“ „Herr Raoul, ich will Eure Dirne nicht werden, und
wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, ſo werde ich meinem
Vater ſagen, was Ihr von mir verlangt, denn ich bin keine
ſolche!“ „Wirklich nicht?“ Herr Raoul naͤherte ſich ihr, um⸗
fing ſie mit ſeinen ſtarken Armen und riß ſie aus dem Bade,
um ſie auf das Bett zu ſchleifen. Als er ſie aber aus dem
Bade zog, da bemerkte er, daß ſie auf dem rechten Ober⸗
ſchenkel ein ſchwarzes Mal hatte. Schon wollte er ſie auf
das Lager werfen, da verhakte ſich ſein Sporn in ein Ge⸗
webe und er fiel ſamt ſeiner Beute zu Boden. Johanna
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ſprang geſchwind auf, ergriff einen Stock und ſchlug Herrn
Raoul ins Geſicht, ſo daß er eine blutende Wunde davon⸗
trug. Der Ritter fuͤhlte den Schmerz und die Luſt nach dem
Weibe verging ihm, er erhob ſich und verließ eilends die
Kammer. Am Sonntag darauf kam Herr Robert zuruͤck und
wurde mit hohen Ehren empfangen, es wurden große Feſte
gefeiert und nachts lag Herr Robert bei ſeiner jungen Gattin.
Tags darauf nach dem Mahle trat Herr Raoul zu Robert und
ſagte, er habe ſein Land gewonnen, denn er habe ſein Weib
fleiſchlich beruͤhrt. Der Beweis ſei: ſie habe ein ſchwarzes
Mal am rechten Oberſchenkel. Als Herr Robert in der naͤchſter
Nacht mit ſeiner Frau das Lager beſtieg, erblickte er an ihrem
Schenkel das ſchwarze Mal und verfiel darob in ſchweren
Kummer. Er ging am anderen Morgen zu Herrn Raoul und
geſtand ihm in Anweſenheit ſeines Schwiegervaters, daß er
die Wette verloren habe. Darauf begab er ſich in den Stall,
ſattelte ſein Pferd und verließ ohne Abſchied das Schloß.
Als Johanna erfuhr, daß ihr Gemahl ſie verlaſſen habe,
verfiel ſie in Schmerz und Zorn, denn ſie wußte nicht den
Grund ſeines Verhaltens, bis ihr Vater ihr ſagte, er wuͤnſchte,
fie ſei noch unvermaͤhlt, denn fie habe ihm und feiner ganzen
Familie Schmach angetan. Umſonſt beteuerte die Dame ihre
Unſchuld, und als es Nacht geworden war, packte ſie ihre
ganze Habe in einen Reiſeſack, nahm einen alten Gaul und
ritt hinter ihrem Herrn her, nachdem ſie zuvor ihre Haare
Jabgeſchnitten und ſich wie ein Schildknappe gekleidet hatte.
So lange ritt ſie, bis ſie nach Paris kam und von dort ſchlug
fie den Weg nach Orléans ein. Ehe fie in dieſe Stadt ge⸗
langte, traf ſie Herrn Robert. Sie begruͤßte ihn und fragte
ihn, wohin er gehe. „Ach, lieber Freund, das weiß ich ſelber
nicht, ich gehe, wohin mein Schickſal mich fuͤhrt, welches mir
uͤberaus feindlich iſt, denn ich habe das verloren, was ich auf
der Welt am meiſten liebte und mein Land dazu.“ „Herr,“
erwiderte der vermeintliche Knappe, welcher ſich Johannes
nannte, „ich ziehe in die Stadt Marſeille, wo es, wie ich
hoffe, Krieg gibt. Dort will ich bei einem Edelmann das
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Waffenhandwerk erlernen. Es ſcheint mir Herr, daß Ihr ein
Ritter ſeid, ich wuͤrde Euch gern dienen, wenn Ihr mich an⸗
nehmen wollt.“ „Das wuͤrde ich gern, Hans, aber ich habe
fo wenig Geld, daß ich bald genoͤtigt fein werde, mein Roß
zu verkaufen. Womit ſoll ich dich erhalten?“ „Herr, darum
ſorgt Euch nicht! Ich habe bei einem Turnier zehn Pfund
gewonnen, damit will ich Euch aushelfen!“ Herr Robert
nahm alſo den Knappen in ſeinen Dienſt und ſie gelangten
nach Marſeille, wo ſie ſieben Jahre lang verweilten. Wenn
Herr Robert im Bette lag, ſo ſchlief der Knappe angekleidet
zu ſeinen Fuͤßen, und als ihnen das Geld ausging, verkaufte
Hans ihre beiden Pferde. Fuͤr den Erloͤs aber erwarb er
Mehl und Koͤrbe und backte ſo gutes franzoͤſiſches Brot, daß
er mehr verkaufte, als die zwei beſten Baͤcker der Stadt zu⸗
ſammen. Darauf mietete er ein großes Haus, kaufte Wein
und nahm wohlhabende Reiſende in Herberge; damit ver⸗
diente er ſo viel Geld, daß Herr Robert ſich wieder ein Roß
kaufen und ein ritterliches Leben fuͤhren konnte.
Es ereignete ſich, daß Herr Raoul von einer gefaͤhrlichen
Krankheit befallen wurde, da beichtete er ſeine Miſſetat, und
der Prieſter gab ihm zur Buße auf, eine Wallfahrt in das
heilige Land zu unternehmen. Als er mit Gottes Hilfe
wiederhergeſtellt war, brach er auf und gelangte nach Mar⸗
ſeille, wo er ein Schiff beſteigen wollte. In Marſeille uͤber⸗
nachtete er im franzoͤſiſchen Gaſthof, den Johanna unter⸗
hielt. Als ſie ihn ſah, erkannte ſie ihn ſogleich an der Narbe,
die ſie ihm beigebracht hatte und fragte ihn nach dem Ziel
ſeiner Reiſe. Da erzaͤhlte er ihr offen und der Wahrheit ge⸗
maͤß ſeine Miſſetat, denn er glaubte nicht, daß in der fremden
Stadt ſeine Verhaͤltniſſe bekannt waͤren. Johanna ſchwieg
bei ſeinen Worten und ließ ſich auch gegen Herrn Robert
nichts anmerken. Herr Raoul reiſte über das Meer, erfüllte
ſein Geluͤbde und kehrte uͤber Marſeille in ſeine Heimat
zurüd, |
Als das achte Jahr ihres Aufenthaltes in der Provence an⸗
brach, ſagte Johanna zu Herrn Robert: „Herr, wir waren
135
lange hier und haben genügend Geld verdient. Wir wollen
in Euer Land zuruͤckkehren, wo Euch, wie ich hoffe, gute Nach⸗
richten erwarten. Herr Robert war damit einverſtanden und
nach drei Wochen gelangten ſie auf ihr Schloß. Der Ritter
wurde von ſeinem Schwiegervater herzlich empfangen, wenn
dieſer es auch bedauerte, keine Nachricht von ſeiner Tochter
zu erhalten. Am andern Tage erzaͤhlte Herr Robert ſeinem
Knappen von der Wette und auf welche Weiſe er ſein Land
verloren habe. „Herr,“ ſagte Johanna, „Ihr muͤßt ihn als
Betruͤger zum Zweikampf fordern!“ Als alle beim Mahle
ſaßen, ſprach ſie zu ihrem Vater: „Herr, Ihr ſeid der Lehns⸗
herr Roberts, welcher einſt Eure Tochter heiratete. Dieſer
hat ſein Land auf Grund einer Wette verloren, aber Herr
Raoul hat nie Teil an Eurer Tochter gehabt, er hat ehrloſen
Verrat begangen, das will ich Euch beweiſen, indem ich mit
ihm kaͤmpfe.“ Da ſprang Herr Robert auf: „Lieber Hans,
niemand ſoll mit ihm kaͤmpfen, als ich allein!“ Dann gab
Robert ſeinem Herrn den Einſatz und Raoul tat ſchweren
Herzens das gleiche, um nicht als Betruͤger angeſehen zu
werden. Johanna aber begab ſich zu ihrer Baſe und zog ſie
ins Vertrauen; fie blieb bei ihr und benutzte die Zwiſchenzeit,
um ſich zu pflegen und zu ſchmuͤcken, bis ſie ihre alte Schoͤn⸗
heit wiedergewann. Als der fuͤr den Zweikampf angeſetzte
Tag gekommen war, ritten die beiden Gegner in die Schran⸗
ken. Sie kaͤmpften lange und heiß, aber zuletzt zerbrach Herrn
Raouls Schwert und Herr Robert ſprach, er werde ihn toͤten,
wenn er nicht eingeſtehe, daß er ein Betruͤger ſei. „Habt Er⸗
barmen mit mir, Ritter,“ ſprach der Beſiegte, „ich will Euch
Euer Land zuruͤckerſtatten und das meinige dazu geben, denn
ich habe Euer Eigentum wider Recht und Billigkeit erworben,
da ich Eure edle Frau verleumdete.“ Herr Robert erklaͤrte
ſich zufriedengeſtellt und bat ſeinen Lehnsherrn, dem Miſſe⸗
taͤter zu verzeihen, welcher das Land auf ewig zu verlaſſen
gelobte. Als Johanna erfahren hatte, daß ihr Gatte im
Kampf geſiegt habe, kleidete ſie ſich in ein purpurnes Ge⸗
wand mit goldener Stickerei und war ſo ſchoͤn, daß es auf
136
— ͤ ͤ—ükueꝛ2—
—.— — 2
der Welt nichts Schoͤneres gegeben hätte, Dann ließ ſie
ihren Vater holen und er erkannte ſie ſogleich und weinte vor
Freude. Darauf rief er Herrn Robert und erzaͤhlte ihm, daß
ſeine Gattin zuruͤckgekommen ſei. Der Ritter eilte auf ſie
zu und ſie umarmten und kuͤßten einander. Am andern
Morgen berichtete Herr Robert ſeiner Frau von ſeinem
treuen Schildknappen, um den er ſehr in Sorge ſei, weil er
ſeit vierzehn Tagen nichts mehr von ihm gehoͤrt habe, und er
ſagte, er wolle nicht eher ruhen, bis er ihn wiedergefunden
habe. „Herr, ſagte Johanna, „ich kenne Euren Schild⸗
knappen wohl, denn er tat nicht das geringſte, das ich nicht
müßte.” „Eure Worte ſetzen mich in Erſtaunen, Frau!“ „So
wißt denn, daß ich jener Hans bin, den Ihr ſuchen wollt. Ich
bin Euch nachgefolgt, ich war ſieben Jahre mit Euch in der
Fremde und habe Euch nach Kraͤften als meinem Herrn ge⸗
dient, und ich glaube, daß meine Dienſte wohl angebracht
waren.“ Da zog Herr Robert ſein Weib, deſſen ganze Treue
er erſt jetzt erkannte, in feine Arme und fie lebten glücklich
miteinander bis an ihr Ende.
15. Aus den Lais der Marie de France
Lanval
in anderes Lied erzaͤhlt uns von einem ſchoͤnen
bretoniſchen Koͤnigsſohn, namens Lanval.
Einſt zu Pfingſten hielt Koͤnig Artus Hof im
Schloſſe von Carduel. Er lag im Kampfe mit den Schotten
und Pikten, die England mit Raub und Brand verheerten und
gedachte, die Grafen und Barone ſeiner Tafelrunde fuͤr ihre
Kriegstaten zu belohnen. Frauen und Lehen gab er den
Helden, nur einer, Lanval, wurde vergeſſen. Dieſer war
zwar von koͤniglichem Geſchlechte, doch lag ſein Erbland allzu
fern, und er hatte ſeine ganze Habe verausgabt, um am Hofe
des Koͤnigs Artus leben zu koͤnnen. Ber
Eines Tages ritt der Vergeſſene trüben Sinnes aus dem
Schloſſe, bis er zu einem Fluſſe gelangte, der durch Wieſen
137
daherſtroͤmte. Er flieg ab, löfte dem Roß den Gurt und ließ
es graſen. Er ſelber legte ſich in den Schatten und blickte ver⸗
droſſen und ſorgenvoll den Wogen des Fluſſes nach. Da
traten zwei Fräulein zu ihm, wie fie nie ein Auge fchöner
ſah. Ein purpurnes Gewand umſpannte ihre Lenden, und
die altere der beiden trug ein goldenes Becken, während die
juͤngere ein Handtuch hielt. Sie gingen auf den ruhenden
Ritter zu, der ſich ſogleich erhob und den Frauen entgegen⸗
ging. Die eine der Frauen ſagte: „Unſere ſchoͤne Gebieterin
ſchickt uns her, Sir Lanval, Euch zum Heile. Kommt mit uns
und nehmt uns als ſicheres Geleit zu ihrem Zelte!“ Herr
Lanval ließ ſein Roß im gruͤnen Felde graſen und folgte den
Frauen zum Luſtgezelt. Das war ſo herrlich, daß die Koͤnigin
Semiramis und ſelbſt der maͤchtige Kaiſer Auguſtus zu arm
geweſen waͤren, um es zu kaufen. Ein goldener Adler
ſchmuͤckte ſein Dach, Goldſeile ſpannten ſeine Waͤnde, ge⸗
knuͤpft an goldene Haken, die im Raſen ſteckten. Eine Jung⸗
frau lag im Zelte, vor deren Schoͤnheit der Lilie Glanz und
der Roſe Gluͤhen hinſchwanden. Reich glaͤnzten die Tuͤcher
des Bettes, auf dem die Schoͤne nur mit dem Hemde be⸗
kleidet lag, waͤhrend Hermelin und Purpur nur halb ihre
Reize verhuͤllte. Wie Weißdorn bluͤhte ihr Antlitz und ihre
Bruſt. Die ſchoͤne Maid rief den Ritter zu ſich, und er ſetzte
ſich an ihr Bett. „Aus weiten Landen komm ich her,“ ſprach
ſie, „um deinetwillen, ſuͤßer Freund. Und wenn du ritter⸗
lich und brav biſt, ſo ſoll kein Kaiſer noch Fuͤrſt mehr Freuden
ſchauen in dieſem Leben als du, denn ich bin ganz dein.“
Sein Herz flammte auf in ſeliger Begier und er erwiderte:
„Wenn Ihr mich, Schoͤne, zum Liebſten waͤhlen wollt, ſo
werde ich vollbringen, was Ihr mir zu befehlen geruht. Ich
diene Euch mit Herz und Hand und verlaſſe um Euretwillen
Heimat und Freunde. Mein einziger Wunſch auf der Welt
iſt, nie von Euch getrennt zu werden.“ Die Fee gab dem
Gluͤcklichen Seele und Leib hin und verlieh ihm als Wunder⸗
gabe, daß alles, was er ſich wuͤnſchte, auf der Stelle vor ihm
erſcheine. „Doch“, ſagte ſie zu ihm, „eines mahne ich dich,
138
3 SEEN
— —-— 3 r 1 O
Freund! Hehle unfere Liebe und bleib ſtumm. Wuͤrden die
Menſchen unſerer Minne gewahr, ſo waͤre ich auf immer fuͤr
dich verloren, und nie wuͤrdeſt du mich wieder in deine Arme
ſchließen.“ Eilends verſprach er ihr, nie das Geheimnis zu
verraten. Bis zum Abend blieb er bei ihr, dann trieb ſie
ihn von dannen: „Auf, ſuͤßer Freund, nicht länger darfſt du
verweilen! Doch hoͤre zuvor noch dieſes: wann du auch nach
mir verlangſt, kein Ort wird auf der Erde ſein, wo ich nicht
ſogleich erſcheine und dir in Liebe angehoͤre, keinem Menſchen
ſichtbar als dir allein.“ Er kuͤßte ſie noch einmal, dann brach⸗
ten die beiden Botinnen Waſſer und Tuͤcher, umhüllten den
Ritter mit neuen Gewaͤndern und trugen dem Liebespaar
ein koͤſtliches Mahl auf. Nach der Mahlzeit führten fie Lanval
ſein Roß geſattelt und gezaͤumt herbei, er ſprang darauf und
ritt zum Artushofe zuruͤck, dabei bedenkend, ob ſein Erlebnis
Wirklichkeit oder Traum geweſen ſei.
Von nun an lebte Lan val in Saus und Braus, veranſtaltete
große Feſte und hatte Reichtuͤmer in Huͤlle und Fülle. Kein
hilfsbeduͤrftiger Ritter war in der Stadt, der ſich nicht ſeiner
Gaſtfreundſchaft erfreut haͤtte, die Gefangenen kaufte er los
und den Spielleuten gab er Kleider. Und ſtets bei Tag und
Nacht durfte er im ſtillen ſeine Liebſte ſchauen und genießen.
Bald nach dem Feſte St. Johannis des Taͤufers zogen
dreißig Ritter nach einem ſchattigen Garten nahe beim Turm
der Koͤnigin zur Kurzweil, und Gawain, der darunter war,
ſprach: „Bei Gott, ihr Herren, wir handelten ſchlecht, daß
wir Lanval nicht einluden, mitzureiten.“ Und ſie zogen vor
Lanvals Herberge und fuͤhrten ihn mit zum Spiele. Die
Koͤnigin erblickte ihn vom Fenſter aus, ihr Auge hing an
ſeiner bluͤhenden Geſtalt, und ſie ließ ſogleich nach ihrem Ge⸗
folge ſenden, um ſich gleichfalls in den Garten zu begeben.
Die Ritter gingen den Frauen entgegen und fuͤhrten die
Schoͤnen plaudernd an der Hand. Lanval erging ſich abſeits
im Garten, denn es draͤngte ihn, die Liebſte zu empfangen
und nichts anderes ſchien ihm begehrenswert. Die Koͤnigin
ſah ihn einſam und trat zu ihm: „Lanval“, ſagte ſie, „ich habe
139
Euch ſtets geachtet, Ihr ſeid mir lieb und wert und mein
ganzes Herz gehoͤrt Euch, nun ſagt mir: bin ich auch Euch
teuer? Euch will ich meine Minne weihen, erfreut Euch
meiner Liebe und Huld!“ Lanval entgegnete: „Nach Eurer
Minne duͤrſte ich nicht. Ich bin des Koͤnigs treuer Mann und
will es bleiben. Eure Liebe ſoll mich nicht zum Verrat an
ihm verleiten.“ Da zuͤrnte die Frau und ſprach: „Ich weiß
wohl, daß Euch Frauenminne nicht behagt, Ihr ſeid ſchmach⸗
voller Luſt ergeben. Ha, Feigling, das ſollt Ihr in der Hoͤlle
Brand buͤßen!“ Nun ſchleuderte ihr Lanval unbedacht dieſe
Worte entgegen: „Ich lache Eurer Luͤge, Frau! Mein iſt das
ſchoͤnſte Weib der Welt, das in treuer Liebe ſich mir ver⸗
einigt, und die aͤrmſte Dienerin an meiner Liebſten Hofe iſt
bluͤhender und tugendſamer als Ihr, Frau Koͤnigin!“ Da
ſtand das ſtolze Weib auf und ging grimmig hinweg. Sie legte
ſich herzenskrank zu Bette und ſchwur, es nicht eher zu ver⸗
laſſen, bis ihr der König volle Gerechtigkeit widerfahren ließe.
Der Koͤnig kehrte indeſſen froh von der Jagd zuruͤck und
trat in das Zimmer ſeiner Gemahlin. Sie erhob die Haͤnde
flehend zu ihm und rief: „Lanval hat mich mit Schimpf be⸗
laden, er hat meine Minne begehrt und als ich ihm wehrte,
hat er mich geſcholten und verhoͤhnt. Einer Freundin ruͤhmte
er ſich, deren letzte Magd mich an Schoͤnheit und Zucht uͤber⸗
treffe.“ Da ſchwur der Koͤnig einen hohen Eid, daß Lanval
ſterben muͤſſe, wenn er keine Rechenſchaft ablegen koͤnne.
Drei Ritter ſandte er zu Lanval, der jammernd allein in
ſeinem Hauſe ſaß. Er hatte ſeinen Schwur gebrochen, das
Geheimnis ausgeplaudert, und vergebens rief er den Namen
der holden Frau, ſie zeigte ſich nicht mehr. Er verwuͤnſchte
ſeinen Mund und ſein Herz und haͤtte faſt Hand an ſich ſelber
gelegt. Gern folgte er daher den Rittern, die ihn zum Koͤnig
tiefen, denn den Tod ſcheute er nicht mehr. Stumm vor
Sorge und Gram ſtand er vor dem Koͤnige. Dieſer rief ihm
zornig zu: „Vaſall, Ihr ſchwatzt unbeſonnen und habt mein
Haupt mit Schimpf beladen. Sehr ſtolz muß Eure Liebſte
ein, wenn ihre niedrigſte Magd mehr wert iſt als die Königin.”
140
Der Held verwahrte fich hoch und teuer, daß er nach der Minne
der Koͤnigin begehrt habe, er wiederholte ſeine Worte und
ſtellte alles dem Urteil des Hofes anheim. Der Koͤnig berief
ſeine Barone, um nach Rechten die Sache zu Ende zu fuͤhren,
doch dieſe hielten ſich in dieſem Falle zu richten nicht fuͤr be⸗
fugt, und ſchlugen vor, Lanval ſolle ſich mit Buͤrgen verſehen,
um ſich der Geſamtheit der Vaſallen auf einem Reichstage
zu ſtellen. Lanval ſah ſich beſorgt nach Buͤrgen um, da trat
Gawain vor und ſetzte ſein Land und Lehen zum Pfande
ein. Die Ritter geleiteten Lanval wieder heim und ver⸗
ſuchten, ihn zu troͤſten.
Am feſtgeſetzten Tage verſammelte ſich die Schar der Ba⸗
rone vor dem Koͤnig und der Koͤnigin, und die Buͤrgen fuͤhrten
Lanval vor. Zoͤgernd gingen die Vaſallen zu Gericht, denn
fie fühlten Mitleid mit Lan val, nur wenige wollten den Mann
aus fremdem Lande verderben, um ſich der Gunſt des Königs
zu verſichern. Laut ſprach da der Fuͤrſt von Cornwall: „Wir
richten niemandem zu Gefallen. Das Recht ſpaͤht nicht nach
Gunſt und Dank, ſondern ſchreitet gerade aus. Ihr edlen
Herrn, der Koͤnig beſchuldigt ſeinen Lehensmann, er habe
geſchworener Treue vergeſſen und ſeine eigene Freundin
ſolchermaßen geruͤhmt, daß unſere Herrin zornig ward. Ich
ſchlage vor, daß Lanval ſeine Liebſte zum Zeugnis beibringe.
Iſt ſie ſo ſchoͤn, wie er behauptet, ſo iſt er mit Unrecht ver⸗
klagt und ſoll der Herrin Huld wieder genießen; doch ſchafft
er den Beweis uns nicht, ſo ſoll er dem Hofe unſeres Herrn
als Verbannter auf ewig fernbleiben.“ Sie baten alſo
Lanval, zu feiner Dame zu ſenden, damit fie ame, ihm ihren
Schutz zu verleihen. Er aber ſprach: „Wie kann ich das, da
ſie meiner vergeſſen hat?“ Artus draͤngte, und die Koͤnigin
wurde ungeduldig. Schon wollten die Barone zum Urteil
ſchreiten, da ſahen fie zwei Fräulein herankommen. Auf
Zeltern ſaß das holde Paar, und um ihre ſchoͤnen weißen
Glieder floß purpurne Seide. Gawain wies mit der Hand
nach den Fraͤulein: „Nun freut Euch, Lanval! Da ſeht, iſt
Eure Dame nicht dabei?“ Doch Lanval ſchuͤttelte betruͤbt
141
das Haupt: „Ich kenne dieſe Fräulein nicht!“ Vor Artus
ſchwangen ſich die Damen vom Roß und ſprachen: „Gott,
der Nacht und Tag geſchaffen hat, nehme Artus' Haus in
ſeine Hut! Herr Koͤnig, laßt uns Zimmer mit koͤſtlichen
Teppichen anweiſen, denn unſere Herrin folgt uns auf dem
Fuße nach!“ Artus gewaͤhrte es und rief zwei Ritter, um
die Damen ins Schloß zu fuͤhren und alles wuͤrdig zu be⸗
reiten. Dann befahl er den Baronen, nicht laͤnger zu zau⸗
dern, er dringe ſtreng auf den Beſchluß. Die Richter ſetzten
ſich aufs neue zur Beratung, und ihre Stimmen laͤrmten hin
und her. Waͤhrend ſie noch ſtritten, kam ein anderes Fraͤu⸗
leinpaar auf ſpaniſchen Maultieren daher; glaͤnzend wallten
ihre Maͤntel, und die Vaſallen fragten mit heiterer Miene,
ob nun Herrn Lanvals Freundin genaht ſei? Doch Lanval
antwortete kurz: „Die beiden Fräulein ſah ich nie, ich kenne
ſie nicht und liebe ſie nicht.“ Auch dieſe beiden Damen ſtiegen
vor Artus ab, und viele Stimmen prieſen den Reiz ihrer
Zuͤge und den Schmelz ihrer Haut. Wirklich uͤberſtrahlten
ſie weit die Koͤnigin an Anmut. Die aͤltere neigte ſich artig
vor dem Koͤnige und ſprach: „Herr Koͤnig, weiſet uns Zimmer
fuͤr unſere Herrin an, die uns auf dem Fuße nachfolgt!“
Auch dieſe Frauen fuͤhrte man ins Schloß, und als ſie ge⸗
gangen waren, rief Artus: „Nun iſt es hohe Zeit, daß die
Barone ſich entſcheiden! Ich leide keinen laͤngeren Verzug!“
Auch die ungeduldige Koͤnigin zuͤrnte uͤber den Aufſchub.
Doch noch war die Beratung nicht beendet, da nahte eine
Jungfrau hoch zu Roſſe des Palaſtes Toren. Sie war ſo
ſchoͤn, wie kein Weib auf Erden. Auf einem weißen Zelter
ritt die holde Frau, dem ſtolzeſten Tiere, das je gelebt. Sein
Hals und Kopf war glatt, und kein Koͤnig haͤtte den Wert des
prächtigen Schmuckes bezahlt, von dem das Roß erglaͤnzte.
Ein weißes Hemd umhuͤllte ſchmiegſam die Glieder der Frau,
rechts und links geſchnuͤrt, und wo die Nadeln ineinander⸗
griffen, ſchien die zarte Haut hindurch. Sanft woͤlbte ſich
ihre Hüfte, und ihr Nacken war weißer als friſchgefallener
Schnee. Weichgewellt fiel ihr blondes Haar von der klaren
142
Stirn zuruck und leuchtete im Sonnenlicht wie Goldfaͤden
ſo hell. Des Mantels dunkler Purpur wallte im Wind von
ihren Schultern; auf der Rechten hielt ſie einen Sperber, und
ein Windſpiel lief neben dem Roſſe her. Hinter ihr ritt ein
Edelknecht mit einem Horn aus Elfenbein. So nahte ſie,
und die Bürger liefen herzu, jo daß die Straßen von ſtaunen⸗
dem Gedraͤnge erfuͤllt wurden. Wer ſie ſchaute, dem er⸗
gluͤhte der Wunſch der Sehnſucht im Herzen. Gawain trat
zu Lanval und ſprach: „Auf, Herr Bruder! Nun ſollt Ihr
das ſchoͤnſte Frauenbild ſchauen, das auf Erden wallt.“ Da
beugte ſich Lanval ſeufzend vor und erhob das Haupt. Das
Blut ſtieg ihm ins Antlitz, als er erwiderte: „Ja, das iſt ſie,
die mich geliebt, und wenn ihr Herz mir nicht verzeiht, ſo
macht ein Ende und laßt mich ſterben! Nur ſie vermag mich
zu erlöfen!” Die Dame ritt in das Schloß, das nie fo holden
Gaſt geborgen hatte. Die Barone blickten mit Staunen auf
ſie, als ſie vor Artus Thron vom Roſſe ſtieg. Sie ließ den
Mantel herabwehen und ſtand allen ſichtbar da. Artus erhob
ſich und begruͤßte ſie, und alle ſtanden auf, um ihr zu dienen.
Ihr Lob erſcholl aus jedem Munde, und als die Blicke ſich
ſatt geweidet hatten, ſprach die hohe Frau: „Nun richtet,
ihr Herren! Ich war dem Manne, uͤber den ihr entſcheiden
ſollt, in Minne ergeben. Ihm ſoll kein Leid geſchehen, denn
falſch iſt, was die Königin ſagt: niemals ſtand fein Begehren
nach ihr, und wenn ihr mich ehren wollt, ſo vergebt ihm, daß
er mit meiner Huld prahlte.“ Da war keiner in der Schar der
Barone, der Lanval nicht ganz und gar freigeſprochen hätte.
Die ſtolze Frau aber wandte ſich, um wegzureiten. Ver⸗
gebens lud ſie Artus ein, zu bleiben, und groß und klein
folgte ihr, um ihr gefaͤllig zu ſein. Lanval ſtand auf einem
Marmortritt, der bei der Halle Tor ragte, um den Reitern
beim Aufſteigen Hilfe zu gewaͤhren. Und als die Frau vorbei⸗
ritt, ſchwang er ſich raſch hinter ihr in vollem Sprung auf das
edle Roß. Mit feiner Liebſten ritt er davon, weit über Länder
und Meere, nach Avalun, ins Land der ewigen Jugend, und
nie hat man wieder etwas von ihm gehoͤrt noch geſehen.
143
Vonec
lebte einmal im Lande der Bretonen ein grimmiger
alter Edelmann im Schloſſe zu Caerwent am Ufer
eines Stromes, der in ſeinem Alter noch ein Weib
nahm, um nicht ohne Erben ſterben zu muͤſſen. Das Weib
war von hoher Art und von ſtolzem Leib, und mancher war
in Liebe zu ihr entbrannt. Daher ſperrte ſie der Alte, um ſie
zu huͤten, in einen Turm und gab ihr ſeine Schweſter, eine
grauhaarige Witwe, zur Bewachung, und ſo ſtreng wachte
dieſe uͤber die junge Frau, daß dieſelbe nicht einmal mit ihrer
Bedienung plaudern durfte. Sieben Jahre lang blieb ſie ſo
einſam im Turm und verſeufzte in Traͤnen ihre Zeit, indes
ihre Schoͤnheit langſam verbluͤhte.
Einſt im April, da der Voͤglein neues Lied im Walde er⸗
ſcholl, erhob ſich der Herr bei Tagesanbruch, um zur Jagd zu
reiten. Er befahl der Alten, das Tor hinter ihm zu ſchließen;
ſie tat es und ging dann in ein Nebengemach, um ihr Fruͤh⸗
gebet zu ſprechen. Die junge Frau ſah die Sonnenſtrahlen
durchs Fenſter lachen und begann jammernd an ihre Bruſt
zu ſchlagen: „Weh mir! Zum Leid bin ich geboren! Nur der
Tod wird mich aus dieſem Turm befreien. Ein Tor iſt der
alte eiferfüchtige Mann, daß er mich ſo eingeſchloſſen haͤlt,
und verflucht ſei meine Sippe, die mich dieſem Wuͤterich ver⸗
maͤhlt hat. Ach, oftmals hoͤrte ich in vergangener Zeit von
Abenteuern ſingen, wie manches Herz heiteren Troſt im
Kummer fand. Da durfte die Frau ihren Liebſten heimlich
ſchauen, kein Merker ward ihres Gluͤcks gewahr, er blieb allen
Lauſchern verborgen. Ach, wenn es ein ſolches Wunder gibt,
ſo laß, o Gott, auch mich es erleben!“ Kaum hatte ſie dieſe
Worte geſprochen, als ein Schatten ins Gemach fiel, und
ſiehe, ein Habicht flog zum engen Fenſterbogen herein und
ließ ſich vor der Dame nieder; und ſogleich entwand ſich ein
ritterlich ſchoͤner Mann den Federn. Die Frau ſah ihn er⸗
ſchrocken an und verhuͤllte bebenden Herzens ihr Haupt in den
Kleidern. Der Fremde aber begruͤßte ſie ſittſam: „Fuͤrchte
144
dich nicht, edle Frau! Der Habicht ift von guter Art! Wenn
dir das Wunder auch unerklaͤrlich bleibt, faß dir ein Herz und
ſchenke mir deine Liebe! Denn wiſſe, daß ich dieſerhalb her⸗
gekommen bin. Wie lange ſchon hing mein ſehnend Herz an
dir! Kein Weib hab' ich auf Erden mehr geliebt als dich, und
keines werde ich in Zukunft mehr lieben. Doch war es mir
verwehrt, dich zu ſehen, bis du ſelber mein begehrteſt. Nun
darf ich's, da du den Bann gebrochen haſt. So nimm mich
denn zu deinem Liebſten!“ Als die Frau dieſe holden Worte
vernahm, entwich ihr Schreck. Sie faßte ſich, enthuͤllte ihr
Haupt und ſprach: „Wenn Ihr ein Chriſt ſeid, will ich Euch
gerne bei mir ſehen!“ Er ſtand ſo herrlich vor ihr, ein Mann,
wie ſie noch keinen ſah. „Du redeſt recht,“ ſagte der Ritter,
„ich moͤchte um keinen Preis der Welt, daß du um meinet⸗
willen in deinem Herzen einen Argwohn truͤgeſt. Ich glaube
an Gott, der uns von Adams Sünde erlöfte, und wenn du
mir nicht glauben willſt, ſo rufe den Kaplan, daß er mir den
Leib des Herrn reihe!” Dann legte ſich der Ritter zu ihr aufs
Lager, und als ſie genug geplaudert hatten und des Lachens
und Spielens muͤde geworden waren, reichte er ihr die Hand
zum Abſchied: „Nun fahr' ich in mein Heimatland!“ Sie bat
ihn, daß er oftmals wiederkehren möge. „Zu jeder Stunde,“
ſprach der Ritter, „werde ich wiederkommen, wann es dir
gefaͤllt. Du aber ſorge, daß niemand unſer Tun erſpaͤht! Huͤte
dich vor der Alten, denn ſie wird Tag und Nacht lauern. Ent⸗
deckt ſie unſeren Liebesbund, ſo erfaͤhrt dein Gatte alles.
Wenn ihr das gelingt, ſo iſt mir der Tod gewiß.“ Der Ritter
ging, und die eingeſchloſſene Frau blieb in großem Gluͤck
zuruͤck. Sie ſprang am Morgen geſund und ſorgenfrei vom
Bett, pflegte emſig ihr Geſicht und ihren Leib, und ihre
fruͤhere Schoͤnheit kehrte zuruͤck. Nun duͤnkte ſie es ſanfter
hier zu leben, als draußen Freuden nachzujagen, denn ſooft
ſie es wuͤnſchte, erſchien ihr Ritter, mit dem ſie ſich ſelig ver⸗
einte. Sobald ihr Zwingherr ſie verließ, tagte ihr heimliches
Liebesfeſt. Durch ihres Herzens Heiterkeit wandelte ſich als⸗
bald ihr ganzes Ausſehen und Gebaren, und der erfahrene
10 Franz. Märchen 1 145
Greis nahm dieſe Veränderung mit Mißtrauen wahr. „Steh'
mir Rede!“ herrſchte er ſeine Schweſter an, „mich wundert,
daß mein Weib ſo geputzt einhergeht. Was bedeutet das?“
„Ich weiß es nicht,“ entgegnete dieſe, „keine Seele kann ihr
nahen, es iſt unmoͤglich, daß ſie einen Liebſten empfaͤngt. Nur
merke ich, daß ſie jetzt oͤfter gern allein bleibt, als ſie es fruͤher
zu tun pflegte.“ „Wohlan,“ ſprach der Alte, „ſo ſchaff uns
Licht! Sobald du ſie morgens fruͤh wach ſiehſt, tuſt du, als
gingeſt du aus dem Gemach. Erſpaͤhe dann von geheimer
Staͤtte aus, woher es kommt, daß ſie ſo froh iſt.“ Drei Tage
darauf ruͤſtete ſich der Herr zu einer Fahrt und ſprach: „Ich
muß zum Koͤnig, der mich eilends an ſeinen Hof berief, doch
will ich nicht zu lange ausbleiben.“ Er ging und verſchloß das
Haus, indes ſich die Alte leiſe hinter einem Vorhang verbarg,
von wo aus ſie alles uͤberſehen konnte, was im Schlafgemach
vorging. Kaum war die Dame erwacht, ſo dachte ſie auch
ſchon mit Sehnſucht ihres Geliebten, und gleich darauf flog
ihr ſchoͤner Freund durch das Fenſter zu ihr herein, und es
war große Luſt unter ihnen, bis die Zeit der Trennung kam,
und ſie wieder Abſchied nehmen mußten. Das Weib hatte
alles mit angeſehen, und es duͤnkte ſie fuͤrchterlich, daß er bald
Menſch, bald Vogel war. Ungeſaͤumt meldete ſie alles dem
alten Ritter, der ſich in der Naͤhe gehalten hatte. Er vernahm
die Kunde mit Ingrimm und dachte auf hinterliſtigen Mord.
Um vor dem Gaſte Frieden zu bekommen, ließ er vier ſtarke
Spieße von blankem Stahle ſchmieden mit ſcharfen Spitzen
und meſſerglatten Schneiden. Die rammte er heimlich in die
Mauer vor dem Fenſter, durch das der Ritter ſeinen Weg zu
nehmen pflegte, wenn er zur Frau geflogen kam. Schon vor
Sonnenaufgang erwachte der Greis in der naͤchſten Nacht und
gab vor, er wolle jagen. Die Alte oͤffnete ihm das Tor und
ging dann wieder zu Bett, um bis zum Morgen zu ruhen.
Nun hoffte die Arme, ſich des Geliebten freuen zu koͤnnen,
an dem ſie in inniger Liebe hing: „Kaͤme jetzt mein Liebſter
zu mir, ſo koͤnnte er in Muße bei mir ſein!“ Kaum hatte ſie
dieſe Worte ausgeſprochen, als ſie ſchon den Liebſten nahen
146
hörte. Durchs Fenſter kam er hereingeflogen, in welchem die
ſcharfen Spieße ſteckten, und einer von ihnen durchſtach ihn,
daß ihm das Blut vom Herzen ſtroͤmte. Er fühlte es: das war
der Todesſtoß; er machte ſich von den Stacheln frei, ſank
ſterbensmatt aufs Bett, und ſein Blut faͤrbte die Linnen rot.
Halb von Sinnen ſah die Frau das Blut aus ſeiner Wunde
fließen, er aber ſprach: „Mein Lieb, nun iſt's geſchehen, was
ich weisſagend dir enthuͤllte. Um deiner Minne willen muß
ich ſterben, dein Lachen hat mir den Tod bereitet.“ Da fiel
ſie vor Leid in Ohnmacht und lag lange Weile wie leblos. Er
muͤhte ſich vergebens, ſie zu troͤſten: „Kein Klagen kann mein
Schickſal wenden. Laß ab davon! Denn dir wird ein Kind
entſtehen, ein junger Degen, ſtark und kuͤhn, der wird dich von
allem Leid befreien, und Yonec ſollſt du ihn nennen. Er wird
unſer beider Not raͤchen und unſeren Feind toͤten. Nun aber
darf ich nicht laͤnger ſaͤumen, das Blut entfließt raſch, ich muß
fort!“
Mit ſtummem Gruß floh er im Schmerz, und ſchreiend
folgte ſie ihm auf den Ferſen nach, durchs Fenſter flog er fort,
und ſie ſprang ihm nach, wohl zehn Ellen in die Tiefe, nur
mit einem duͤnnen Hemdlein bekleidet. Sie folgte der Spur
des Blutes, das aus ſeinen Wunden troff. Bald gelangte ſie
zu einem Bergeshang, in welchem ein Felſentor ſich öffnete.
Durch dieſes ging die blutige Faͤhrte, und obwohl Nacht und
Grauen den Eintritt verwehrten, trat ſie ohne Zaudern hin⸗
ein. Sie ſchritt im Finſtern weiter, bis ſie taſtend den Aus⸗
gang fand. Da lag ein wunderſchoͤnes Land vor ihr, doch
mitten durch den Blumenhain zog ſich ein Streif von bluti⸗
gem Tau. Sie folgte dieſem Schmerzenspfad, bis ſie in eine
Bergſtadt gelangte. Ringmauern liefen um die Stadt und
ihre Tuͤrme, Tore und Palaͤſte ergluͤhten in Silberſchein.
Forſten und beſchilfte Graͤben dehnten ſich rings um die Burg,
und die Haupttore deckte ein Strom, auf dem unzaͤhlige
Schiffe dahinglitten. Das untere Tor war geoͤffnet. Die
Frau trat ein und ſtieg, immer der Blutſpur folgend, zum
Palaſt hinauf. Kein Menſch war auf den oͤden Gaſſen zu
10
147
ſehen; ſorgenvoll trat fie ins Schloß, deſſen weite Treppe vom
Blute troff. Sie ſchritt durch eine Kammer: ein Unbekannter
lag darin und ſchlief. Sie eilte hindurch und gelangte in ein
zweites Gemach: auch hier lag ein anderer Mann im Schlaf.
So drang ſie in ein drittes Zimmer, und ſiehe, da lag von
Kerzen umſtrahlt auf praͤchtigen, blutgetraͤnkten Decken der
Mann, dem ſie ihr Herz geſchenkt hatte. Das Bettgeſtell war
ganz von Gold, und auf den Leuchtern brannten Tag und
Nacht die Kerzen. Ihr Freund erkannte ſie, als ſie auf der
Schwelle ſtand, mit ſchwankenden Knien trat ſie an ſein Bett
und ſank uͤber ihm ohnmaͤchtig nieder. Er fing ſie auf und
neigte ſich zu ihr, und wie ſie erwachend ſich regte, verſuchte
er, ihr Troſt einzuſprechen. „Geliebte, hoͤre mich! Um Gottes
willen, geh von hinnen! Ich ſterbe, noch ehe der Morgen
graut: dann erhebt ſich hier Jammer und Klage, und trifft
man dich, ſo mußt du dem Lande mit Qualen meinen Tod
buͤßen, denn es iſt dem Volke bekannt, daß ich um deinet⸗
willen ſterbe. Geh und haͤufe nicht Angſt zu meinem Schmerz!“
„Nein“, rief ſie verzweifelt, „lieber will ich mit dir ſterben,
als daß mein Gatte mich tötet!” Auch Hierfür wußte er Troſt:
„Nimm dieſen Ring und bewahre ihn gut! Er ſchuͤtzt dich vor
dem Zorn des Alten, denn alles, was vorher geſchehen, wird
er durch des Ringes Kraft vergeſſen, auch wird er dich nicht
mehr eingeſchloſſen halten. Nun, Liebſte, nimm noch dieſes
Schwert und halte es gut verwahrt! Denn keinem andern
ſoll es gehören, als unſerem Sohn, wenn er zu Mannesjahren
erwachſen iſt. Wenn ihr einſt vor meinem Grabmal ſteht, ſo
gib ihm dies Schwert in die Hand und kuͤnde ihm die Wahr⸗
heit, dann wirſt du ſehen, was er tut.“ Da ſie faſt unbekleidet
war, umhuͤllte er ſie mit einem Prachtgewande, dann befahl
er ihr zu ſcheiden. Sie ging und nahm Ring und Schwert
mit ſich, doch noch keine halbe Meile war ſie von der Stadt
des Ritters entfernt, da hoͤrte ſie die Glocken dumpf erklingen
und die Burg von Klagen widerhallen: da wußte ſie, daß ihr
Freund verſchieden war. Klagend taſtete ſie ſich mit der Hand
durch das Felſentor und kam zu ihrem Manne zuruͤck, der ſie
148
von nun an in Frieden leben ließ: vergeſſen war, was fich
begeben hatte, und kein ſcheltend Wort ſprach er mehr zu ihr,
unbewacht blieb ſie fuͤrderhin.
Ein Sohn war ihrer Liebe Frucht, der wuchs wohlbehuͤtet
auf; Yonec hieß er, und im ganzen Lande kam ihm kein
anderer Jungherr gleich. Er war ſchoͤn, kuͤhn im Streite und
mild bis zur Verſchwendung. Als er zum Manne empor⸗
gewachſen war, erhielt er den Ritterſchlag. Einſt wurde das
Feſt St. Aarons zu Caerleon begangen, da traf bei dem alten
Ritter wie gewoͤhnlich die Ladung ein, mit ſeinen Freunden
und Vaſallen zum Feſte zu erſcheinen. In praͤchtigem Aufzug
fuhr er mit Weib und Sohn zum Koͤnigshof. Auf wohl⸗
bekannten Pfaden ritten ſie, und ein Knabe wies ihnen den
Weg. Nachts gelangten ſie zu einem Schloß, dem keines auf
Erden an Pracht glich. Ein ſchoͤnes Muͤnſter war darin, in
welchem fromme Kloſterherren dienten; hier wurden die
Reiſenden beherbergt. Der Abt lud ſie zu ſich und bewirtete
ſie, und am anderen Morgen wollten ſie gleich nach der Meſſe
weiterreiten. Doch der Abt bat ſie, zunaͤchſt das Kloſter zu
beſichtigen, und ſie konnten ihm ſeine Bitte nicht abſchlagen.
Der Abt geleitete ſie in den Kapitelſaal. Da ragte ein hohes
Grabmal von ſeidenen Prachtgeweben umwallt, zwanzig
Leuchter brannten im Kreiſe und gluͤhten in reinſtem Goldes⸗
glanz. Amethyſtene Rauchfaͤſſer durchwuͤrzten Tag und Nacht
die Luft an dieſem wunderbaren Monument. Die Gaͤſte woll⸗
ten Kunde haben, wer hier ſo prunkvoll begraben liege und
fragten die Kloſterleute nach der Bedeutung dieſes Pompes.
Da weinten alle in der Runde und ſprachen unter Traͤnen:
„Hier liegt ein hochberuͤhmter Held, der ſtaͤrkſte und beſte, den
die Welt geſehen. Er war Koͤnig dieſes Landes und fand in
Caerwent um eine Frau den Tod. Noch ſteht ſein Thron ver⸗
waiſt, denn er befahl uns, ſeinen Sohn, den ihm die fremde
Frau gebar, zu waͤhlen, und ſein harren wir ſeit langer Zeit.“
Da ſchrie die Frau vor Schmerz auf und wandte ſich an
Donec: „Haft du's gehört, mein Sohn? Gott ſchickte uns hier⸗
her. Es iſt dein Vater, der hier ruht. Er ſtarb von dieſes
149
E
Alten Zorn. Nimm hier dies gute Schwert, das ich dir lange
aufbewahrte!“ Nachdem ſie alles getreulich erzaͤhlt hatte, wie
ſie mit dem Ritter ſich vereinigt hatte, wie er kam und wie
er ſchied, und wie der Alte ihn ermordet hatte, da ſank ſie im
Schmerz auf das Grab, und ihr Mund verſtummte fuͤr ewig.
Als Yonec ſah, daß fie tot war, hieb er mit einem Schwert⸗
ſtreich dem Alten den Kopf vom Rumpfe und raͤchte mit
dieſem Schlag feiner Eltern Tod. Da wurde Yonec als König
des Landes auf den Thron erhoben, die Leiche der Frau aber
wurde in einem praͤchtigen Sarge neben ihrem Liebſten ber
ſtattet. Gott wolle ihren Seelen gnädig fein!
Frene
inſt wohnten im Bretonenland zwei nitterliche Nach⸗
barn, welche beide vermaͤhlt waren, und dem einen
dieſer Herrn gebar ſein Weib Zwillinge. Der Vater
ließ alsbald dieſe frohe Kunde ſeinem Freunde und Nachbarn
zukommen und bat ihn, Pate des Soͤhnleins zu werden. Der
Ritter ſaß gerade bei der Tafel, als der Bote kam, um ſich des
Auftrags ſeines Herrn zu entledigen. Der Graf dankte dem
Boten und ſchenkte ihm ein Roß als Botenlohn; ſeine Gattin
aber, welche ein falſches und neidiſches Weib war, laͤchelte
ſpoͤttiſch und ſprach: „Bei Gott, mich wundert, daß der gute
Mann Euch Botſchaft ſendet, wie ſein Haus beſchimpft wurde.
Weiß doch jedermann, daß ein Weib, welches ſeinem Manne
die Treue hält, niemals Zwillinge gebaͤrt.“ Zwar tadelte ihr
Mann ihre unuͤberlegten Worte, doch die Rede wurde von
vielen gehoͤrt und weit im Bretonenlande verbreitet; auch der
Ritter, dem die Zwillinge geboren waren, erfuhr davon, er
faßte Argwohn gegen ſein Weib und hielt ſie ſeitdem in
ſtrengem Gewahrſam.
Auch fuͤr die, welche das ſchlimme Wort geſprochen hatte,
kam alsbald die Stunde der Entbindung, und es geſchah, daß
ſie zweier Maͤgdlein genas. Da jammerte ſie und rief:
„Wehe! Mein Hochmut kommt zu tiefem Fall! Wie ſoll mein
Herr von meiner Ehre denken, da ich ſagte, daß eine Frau
150
!
niemals Zwillinge gebären könne, die nicht Untreue gegen
ihren Gemahl beging. Nun kehrt mein Wort auf mich ſelbſt
zuruͤck. Soll ich nicht ewig geſchaͤndet ſein, ſo muß eines der
Kinder ſterben, lieber will ich am juͤngſten Tage den Mord
buͤßen, als daß ich hienieden Hohn und Schimpf trage!“ Die
Lieblingszofe der Dame aber ſprach zu ihr: „Wollt Ihr mir
eines der Kinder geben, ſo will ich Euch von der Laſt befreien,
niemand ſoll Euch ſchmaͤhen und nie ſollt Ihr Euer Kind
wiederſehen; ich will es vor einem Muͤnſter ausſetzen, dort
mag es ein wackerer Mann finden und aufziehen.“ Darauf
huͤllten ſie das Kind in Linnen und ſchoben es in einen koſt⸗
baren tuͤrkiſchen Teppich; die Mutter aber knuͤpfte ihm einen
edelſteingeſchmuͤckten Goldreif um den Arm, damit ſeine edle
Herkunft offenbar wuͤrde. Als die Welt in tiefer Nacht lag,
eilte die Zofe in die naͤchſte Stadt, und unfern des Tores ge⸗
wahrte ſie die Kirche eines Frauenkloſters. Dorthin eilte ſie,
legte das Kind in das Laub einer Eſche, die das Tor uͤber⸗
ſchattete und ſtellte es der Hut Gottes anheim. Als die Zeit
der Fruͤhmeſſe gekommen war, erhob ſich der Pfoͤrtner, ent⸗
zuͤndete die Lampen und zog den Glockenſtrang. Dann oͤff⸗
nete er das Tor und gewahrte einen bunten Schimmer im
Eſchenlaub, er taſtete hin und fand das Maͤgdlein. Eilends
trug er den Fund ſeiner Tochter zu, deren Gatte juͤngſt ver⸗
ſtorben war, und die einen Saͤugling ernaͤhrte. Dieſe behielt
das Kind und pflegte und wartete es, aber an Ring und
Teppich ſahen ſie, daß es von edler Art war. Die Abtiſſin
ſelber trug das Maͤgdlein, das ſie als Nichte annahm, zur
Taufe, und da man es unter einer Eſche gefunden hatte, ſo
nannte man es Frene.t Das Kind wuchs im Kloſter auf und
wurde lieblich von Angeſicht und Gebaͤrden, wohlgeſtaltet und
rein von Sitten, und wer die Jungfrau erblickte, nannte ſie
den Preis der Frauen.
In der Stadt Dol lebte ein tapferer Ritter mit Namen
Gurun. Dieſer vernahm vom Lobe Frenens, und heiße
Sehnſucht befiehl ihn. Als er einft von einem Turnier zurüd-
1 altfranzoͤſiſch fraisne, „Eiche“ | u
151
kehrte, flieg er bei der Abtiſſin ab und ließ ſich die Viel⸗
geprieſene zeigen. Er fand ſie ſo ſchoͤn und klug, daß er
glaubte, vergehen zu muͤſſen, wenn er nicht ihre Huld er⸗
werben koͤnne. Er ſchenkte dem Kloſter Laͤndereien und er⸗
warb ſich dadurch das Recht, haͤufiger dort einzukehren.
Schließlich gelang es ihm, die Scheu der Jungfrau zu beſiegen
und er ſprach zu ihr: „Glaubſt du dem Zorn der Abtiſſin zu
entrinnen, wenn fie erfährt, daß wir uns lieben? Folge
meinem Wort und flieh bei Zeiten mit mir! Gott weiß, daß
ich dich nicht beruͤcken will, ſondern dich lieben und treu be⸗
ſorgen.“ Sie folgte ihm ohne Widerſtreben, und ſie flohen
nach ſeinem Schloß; nur den Teppich und den Ring, ihre
einzige Habe, nahm ſie mit. Der Ritter liebte ſie und hing an
ihr mit Seele und Leib, und das Hausgeſinde ehrte ſie, weil
ſie auch mit dem Geringſten freundlich war. Die Vaſallen
aber hofften ſchon lange auf einen Erben ihres Herrn, der
einſt nach ihm Zucht und Recht bewahren und ſein erlauchtes
Geſchlecht erhalten ſollte, ſie hielten ihm vor, daß es ihm uͤbel
ausgelegt werden wuͤrde, wenn er um ſeines Liebchens willen
keinen rechtmaͤßigen Erben zeugen wolle und drohten ihm, ſie
hielten ſich aller Pflicht fuͤr ledig, wenn er ſich dem Willen des
Landes widerſetze. Der Ritter mußte ſich alſo fuͤgen. „So
ratet,“ ſprach er, „welche ich nehmen ſoll!“ „Herr,“ antwor⸗
teten die Vaſallen, „wir ſprachen ſchon mit einem maͤchtigen
Grafen, der ein Toͤchterlein zur alleinigen Erbin hat. Ihr
Name iſt Coudre / und keine ſchoͤnere lebt im ganzen Lande.
Laßt die Eſche ſtehen und nehmt der Haſel guten Kern, nie
hat eine Eſche Frucht getragen.“ Die Sache wurde durch die
Vaſallen ausgemacht, man draͤngte die arme Frene zur Seite,
um der reichen Erbin Platz zu machen. Die treue Maid
murrte nicht, ſtill diente ſie dem Geliebten weiter und ehrte
ſein Volk mit Gruß und Wort. Das Geſinde aber graͤmte ſich,
daß es die huldreiche Herrin verlieren ſollte. Der Hochzeitstag
wurde mit Pracht geruͤſtet, und es gab prunkvolle Feſte und
große Luſtbarkeit. Frene ging geſchaͤftig hin und her; wenn
1 altfranzoͤſiſch coldre, „Haſel“ |
152
auch weinend in ſtummer Pein, zeigte fie doch nach außen
weder Gram noch Groll und diente den Gaͤſten mit Sorgfalt.
Dieſe hatten Mitleid mit dem Fraͤulein, und ſelbſt die Mutter
der Braut, die gefuͤrchtet hatte, der Ritter moͤchte es ihret⸗
wegen ſeinem Weibe gegenuͤber an der rechten Liebe fehlen
laſſen, lobte ihr Tun im ſtillen und fuͤhlte Erbarmen mit ihr:
„Ach, daß um meines Kindes willen dich Arme das Gluͤck
fliehen muß! Wuͤßt ich doch Rat, ich huͤlf dir gern!“ Abends
ging Frene ins Schlafgemach, um dem jungen Paar das
Hochzeitsbett zu ruͤſten. Sie warf den Mantel ab und wies
dem Kaͤmmerer, wie es ihr Herr am liebſten haͤtte. Als die
Decke uͤbergezogen werden ſollte, ſah ſie, daß dieſelbe alt und
verblichen war, geſchwind lief ſie daher zu ihrem Schrein,
holte ihren Teppich und breitete ihn uͤber des Brautlagers
Kiſſen. Nachdem der Erzbiſchof die Staͤtte geweiht hatte, trat
die Mutter mit der Braut ein, um ihre Tochter ins Hochzeits⸗
lager zu betten. Da bemerkte die Frau den bunten Teppich,
der vom Lager niederwallte, und erkannte den Stoff, in den
ſie einſt ihr Kind gewickelt hatte. Reue und Gram ergriff ſie,
und ſie fragte den Kaͤmmerling: „Sag mir bei deiner Treue,
woher kommt dieſer Teppich?“ „Das Fraͤulein,“ erwiderte
jener, „hat ihn mitgebracht, ihm wird er gehoͤren.“ Die Dame
rief nun Frene, und dieſe nahte ihr beſcheiden und legte hoͤf⸗
lich den Mantel ab. Die Dame fragte ſie haſtig: „Verhehlt
mir nichts, mein Kind! Woher iſt dieſer Teppich?“ Darauf
entgegnete das Fraͤulein: „Herrin, meine Muhme, die mich
in jungen Jahren aufzog, gab ihn mir. Sie ſprach, ich ſolle
ihn treu bewahren, ebenſo wie ein Ringlein, das mir von
denen, die mich zu ihr ſandten, mitgegeben wurde.“ „Kann
ich den Ring ſehen, Kind?“ Schnell war ſie mit dem Reif⸗
lein wieder da, und als die Frau das Kleinod erblickte, da war
ihr letzter Zweifel geſchwunden: „So ſag ich's denn, und alle
Welt mag es vernehmen: du biſt mein Kind, das ich verlor!“
Vor Freude ſchwanden ihr die Sinne, und als ſie wieder zu
ſich kam, ſchickte ſie ſogleich nach ihrem Herrn. Sie fiel ihm
zu Fuͤßen und rief, indem ſie ſeine Knie umklammert hielt:
153
„ Vergebt mir, Herr, was ich verbrach!“ Er wußte den Sinn
ihrer Worte nicht zu deuten: „Was ſoll das, liebe Fran? Wir
lebten immer friedlich! So ſagt mir doch, was Euch bedruͤckt,
ich vergebe es Euch im voraus!“ „Da Ihr meine Suͤnde ver⸗
ziehen habt, ſo will ich Euch alles verkuͤnden!“ Und ſie er⸗
zaͤhlte ihm ihre Miſſetat und ſchloß mit den Worten: „Hier
ſeht Ihr Ring und Teppich liegen; wißt, daß ich mein Kind
wiederfand, das meine Torheit einſt dem Elend uͤberließ.
Hier ſteht ſie vor Euch, die arme Maid, getreu wie Gold, die
von dem Ritter, der heute ihre Schweſter gefreit hat, in
großen Kummer kam.“ Der Vater ſprach: „Kein Freuden⸗
tag kam dieſem gleich, der uns aufs neue dies Kind beſcherte,
bevor wir unſere Schuld verdoppelten. Komm, Tochter!“
Da ward ihr Antlitz vor Seligkeit rot, und der Vater und der
Erzbiſchof geleiteten ſie zu Herrn Gurun, der ſich aus Herzens⸗
grunde uͤber dieſe Nachricht freute. Der Erzbiſchof aber ſchied
die Neuvermaͤhlten, und Herrn Gurun ward ſein treues Lieb
zum Weib gegeben, der der Vater die Haͤlfte ſeines Gutes
ſchenkte. Er und die Mutter blieben zur Hochzeit, und auf
dem Heimweg ritt Coudre wieder mit ihnen, der ein vor⸗
nehmer Nachbar als Gatte erwaͤhlt wurde.
Eliduc
Ä in Ritter von edlem Sinne, namens Eliduc, lebte einft
in der Bretagne, der hatte ſich Guildeluec zur Gattin
auserwaͤhlt, ein Weib von hohem Stamme, und beide
lebten lange Zeit zufrieden und in treuer Liebe. Der Held
ſtand im Dienſte des Bretonenkoͤnigs und erwarb ſich vor
allen andern des Herren Gunſt und Wohlgefallen. Dadurch
zog er ſich die Mißgunſt der Neider zu, die Tag und Nacht
dem Koͤnig anlagen, bis ſie ſein Ohr gewannen. Der Koͤnig
befahl ihm ploͤtzlich, von nun an ſeinen Hof zu meiden und
blieb taub gegen ſeine Bitten, den Verleumdern keinen Glau⸗
ben zu ſchenken. Da wußte Herr Eliduc, daß ſeine Zeit um
war und ritt gedankenvoll nach Hauſe. Er berief ſeine
Freunde und tat ihnen kund, wie ihn unverſchuldete Ungnade
154
getroffen habe. Darauf vertraute er fein Eheweib den Ge⸗
ſippen an und bat ſie, dieſelbe treu zu bewahren. Als es aber
zum letzten Abſchied kam, brach die Frau in laute Klagen aus.
Er troͤſtete ſie und ſchwur ihr mit heiligen Eiden, er wolle ihr
niemals die Treue brechen; dann ſetzte er mit wenigen Be⸗
gleitern uͤber das Meer und landete zu Totney an der eng⸗
liſchen Kuͤſte.
Um dieſe Zeit wurde England von mehreren Königen
regiert, die untereinander in ſtaͤndigem Streite lagen. In
Exeter ſaß ein ſtolzer Herrſcher, der nur ein Toͤchterlein ſein
eigen nannte, um dieſe hatte ein Nachbar geworben und war
abgewieſen worden. Aus dieſem Grunde war er mit Heeres⸗
macht eingebrochen und verwuͤſtete das Reich des Alten. Zu
dieſem König kam Herr Eliduc und bot ihm feine Dienſte an.
Der Herrſcher nahm ihn ehrenvoll auf und wies ihm Herberge
bei einem reichen Buͤrger an. Der Ritter gab große Feſte
und ſchaͤrfte ſeinen Mannen ein, daß ſie vierzig Tage lang kein
Geld und keine Zehrung annehmen ſollten. Noch war der
Held keine drei Tage in der Stadt Exeter, da erhob ſich ein
Geſchrei: „Der Feind! Schon fuͤllen ſeine Scharen ringsum
das weite Land, ſchon ruͤckt er gegen die Burgſtadt vor und
wird noch heute unſere Mauern berennen!“ Herr Eliduc
wappnete ſich und ſammelte den geringen Reſt von Kaͤmp⸗
fern, die noch zur Verteidigung uͤbriggeblieben waren; mit
dieſen verbarg er ſich in einem Hohlwege und uͤberfiel den
Feind, als er von einem Pluͤnderungszuge heimkehrte. Die
Schar der Gegner wurde zerſprengt, und es wurden mehr
Gefangene gemacht, als ihr eigenes Haͤuflein ſtark war. Der
Koͤnig ſah den Trupp mit Beute beladen zuruͤckkommen, ein
Knappe ſprengte voraus und ruͤhmte, wie der fremde Held
des Feindes Macht gebrochen habe. Erfreut dankte der Koͤnig
dem Degen, der aber lieferte ihm die Gefangenen aus und
verteilte die Beute unter ſeine Begleiter. Von nun an tat
der Herrſcher ihm vielerlei Ehren an und hielt ihn ſamt ſeinem
Gefolge ein ganzes Jahr zu Gaſt.
Von dieſen ritterlichen Taten erfuhr die ſchoͤne Guilljadun,
165
die Koͤnigstochter. Da fie aus aller Munde Elidues Lob Härte,
ließ ſie die Neugier nicht ruhen: ſie ſandte ihm ihren Kaͤm⸗
merer, um ihn in ihr Gemach zu bitten. Eliduc begab ſich
eilends zu dem Koͤnigskind und redete in zierlichen Worten
zu ihr. Sie fuͤhrte ihn zum Rande des Lagers, und waͤhrend
er von mancherlei Dingen plauderte, ſah ſie ihn ſchweigend
an und fand ihn ohne Fehl und Tadel. In ihre Sinne fiel
der Machtſpruch der Liebe: „Den liebe du und keinen mehr!“
und ſie ward blaß und ſeufzte. Nach einer Weile nahm er
Urlaub von ihr, und ſie wagte ihn nicht zu halten, noch ihm
ihre Liebe zu zeigen.
Eliduc kehrte zwieſpaͤltigen Herzens in ſeine Herberge zu⸗
ruͤck: wohl ſtrebte ſein Herz zu der Koͤnigstochter hin, die ihn
ſo huldreich empfangen hatte, und es reute ihn, daß er ſchon
ſo manchen Tag in ihres Vaters Land geweſen war, ohne ſie
zu ſehen, dann aber faßte ihn wieder Scham, da er der Gattin
gedachte, der er beim Scheiden Treue geſchworen hatte. Das
Koͤnigskind aber dachte nur mehr an ihn und lag die ganze
Nacht, ohne Schlaf zu finden. Als das Morgenrot daͤmmerte,
rief ſie ihren Kaͤmmerer und klagte ihm ihr Leid. „Raubt er
Euch ſo die Ruhe,“ erwiderte der treue Mann, „ſo ſendet ihm
eine Botſchaft und ein Geſchenk. Freut Euer Gruß den edlen
Herrn und nimmt er Eure Gabe an, ſo zweifelt nicht, daß er
Euch liebt.“ Der Rat gefiel der Jungfrau, und ſie gab dem
Kämmerer einen Ring und einen Gürtel, um ihn Herrn Eli:
duc mit tauſend Gruͤßen zu uͤberbringen. Indes ſie noch angſt⸗
beklommen harrte, kehrte der Bote zuruͤck. „Ich brachte ihm,
wie es Euer Wille war, Geſchenk und Gruͤße. Er nahm den
Gurt und ſchlang ihn ſchweigend um die Huͤften, das Ring⸗
lein ſteckte er ſogleich an den Finger, doch weiter ſprachen wir
kein Wort.“ Nun wußte ſie nicht mehr als zuvor, und ſie be⸗
ſchloß, ihm ſelber ihre Liebe zu geſtehen.
Eliducs Sinn ſchwankte zwiſchen der Gattin, der er Treue
ſchwur, und der Koͤnigstochter, die ſein Herz gefangen hielt,
und ruhelos ſprengte er zum Schloſſe, um die Geliebte zu
ſchauen. Der Koͤnig ſaß gerade mit einem fremden Herrn
156
beim Schach, und Guilljadun ſchaute dem Spiele zu. Als der
Ritter eintrat, ſprach der Vater: „Kommt dieſem edlen Herrn
mit Huld und Hoͤflichkeit entgegen, Tochter, es leben wenig,
die ihm gleichen.“ Ihr Herz lachte bei dieſen Worten und ſie
fuͤhrte den Ritter abſeits. Sie ſaßen ſtumm beiſammen mit
gluͤhenden Herzen und blitzenden Augen, ſie fuͤrchtete ſich, ihn
anzureden, und er wagte nicht das Schweigen zu brechen.
Endlich begann er, ihr fuͤr ihr Geſchenk zu danken: „Nie ward
mir holdere Gabe,“ ſagte er, „als die, welche ich von Eurer
Hand gewann.“ Da erroͤtete ſie und ſprach: „Ich ſandte Euch
den Ring, weil all mein Sinnen nach Euch ſteht, Euch den.
Guͤrtel, weil mein Leben in Eurer Macht iſt; ich liebe Euch
allein auf Erden, Ihr ſollt mein Herr und Gatte ſein, und
kann ich Euch nicht gehoͤren, ſo ſoll mein kein andrer Mann
genießen!“ Er antwortete verwirrt: „Eure Liebe begluͤckt
mich, ſuͤße Maid! Doch ſtehe ich in Eures Vaters Sold und
ſchwur ihm nicht zu ſcheiden, bis ſeine Feinde uͤberwunden
ſind. Iſt dies geſchehen, ſo kehre ich in mein Land zuruͤck.“
Sie ſagte, ſie ergebe ſich und ihre Zukunft vertrauensvoll in
ſeine Haͤnde, und ſie gaben einander ihr Wort und legten ihre
Hände ineinander. Von nun ab kam Herr Eliduc oft, um dem
Maͤgdlein zu dienen, doch ihrer Herzen Bund blieb rein von
kuͤhneren Wuͤnſchen.
Herr Eliduc hatte alle Gegner des Koͤnigs unterworfen und
das ganze Land befreit, und man pries allerwaͤrts ſeine Klug⸗
heit und ſeine Freigebigkeit. Da erſchienen eines Tages
Boten des Bretonenkoͤnigs. In deſſen Land war der Feind
eingefallen, und es reute ihn, daß er feinen beſten Mann ver⸗
loren hatte, dadurch daß er Verleumdern Gehoͤr ſchenkte. Er
hatte die Verraͤter mit Schimpf vom Hof verjagt und be⸗
ſchwur ihn nun in ſeiner Not, bei ſeinem einſtigen Lehenseid,
ihm beizuſtehen. Herr Eliduc vernahm die Botſchaft und
graͤmte ſich gar ſehr um ſein Lieb, doch die Geſchenke und
Verſprechungen des engliſchen Koͤnigs vermochten ihn nicht
zuruͤckzuhalten, denn ſeine Ehre verlangte es, daß er ſeinem
bedraͤngten Lehnsherrn zu Hilfe eile. Doch verſprach er
157
wiederzukommen, fobald der König feiner Hilfe beduͤrfe.
Nachdem ihm dieſer reiche Geſchenke gegeben hatte, bat der
Ritter, von der Koͤnigstochter Abſchied nehmen zu duͤrfen,
was der Vater gern gewaͤhrte. Kaum hatte die Jungfrau die
Botſchaft erfahren, als ihre Wangen verblichen und ſie ohn⸗
maͤchtig zu Boden ſank. Er neigte ſich zu ihr und hielt ſie um⸗
ſchlungen, bis ſie wieder zu ſich kam. „Um Gottes willen,
ſuͤßes Lieb, hoͤre meine Worte geduldig an! Fort muß ich in
mein Heimatland, ſchon gab mir dein Vater Urlaub, ſo ſag
nun du mir deinen Willen!“ „Bleibſt du nicht hier,“ erwiderte
das Fraͤulein, „ſo nimm mich mit dir! Und tuſt du das nicht,
ſo toͤte ich mich!“ Er mahnte ſie ſanft: „Noch ſtehe ich in des
Koͤnigs Pflicht und braͤche frevelnd meine Treue, wenn ich
ſeine Tochter rauben wollte. Doch ſage mir, wann ich wieder⸗
kehren ſoll. Keine Macht der Welt wird mich daran hindern,
an dein Herz zu eilen.“ Sie nannte ihm den Tag, da ſie ſeiner
warten wollte, dann tauſchten ſie Goldringe und kuͤßten ein⸗
ander zaͤrtlich zum Abſchied. |
Die treue Guildeluec empfing ihren Gatten zärtlich, doch
er ging ſorgenvoll einher und zählte die Tage, die ihn vom
Anblick der Liebſten trennten, er ſchloß ſich ab und ſuchte die
Einſamkeit. Seine Frau wußte nicht, wie ihm geſchehen ſei
und fragte ihn, ob Verleumder ihn an ihrer Treue zweifeln
gemacht haͤtten. Er entſchuldigte ſich mit ſeinen Lehnsmann⸗
pflichten und zog in den Kampf. Als der Feind zurüdg edrängt
und der Friede geſchloſſen war, beſtieg er ſogleich ein Schiff
und kehrte nach England zuruͤck.
In einem entlegenen Hauſe ſtieg er unerkannt ab und
ſandte feinen Kämmerer zur Königstochter: „Sag ihr, daß,
wenn der Tag zu Ende geht, ſie ſich mit dir aus den Toren
ſchleichen ſoll. Dann eile ich ihr auf geheimen Pfaden mit
offenen Armen entgegen.“ Der Kaͤmmerer fand bei dem
Fraͤulein Zutritt und raunte ihr ſeine Botſchaft ins Ohr. Sie
erſchrak vor Freude und weinte, als aber die Nacht herein⸗
gebrochen war, entwich ſie heimlich. Ihr ſeidenes, goldgeſtick⸗
tes Gewand umhuͤllte fie mit einem Maͤntelein und klam⸗
158
ee ee rn at — za
merte ſich aͤngſtlich an die Hand des Fuͤhrers. Vor einem
Forſte erwartete ſie der Held; froͤhlich hob er ſie auf ſein Roß,
ſchwang ſich dann ſelber in den Sattel und ſprengte zum Hafen.
Schon daͤmmerte vor ihren Blicken die bretoniſche Kuͤſte
auf, da kam ein Sturm herangeflogen, die Segel riſſen und
es ſplitterte der Maſt. Das Schiff ſchwankte, und der Tod
drohte ihnen im Sturmesgrimm. Ploͤtzlich rief der Schiffs⸗
junge: „Herr, was nuͤtzt unſer Beten? Werft die in die wilde
See, die Ihr in Euren Armen hegt, Ihr, der Ihr daheim ein
Eheweib habt, und ſogleich wird ſich das Unwetter legen.“
Als die Koͤnigstochter das Schreckenswort vernahm, daß ihr
Freund vermaͤhlt ſei, da fiel ſie leblos auf ihr Angeſicht. Er
ſchrie in wildem Schmerz auf, ſchlug den frechen Schwaͤtzer
mit einem Ruder zu Boden, ergriff dann mit ſtarker Hand
das Steuer und lenkte das Schiff in den Hafen.
An abgelegenem Orte, mitten im wilden Tannenwald, lag
eine kleine Kapelle, die ſich ein Klausner einſt erbaut hatte.
Herr Elivuc legte die tote Maid vor ſich aufs Roß und ritt
langſam und leidbeſchwert in den dunklen Tann. Seine Be⸗
gleiter wollten ein Grab ſchaufeln, doch er bat ſie, die Leiche
auf des Altars Stufen zu betten. Da legten ſie die Jungfrau
auf ein Lager von weichen Teppichen, noch einmal kuͤßte ſie
der Ritter und ſprach: „Weh, Lieb, daß du mich je erblickteſt!
Du warſt zur Koͤnigin beſtimmt, wenn nicht dein Herz ſo treu
geweſen waͤre, dies Herz, das ſo ganz mein eigen war. Weh,
daß du ſo arglos mir vertrauteſt! Nie wieder will ich Waffen
tragen, ſondern mich in eine Moͤnchskutte kleiden, damit deine
Gruft taͤglich von meinen Klagen widerhalle!“ Dann befahl
er ſein treues Lieb dem Herrn und ſeiner Engel Scharen und
ritt heim auf ſein Schloß, wo ihn ſein Weib liebevoll empfing.
Er aber laͤchelte hinfort nicht mehr, noch kam ein freundlich
Wort über feine Lippen. Alltaͤglich nach der Meſſe wanderte
er weit durch den gruͤnen Forſt zum Kirchlein, in welchem
ſeine Liebſte ruhte. Und wunderbar! Wenn auch kein Atem
ihren Buſen hob, ſo blieb ihre Haut doch weiß und roſig.
Lange weinte und betete er uͤber ihr, dann wendete er ſeine
159
N .
Schritte wieder heimwaͤrts. Der Gattin fielen feine heim:
lichen Gaͤnge auf, und ſie ſandte ihm einen Spaͤher nach. Der
ſah, wie Herr Eliduc in die Kapelle trat und drinnen weinte
und betete. Als die Frau die ſeltſame Maͤr erfuhr, ſprach ſie:
„Heute gedenkt mein Herr an den Koͤnigshof zu reiten. Wir
wollen gehen und ſelber Nachſchau halten, was ihn in der
Kapelle feſſelt. Ich glaube nicht, daß er um den alten Klaus⸗
ner, der dort begraben liegt, ſolchen Schmerz im Herzen
traͤgt.“ Mit ihrem Diener ritt die Frau durch den Hag. Sie
trat in die oͤde Zelle und ſah auf des Altars Stufen die Jung⸗
frau liegen, die einer friſchen Roſe glich. Sie hob das Tuch,
das ſie umwallte, auf und ſchaute den ſchlanken Leib und die
weißen Haͤnde. Nun wußte ſie, warum ihr Herr ſo traurig
war. Sie zeigte dem Burſchen das Wunderbild: „Sieh, wie
ſie daliegt, ein Juwel von lichter Schoͤnheit! Das iſt die
Liebſte meines Herrn. Sie war ſo hold, nun wundert's mich
nicht mehr, daß ihm alle Freude fernbleibt. Aber auch ich
muß klagen vor Mitleid und Liebe, denn aus meinem Leben
entſchwand das Gluͤck!“ Waͤhrend die Frau ſo ſprach, ſiehe,
da ſchluͤpfte ein Wieſel aus ſeinem Bau und huſchte uͤber die
Tote. Der Knabe aber erſchlug das Tierlein mit ſeinem
Stecken und warf es vor die Tuͤr. Da kam das Weibchen des
Wieſels, lief um ſeinen Kopf, beſchnuͤffelte es und zupfte an
ſeiner Pfote, als es aber ſah, daß das Maͤnnlein tot ſei, lief
es alsbald in den Tann und brach mit ſeinen Zaͤhnen ein
purpurrotes Bluͤmlein ab. Dieſes legte es in das Schnaͤuz⸗
lein des toten Tieres, worauf ſich dieſes ſogleich erhob und
lebend und geſund davonſprang. Hurtig jagte der Knabe dem
Tier die Blume ab, und die Frau ſchob dieſelbe mit ihrer
zarten Hand der Jungfrau durch die Lippen. Nach kurzer
Friſt hub die Maid zu ſeufzen an, blickte um ſich und ſprach
leiſe: „Mein Gott, wie lange habe ich geſchlafen!“ Als die
Frau dies Wunder ſah, dankte ſie Gott und bat die Jungfrau,
ihr ihr Schickſal zu erzaͤhlen. Nachdem ſie alles erfahren hatte,
fuͤhrte ſie troͤſtend das Koͤnigskind aus dem Walde und brachte
es heim auf ihr Schloß.
160
Zur Nachtzeit kam Herr Eliduc nach Haufe, und als er fein
holdes Lieb geſund wieder fand, da war ihm Luſt und Leben
zuruͤckgegeben; er beugte ſich zu der Jungfrau, um ſie zu
kuͤſſen, und ſie hing ſich an ihn und kuͤßte ihn wieder. Als die
Hausfrau das ſtille Gluͤck der beiden ſah, ging ſie ganz leiſe
aus dem Gemach, ließ ihr Roß ſatteln und ritt davon. Herr
Eliduc vermaͤhlte ſich, da ſeine Gemahlin den Schleier ge⸗
nommen hatte, mit der Koͤnigstochter, aber nachdem ſie
einige Jahre in treuer Liebe gelebt hatten, entſagten ſie der
Welt und traten in ein Kloſter. Frau Guildeluec nahm die
junge Frau wie eine Schweſter auf, und ſie beteten beide fuͤr
die Seele Herrn Eliducs, der viel gefehlt und viel e
hatte.
16. Die Herzmaͤre
8 waͤre zu weitlaͤufig, wenn wir erzählen wollten, wie
der Burggraf von Coucy für die ſchoͤne Herrin von
Fayel entbrannte, wie er ſich ihr naͤherte und Er⸗
hoͤrung fand, wie dann eine neidiſche Spaͤherin den Verdacht
ihres Gatten erweckte, und wie dieſer vor Eiferſucht faſt ver⸗
ging, ohne jedoch eine greifbare Spur in die Hand zu be⸗
kommen. Eines Tages ſagte der Herr von Fayel zu feiner
Gattin, er ſei geſonnen, eine Fahrt ins heilige Land anzu⸗
treten, bei welcher ſie ihn begleiten ſolle. Sie antwortete zu⸗
ſtimmend, um keinen Verdacht zu erwecken, doch im Innern
war ſie voll Unruhe. Was tat ſie? Als reiſenden Kraͤmer
verkleidet ließ ſie ihren Geliebten auf ihre Burg kommen und
hatte auf dieſe Art Gelegenheit, ihm die Plaͤne ihres Mannes
und die Sorgen ihrer Liebe mitzuteilen. Der Kaſtellan tröftete
ſie und verſprach, er wolle ſich gleichfalls am Kreuzzug be⸗
teiligen. Kurz darauf weilte er am engliſchen Hofe und zeich⸗
nete ſich ſo in Turnieren aus, daß Koͤnig Richard ihn bat, er
moͤge ihn auf der von ihm geplanten Kreuzfahrt begleiten.
Das war gerade das, was der Burggraf gewuͤnſcht hatte.
Ein Spielmann aus dem Vermandois, der aus England
11 Franz. Märchen I 161
zuruͤckkam, kehrte in Schloß Fayel ein und berichtete, wie
Richard von England das Kreuz genommen haͤtte und mit
ihm eine große Anzahl franzoͤſiſcher Ritter, darunter auch
Renaud von Coucy. Der Schloßherr konnte bei dieſer Nach⸗
richt ſeine Freude nicht verbergen, und ſeine Gattin zeigte
nicht minder große Befriedigung, beide allerdings aus ver⸗
ſchiedenen Gruͤnden: die Dame wollte die Reiſe, von der ſie
weitgehende Gelegenheit zu Zuſammenkuͤnften mit dem Ge⸗
liebten erhoffte, beſchleunigt wiſſen, ihr Gemahl dagegen ſah
ſeine Liſt gelungen. Am Feſte des heiligen Johannes kam ein
Kardinal in die Gegend. Herr und Frau von Fayel begaben
ſich in den Gottesdienſt und hoͤrten die Meſſe. Der Kardinal
predigte das Kreuz, und eine Menge der Zuhoͤrer ſcharte ſich
um das heilige Zeichen, um ihre Seelen zu retten. Auch die
Herrin von Fayel erhob ſich, um das Kreuz zu nehmen, aber
ihr Gatte hielt ſie mit den Worten zuruͤck: „Frau, fuͤr diesmal
werdet Ihr das Kreuz nicht nehmen, denn ich fuͤhle mich zu
ſchwach, um die Muͤhen einer ſolchen Fahrt zu tragen.“ Die
Dame verbarg geſchickt ihr lebhaftes Mißvergnuͤgen; aber als
ſie daheim war, konnte ſie ihren gewaltigen Schmerz nicht
mehr bei ſich halten, den ſie daruͤber empfand, daß ſie da⸗
bleiben mußte, waͤhrend ihr Geliebter, auf deſſen Kreuzfahrt
ſie ſelbſt gedraͤngt hatte, in fernen Landen kaͤmpfen wuͤrde.
Erſt der Gedanke, daß der Freund ſeine Ruͤckkehr unter dieſen
Umſtaͤnden moͤglichſt beſchleunigen wuͤrde, gab ihr ihre Ruhe
wieder, und ſie ſandte dem Kaſtellan ein Schreiben, das ihn
von dem unvorhergeſehenen Ausgang der Sache unterrichten
ſollte. Bei Empfang dieſes Briefes brach der Burggraf vor
Gram nieder. So ſehr hatte er ſich in der Hoffnung gewiegt,
daß ſeine Dame die Reiſe uͤbers Meer mitmachen werde, daß
er immer um fie fein koͤnne, fie ſprechen dürfe, und nun
alles aus! Aber bleiben durfte er nicht: der Gatte wuͤrde da⸗
durch Verdacht ſchoͤpfen und die Arme erſt recht bewachen,
und außerdem ſtand ſeine Ehre auf dem Spiel.
In der Verkleidung eines blinden Bettlers, auf einen Stab
geſtuͤtzt, wankte er zum letzten Abſchied. Die Dame erwartete
162
ihn mit ihrer Zofe, auf einer Steinbank an dem Hinterpfoͤrt⸗
chen ſitzend, durch das er fo häufig feine heimlichen Gänge
getan hatte. Die Zofe fuͤhrte den Ritter in ein Gemach, in
dem er ſeine Verkleidung ablegte, dann trat er in die Keme⸗
nate, wo die Schloßherrin ihn begruͤßte. Sie fuͤhrte ihn zu
einer mit Teppichen bedeckten Bank, und der Ritter hub an:
„Gott iſt mein Zeuge, Herrin, daß nichts im Leben mich mehr
ſchmerzen kann als dieſe Trennung.“ Bei dieſen Worten
ſanken ſie einander in die Arme, und der Burggraf fuhr fort:
„Wenn ich der nahen Abfahrt denke, bricht mein Herz. Aber
wohin ich auch gehe, dies Herz iſt Euer; denn meine einzige
Luſt wird ſein in fernen Landen, Tag und Nacht von Euch zu
traͤumen, und die Hoffnung, einmal wieder meinem ſuͤßen
Lieb zu nahen, wird meine Muskeln ſtaͤhlen. Die Hoffnung
ſoll mein Troſt ſein, denn ſonſt bleibt mir keiner.“ „Auch fuͤr
mich,“ antwortete die Dame, „iſt jede Freude tot, denn mein
Herz reiſt mit Euch weit uͤber Meere und Wuͤſten.“ Der
Sinne beraubt fiel ſie in die Arme des Kaſtellans, und beide
ſaßen ſtumm vor Qual, aber dann druͤckte er ſie wieder an
ſein Herz und bedeckte ſie mit Kuͤſſen. „Herrin,“ ſagte die
Zofe, „Ihr ſolltet Euren Freund ermutigen, ſtatt deſſen
nehmt Ihr ihm allen Troſt; das iſt nicht wohlgetan. So bannt
Euren Gram und blickt wieder ein wenig heiterer!“ Die Frau
erholte ſich, ſie ſtreifte ihren Ring vom Finger und ſteckte ihn
dem Ritter an die Hand, dann nahm ſie eine große Schere,
ſchnitt mehrere Straͤnge ihres Haares ab, huͤllte dieſelben mit
Sorgfalt ein und gab ſie dem Kaſtellan, welcher ſie als koſt⸗
bares Pfand ihrer Zaͤrtlichkeit bis zu ſeiner Ruͤckkehr aufzu⸗
bewahren verſprach. Sie blieben zwei Tage beieinander, da
der Schloßherr in Geſchaͤften abweſend war; aber die Spiele
der Liebe erfreuten ſie nicht mehr, denn die Stunde der
Trennung ſtand ſtets vor ihrer Seele. Das Scheiden kam,
und Renaud von Coucy ritt von Fayel fort, die Bruſt voll
Qual und Schmerz.
Einzig von ſeinem Knappen Gobert begleitet, brach er auf,
denn er wollte nicht von ſeinen Gedanken, die alle ſeiner Ge⸗
. 163
liebten geweiht waren, abgelenkt werden. Schließlich gelang:
ten die beiden Kreuzfahrer nach Marſeille, wo ſich der eng⸗
liſche Koͤnig bereits mit ſeiner ganzen Ritterſchaft aufhielt
und die letzten Vorbereitungen zur Abreiſe traf. Das Ge⸗
ſchwader ging unter Segel, und Gott gab ihm ſo guten Fahr⸗
wind, daß die Überfahrt alsbald beendet war. Sie landeten
in Akko, wo ſie von der Chriſtengemeinde mit offenen Armen
empfangen wurden, denn ihre Hilfe war dringend noͤtig, be⸗
drohte doch die Raſerei der Sarazenen die Stadt mit Not und
Tod. Alle Kreuzfahrer waren ungeduldig, und beſonders
Koͤnig Richard brannte darauf, ſeine Tapferkeit mit der des
Feindes zu meſſen und ſich Ruhm zu erwerben. Das war
keine leere Prahlerei, denn alsbald verjagte er an der Spitze
ſeiner Truppen die Sarazenen und verfolgte ſie ſo lange, bis
ſie ihm zum Kampfe ſtandhielten. In dieſem moͤrderiſchen
Kampfe zeichnete ſich Renaud von Coucy als wuͤrdiger Strei⸗
ter aus. Auf ſeinem Helm trug er zum Andenken an ſeine
Herrin, der fein Herz gehörte, die in Gold gefaßten Haar:
ſtraͤhne, deren Anblick den Sarazenen furchtbar wurde.
Schon war der Burggraf faſt zwei Jahre in Palaͤſtina, als
eines Tages die Sarazenen Koͤnig Richard in einem Schloß,
wo er, wie ſie erfahren hatten, der Ruhe pflegte, uͤberfallen
wollten. Sobald man ihrer anſichtig wurde, ſaß Renaud mit
mehreren anderen Rittern auf und griff hitzig die verhaßte
Schar an. Es gelang ihnen, den Feind mit großen Verluſten
in die Flucht zu ſchlagen, und ſchon ſtroͤmte dieſer in auf⸗
gelöften Reihen zuruͤck, als der Burggraf von einem vergif-
teten Pfeil getroffen wurde, welcher tief in ſeine Seite drang.
Er wankte in den Buͤgeln und fiel beſinnungslos zu Boden.
Sogleich ſtanden ſeine Begleiter von der Verfolgung ab und
trugen den Verwundeten ins Schloß. Koͤnig Richard hoͤrte
die Kunde mit Bedauern, er begab ſich ſogleich zu dem Ritter
und ließ alle ſeine Arzte rufen. Dieſe maßen die Tiefe der
Wunde, zogen das Eiſen heraus, und als ſie die Verletzung
wohl gepruͤft und mit warmem Waſſer gewaſchen hatten,
ſagten ſie dem Koͤnig, der Kaſtellan wuͤrde in drei Wochen
—
164
völlig geheilt fein, wenn nicht der Pfeil vergiftet geweſen
wäre. Dann allerdings koͤnne nichts die Wirkung des Giftes
aufhalten, und der Tod des Verwundeten ſei gewiß. Dieſer
ſiechte lange Zeit dahin und wurde blaß und mager, alle
Mittel der Arzte waren nutzlos, und ſein Koͤrper verfiel unter
ihren Augen. Es war aber nicht die Wunde, die dem Burg⸗
grafen die meiſte Qual verurſachte, ſondern der Wunſch, ſeine
Geliebte noch einmal vor ſeinem Ende zu ſehen, brannte ihn.
Der Ritter wollte ſobald als moͤglich wieder uͤber das Meer
ſegeln, er hoffte geheilt zu werden, wenn er ſeine Heimat
wiederſehen wuͤrde, ſicher wuͤrde ihm der Anblick ſeiner Dame
die Geſundheit wiedergeben. Es traf ſich, daß gerade zwei
Kardinaͤle in Begriff waren ſich einzuſchiffen. Sogleich nahm
der Burggraf Urlaub vom Koͤnig und ſeinen Baronen, denn
er konnte und wollte ſeine Abreiſe nicht laͤnger verſchieben.
Leicht erhielt er die Erlaubnis, in ſein Vaterland zuruͤck⸗
zukehren, und niemand tadelte ihn wegen ſeines Entſchluſſes.
Nachdem er ſeine Vorbereitungen getroffen hatte, begab er
ſich zum Hafen, beſtieg das Fahrzeug und nahm den ihm an:
gewieſenen Platz ein, darauf wurden die Segel ausgeſpannt
und das Schiff verließ das heilige Land.
Auf dem offenen Meer fuͤhlte ſich der Ritter zunaͤchſt ein
wenig beſſer, denn der Wunſch, feine Geliebte wiederzuſehen,
hielt ſeine Kraͤfte aufrecht, obwohl ſein Leiden ſtaͤndig Fort⸗
ſchritte machte. Seine Qualen verdoppelten ſich, er wurde
von Tag zu Tag ſchwaͤcher und ſah ſich ſchließlich gezwungen,
ſein Lager nicht mehr zu verlaſſen. Als der Kaſtellan fuͤhlte,
daß ſein Ende nahe, ließ er ſich den Kaſten bringen, der ſei⸗
nen teuerſten Schatz enthielt, die Haarſtraͤhne, die er oft mit
Wohlgefallen betrachtete. Er bedeckte die ſilberne Doſe,
welche die koſtbaren Straͤnge enthielt, mit Kuͤſſen: „O Gott!“
ſagte er, „wie teuer ſind mir dieſe goldenen Locken, mit denen
mich mein ſuͤßes Lieb beſchenkt. Ach, der Tod will den zaͤrt⸗
lichen Freund von ſeiner treuen Geliebten ſcheiden.“ Darauf
befahl er ſeinem Knappen, einen Schreiber zu holen, dem er
folgende Saͤtze in die Feder diktierte: „Seiner ſuͤßen, teuern
165
3 *
Dame ſchickt der, der aller Orten und bis zum letzten Hauch
ihr treuer Diener war, dies Liebeszeichen und ſeine Gruͤße,
die ſeine letzten ſind. Herrin! Ich war immer Euer Lehns⸗
mann, Euer Diener, Euer Ritter, immer Euch treu ergeben
von dem Augenblicke an, da ich Euch verließ, jenem Augen⸗
blick, der die Quelle von ſoviel Kummer war. Niemals,
Herrin, werde ich Euch wiederſehen, aber Euer Herz ſchwebt
um mich. Als ich Euer Schloß verließ, habt Ihr mich mit
einem bezaubernden Kleinod beſchenkt, den glaͤnzenden
Straͤhnen Eures goldenen Haares, die mich nicht einen Augen⸗
blick verlaſſen haben. Zum Entgelt ſende ich Euch mein Herz,
denn nach Rechten kommt es Euch zu, Euch, fuͤr die es immer
ſchlug. Nie ſtarb ein Liebender fo ohne Troſt wie ich, denn
nach ſo langer Trennung ſcheidet uns der unerbittliche Tod,
ehe ich Euch noch einmal in die Arme ſchließen konnte. Du
ſuͤßes Geſchoͤpf, du ragſt über allem, was die Welt an Voll⸗
endung und an Anmut kennt. Dein Herz iſt ein Born von
lauterem Gold. Uuter den Schönheiten der Erde ſtrahlſt du
wie ein Diamant, wie ein Saphir; du gluͤhſt wie eine Roſe
in Purpurglut, unvergleichlich an ſuͤßem Duft. Du biſt die
Vollendung, du traͤgſt alles was gut und ſchoͤn iſt, in Fülle.
Du birgſt in dir alle Guͤter, Reichtuͤmer und Schaͤtze, und der
Gedanke an dich ließ mich zum Strahlenkranz des Ruhmes
greifen. Und dich ſoll ich niemals wiederſehen, niemals
wieder kuͤſſen, niemals wieder umarmen! Ach, das Feuer
unſerer Freude iſt ausgeloͤſcht, der Tod rafft mich hinweg.
Es kann nicht anders ſein, und ſo empfehle ich meine Seele
Gott dem Herrn und bitte meinen Schoͤpfer, daß er ſie im
Reiche ſeiner Himmel mit der deinigen vermaͤhle, damit
wir vereint die Wonnen der Ewigkeit durchkoſten.“ Oft
raubte ihm der Schmerz die Beſinnung, waͤhrend er dieſe
Worte ſprach. Als der Brief endlich vollendet war, faltete
er ihn ſelbſt zuſammen und preßte ſein Siegel darauf, das
er dann ſogleich ins Meer warf. Dann rief er ſeinen Knappen
Gobert und feinen Diener Hideur und ſagte zu ihnen mit
verloͤſchender Stimme: „Ich fuͤhle, daß mir nur mehr wenige
166
— Wp
Augenblicke zu leben bleiben. Schwoͤrt mir, daß ihr ſogleich
nach meinem Tode meinen Leib oͤffnen werdet, mein Herz
daraus entnehmt und es wohl einbalſamiert zugleich mit
dieſem Brief und dieſen Straͤhnen nach Fayel tragt wo ich
ſo vieler Freuden Gaſt war. Ich ſage dies euch beiden, damit
wenn der eine vielleicht ums Leben kaͤme, der andere meinen
Auftrag erfuͤllen mag. Dies iſt es, was ihr zu tun habt: ihr
ſollt meine Herrin in meinem Namen ein letztes Mal gruͤßen.
Eure Botſchaft wird ſie in ein Meer von Leid tauchen, denn
keinen Menſchen auf der Welt liebte ſie ſo heiß wie mich.
Dann werdet ihr ihr allen Troſt erteilen, deſſen ſie beduͤrfen
wird, und werdet ſie bitten, ſich zu beruhigen, denn all ihr
Gram iſt vergebens. Ihr werdet ihr dieſes Kaͤſtlein geben
und ihr ſagen, daß ich ihr dieſe Straͤhne mit meinem Herzen
zugleich zuruͤckſchicke, meinem Herzen, das ihr gehoͤrte ſeit
dem Tag, da ich zuerſt ſie erſah, das ihr gebuͤhrt und bei ihr
bleiben ſoll, damit ſie nie ihre Gedanken von mir wendet.“
Nun wurde er ſo ſchwach, daß ſich ſein Geſicht mit Todesblaͤſſe
bedeckte. Seine Diener glaubten, daß er ſeinen Geiſt ver⸗
haucht habe, denn ſchon lag er in den Schlingen des Todes.
Sie legten ihm ein Stuͤck Brot in den Mund, wodurch er
ſeine Sinne wiedergewann, und ſogleich weilten ſeine Ge⸗
danken wieder bei ſeiner Dame, der ſeine letzten Worte gal⸗
ten: „Leb wohl, mein ſuͤßes Lieb, leb wohl, Liebe und
Leben! Ach, warum kann ich das Leben, das mir entſchwin⸗
det, nicht feſtklammern und an mich reißen! Die Erde iſt ein
Paradies, wenn wir lieben. Die Liebe hat mir Freuden ohne
Zahl gewaͤhrt, ſie war der Urquell aller meiner Ehren. Mit
allen ihren Schaͤtzen hat mich die Liebe uͤberhaͤuft, und ich
kann ihr mit nichts entgelten, als daß ich ihr lobſinge. Liebe!
Du biſt der Gott des Diesſeits, du umfaͤngſt uns ganz, und
wir ſind alle voll von dir, nichts kann deine Macht ver⸗
mindern. Ach, waͤre es mir erlaubt, mein Leben feſtzuhalten,
jeder kuͤnftige Augenblick ſollte dem Dienſt der Liebe geweiht
ſein, die kein Leid verurſacht, das ſie nicht mit Wonnen
tauſendfach vergilt. Freude, Treue, Edelmut, Guͤte, Ehren
167
und alle Güter der Welt find das Erbe der Liebe, das fie
denen austeilt, die treu ihr dienen.“ In dieſem Augenblick
unterbrach ihn die Gewalt des Schmerzes, er erblaßte und
verlor das Bewußtſein. Lange blieb er ſo, dann erwachte
er noch einmal, und nun hatten ſich ſeine Sinne vom Irdi⸗
ſchen abgewendet. „Herr des Himmels,“ ſagte er, „ſei mir
gnaͤdig und wuͤrdige mich deiner alliebenden Erbarmung.“
Dann ließ er den Kardinal holen, der ſich ſogleich zu dem
Sterbenden begab, ſeine Beichte entgegennahm und ihm den
Leib des Herrn reichte. „Freund,“ ſagte der Kardinal, „wirf
alle Furcht von dir, denn wer wie du im Dienſte Chriſti ſtirbt,
deſſen Suͤnden ſind ausgeloͤſcht. Glaube und vertraue, dann
ſei verſichert, daß du gerettet biſt.“ Schon atmete der Kaſtel⸗
lan nur mehr mit Muͤhe, und es koſtete ihn eine letzte An⸗
ſtrengung, um dieſe Worte auszuſprechen: „Gobert, bring
meiner Herrin mein Lebwohl!“ Dann verſchied er.
Als Gobert ſah, daß ſein Herr tot ſei, gab er ſich ſeinem
heißen Schmerz hin, er rang die Haͤnde und raufte ſich unter
Weinen und Jammern die Haare. Er ruͤhmte nacheinander
die Ehrliebe, den Geiſt, die Tapferkeit, die Freigebigkeit und
alle Eigenſchaften, mit denen ſein Herr ausgeſtattet geweſen
war und welche einen vollkommenen Ritter aus ihm gemacht
hatten. Niedergebeugt vom Schmerz machten ſich Gobert
und Hideur ſodann daran, den letzten Willen des Burggrafen
zu erfuͤllen. Sie oͤffneten ſeinen Koͤrper und balſamierten
ihn ein, nachdem ſie das Herz daraus entnommen hatten.
Als ſie in Brindiſi angekommen waren, wurde die Leiche
ans Land gebracht, wo ihr der Kardinal in wuͤrdiger Weiſe
die letzten Ehren erwies. Gobert richtete ſein Augenmerk
nun darauf, Mittel und Wege zu finden, daß er in ſein Vater⸗
land zuruͤckkehren koͤnne. Nachdem er die ganze Habe des
Ritters unter die Armen verteilt hatte, machte er ſich gemein⸗
ſam mit Hideur auf den Weg und raſtete nicht eher, bis er
das Ziel ſeiner Reiſe erreicht hatte, wo er ſich von ſeinem
Begleiter trennte. Gobert ritt durch Regen und Sonnen⸗
ſchein und war nur mehr drei Meilen vom Schloß Fayel
168
ek
entfernt. Hier machte er einige Tage Halt, um Nachrichten
einzuziehen und eine guͤnſtige Gelegenheit zur Ausfuͤhrung
ſeines Auftrags abzuwarten. Er kannte einen wenig be⸗
gangenen Schleichweg, welchen er oͤfters heimlich mit ſeinem
Herrn zuruͤckgelegt hatte. Dieſen glaubte er in Sicherheit
beſchreiten zu koͤnnen, aber er hatte eine verhaͤngnisvolle
Begegnung. Der Herr von Fayel ſtand ihm plößlich gegen⸗
uͤber, und er konnte ihm auf keine Weile ausweichen. Der
Schloßherr erkannte den Knappen ſogleich wieder, und der
Zorn raubte ihm die Sprache, denn er wußte wohl, daß dieſer
Knappe als Unterhaͤndler zwiſchen dem Kaſtellan und ſeiner
eigenen Gattin zu dienen pflegte. Als er ein wenig ruhiger
geworden war, redete er ihn folgendermaßen an: „Nachdem
ihr, du und dein Herr, mich entehrt habt, iſt es ſehr kuͤhn von
dir, wieder in dieſer Gegend zu erſcheinen. Bringſt du wie⸗
der Briefe oder Auftraͤge? Bei Gott, du trifftſt es ſchlecht,
denn du wirſt dem Tode nicht entgehen. Mit meinen eigenen
Haͤnden will ich dich aufhaͤngen, wenn es auch nur waͤre, um
deinem Herrn Trotz zu bieten. Du ſollſt meiner Rache nicht
entgehen!“ „Gnaͤdiger Herr,“ antwortete Gobert demuͤtig,
„zuͤrnt mir nicht. Wenn der Burggraf Eure Gattin liebte,
was kann ich dafuͤr?“ Dieſe Worte beruhigten Fayel ein
wenig und er erwiderte: „Gut, woher kommſt du, wohin
gehſt du? Sag mir die Wahrheit oder ich knuͤpfe dich auf
der Stelle an dieſen Baum. Wo haſt du den Kaſtellan ge⸗
laſſen? Iſt er wieder diesſeits des Meeres?“ „Ja, Herr,
aber er iſt tot, und ſeine Leiche liegt in Brindiſi; was mich
betrifft, ſo kehre ich in meine Heimat zuruͤck. Mehr habe ich
Euch nicht zu ſagen, Herr, nun laßt mich um Gotten willen
ohne Schaden ziehen. Was haͤttet Ihr davon, wenn Ihr
mich toͤten wolltet, wuͤrdet Ihr dadurch Eure Schmach
raͤchen?“ „Nein, nein, bei Gott! So entgehſt du mir nicht!
Noch biſt du in meiner Gewalt. Entkleide dich ohne Wider⸗
rede, ich will wiſſen, was du bei dir traͤgſt. Wenn du irgend
etwas haſt, was mich angeht, ſo werde ich dich auf die Folter
ſpannen laſſen, wenn ich aber nichts finde, ſo kannſt du in
169
Frieden ziehen.“ Dieſe Worte feßten Gobert in Furcht.
„Lieber Herr, ich bitte Euch, erbarmt Euch meiner! Hoͤrt
mich einen Augenblick an, ich will Euch die ganze Wahrheit
geſtehen, aber verſprecht mir, mein Leben zu ſchonen.“
Fayel verſprach es ihm, und der Knappe fuhr fort: „Herr,
Chriſtus bewahre mich vor Eurem Zorn! Der Kaftellan iſt
während der Überfahrt auf der Ruͤckkehr von Palaͤſtina, wo
er tödlich verwundet wurde, geſtorben, aber vor feinem Tode
hat er mir befohlen, ſeine letzten tauſendfachen Gruͤße ſeiner
Herrin zu uͤberbringen und mit ihnen ſein Herz, welches die⸗
ſes Kaͤſtlein birgt. Hier iſt es, teurer Herr, bei meiner Seele,
ich habe nichts hinzuzufügen, und Ihr wißt nun alles.“
Der Herr von Fayel ergriff das Kaͤſtlein haſtig, und in ſeiner
Ungeduld den Inhalt kennenzulernen, ließ er den Deckel
aufklappen, ohne ſich um Schloß und Schluͤſſel zu kuͤmmern.
Der Anblick des Herzens und der Locken bereitete ihm leb⸗
hafte Genugtuung. Er nahm den Brief, las ihn von vorn
bis hinten und legte ihn dann wieder in die naͤmlichen Falten
ohne das Siegel jedoch zu verletzen. Dann ſagte er zu Gobert:
„Du kannſt von Gluͤck ſagen, Gobert, daß ich dich heute nicht
haͤngen laſſe. Geh, verlaſſe auf der Stelle mein Gebiet und
kehre unter keinem Vorwand hierher zuruͤck, denn wenn ich
dich jemals wieder hier antreffe, laſſe ich dich unverzuͤglich
aufknuͤpfen.“ Gobert wandte ſich mit grambeſchwerter
Seele von hinnen, waͤhrend der Herr von Fayel gerades⸗
weges in ſein Schloß zuruͤckkehrte.
Der Schloßherr rief augenblicklich ſeinen Kuͤchenmeiſter
und befahl ihm, ſeine ganze Kunſt darauf zu verwenden,
Haͤhne und Kapaunen mit einer erleſenen Tunke zuzurichten,
da er heute Gaͤſte bewirten wolle. „Aber,“ fuͤgte er hinzu,
„mit der naͤmlichen Tunke wirſt du ein beſonderes Gericht
aus dieſem Herzen bereiten, welches du deiner Herrin und
ſonſt niemandem vorſetzen ſollſt.“ „Herr, mit Gottes Hilfe
werde ich Euern Befehlen genau nachkommen, deſſen ſeid
ſicher.“ Der Koch bereitete ſein Mahl auf die allererleſenſte
Art. Als die Tafel gedeckt war, ſetzte man ſich zu Tiſch. Die
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—— ſ— — — —¼ ——— ͤ ͤ—.
Diener trugen zunaͤchſt eine Fülle von ausgewählten Spei⸗
fen auf, welche fie allen Gäften darboten, darauf wurde das
Herz allein der Herrin von Fayel gereicht, waͤhrend ein
anderes aͤhnlich ausſehendes Gericht um die Tafel herum⸗
gegeben wurde, von welchem jeder nach Gefallen nahm.
Die Dame lobte die Speiſe, die man ihr gereicht hatte, und
geſtand, daß ſie niemals etwas ebenſo Koͤſtliches gegeſſen
habe. „Warum,“ ſetzte ſie hinzu, „richtet unſer Koch nicht
oͤfters etwas Ahnliches an? Zweifellos iſt die Zubereitung
dieſes Fleiſches zu koſtſpielig.“ „Frau, wundert Euch nicht
uͤber die Guͤte dieſes Fleiſches, denn nicht um alles Gold
Arabiens koͤnnte man ſich ſeinesgleichen verſchaffen.“ „Und
wie nennt man es, lieber Herr? Sagt es mir doch, bitte!“
„Frau, erſchreckt nicht, die Speiſe, die Ihr eben genoſſen
habt, war, ich verſichere es Euch, das Herz, das Ihr am
meiſten von allem Irdiſchen geliebt habt. Es war das des
Kaſtellans von Coucy, welches eigens fuͤr Euch bereitet wurde.
Es iſt Euch allein aufgetragen worden, und wir andern haben
alle von einem aͤußerlich aͤhnlichen Gericht gegeſſen. Ihr
habt den Burggrafen geliebt, als er noch lebte, ich habe aus
dieſem Grunde bis zum heutigen Tage Schmach und Qual
gelitten, und um mich zu raͤchen, habe ich Euch ſeine Herz
eſſen laſſen.“ Die Herrin von Fayel erſtarrte vor Schreck,
aber ſie antwortete verſtaͤndig: „Nein, Herr, ich kann Euern
Worten keinen Glauben ſchenken, denn ſeit mehr als zwei
Jahren iſt der Kaſtellan außer Landes. Er iſt mit aller Ritter⸗
ſchaft uͤbers Meer, um fuͤr das Kreuz zu ſtreiten.“ Fayel
wandte ſich an ſeinen Diener: „Bring jenes Kaͤſtlein, ich will
ihr beweiſen, daß ich die Wahrheit ſage.“ Fayel ergriff das
ſilberne Kaͤſtlein, öffnete es vor den Augen feiner Frau,
zeigte ihr die Haarlocken und las ihr den Brief von Anfang
bis zu Ende vor, nachdem er ſie deſſen Siegel hatte pruͤfen
laſſen. „Erkennt Ihr dieſes Wappen? Es iſt das des Burg⸗
grafen von Coucy.“ Dann gab er ihr den Brief in die Hand
und ſprach dabei: „Frau, es iſt wirklich ſein Herz, daß Ihr
gegeſſen habt, daran zweifelt nicht!“ „Bei Gott, Herr,
171
diefer Gedanke macht mich ſchaudern, aber da es ſich nun
einmal ſo verhaͤlt, ſo ſchwoͤre ich Euch, daß Zeit meines
Lebens keine andere Speiſe mich mehr naͤhren ſoll, daß ich
nach dieſem Stuͤck Fleiſch, das mir ſo teuer war, kein anderes
mehr koſten will. Das Leben iſt mir nun eine zu ſchwere
Laſt. Mag mich der Tod von dieſer Laſt befreien!“ Nach
dieſen Worten brach ſie ohnmaͤchtig zuſammen, und ihr
Antlitz fiel auf die Tiſchplatte, waͤhrend das Blut in ihren
Adern zu Eis erſtarrte. Man trug ſie hinaus und legte ſie
auf das Lager, wo ſie blaß und entſtellt bewegungslos liegen
blieb. Als ſie ihre Sinne wieder ein wenig geſammelt hatte,
ſtieß ſie einen langen Seufzer aus: „Ach, was iſt mir doch
geſchehen! Großer Gott, was iſt mit mir geworden? Weh
mir, ich habe meinen ſuͤßen Freund verloren, der ſo ver⸗
ſtaͤndig und ſo edel war, den treueſten, den zaͤrtlichſten von
allen, die da liebten. Und ich, ich habe ſeine Fahrt gewollt,
das verdoppelt meine Qual, das zerreißt mir das Herz! Weh
mir, all meinen Troſt ſetzte ich auf ſeine Ruͤckkehr, mit Sehn⸗
ſucht habe ich ſie erhofft! Was ſoll mir das Leben noch, da
ich nun weiß, daß er von mir genommen iſt, jetzt iſt in alle
Ewigkeit die Freude fuͤr mich tot. Ach, in ſeinem Schmerz
hat er mir ſein Herz geſendet zum Beweis, daß es ganz mir
gehoͤrte. So ſoll auch das meine denn ihm geweiht ſein.
Und man ſoll ſehen, daß es ihm gehoͤrt, denn mein Leben
ſoll mit dem ſeinen enden.“ Von neuem verfiel ſie in
Schwaͤche und verblieb lange Weile in wortloſem Schmerz.
Als ſie wieder zu ſich gekommen war, ſprach ſie noch einige
Worte der Trauer um ihren toten Freund, aber bald wurde
ihr Schmerz grenzenlos, ſie zerfleiſchte ſich, rang ihre Haͤnde,
ihre Augen blickten wirr und verkuͤndeten ihr nahes Ende.
Sie konnte dieſe ſchreckliche Marter nicht laͤnger ertragen,
und mit der Bitte, daß Gott ihr verzeihen moͤge, hauchte ſie
ihre Seele aus. Ihr Koͤrper blieb ſtarr. Gott wolle ſein Er⸗
barmen ihr zuteil werden laſſen.
172
17. Aus den Fabeln des Mittelalters
Die Haſen und die Froͤſche
s wird erzaͤhlt, daß die Haſen einſt Rats pflogen
und dabei zu dem Entſchluſſe gelangten, ſie woll⸗
ten ihren Wald verlaſſen und in ein anderes Land
ziehen, dieweil ſie in unaufhoͤrlicher Sorge lebten. Hunde
und Menſchen naͤmlich hielten ſie in Furcht, und dieſer
Zuſtand ſchien ihnen nicht mehr ertraͤglich. Ein alter weiſer
Haſe meinte zwar, es ſei toͤricht, die Heimat, in der ſie von
Kindesbeinen an gelebt, und die Freundſchaft im Stiche zu
laſſen, aber das andere Volk wollte ihm keinen Glauben
ſchenken, und ſo machten ſich denn alleſamt auf den Weg.
Es geſchah aber, daß ſie an einen Teich gelangten, an deſſen
ſchlammigten Ufern ſich eine Froſchverſammlung nieder⸗
gelaſſen hatte. Als die Froͤſche die Haſenſchar nahen ſahen,
erſchraken fie dergeſtalt, daß fie alle mit einem Plumpſer ins
Waſſer ſprangen. Dieſes bemerkte der alte weiſe Haſe, er
rief ſeine Gefaͤhrten zuſammen und ſprach: „Da ſchaut her,
ihr Herren! Erſt durch die Froͤſche, die Furcht vor uns haben,
muͤſſen wir innewerden, daß wir eine große Torheit be⸗
gehen, wenn wir unſern heimatlichen Wald verlaſſen, um
anderswo groͤßere Sicherheit zu ſuchen. Nie im Leben wer⸗
den wir ein Land finden, wo wir nichts zu fuͤrchten brauchen.
Kehren wir alſo um, wir werden gut daran tun.“ Und als⸗
bald machten die Haſen kehrt und wanderten in ihr Land
zuruͤck. Dieſe Fabel moͤge die, ſo ihre Heimat verlaſſen wol⸗
len, lehren, daß ſie nirgends eine Gegend finden werden, wo
es keine Sorge und keine Muͤhe gibt.
Der Bauer und der Kobold
E ſo erzaͤhlt man, fing ein Bauer einen Ko⸗
bold und hielt ihn laͤngere Zeit gefangen. Dieſer
gab ihm drei Wuͤnſche frei, wenn er ihn loslaſſen
wuͤrde, denn er wollte von den Menſchen nicht erblickt wer⸗
den. Der Bauer war einverſtanden damit und gab ſeinem
173
4
.
Weibe, als er heimgekehrt war, zweier Wuͤnſche Gewalt,
waͤhrend er den dritten fuͤr ſich behielt, doch ſchenkten ſie
beide der Sache wenig Beachtung.
Laͤngere Zeit war ſchon verſtrichen, ohne daß ſie einen
Wunſch geaͤußert haͤtten, da geſchah es eines Tages, daß ſie
beim Mittagsmahl das Ruͤckgrat eines Schafes benagten, aus
welchem das Mark hervorlugte. Die Frau haͤtte das Mark
gar zu gern gegeſſen, aber mit den Haͤnden konnte ſie es nicht
erreichen. Sie wuͤnſchte ſich alſo, daß der Bauer einen
Schnabel bekaͤme wie ein Wiedehopf, und kaum war der
Wunſch ausgeſprochen, ſo war er auch ſchon erfuͤllt. Der
erſtaunte Bauer hatte nichts Eiligeres zu tun, als ſich ſeinen
Schnabel wieder wegzuwuͤnſchen, und auf dieſe Weiſe
hatten ſie ſchon zwei der Wuͤnſche vergeudet, ohne den ge⸗
ringſten Nutzen davon zu haben. So geht es, wenn die
Dummen ſich zu ſehr auf die Worte der Schlauen verlaſſen,
die ſie doch nur zum Narren halten und betruͤgen wollen.
Der Wolf und das Zicklein
ine Ziege wollte einſt auf die Weide gehen und rief
zuvor ihr Zicklein zu ſich. Sie verbot ihm ernſtlich,
unter Todesſtrafe kein Tier hineinzulaſſen, bis ſie
zuruͤckkaͤme möge es auch noch fo ſehr bitten und betteln.
Dann ging ſie fort. Der Wolf aber hatte ſie im Walde ver⸗
ſchwinden ſehen, er begab ſich ſogleich zum Zicklein und hieß
es die Tuͤre oͤffnen; dabei verſtellte er ſeine Stimme, als ob
er die Ziege waͤre. Das Zicklein hoͤrte zwar die Stimme
der Mutter, aber es ſah, daß der Klopfende ihre Geſtalt
nicht habe und entgegnete: „Mach dich fort, Spitzbube!
Wohl weiß ich, daß du nicht meine Mutter biſt!“ Haͤtte das
Zicklein den Wolf in ſein Haus aufgenommen, ſo wuͤrde
er es mit Haut und Haaren verſchlungen haben. Man ſoll
alſo keinem Luͤgner un und nicht auf ſchlechten Rat
hoͤren.
174
18. Mittelalterliche Schwaͤnke
Die Geſchichte von den Rebhuͤhnern
eute will ich euch einmal an Stelle einer Fabel
eine wahre Geſchichte erzaͤhlen. Sie handelt von
einem Bauern, der hinter feiner Hecke zufällig zwei
Rebhuͤhner fing. Er gab ſich alle Muͤhe, ſie herzurichten,
ſeine Frau mußte ſie aufs Feuer ſetzen und am Bratſpieße
drehen, waͤhrend er ſelbſt zum Pfarrer eilte, ihn einzuladen.
Dabei blieb er ſo lange aus, daß die Rebhuͤhner inzwiſchen
gar wurden. Die Frau legte den Bratſpieß zur Seite und
ſchnitt ſich ein kleines Stuͤcklein von der knuſprigen Haut
des Vogels ab, denn ſie naſchte gar zu gern. Nachdem ſie
einmal gekoſtet hatte, gedachte ſie, ſich guͤtlich zu tun, ſie
machte ſich uͤber das eine Huhn her und verzehrte ſeine
beiden Fluͤgel. Dann ging ſie mitten auf die Straße, um zu
ſehen, ob ihr Mann noch nicht kaͤme. Da ſie ihn noch nicht
erblickte, ging ſie wieder in die Kuͤche und bedachte bei ſich,
daß man den fluͤgelloſen Reſt niemandem mehr vorſetzen
koͤnne, und es ſei geſcheiter, wenn ſie ihn auch noch fruͤh⸗
ſtuͤckte. Nun kamen ihr freilich Bedenken, was fie ſagen
ſollte, wenn man ſie nach dem Verbleib des Rebhuhnes
fragen wuͤrde, doch ſie fand bald eine Ausrede: ſie wuͤrde
ſagen, als fie den Braten vom Feuer genommen hätte, ſei
die Katze gekommen, haͤtte ihn ihr aus der Hand geriſſen
und mir nichts dir nichts davon geſchleppt. Nachdem ſie
ſich ſo uͤberlegt hatte, wie ſie am beſten ſich herausreden
koͤnnte, trat ſie wieder auf die Straße und ſpaͤhte nach
ihrem Gatten. Sie ſah ihn noch nicht kommen, wohl aber
begann ihr der Mund gewaltig nach dem zweiten, noch uͤb⸗
rigen Huhn zu waͤſſern. Sie glaubte, ſie muͤſſe naͤrriſch
werden, wenn ſie nicht ein ganz, ganz kleines Stuͤcklein
davon bekommen haͤtte. Alſo ſchnitt ſie dem Tier, ritſch
ratſch, den Hals ab, verzehrte ihn aus lauter Naſchgeluͤſte und
ſchleckte ſich hernach alle zehn Finger ab. „Ich Armſte,“
ſagte fie, „was ſoll ich tun? Was werde ich ſagen, wenn alles
175
futſch iſt? Aber wie kann ich mich halten, wenn mich fo ſehr
danach verlangt? Mir iſt es Wurſt, ich eſſe alles!“
Der Bauer blieb ſo lange aus, bis die Frau ſatt war, dann
kam er heim und rief in grobem Tone: „Heda! Sind die
Huͤhner gar?“ — „Ach Herr,“ entgegnete die Frau, „wir
ſind uͤbel daran, denn die Katze hat ſie gefreſſen.“ Da ſprang
der Bauer uͤber die Schwelle, ſtuͤrzte wie ein Toller auf ſie
los und hätte ihr die Augen ausgekratzt, wenn fie nicht ein⸗
gelenkt hätte: „Es iſt ja nur Scherz, es iſt ja nur Scherz!
Verſchwinde, Satanas! Sie ſind zugedeckt, damit ſie warm
bleiben.“ — „Beim heiligen Knickerich!“ ſchwur der Gatte,
„ich haͤtte dir ſonſt auch ein anderes Lied aufgepfiffen. Nun
aber geſchwind meinen guten Maſerholzkrug und das beſte
weiße Tiſchtuch her, wir wollen in der Weinlaube auf der
kleinen Wieſe drunten decken.“ — „Aber zuvor nehmt Euer
Meſſer da, welches das Schaͤrfen ſehr noͤtig hat, und gebt
ihm ein wenig Schneide an jenem Stein draußen im Hof!“
Der Bauer ging hinaus, das bloße Meſſer in der Hand. In
dieſem Augenblicke trat der Kaplan ein, welcher miteſſen
wollte. Er eilte auf die Frau zu und umarmte ſie zaͤrtlich,
doch dieſe machte ſich los und rief: „Flieht, Herr, flieht: es
geht Euch an den Kragen. Mein Mann iſt gerade hinaus⸗
gegangen, um ſein großes Meſſer zu ſchaͤrfen. Er hat geſagt,
er wolle Euch die Hoden abſchneiden, wenn er Euch erwiſchen
würde.” — „Um Gottes willen,“ erwiderte der Prieſter,
„was redeſt du da? Wir wollen zwei Rebhuͤhner eſſen, die
dein Gatte heute fruͤh gefangen hat.“ — „Beim heiligen
Martin,“ entgegnete die Frau, „hier ift kein Rebhuhn und
kein ſonſtiger Vogel im Hauſe. Ich waͤre ja froh, wenn Ihr
uns die Ehre geben wolltet, aber mir grauſt vor dem, was
Euch droht. Da ſchaut nur hinaus, wie er ſein Meſſer ſchleift.“
— „Ich ſehe es, ſtammelte der Prieſter ſchreckensbleich, „bei
meiner Kappe, ich glaube gar, du redeſt die Wahrheit.“ Und,
haſt du nicht geſehen, war er draußen. Die Falſche aber
ſchrie nach ihrem Mann: „He, Herr Gombaut, he, kommt
her!“ — „Was haft du, zum Teufel?“ fragte dieſer. „Was ich
176
— ——— 22. cc — —
habe? Gleich ſollt Ihr es erfahren. Wenn Ihr Euch nicht
gehoͤrig auf die Socken macht, ſo werdet Ihr einen Verluſt
zu beklagen haben, denn bei der Treue, die ich Euch ſchulde:
der Pfarrer iſt mit den Rebhuͤhnern davon!“ Wuͤtend lief
der Biedere, das Meſſer noch in der Hand, dem Kaplane
nach. „So ſollt Ihr nicht davonkommen!“ rief er, als er ihn
erblickte und fügte ſchnaufend hinzu: „Ganz warm tragt Ihr
mir ſie davon, aber Ihr ſollt ſie hier laſſen. So wartet doch!
Ihr waͤret ein ſchlechter Gaſt, wenn Ihr ſie allein genießen
wolltet!“ Der Pfarrer blickte ſich um und ſah den nad)
eilenden Bauern mit dem Meſſer in der Fauſt, und er glaubte,
es waͤre ſein Tod, wenn er ſaͤumen wuͤrde. Er machte ſich
alſo eilends davon, und der Bauer lief ihm nach, um ſeine
Huͤhner wiederzubekommen. Aber ſchon war der Pfarrer
zu Hauſe und ſperrte mit Ungeſtuͤm die Tuͤre zu. Der Bauer
kehrte zu ſeiner Frau zuruͤck und fragte ſie: „Nun ſage mir,
wie du die Rebhuͤhner losgeworden biſt?“ — „Gott helfe
mir,“ ſagte ſie, „kaum hatte mich der Pfarrer geſehen, ſo
fragte er mich, ob ich ihm die Liebe antun wolle, ihm die
Voͤgel zu zeigen, denn er moͤchte ſie gar zu gerne ſehen.
Ich fuͤhrte ihn alſo dahin, wo ich ſie verſteckt hatte. Sogleich
ſtreckte er die Haͤnde aus, packte ſie und entwiſchte, aber ich
konnte ihn nicht verfolgen, denn ich mußte doch erſt dich be⸗
nachrichtigen.“ — „Es iſt möglich, daß du die Wahrheit ſagſt,“
antwortete der Bauer, „aber laſſen wir die Sache auf ſich
beruhen!“ So wurde der Pfarrer ebenſo wie Gombaut, der
die Rebhuͤhner fing, betrogen. Dieſe Geſchichte zeigt wieder
einmal, daß die Frau zum Betruͤgen geſchaffen iſt. Sie
macht Wahrheit zur Luͤge und Luͤge zur Wahrheit.
Von der Braunen, der Kuh des Pfarrers
Pinft ging an einem Feſte unſerer lieben Frau, wie
man erzaͤhlt, ein Bauer mit feinem Weibe in die
Kirche, um zu beten. Ehe die Meſſe begann, ſtieg
der Pfarrer auf die Kanzel und predigte; er ſagte, daß der,
welcher aus Liebe zu Gott etwas hingaͤbe, ſeinen Lohn er⸗
12 Franz. Märchen I
177
halten würde, denn Gott würde das, was er aus gutem
Herzen hingegeben habe, doppelt zuruͤckzahlen. „Hoͤre, liebe
Schweſter,“ ſagte der Bauer nach der Kirche zu ſeinem
Weibe, „der Pfarrer hat geſagt: wer aus Liebe zu Gott
gibt, dem wird Gott ſeine Gabe vervielfaͤltigen. Wir koͤnnen
unſere Kuh nicht beſſer anbringen, als wenn wir ſie aus
Liebe zu Gott dem Pfarrer ſchenken. Übrigens gibt ſie
auch wenig Milch.“ — „Herr,“ ſagte die Baͤuerin, „ich bin
wohl einverſtanden, daß er ſie bekommt und aus dem
gleichen Grunde.“ Dann gingen ſie heim, ohne weitere
Worte uͤber die Angelegenheit zu verlieren. Der Bauer
ging in den Stall, nahm ſeine Kuh beim Strick und fuͤhrte
ſie zum Pfarrer. „Lieber Herr,“ ſagte er mit gefalteten
Haͤnden, „aus Liebe zu Gott gebe ich Euch meine Blaͤß!“
Er gab dem Pfarrer den Strick in die Hand und verſicherte
ihm, daß die Kuh feine ganze Habe ſei. „Freund,“ ent⸗
gegnete der Pfarrer, „du gibſt denen eine gute Lehre, die
ſtets ihre Haͤnde ausſtrecken nach neuem Gewinn. Geh
heim, du haſt ein gutes Werk getan. Moͤchten doch alle
meine Schaͤflein ſo verſtaͤndig ſein wie du, dann haͤtte ich
bald den ganzen Stall voll Vieh.“ Der Bauer berabſchiedete
ſich vom Pfarrer, und dieſer befahl, man ſolle die Blaͤß mit
ſeiner Braunen zuſammenbinden, um ſie zu gewoͤhnen. Der
Knecht fuͤhrte die Blaͤß in den Garten, wo er die Pfarrers⸗
kuh vorfand; er koppelte beide zuſammen und kehrte wieder
um. Die Kuh des Prieſters beugte den Kopf herab, denn
ſie wollte graſen, aber die Blaͤß wollte das nicht leiden, ſon⸗
dern zerrte ſo feſt am Strick, daß ſie die andere aus dem
Garten herauszog. Sie fuͤhrte ſie ſo lange durch Hoͤfe, Wie⸗
ſen und Felder, bis ſie mitſamt der Pfarrerskuh, die ſie mit
Mühe mitſchleppte, in ihren Stall zuruͤckkam. Der Bauer
ſchaute zum Fenſter heraus und erblickte ſie: „Ha!“ ſagte er,
und ſein Herz pochte vor Freude, „Gott gibt freilich doppelt
zuruͤck, was man aus Liebe zu ihm hingibt. Sieh, liebe Schwe⸗
ſter, da kommt unſere Blaͤß zuruͤck und zieht eine große
Braune mit: nun haben wir zwei Kuͤhe für eine!”
178
!!. — !...... Te ET
Berengar
| inft lebte in der Lombardei ein Ritter, der die beſte
Frau des Landes zur Gattin hatte. Er ſelber aber
— war dumm, feige und großmaͤulig. Wenn er gut
gegeſſen hatte, gab es keinen beſſeren Ritter als ihn, der nur
zum Zeitvertreib drei bis vier Gegner mit dem Munde
niedermetzelte. Alltaͤglich, wenn es Abend wurde, ließ er
ſich praͤchtig wappnen; dann beſtieg er ſein Schlachtroß und
ritt ganz allein in den Wald. Sobald er dort angekommen
war, machte er halt und ſchaute ſich um, ob niemand ihn
belauſche. Dann haͤngte er ſeinen Schild an einen Baum
und verſetzte ihm mit dem bloßen Schwert gewaltige Schlaͤge,
ſo daß die Stuͤcke davonflogen. Hierauf trat er den Heim⸗
weg an, den Schild um den Hals gehaͤngt und die Lanze
geſenkt, als habe er wirklich ritterliche Taten vollbracht.
So kam er heim und erzaͤhlte dem ſtaunenden Volke, er habe
mit Mut und Kraft zwei Ritter getötet und ſich tapfer ge⸗
ſchlagen. Eines Tages hatte ihm ſein Weib einen funkelnagel⸗
neuen Schild und eine breite, lange, neue Lanze geſchenkt.
Wieder ritt er damit in den Wald und hieb mit ſolcher Wucht
auf den armen Schild, daß man haͤtte glauben koͤnnen, an
dreißig Ritter kaͤmpften miteinander. Damit man ihm um ſo
eher Glauben ſchenke, zerbrach er ſeine Lanze und brachte
nur ein Trumm mit heim. Seine Frau verwunderte ſich ſehr,
daß er ſo bald zuruͤckgekommen ſei, und doch war ſein Schild
zerhauen, als kaͤme er von einem Tournier. „Herr,“ ſagte ſie,
„Euer Schild beweiſt, wo Ihr geweſen ſeid!“ „Frau, ich
traf ſieben ſtolze und tapfere Ritter, die mich bekaͤmpfen
wollten. Vier von ihnen habe ich ſo verwundet, daß ſie das
Aufſtehen vergaßen, und die drei andern ſind aus Furcht
geflohen.“ Der Dame kam dies nicht ganz geheuer vor, und
ſie beſchloß, ſich das naͤchſte Mal mit eigenen Augen von den
Heldentaten ihres Mannes zu uͤberzeugen. Am naͤchſten
Tage, als der Ritter zuruͤckkam, legte er ihr feine Arme um
den Hals und ſprach: „Frau, bei St. Omer, Ihr muͤßt Euch
12 *
179
gluͤcklich preiſen, da ihr den beſten Ritter von hier bis zur
Normandie zum Gatten habt.“ „Herr, ich liebe Euch, aber
noch mehr wuͤrde ich Euch lieben, wenn ich wuͤßte, daß Ihr
mir die Wahrheit ſagt.“ „Frau, daran zweifelt nicht! Ich
bin noch tüchtiger als ich mich preiſe, und habe mehr Mut
und Kraft, als ich Euch ſage.“ Der Ritter umarmte und kuͤßte
die Dame, dann gingen ſie zum Eſſen und, als ſie geſaͤttigt
waren, ins Bett. Als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand,
erhob ſich der Ritter, legte Kleider und Schuhe an und for⸗
derte ſeine Waffen. Nachdem er ſeine Ruͤſtung angelegt
hatte, ſprach er: „Fahr wohl, mein teures Lieb! Ich gehe,
Aventiure in jenem Wald zu ſuchen. Wiſſet, wenn ich einen
Mann treffe, der es wagt, mit mir zu tjoſtieren, jo wird er
mir nicht entgehen: er muß tot oder gefangen ſein.“ „Herr,“
entgegnete die Dame, „bleibt dieſer edlen Worte eingedenk!“
Darauf beſtieg der Ritter ſein Schlachtroß und ritt in den
Wald. Ä
Die Dame aber nahm ſich vor, ihm nachzugehen um zu
erſpaͤhen, wie es mit ſeinem Mut und ſeiner Ritterſchaft be⸗
ſtellt ſei. Sie kleidete ſich wie ein Ritter; den Harniſch auf
der Bruſt, das Schwert gezogen und den Helm auf dem
Kopf, ſo ſtieg ſie zu Pferd. Solange ritt ſie, bis ſie in den
Wald kam, wo ſie alsbald ihren Gatten bemerkte, der gerade
dabei war, ſeinen Schild zu zerfetzen, womit er einen ſolchen
Laͤrm verurſachte, daß der ganze Wald davon widerhallte.
Als die Dame ſeiner anſichtig wurde, rief ſie ihn ſchon von
weitem an: „Vaſall, was ſuchſt du in meinem Walde? Und
was raͤchſt du dich an deinem Schild, der dir nichts Boͤſes ge⸗
tan hat? Dieſer arme Schild kann ſich nicht verantworten,
ſo will ich ſeine Verteidigung uͤbernehmen. Ihr muͤßt Euch
unverzuͤglich mit mir ſchlagen, anders entkommt Ihr mir
nicht!“ Der Ritter erſchrak wie noch nie; ſogleich hielt er im
Schlagen inne und betrachtete ſich den, der ihm drohte. Vor
Angſt entfiel das Schwert ſeiner Hand. Die Dame wandte
ſich gegen ihn und hieb ihn mit der flachen Klinge auf den
Helm, daß alles klapperte. Als der Ritter den Schlag fuͤhlte,
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glaubte er, er muͤſſe ſterben und fand ſchreckensſtarr, fo daß
ihm ein kleines Kind die Augen haͤtte aus dem Kopf reißen
koͤnnen, ohne daß er ſich gewehrt haͤtte. „Flink, Vaſall!“
feuerte ihn die Dame an, „kaͤmpft mit mir!“ Der Ritter
bettelte um Gnade: „Gnaͤdiger Herr, ich ſchwoͤre Euch bei
allen Heiligen, daß ich nie wieder dieſen Wald betreten werde
noch auch meinem Schild je wieder ein Leid antue. Laßt mich
nur auf mein Pferd ſteigen und davonreiten.“ „Ihr muͤßt
andere Saiten aufziehen,“ erwiderte ſie, „wenn Ihr mir ent⸗
kommen wollt. Es gibt nur ein Mittel, wie Ihr dem ſicheren
Tode entgehen koͤnnt: Ihr muͤßt meinen Hintern kuͤſſen.
Eine andere Rettung gibt es fuͤr Euch nicht.“ „Gnaͤdiger
Herr, ich werde Euer Gebot vollziehen. Steigt vom Roß
herunter!“ Die Dame ſtieg ab, trat zu ihm und hob ihre
Roͤcke auf. Der Ritter erſtaunte, denn nie in ſeinem Leben
hatte er bei einem maͤnnlichen Weſen einen ſo ſeltſam ge⸗
formten Hintern geſehen. Trotzdem kniete er unverzuͤglich
nieder und kuͤßte den ihm vorgehaltenen Koͤrperteil. Darauf
fragte er den Fremden nach Name und Heimat. „Vaſall, was
habt Ihr danach zu fragen? Ich komme aus fernen Landen
und habe hier keine Sippe. Man nennt mich Berengar au
long cul, und mein Wahlſpruch iſt: Schmach allen Feig⸗
lingen!“ Nach dieſen Worten beſtieg die Dame wieder ihr
Roß und ritt heim. Sogleich ließ ſie ihren Liebhaber kommen,
empfing ihn zaͤrtlich und legte ſich mit ihm ins Bett wo ſie
ſich guͤtlich taten. Kurz darauf kam der Ritter zuruͤck und
ſprach: „Ich habe die Welt von denen geſaͤubert, die meine
Widerſacher waren. Sie liegen zerſchmettert am Boden.“
Nun betritt er das Schlafgemach und findet ſeine Gattin, die
ihn nicht einmal einer Antwort wuͤrdigt, in den Armen ihres
Liebhabers. Er wurde zornig und drohte: „Frau, ich werde
Euch töten, weil Ihr bei einem fremden Manne liegt.“ Sie
aber antwortete: „Schweig, Schlappſchwanz, und huͤte dich,
je davon zu reden; denn wenn du den Mund noch einmal
auftuſt, ſo gehe ich morgen fruͤh zu Herrn Berengar au long
eul, der ſich zweifellos meiner annehmen wird.“ Als der
181
Ritter dies hörte, wunderte er ſich fo ſehr, wie er ſich noch
nie in ſeinem Leben gewundert hatte. Er merkte, daß die
Dame alles wußte, was ihm zugeſtoßen war, und ließ ſie in
Zukunft gewaͤhren.
Conſtant du Hamel
err Conſtant von Hamel hatte eine Frau namens
Iſabeau, die Beſte, Schoͤnſte und Kluͤgſte im ganzen
Lande. Der Pfarrer des Ortes ließ es ſich angelegen
ſein, um ihre Gunſt zu werben, oft ſprach er mit ihr und
bat ſie um ihre Liebe; er ſagte, wenn ſie ſeine Liebſte werden
wolle, ſo wuͤrde er ihr Gold und Edelſteine geben. Aber die
Dame blieb ſeinen Werbungen gegenuͤber taub: „Herr, ich
habe ſagen hoͤren, daß Pfaffenhuren Gottes Liebe verlieren.“
Der Pfarrer ließ nicht ab und bot ihr zwanzig Pfund Silber,
wenn ſie ihm zu Willen ſein wolle, aber es nuͤtzte ihm alles
nichts. Traurig machte er ſich von dannen, denn Amors
Pfeil hatte ihn tief ins Herz getroffen.
Nun hoͤrt vom Profoß der Stadt, der die Gefaͤngniſſe unter
ſich hatte. Auch dieſer verſuchte die Frau und ſprach: „Ha,
Herrin, es kraͤnkt mich, daß dieſer Flegel Euch in ſeiner Hut
hat. Wenn ich an Eurer Stelle wäre, das hoͤlliſche Feuer
ſollte mich brennen, wenn ich ihm nicht Hoͤrner aufſetzen
wuͤrde. Seht, wie grob und ungeſchlacht er iſt: er raſiert
ſich nicht, ſchert ſich nicht und waͤſcht ſich nicht. Nehmt mich
zu Eurem Freund! Ich gebe Euch zehn Pfund Silber, wenn
Ihr mir gefaͤllig ſein wollt!“ „Herr,“ erwiderte die Frau,
„das darf nicht ſein. Behaltet Euer Geld, Herr Conſtant iſt
Manns genug, mich zu ernaͤhren. Ich wuͤrde uͤbel tun, wenn
ich ihm um Geld und Gut untreu werden wollte.“ Nieder⸗
geſchlagen uͤber ſeinen Mißerfolg kehrte der Profoß heim und
gedachte ihres ſchlanken Leibes, ihres lieblichen Antlitzes,
ihrer blauen Augen und ihres kleinen Muͤndleins.
Andern Tags ging die Frau in die Meſſe. Auf dem Heim⸗
wege begegnete ihr der Foͤrſter, der den Wald des gnaͤdigen
Herrn verwaltete, er war ein ſchoͤner, wohlgebauter Mann
182
Asse
!
und trug Bogen und Schwert. Er grüßte Die Dame und fie
erwiderte höflich feinen Gruß. Darauf zog er einen Gold»
ring vom Finger und ſprach: „Herrin, nehmt dieſen Ring
und gebt mir Urlaub, Eure roten Lippen zu kuͤſſen, deren
Suͤßigkeit mein Herz berauſcht.“ „Herr,“ erwiderte ſie, „be⸗
haltet Euren Ring! Ich will Euch nichts geſtatten, was
meinem Mann mißfallen koͤnnte. Übrigens beklagt ſich Eure
Frau, daß ſie nichts als Arger mit Euch haͤtte.“ Mit dieſen
Worten ließ ſie ihn ſtehen und er ging gluͤhend wie ein Kohlen⸗
feuer davon. Haͤtte man ihm den Kopf mit einem Kuͤchen⸗
meſſer ohne Waſſer raſiert und ihm die Haare einzeln aus⸗
geriſſen, ihm waͤre nicht aͤrger geſchehen als jetzt.
Eines Tages ereignete es ſich, daß der Foͤrſter, der Pfarrer
und der Profoß zuſammen zum Trinken gingen. Als ſie vom
Trinken warm geworden waren, ſagte der Profoß zum
Pfarrer: „Herr, was duͤnkt Euch um Frau Iſabeau? Man
koͤnnte ihretwegen ein Jahr lang faſten!“ „Wir ſind unter
uns,“ fiel der Foͤrſter ein, „wer ihren Mund kuͤſſen duͤrfte,
fuͤr den haͤtte der Tod keine Schrecken mehr!“ Der Pfarrer
erwiderte: „Was faſten, ſterben? Ihr ſeid nicht bei Sinnen!
Das braucht es nicht, um eine ſolche Frau zu umgarnen. Wer
ſie lieben will, muß es anders anſtellen, mag ſie doch nie⸗
manden erhoͤren. Man muß ſie aus ihrem Haus treiben, ſie
arm und elend machen, dann wird ſie ſchon zahm werden.
Sind wir drei nicht maͤchtig genug, um Herrn Conſtant klein
zu kriegen? Ihr muͤßt ihn von der einen Seite zwicken und
ich zwicke ihn von der andern. Wenn wir drei zuſammen⸗
halten, ſo muͤſſen wir Erfolg haben.“ Mit dieſen Worten
waren alle einverſtanden und ſie gingen ſeelenvergnuͤgt aus⸗
einander.
Es kam der Sonntag und der Pfarrer predigte: „Alle die
ihr in dieſem Gotteshauſe ſeid, um Gott dem Herrn zu dienen,
Maͤnner und Frauen, hoͤrt! Seht da, Herrn Conſtant von
Hamel, der mit Frau Iſabeau vermaͤhlt iſt. Er hat ſeine
Baſe geheiratet und man hat dem Erzbiſchof daruͤber be⸗
richtet. Dieſer hat mich beauftragt, ihn morgen von ſeiner
188
Frau zu ſcheiden, und übermorgen muͤſſen fie die Gemeinde
verlaſſen, denn das Geſetz duldet ſie hier nicht laͤnger. Herr
Conſtant, verlaßt ſogleich die Kirche, denn ich kann keine
Meſſe leſen, ſolange Ihr das Gotteshaus durch Eure ſuͤndige
Gegenwart entweiht.“ Herr Conſtant verließ blaß vor Zorn
und Scham den Dom und begab ſich in die Wohnung des
Pfarrers. „Um Gottes willen, lieber Herr,“ redete er den
Pfarrer an, als dieſer aus der Kirche kam, „gebt meine Habe
der Kirche und laßt mich in Frieden leben!“ „Wieviel willſt
du geben?“ „Herr, ich biete Euch ſieben Pfund!“ „Wann?“
„Am Mittwoch!“ „Dann eile dich, ſie zu bezahlen! Du mußt
ſchon gewaltiges Gluͤck haben, wenn du ſo davonkommſt.“
Herr Conſtant kehrte heim und legte die Arme um den
Hals ſeiner Frau: „Frau,“ ſagte er, „ich bin ſchlecht daran.
Wenn wir zuſammenbleiben wollen, muß ich dem Pfarrer
ſieben Pfund Silber geben, ſonſt treibt er uns aus der Ge⸗
meinde. Woher ſoll ich das Geld nehmen?“ „Sorg dich um
nichts, Lieber,“ entgegnete die Frau, „ich werde ihn bezah⸗
len. Ich weiß wohl, was das bedeutet, aber kuͤmmere dich
nicht, ſondern laß uns zum Eſſen gehen!“
Kaum waren ſie mit dem Eſſen fertig, ſo erſchien ein Bote
des Profoſſen: „Erhebt Euch ſchnell, Herr Conſtant,“ ſagte er,
„und folgt mir vor Gericht!“ Herr Conſtant ging alſo zum
Profoß, und dieſer ſchnaubte ihn an, noch ehe er ihn begruͤßt
hatte: „Schurke, der Galgen iſt fuͤr dich zu niedrig!“ Dann
wandte er ſich an ſeinen Schreiber: „Geh und ſag dem
gnaͤdigen Herrn, daß wir den Dieb erwiſcht haben, der ſeinen
Weizen geſtohlen hat.“ Herr Conſtant verſicherte ſeine Un⸗
ſchuld, aber da kam er ſchoͤn an: „Das find Ausfluͤchte“, grollte
der Profoß, „man hat deine Spur bis zum Tor deines Ge⸗
hoͤftes verfolgt.“ „Herr, irgend jemand muß mich verleumdet
haben. Nehmt von meiner Habe, was Ihr wollt, und erſpart
mir die Schande!“ „Was wuͤrdeſt du dem gnaͤdigen Herrn
geben, wenn ich dich laufen ließe?“ „Herr, ich will ihm
zwanzig Pfund Silber geben.“ „Gut, geh nach Hauſe, ich
will für dich eintreten.“
184
Während er noch auf dem Heimwege begriffen war, ſtuͤrzte
ihm fein Verwalter Robert entgegen. „Was haft du? Was
laͤufſt du ſo?“ fragte ihn fein Herr. „Herr, uns iſt Unglüd
widerfahren! Der Foͤrſter treibt Eure Ochſen fort, er ſagt,
Ihr haͤttet ihm vorige Woche naͤchtlicherweile drei Eichen aus
dem Wald geſtohlen.“ „Gott!“ ſeufzte Herr Conſtant, „heute
habe ich einen ſchlechten Tag!“ Dann warf er ſeinen Mantel
ab und lief hinter dem Foͤrſter her: „Mein Gott, lieber Herr,
hoͤrt mich!“ „Ha, Schuft, huͤte dich, mir naͤher zu kommen!
Glaubſt du, mich mit einem Kaͤſe und fuͤnf Eiern zu beſaͤnf⸗
tigen? Es ſoll dir teuer zu ſtehen kommen, das Holz, das
du mir um Mitternacht entwendet haſt!“ „Herr,“ rief Herr
Conſtant in Wut, „Ihr luͤgt! Haͤtte ich nur eine Waffe, ich
wollte Euch zu Brei zerſchlagen!“ „Was, Ruͤpel, drohſt du
mir noch? Warte, das ſoll dir ſchlecht bekommen!“ „Herr,“
verlegte ſich der Arme nun aufs Bitten, „habt Mitleid mit
mir! Ihr haͤttet keinen Nutzen davon, wenn Ihr mich vor
Gericht ſchleppen wolltet! Hoͤrt! Ich habe hundert Groſchen
in meiner Kammer, nehmt ſie und gebt mir meine Ochſen
wieder!“ „Wann kann ich ſie haben?“ „Am Donnerstag!“
„Gewiß?“ „Ich verſichere Euch!“ „Gut, ich will mich damit
zufrieden geben. Du kannſt dein Vieh wieder heimtreiben.“
Herr Conſtant kam ſchwankend nach Hauſe und ſagte nicht
papp und nicht happ, ſondern ließ ſich ſtumm auf ein Bett
fallen. „Herr, was iſt Euch geſchehen?“ fragte Frau Iſabeau.
„Frau, ſeit ich geboren bin, ift es mir nicht fo ſchlecht ergangen
wie heute.“ Dann erzaͤhlte er ſeiner Frau ſein Mißgeſchick
und wie er ſich mit Geldverſprechungen losgekauft habe. „Ich
habe wohl Grund, bekuͤmmert zu fein, ſchloß er, „denn wo⸗
her ſoll ich das Geld nehmen? Ich muß mein Korn ver⸗
kaufen, von dem wir den Winter uͤber leben wollten.“ „Herr,
graͤmt Euch nicht,“ ſagte die kluge Frau, „Ihr braucht Euer
Korn nicht zu verkaufen. Ich werde Euch aus der Schlinge
herausziehen und die anderen darin fangen.“ So muͤhte ſie
ſich, ihn zu troͤſten und dann ſetzten ſie ſich zum Abendeſſen.
Am anderen Morgen ging Herr Conſtant auf ſeinen Acker,
185
feine Frau aber rief ihrer Magd: „Galestrot, bereite mir ein
Bad!“ Und als das Bad geheizt war, ſprach fie weiter:
„Galestrot, geh zum Herrn Pfarrer, der mich ſo umwirbt,
und ſag ihm, daß ich bereit bin, ihm zu dienen, wenn er mir
ſein Verſprechen haͤlt, das heißt, wenn er die zehn Pfund und
die verſprochenen Kleinodien mitbringt.“ Nie iſt eine Kuh,
die eine Fliege ſticht, ſo ſchnell gelaufen, wie Galestrot zum
Pfarrer lief: „Herr, ſo lange habe ich gearbeitet, bis ich meine
Herrin herumgekriegt habe. Herr, es iſt mir gelungen, meine
Herrin zu verleiten, daß ſie Euch gefaͤllig ſein will, nun er⸗
weiſt auch Ihr Euch freigebig und edel. In Monaten waͤret
Ihr nicht ſoweit gekommen, wenn ich nicht mich ins Mittel
gelegt haͤtte.“ Der Pfarrer nahm die Magd lachend in feine
Arme: „Galestrot, da ſind zwanzig Groſchen fuͤr einen
Morgenrock! Iſt der Bauer daheim?“ „Nein, der Feigling
iſt fort!“ Dann ſchob ſie die zwanzig Groſchen in ihren Buſen
und verließ den Kaplan. Dieſer lief nach ſeinem Geld, ſteckte
Hunderte und Tauſende von Mark zu ſich und fuͤllte einen
ganzen Beutel mit Edelſteinen und Kleinodien, ſo daß er
auf dem Wege unter der Laſt keuchend mehrfach ſtehenbleiben
mußte. Frau Iſabeau ging dem Pfarrer entgegen und be⸗
fahl ihrer Magd: „Geh und zieh dem Herrn Pfarrer die
Schuhe aus; er ſoll zuerſt baden, dann werde auch ich in
den Zuber ſteigen und wir werden unſere Luſt miteinander
haben.“ „Frau,“ ſagte der Pfarrer, „ich wage Euch nichts
abzuſchlagen.“ Ihr erſtes war, daß ſie ihm den Beutel ab⸗
nahm und unters Bett warf, ohne ſich die Muͤhe zu nehmen,
den Inhalt zu zaͤhlen. As der Pfarrer im Bade ſaß, packte
ſie ſein Gewand mitſamt dem Geld zuſammen und warf es
geſchwind in ihre Kammer, wo es Galestrot in Sicherheit
brachte. Hierauf ſagte ſie zu ihrer Magd: „Geh und hole mir
den Profoſſen! Sage ihm, daß er mir ſchnell das bringen
ſoll, was er verſprochen hat.“
Die Magd eilte mit fliegenden Pantoffeln zum Profoß,
begruͤßte ihn ehrfurchtsvoll und ſagte ganz ungeniert: „Herr
Profoß, Euer Reichtum nuͤtzt mir nicht viel, obwohl ich mit
186
EE r ³ÜWA ↄ A ⁵⁵˙ͤoVv; 8—
Euch verwandt bin. Aber trotzdem habe ich Euch einen Ge⸗
fallen erwieſen, fuͤr den ich wohl ein kleines Trinkgeld ver⸗
dient habe. Ich bin meiner Herrin ſo lange angelegen, bis
ſie ſich bereit erklaͤrt hat, Euch zu Willen zu ſein. Aber eilt
Euch und vergeßt vor allem nicht das, was Ihr letzthin ver⸗
ſprochen habt. Meine Herrin iſt in großer Geldverlegenheit,
aber ſie wird Euch Euer Darlehen mit Zinſen zuruͤckzahlen.“
Als der Profoß hoͤrte, daß die Sache fuͤr ihn gut ſtand, er⸗
widerte er: „Galestrot, liebe Freundin, ich werde nie ver⸗
geſſen, daß du mir ſo gut gedient haſt! Hier ſind zwanzig
Groſchen zu einem Mantel!“ Er warf ihr das Geld in den
Schoß und folgte ihr auf dem Fuße an die Tuͤr Frau Iſa⸗
beaus. „Mein Gott, es klopft!“ rief dieſe, „das iſt entſetz⸗
lich! Da kommt mein Mann!“ „Frau, um des Erloͤſers
willen,“ zeterte der Pfarrer, „was ſoll ich tun? Euer Gatte
iſt von roher Gemuͤtsart und ohnehin ſchlecht auf mich zu
ſprechen.“ „Herr, entgegnete fie, „fürchtet nichts! Verſteckt
Euch in jener Tonne, die nichts als weiche Federn enthaͤlt!“
Der Prieſter ſprang hurtig, nackt wie er war, in die unge⸗
heure Tonne und ſchlug den Deckel hinter ſich zu. Darauf
trat der Profoß ein und wollte Frau Iſabeau kuͤſſen. „Herr,“
wehrte ſie ihn, „wir koͤnnten beobachtet werden. Die Scham
macht mich feige, aber bald wird mir die Liebe Mut geben.“
„Frau,“ ſagte er, „ich habe alles Geld, das ich zuſammen⸗
raffen konnte, mitgebracht!“ Sie nahm ihm die gefüllte Geld⸗
katze ab und ließ ſie in ihre Kammer verſchwinden. Darauf
hieß ſie den Profoſſen in den Badezuber treten, nahm ihm
ſeine Kleider weg und ſprach zur Magd: „Geh und hole mir
den Foͤrſter! Sage ihm, was du willſt; vor allem aber ſoll
er den Ring mitbringen, den er mir neulich anbot.“
Als die Magd den Foͤrſter gewahrte, ſagte ſie mit ſanfter
Stimme: „Kommt und troͤſtet meine Herrin! Sie quaͤlt ſich,
weil ſie Euch das vorige Mal abwies, denn ich habe ſie ſo
lange bearbeitet, bis fie für Euch ergluͤht iſt. Vergeßt übrigens
nicht, den bewußten Ring mitzubringen; meine Herrin wird
ſich dafuͤr erkenntlich zeigen.“ Der Foͤrſter machte vor Freude
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einen Luftſprung: „Galestrot, das haft du gut gemacht! Hier
ſind zehn Groſchen fuͤr einen Schleier!“ Als der Foͤrſter an
die Tuͤre klopfte, rief Frau Iſabeau: „Mein Gott, es klopft!
Es uͤberlaͤuft mich kalt! Da kommt mein Mann!“ Der Pro⸗
foß erſchrak, denn er fuͤrchtete Herrn Conſtant außerordent⸗
lich. „Fuͤrchtet nichts,“ ſagte die Frau, „verbergt Euch dort,
bis mein Mann wieder fort iſt!“ Sie oͤffnete die Tonne,
der Foͤrſter ſprang mit geſchloſſenen Fuͤßen hinein und haͤtte
dabei beinahe den Pfarrer umgebracht. „Gott,“ rief dieſer,
„kommen die Teufel heruntergefahren?“ „Ach,“ ſagte der
Profoß, „ich bin betrogen.“ „Betrogen, bei den Angſten
Chriſti? Wer biſt du?“ „Und du?“ „Der Pfarrer! Heute
ſind alle Teufel losgelaſſen, mich zu quaͤlen. Wer biſt denn
du?“ „Der unſelige Profoß!“ „Der Profoß? Dann iſt mir
wieder beſſer!“ Sie erzaͤhlten nun einander ihr Abenteuer,
waͤhrend der Foͤrſter heiteren Gemuͤtes in die Stube trat.
Die Frau ſchmiegte ſich an ihn und ſchmeichelte ihm ſo lange,
bis er ihr den Ring gab, dann ließ ſie ihn ins Bad ſteigen.
Als die Kleider des Foͤrſters in Sicherheit gebracht waren,
mußte die Magd Herrn Conſtant holen, der ſogleich in das
Gehöft trat. „Weh mir! Ich bin verloren! Da kommt mein
Mann!“ Geſchwind nahm ſie den Deckel von der Tonne und
ließ den Foͤrſter hineinſpringen. Er traf den Pfarrer auf
der Bruſt und bog dem Profoſſen das Ruͤckgrat krumm, aber
keiner wagte ſich zu muckſen. Herr Conſtant trat ein, eine ge⸗
waltige Axt in der Hand ſchwingend. Seine Frau nahm ihn
beiſeite und erzaͤhlte ihm die ganze Geſchichte. Der Bauer
packte die Axt feſter und trat mit zornfunkelnden Augen an die
Tonne: „Beim Teufel,“ fluchte er, „was iſt das? Wer hat
Federn in meine Tonne gefuͤilt, in der ich mein Korn auf⸗
bewahren wollte? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich ſie
nicht verbrenne! Er nahm ein brennendes Scheit und ſteckte
es durch das Spundloch in die Federn, welche ſogleich auf⸗
flammten, worauf die drei Nackten mit gewaltigem Laͤrm und
Geſchrei herausſprangen und davonliefen. Sie waren uͤber
und uͤber mit Federn bedeckt und man wußte nicht, was vorn
188
und hinten bei ihnen war. Herr Conſtant ergriff einen dicken
Knotenſtock und lief ihnen nach, indem er ſeine Hunde hetzte:
„Kſch, Tyras! Pack, Nero! Bei der Seele meines Vaters,
ich moͤchte die Koͤpfe dieſer Schufte meinem gnaͤdigen Herrn
vorweiſen!“ Die drei Liebhaber flohen, doch die Hunde hol⸗
ten ſie ein, der eine packte den Profoß bei den Waden, der
zweite den Foͤrſter bei den Schenkeln und der dritte den
Pfarrer an einem noch empfindlicheren Koͤrperteil. „Hilfe,
Hilfe! Herr Conſtant,“ ſchrie der Pfarrer, „Um Gottes willen,
laßt mich nicht von dieſen Hunden gefreſſen werden, ich will
auch nie wieder einen Pfennig von Euch verlangen!“ Herr
Conſtant ließ die drei beim Kreuz, beim Pſalter und bei allen
Heiligen ſchwoͤren, daß ſie in Zukunft uͤber ihn und ſeine Frau
nichts anderes mehr als Gutes reden wollten, darauf ver⸗
abreichte er jedem eine tuͤchtige Tracht Pruͤgel und pfiff ſeinen
Hunden. Die drei Geſellen durften, aus mehreren Wunden
blutend und begafft von der inzwiſchen herzugeeilten Menge,
heimgehen. Frau Iſabeau aber und ihr Gatte hatten Geld
wie Heu und lebten von nun an in Friede und Freude.
. Der Bauer als Arzt
ar einſt ein reicher Bauer, doch von niedrigem
und habgierigem Weſen. Er beſaß Wein, Brot
und Fleiſch und alles, was man zum Leben
braucht, doch tadelten ſeine Freunde, daß er unbeweibt ſei.
Er beſchloß alſo, die erſtbeſte zu heiraten, und jene ver⸗
ſprachen, ihm eine gute Partie zu verſchaffen.
Es lebte im Lande ein Ritter, ein alter verwitweter Mann,
der hatte eine ſchoͤne und wohlgebildete Tochter, die aber
ihrer Armut wegen niemanden fand, der um ihre Hand ge⸗
beten haͤtte. Zu dieſem Ritter gingen die Geſippen des
Bauern und baten ihn fuͤr jenen, der an Hab und Gut reich
ſei, um ſeine Tochter. Der alte Mann war mit der Heirat
einverſtanden und die verſtaͤndige Jungfrau wagte ihrem
Vater nicht zu widerſprechen. Die Hochzeit fand alſo bald
darauf ſtatt.
189
Aber bald überlegte ſich der Bauer, daß er ſchlecht gefahren
ſei, eine Ritterstochter paßte nun einmal nicht zu ſeinem
Handwerk. Wenn er aus dem Hauſe gehen wuͤrde, ſo dachte
er bei ſich, dann wuͤrde der Kaplan kommen und ihm ſeine
Frau abſpenſtig machen wollen, wenn er auf dem Acker ſei,
dann wuͤrde irgendein junger Laffe auf der Straße warten,
und die beiden wuͤrden ihre Luſt miteinander haben. Kurz,
er wußte ſich keinen Rat mehr und bereute die ſchnelle Heirat.
Schließlich fiel ihm etwas ein, das ihn vor Schaden be⸗
wahren koͤnne: „Ich werde ſie pruͤgeln,“ ſagte er bei ſich,
„Sobald ich mich am Morgen erhebe, dann wird ſie den ganzen
Tag weinen, aber das ſtoͤrt mich nicht, weil ich an meine Ar⸗
beit gehe. Solange ſie aber weint, wird ſich niemand um
ihre Gunſt bewerben. Abends, wenn ich heimkomme, werde
ich ſie um Verzeihung bitten und wieder froh machen.“ Am
anderen Morgen ließ er ſich alſo von ſeiner Frau Brot, Eier
und Kaͤſe auftragen, und als das Eſſen abgeraͤumt war, ſchlug
er fie fo gottsjaͤmmerlich ins Geſicht, daß man die Spuren
ſeiner Finger auf ihren Wangen ſah. Nach dieſer Tat ging
er geſchwind aufs Feld und die Arme blieb in Traͤnen zuruͤck.
„Ach, was ſoll ich tun“, klagte ſie, „mein Vater hat mich
verraten, als er mich dieſem Flegel gab. Ach, warum ſtarb
meine Mutter ſo fruͤh?“ Den ganzen Tag uͤber blieb ſie
untroͤſtlich, und alle Leute, die kommen wollten ſie zu be⸗
ſuchen, kehrten wieder um. Ihre Traͤnen floſſen, bis die
Sonne unterging. Da kam der Bauer heim, fiel vor ſeiner
Frau auf die Knie und bat ſie um Vergebung. „Ich ver⸗
ſichere Euch, daß ich Euch nie wieder ſchlagen werde. Der
boͤſe Feind verfuͤhrte mich dazu!“ Die Dame verzieh ihm
ſchließlich und gab ihm ſein Abendeſſen, darauf gingen ſie in
Frieden zu Bett.
Andern Tags ging der Bauer wieder auf den Acker, nach⸗
dem er zuvor ſeiner Frau einen derben Schlag verſetzt und
ſie an den Haaren gezogen hatte. „Ach, er weiß nicht, wie
Schlaͤge tun,“ klagte ſie, „ſonſt wuͤrde er mich e ſo
pruͤgeln!“
190
Waͤhrend fie ſo jammerte, ſiehe, da kamen zwei Boten des
Koͤnigs auf weißen Zeltern herangeritten und baten die Frau
um ein wenig Speiſe. Sie gab ihnen gern, was ſie hatte
und fragte ſie ſodann: „Woher, ihr Herren, und wohin?
Sagt mir, wen ihr ſucht!“ Der eine erwiderte: „Frau, wir
ſind Boten des Koͤnigs, ausgeſandt, um einen Arzt zu
ſuchen?“ „Warum?“ „Fraͤulein Ada, die Koͤnigstochter, iſt
krank, ſchon ſeit acht Tagen hat ſie nichts gegeſſen noch ge⸗
trunken, denn eine Fiſchgraͤte blieb ihr in der Kehle ſtecken.
Der Koͤnig iſt außer ſich uͤber ihr zu befuͤrchtendes Ableben.“
Die Dame ſprach: „Wenn ihr einen Arzt ſucht, ſo braucht ihr
nicht weit zu gehen, denn mein Gatte verſteht von der Heil⸗
kunſt mehr als der ſelige Hippokrates.“ „Frau, ſpottet Ihr?“
„Durchaus nicht! Aber es iſt ſeine Gewohnheit, daß er nichts
tut, wenn man ihn nicht zuvor durchblaͤut.“ Die Boten ſporn⸗
ten ihre Roſſe und ſuchten den Bauern auf. „Kommt ſo⸗
gleich zum König!” entboten ſie ihm. „Warum?“ „Um Eure
Kunſt auszuuͤben. Es gibt auf der weiten Erde keinen ſo guten
Arzt wie Ihr ſeid und wir kommen aus der Ferne her, Euch
zu ſuchen.“ Als der Bauer dieſe Worte vernahm, zweifelte
er am Verſtand dieſer Leute und ſtammelte, er verſtehe da⸗
von nicht das geringſte. „Worauf warten wir noch?“ ſagte
der eine Bote zum anderen, „du haſt gehoͤrt, daß er ge⸗
ſchlagen ſein will, ehe er ſeine Kunſt ausuͤbt.“ Der eine
ſchlug ihn alſo ins Geſicht und der andere mit einem dicken
Stock uͤber den Ruͤcken. Sie taten ihm allen moͤglichen
Schimpf an und ſchleppten ihn dann vor den Koͤnig. „Habt
ihr nichts gefunden?“ fragte dieſer. „Doch, Herr!“ ſprachen
beide zugleich und der Bauer zitterte vor Angſt. Sie er⸗
zaͤhlten dem Koͤnig die guten Eigenſchaften, die der Bauer
habe, doch ſei er eigenſinnig und ſtiernackig, denn er taͤte
nichts, um was man ihn bitte, außer man blaͤue ihn zuvor.
„Meiſter,“ ſagte der König zu unſerem Helden, „ich werde
meine Tochter holen laſſen, damit du an ihr deine Kunſt,
deren fie dringend bedarf, ausuͤbſt.“ Der Bauer bat um
Gnade: „Herr, beim wahren Gott, ich verſtehe nichts von
191
der Heilkunſt!“ „Das wundert mich,“ ſprach der König,
„prügelt ihn!“ Die Diener ſprangen auf den Armen zu und
erfüllten mit Wolluſt den Befehl ihres Herrn. Als der Bauer
die Schläge ſpuͤrte, winſelte er: „Ich will fie augenblicklich
heilen!“ Die bleiche Jungfrau wurde in den Saal gefuͤhrt,
und der Bauer dachte nach, wie er es anſtellen folle, fie zu
kurieren, denn er wußte wohl, daß man ihn toͤten wuͤrde,
wenn ihm die Heilung nicht gelange. Er ſprach alſo zum
Koͤnig: „Macht mir ein Feuer an einem abgelegenen Ort,
dann ſollt Ihr ſehen, was ich tue, und wenn es Gott gefällt,
werde ich ſie heilen.“ Der Koͤnig ließ ſogleich ein Feuer an⸗
zuͤnden und die Jungfrau ſetzte ſich neben die Glut auf einen
Seſſel. Der Bauer aber ſetzte ſich auf den Boden neben die
Flammen, zog ſich nackt aus und begann mit ſeinen langen
Nägeln feine lederne Haut allerorts zu kratzen und zu krallen.
Dabei fuchtelte er ſo ſpaßig mit ſeinen duͤrren Spinnen⸗
armen herum und verzog ſo drollig ſein Geſicht, daß die
Prinzeſſin lachen mußte, und dieſes Lachen veranlaßte, daß
ihr die Graͤte aus dem Munde flog. Der Bauer zog ſich
ſogleich wieder an, ergriff die Graͤte und zeigte ſie dem Koͤnig:
„Herr, mit Gottes Hilfe habe ich Eure Tochter geheilt! Seht
hier die Graͤte! ! Der König freute ſich gewaltig Darüber und
ſprach: „Du biſt mir über alles wert! Du ſollſt Gold und
Kleider haben!“ „Danke, Herr, davon will ich nichts, ich
will nur ſchleunigſt heim!“ „Das ſollſt du nicht, du ſollſt
mein Leibmedikus und Berater ſein.“ „Gnade, Herr, in
meinem Haufe war kein Brot, als ich heute früh fortging;
ich muß Mehl zur Mühle bringen!“ Der König rief zwei
Burſchen: „Haut ihn, damit er bleibt!“ Als der Bauer die
Schlaͤge an Armen, Beinen und Schultern fuͤhlte, bettelte
er um Erbarmen: „Ich bleibe ja ſchon, laßt mich nur in
Frieden!“ Der Bauer mußte alſo am Hofe bleiben, wurde
geſchoren und raſiert und bekam ein Scharlachgewand.
Zur Geneſung der Tochter veranſtaltete der Koͤnig ein
großes Feſt, zu welchem alle Kranken des Landes erſchienen.
Jeder erzählte feine Leiden und der König rief den Bauer:
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*
—— — . — ne = nn =: En Ne ———— — . . —. n d ⁊ ⁊ y ⁊ðͤ v rt ne
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„Meiſter, hoͤrſt du? Nimm dich dieſer Leute an und heile
ſie mir ſogleich!“ „Gnade, Herr, es ſind ihrer zu viele, ich
kann ſie nicht alle auf einmal heilen!“ Der Koͤnig winkte
den zwei Burſchen, welche ſogleich ihre Stoͤcke ergriffen, denn
ſie wußten ſchon, was ſie ſollten. Als der Bauer ſie kommen
ſah, zitterte er: „Gnade, ich werde ſie unverzuͤglich heilen!“
Der Bauer ließ wieder Brennholz bringen und ein großes
Feuer im Saal entzuͤnden. Um den Brand verſammelte er
die Kranken und ſprach zum Koͤnig: „Herr, Ihr geht herunter,
und ebenſo alle, denen nichts fehlt.“ Nachdem der Koͤnig
mit ſeinem Gefolge den Saal verlaſſen hatte, ſprach der
Bauer zu den Kranken: „Bei Gott, ihr Herren, es iſt eine
große Kunſt, euch alle zu heilen. Ich werde nun denjenigen
von euch, der am aͤrgſten krank iſt, ausſuchen und in dieſem
Feuer zu Aſche verbrennen. Davon werden alle andern
Kranken Nutzen haben, denn wer von ſeiner Aſche genießt,
wird auf der Stelle geheilt werden.“ Da ſchaute der eine
Kranke den andern an, und es gab keinen Buckligen und
Waſſerſuͤchtigen, der zugegeben haͤtte, er habe die aͤrgere
Krankheit. Der Bauer ſagte zum erſten beſten: „Ich ſehe,
daß du ſehr ſchwach biſt, du biſt zweifellos der Kraͤnkſte von
allen!“ „Gnade, Herr, ich bin ganz geſund, ich fuͤhle mich
von langem Leiden vollkommen geheilt!“ „Dann geh her⸗
unter, was ſuchſt du hier noch?“ Der nahm ſogleich die Tuͤre
in die Hand und verſchwand. „Biſt du geheilt?“ fragte ihn
der Koͤnig. „Ja, Herr, Gott ſei Dank und Dank Eurem
Meiſter bin ich ſo geſund wie ein roter Apfel am Baum.“
Was ſoll ich weiter erzaͤhlen? Keiner wollte ins Feuer ge⸗
worfen werden, und alle machten ſich davon, gleich als ob
ſie geheilt waͤren. Der Koͤnig freute ſich gar ſehr und ſagte
zu ſeinem Arzt: „Lieber Meiſter, ich wundere mich, daß du
die Kranken ſo ſchnell kuriert haſt.“ „Herr, ich ‚habe ſie be⸗
hert. Ich kenne ein Zaubermittel, ſtaͤrker als Ingwer und
Zitrouan.“ Der Koͤnig ſprach: „Geh nun heim, wenn du
willſt, und nimm von meinem Gold, meinen Roſſen und
Hunden ſoviel dir beliebt, und wenn ich dich wieder holen
13 Franz. Märchen 1
193
laffe, jo wirft du meinen Willen tun und mir ein guter Be⸗
rater bleiben, den ich am meiſten wert halte von allen Leuten
dieſes Landes.“ „Danke, Herr,“ erwiderte der Bauer, „ich
bin fruͤh und ſpaͤt Euer Knecht und will es immer bleiben.“
Er verabſchiedete ſich vom Koͤnig und kam vergnuͤgt heim.
Aber auf ſeinen Acker brauchte er nicht mehr zu gehen, denn
er hatte Geld genug, und ſeine Frau ſchlug er auch nicht mehr,
ſond ern liebte fie und achtete fie.
Wie der Bauer ins Paradies kam
ine wunderbare Begebenheit geſchah einem Bauern.
Dieſer war an einem Freitag fruͤh geſtorben, aber
als ſich ſeine Seele vom Leibe trennte, erſchien kein
Engel und kein Teufel, niemand fragte nach ihm, niemand
befahl ihm irgend etwas. Seine angſtvolle Seele war ſehr
froh daruͤber und nahm den geraden Weg zum Himmel. Da
gewahrte ſie den Erzengel Michael, der gerade eine froh⸗
lockende Seele in die Ewigkeit trug. Der Bauer folgte dem
Flug des Engels und ſchluͤpfte hinter ihm her ins Paradies.
Sankt Peter, der die Himmelstuͤr bewacht, empfing die
Seele, die der Engel brachte, wies ihr den Weg zum Thron
des Allerhoͤchſten und wandte ſich dann wieder zur Pforte.
Da bemerkte er die einſame Seele und fragte ſie, wer ſie
hergefuͤhrt habe. „Hier kann keiner Herberge erhalten, den
nicht der Schiedsſpruch des Weltenrichters herwies. Über⸗
haupt kuͤmmern wir uns um keine Bauern, denn ſolche Flegel
kommen nicht hier herein.“ „Man kann nicht flegelhafter
ſein als Ihr, lieber Herr Petrus,“ erwiderte die Seele.
„Gott war ſchlecht beraten, als er Euch zu ſeinem Apoſtel
machte, er konnte auch wenig Ehre mit Euch einlegen, denn
Ihr habt Unſern Herrn dreimal verleugnet. Daher habt Ihr
eigentlich im Paradies gar nichts zu ſchaffen. Jetzt ſchaut,
daß Ihr weiter kommt, denn ich bin ein Ehrenmann und
werde ſchon beweiſen, daß ich ein Recht habe, hier zu bleiben.“
Petrus ging hoͤchſt aufgebracht davon und traf den heiligen
Thomas, dem er ſein Mißgeſchick erzaͤhlte. St. Thomas
194
ſprach: „Gott verhuͤte, daß der Ruͤpel hier bleibt, ich will
gleich mit ihm reden!“ Er begab ſich alſo zu dem Bauern
und redete ihn an: „Bauer, dieſe Gefilde ſind ausſchließlich
für uns, für die Märtyrer und Bekenner beſtimmt. Wo ſind
deine guten Werke, die dir einen Anſpruch auf das Paradies
geben koͤnnten? Verlaſſe augenblicklich die Wohnung der
Gerechten!“ „Thomas, Thomas, beſinne dich, ehe du ſprichſt!
Biſt du denn nicht der, der zu den Apoſteln ſagte, als Gott
ſich ihnen nach ſeiner Auferſtehung zeigte, du wuͤrdeſt nicht
eher an ihn glauben, als bis du deine Finger in ſeine Wunden
gelegt haͤtteſt? Das war falſch und kleinglaͤubig gehandelt!“
St. Thomas bekannte ſich als geſchlagen und beugte den
Nacken. Darauf begab er ſich zum heiligen Paulus und er⸗
zaͤhlte ihm ſein Mißgeſchick. St. Paulus ſprach: „Bei meinem
Kopf, ich werde hingehen und ſehen, was er mir antworten
wird.“ „Du, Seele!“ wandte er ſich dann an den Bauern,
der ſich inzwiſchen ganz gemuͤtlich im Paradies verluſtierte,
„wer hat dich hergefuͤhrt? Wo ſind deine Verdienſte, die dir
dieſe Tore oͤffnen koͤnnten? Verſchwinde eiligſt aus dem
Paradies, du truͤgeriſcher Spitzbube!“ „Was?“ erwiderte
jener, „St. Paulus? Woher nehmt Ihr den Mut zu ſolchen
Worten, der Ihr auf Erden einer der grauſamſten Wuͤrger
waret. St. Stephanus zeugt dafuͤr, den Ihr ſteinigen halfet.
Oh, ich koͤnnte Euch manches aus Eurem Leben erzaͤhlen!
Manch braver Mann iſt durch Euch zu Schaden gekommen,
bis Gott mit ſtrafender Hand Eurem Treiben Einhalt tat.
Erinnert Ihr Euch daran? Glaubt Ihr vielleicht, ich kenne
Euren Lebenswandel nicht?“ St. Paulus wandte ſich be⸗
ſchaͤmt ab und begegnete dem heiligen Thomas, der gerade
dem heiligen Petrus ins Ohr flüfterte, wie der Bauer ihn
aufs Eis gefuͤhrt habe. Alle drei beſchloſſen darauf, beim
lieben Gott Klage zu fuͤhren. „Durch ſeine Worte hat er uns
alle drei mattgeſetzt,“ erzaͤhlte Petrus ſeinem Meiſter, „ich
bin noch immer ganz wie vor den Kopf geſchlagen und moͤchte
am liebſten gar nicht mehr davon reden.“ Unſer Herr ging
nun hin, um ſich ſelber zu überzeugen. Er rief die Seele zu
13*
195
jich und fragte fie, wie fie ohne Erlaubnis da hineinkaͤme.
„Keine Seele kommt ohne Erlaubnis hierher,“ ſagte der
liebe Gott, „du haſt außerdem meine Apoſtel beſchimpft;
glaubſt du, du duͤrfteſt hierbleiben?“ „Herr, ich darf ebenſo⸗
gut hierbleiben, wie dieſe da, denn ich habe Euch nie ver⸗
leugnet, bin nie unglaͤubig geweſen und habe auch nie den
Tod von anderen Menſchen verurſacht. Das alles aber haben
jene bei Lebzeiten getan und ſind jetzt doch im Paradies.
Solange mein Leib auf Erden wandelte, gab ich den Armen
von meinem Brot, waͤrmte ſie an meinem Feuer und ließ
ſie an Kleidung keinen Mangel leiden. Ich beichtete und
empfing das Abendmahl, und wer ſo ſtirbt, das habt Ihr
ſelber gepredigt, dem vergibt Gott ſeine Suͤnden. Ihr wißt
ganz genau, ob ich die Wahrheit rede. Ich bin ohne Wider⸗
ſpruch hier hineingekommen. Warum ſoll ich wieder hinaus,
nachdem ich einmal drin bin? Ihr wuͤrdet Eure eignen
Worte verleugnen, denn Ihr habt geſagt, wer hier eingeht,
der geht nicht wieder heraus. Wollt Ihr um meinetwillen
Luͤgen geſtraft werden?“ „Bauer,“ ſagte Unſer Herr, „ich
gebe alles zu, ſonſt machſt du mein ganzes Paradies rebelliſch.
Du mußt auf einer guten Schule geweſen ſein, denn du ver⸗
ſtehſt die Advokatenkniffe vortrefflich. Nun gehe ein in
Frieden, weil Liſt immerhin beſſer iſt als Gewalt.“
196
— nn.
—
Vierzehntes und fuͤnfzehntes Jahrhundert
19. Das Maͤrchen von der ſchoͤnen Zelandine
8 war ein einmal ein fahrender Ritter mit Namen
roylus, der zog von Abenteuer zu Abenteuer durch
die Welt. So gelangte er einſtmals auf ſeinen Fahr⸗
ten auf eine Inſel, welche dem bretoniſchen Feſtlande vor⸗
gelagert war und kehrte im Schloſſe des Herren dieſer Inſel,
welcher Zeland hieß, ein. Troylus ſchloß mit deſſen Sohn
Zelandin einen Freundſchaftsbund und erkor die liebliche
Zelandine, die Tochter des Schloßherrn, zur Dame ſeines
Herzens; und auf ſeinen weiteren Fahrten — denn nicht
lange hielt es ihn im gaſtlichen Hauſe des Herrſchers —
brach er manche Lanze ihr zu Ehren.
Schließlich trieb ihn die Sehnſucht in die Heimat Zelan⸗
dinens zuruͤck. Da er vor Einbruch der Nacht das Schloß
ihres Vaters nicht mehr erreichen konnte, nahm er im Hauſe
einer vornehmen Dame Quartier und erkundigte ſich nach
ſeinem Freunde Zelandin, denn nach der Jungfrau ſelbſt
zu fragen, traute er ſich nicht. „Herr,“ ſagte die Dame, „der
Ritter, von dem Ihr da ſprecht, iſt nicht hier, ſondern Hält ſich,
wie man ſagt, auf dem bretoniſchen Feſtlande auf. Er iſt
im Auftrage ſeines Vaters Zeland eilends dorthin gereiſt,
denn ſeine Schweſter iſt ſchwer erkrankt, und niemand kennt
ein Heilmittel fuͤr ſie. Dieſerhalb hat Zeland ſeinen Sohn
in die große Bretagne geſchickt, daß er dort erfahre, was zu
tun ſei, und ob er vielleicht einen Meiſter faͤnde, der ein Mittel
gegen ihre Krankheit wüßte.” — „Edle Frau, erwiderte
Troylus, „es iſt ſchade um die Jungfrau, denn ſie iſt ver⸗
ſtaͤndig und zuͤchtig, aber, ich bitte Euch, ſagt mir doch, an
welchem Übel fie leidet.“ — „Herr, ſagte die Dame, „heute
iſt es ein Monat, daß die Jungfrau von einem Feſt aus der
großen Bretagne zuruͤckkam. Bei ihrer Ruͤckkehr war eine
groͤßere Anzahl von Damen dieſes Landes bei ihr verſammelt,
197
um fich mit ihr zu vergnügen. Als nun die Feier beendet war,
verblieb ſie mit zwei jungen Maͤdchen, ihren Baſen, in ihrer
Kammer.
Es ereignete ſich am ſelben Tage, daß ſie aus den Haͤn⸗
den eines dieſer Fraͤulein einen Spinnrocken mit Flachs
darauf entgegennahm und zu ſpinnen begann. Aber noch
hatte ſie den erſten Faden nicht vollendet, als ſie ſich ſchlaf⸗
befangen niederlegte, und ſeitdem iſt ſie nicht erwacht, hat auch
nicht getrunken noch gegeſſen, und doch aͤndert ſich die Farbe
ihres Fleiſches nicht, und jedermann nimmt es Wunder, wie
ſie ſo leben kann. Aber man ſagt, daß die Goͤttin Venus, der
ſie ihr ganzes Leben lang gedient hat, ſie geſund erhalte.“
Die Dame merkte bald an Troylus' Gebaren, daß er Zelan⸗
dine liebe, und da ſie die Jungfrau ihrem eigenen Sohne
zugedacht hatte, ſo belegte ſie den Ritter mit einem ſtarken
Zauber, ſo daß er ohne Erinnerung an das Vergangene und
faſt von Sinnen in Zelands Schloß einritt.
Zeland befand ſich gerade im Saale, und bei ihm waren
alle Meiſter der Heilkunſt des ganzen Landes, welche die
ſchoͤne Zelandine behandelten, aber es war keiner darunter,
der ihre Krankheit zu heilen verſtand. Als Troylus den Saal
betrat, betrachtete er ſogleich die Bildniſſe und Hiſtorien, die
rings an den Waͤnden hingen, wie einer, der ſeiner Sinne
nicht in vollem Maße maͤchtig iſt. Es geſchah aber, daß Ze⸗
lands Narr eintrat, und, ſobald dieſer Troylus bemerkt hatte,
betrachtete er ihn eingehend nach Narrenart; als er ihn aber
genugſam betrachtet hatte, ſagte er zu ihm: „Meiſter, komm
und ſetze dich zu den andern, denn du wirſt die ſchoͤne Zelan⸗
dine heilen.“
Mit dieſen Worten zog er ihn am Rock, ſo feſt er
konnte. Als Troylus bemerkte, daß ihn der Narr alſo
zerrte, riß er ſich ſo haſtig von ihm los, daß der arme Narr
zu Boden purzelte. Aber kaum hatte er ſich wieder erhoben,
ſo begann er von neuem, Troylus fortzuzerren, um ihn zu
den Arzten zu fuͤhren, welche ſich, Rats zu pflegen, zuruͤck⸗
gezogen hatten, damit ſie Zelands Anfrage beantworten
198
koͤnnten. Als Zeland ſah, wie fein Narr mit dem eben ans
gekommenen Narren ſtritt, und daß dieſer ihm nicht gehorchen
wollte, da verwunderte er ſich ſehr, woher jener komme, und
er fragte ſich, was ſein Narr von ihm wolle. Dann aber hoͤrte
er, wie dieſer zum fremden Narren ſagte: „Komm und heile
Zelandine!“ Dieſes Draͤngen ſetzte der Narr eine Weile
fort, endlich aber ließ er ab, kam zu ſeinem Herrn und ſagte
zu ihm: „Herr, laſſe alle Arzte gehen und nimm dieſen Nar⸗
ren ohne die andern, denn er iſt es, der deine Tochter heilen
wird.“ — „Geh, Narr!“ ſagte Zeland, der dieſen Worten
wenig Glauben beimaß. „Wie, Zeland,“ entgegnete der Narr
„glaubft du mir nicht? So wiſſe, daß fie nie geheilt werden
wird außer durch ihn, denn er iſt im Beſitze des Heilmittels.“
Dann ging er ganz beſtuͤrzt uͤber ſeinen Mißerfolg davon.
Obwohl Zeland den Worten des Narren wenig Bedeutung
beilegte, erhob er ſich doch alsbald und trat auf Troylus zu,
der ſich in der Mitte des Saales aufhielt und fragte ihn,
woher er kaͤme, und wo ſeine Heimat ſei. Troylus war durch
Zauberkraͤuter von Sinnen gekommen, er antwortete daher
jo einfältig, daß Zeland ihn für einen echten Narren hielt
und ſich wieder zu den Meiſtern wandte, die auf ihn warteten,
um ſeine Frage zu beantworten. Sie ſagten ihm aber, daß
ſie wirklich kein Heilmittel fuͤr die Krankheit ſeiner Tochter
wuͤßten, und daß ihr Übel kein natuͤrliches ſein koͤnne. Er
moͤge ſie in ſeinem alten Turm unterbringen und dort ein⸗
geſchloſſen halten. Dann ſolle er den Willen der Goͤtter ab⸗
warten, die im Geheimen handeln und ihre Hilfe im Ver⸗
borgenen angedeihen laſſen. Als Zeland ſah, daß er keinen
andern Rat in Betreff ſeiner Tochter bekommen koͤnne, wurde
er ſehr betruͤbt, ſchloß ſich aber der Meinung der Arzte an.
Da naͤmlich keine Heilkunſt hier etwas vermochte, ſo beſchloß
er, ſie ganz allein in den alten Turm einſperren zu laſſen
und dort ſo abgeſchloſſen zu halten, daß kein Lebender zu
ihr gelangen koͤnne mit Ausnahme von ihm ſelbſt und einer
alten Dame, feiner Schweſter; fie beide wollten täglich hin⸗
gehen, ſie zu beſuchen. Wie die Arzte es geraten hatten, ſo
199
geſchah es. Er ließ die Jungfrau in das oberſte Gemach
des Turmes tragen und ſie dort in ein Bett niederlegen, das
auf das herrlichſte hergerichtet war. Hierauf ließ er alle
Eingaͤnge des Turmes vermauern, außer einem Fenſter,
das gegen Sonnenaufgang ging und ganz oben im Turme
gebrochen war, da, wo die Jungfrau lag. Taͤglich einmal
ging er mit ſeiner Schweſter dorthin, um ſie zu ſehen und um
zu erfahren, ob die Goͤtter noch kein Mitleid mit ihr haͤtten.
Aber jeden Tag fanden fie die Jungfrau im gleichen Zus
ſtand, weder ſchlimmer noch beſſer. Troylus ſeinerſeits
blieb im Schloſſe, ohne den vollen Gebrauch ſeiner Sinne
wiedererlangt zu haben, dennoch ſchaͤtzte Zeland ihn hoch.
Eines Tages trat Troylus mit Zeland in den Tempel der
drei Goͤttinnen, um zu beten. Troylus ſchlief im Tempel
ein, und ſein Gefaͤhrte verließ ihn. Um Mitternacht erſchien
ihm eine weibliche Geſtalt: es war die Goͤttin der Liebe ſelbſt,
die ihm die Augen beruͤhrte und ihm dadurch Gedaͤchtnis
und Verſtand zuruͤckgab. In einem Kampfe mit feinem
Nebenbuhler, der ſich ſeine im Schloſſe der Zauberin zuruͤck⸗
gelaſſene Ruͤſtung angemaßt hatte, gelangte er wieder in
den Beſitz ſeiner Waffen, und nun erinnerte er ſich auch wie⸗
der der Dame ſeines Herzens, der ſchoͤnen Zelandine, und
ſeine Liebe zu ihr erwachte von neuem, ſo daß er beſchloß,
ſie aufzuſuchen. |
Als er im Tempel der Goͤttinnen betete, ermahnte ihn die
Stimme der Venus, das Wagnis zu beſtehen und die Frucht
zu pfluͤcken. Ohne den Sinn dieſer Worte zu faſſen, ritt er
weiter und gelangte zum Turme, in welchem, wie er erfuhr,
Zelandine ſchlief. Lange verſuchte er, den tuͤrenloſen Turm
zu erklimmen, bis er klagend von dieſem Wagnis abſtehen
mußte. Da trat ein Juͤngling zu ihm und ſprach: „Ich
weiß wohl, daß du Troylus biſt und daß du, von der Goͤttin
Venus aufgefordert, dieſen Turm betreten willſt. Wenn du
da hineingelangen willſt, ſo mußt du dich an mich wenden.“
Da Troylus ſah, daß der Juͤngling trockenen Fußes uͤber das
Waſſer eines Baches ſchritt, faßte er Vertrauen zu feiner
200
Kunſt. Der Juͤngling jedoch, welcher kein anderer war, als
Zephyr, der Diener der Liebesgoͤttin, hieß den Ritter auf
ſeine Schultern ſteigen und trug ihn ſo zum Fenſter auf der
Hoͤhe des Turmes. Er ermahnte ihn ausdruͤcklich, die Nacht
bei der Jungfrau zu verbringen, am naͤchſten Morgen wolle
er ihn wieder abholen. Troylus betrat das Gemach der
ſchoͤnen Schlaͤferin und entzuͤndete eine Kerze, die auf dem
Rande ihres Lagers ſtand. Von der Schoͤnheit der Jungfrau
uͤberwaͤltigt, bedeckte er ſie mit Kuͤſſen, aber ſie ruͤhrte ſich nicht
und erwachte nicht. Von Venus nochmals ermahnt, die
Frucht zu pfluͤcken, wurde er kuͤhner und kuͤhner und teilte
ſchließlich mit ihr das Lager. Am anderen Morgen erſchien
der himmliſche Bote wieder am Turmfenſter, und Troylus
mußte ſich losreißen, denn ſchon erklangen die Schritte der
Muhme auf der Stiege; ſchnell vertauſchte er ſeinen Ring
mit dem Zelandinens, dann zog er wieder in die weite Welt
hinaus, um neue Abenteuer zu ſuchen. Die Muhme hatte
noch einen letzten Schimmer ſeiner Ruͤſtung geſehen und
glaubte nichts anderes, als daß der Schlachtengott Mars
ihrer Nichte beigewohnt habe. Sie richtete das Bett auf und
verließ den Turm, ohne des Vorfalls irgendwie Erwaͤhnung
zu tun.
Zelandine lag auf ihrem Bette wie zuvor, neun Monate
lang, ohne zu erwachen und ohne einen andern Beſuch zu
erhalten, als den ihrer Muhme, die ſie jeden Tag aufſuchte.
Sie hatte in all dieſer Zeit keine andere Nahrung als ein
wenig Ziegenmilch, die ihr die gute Alte durch den Mund
einfloͤßte. Nach Ablauf von neun Monaten aber geſchah es
eines Abends, daß die ſchoͤne Zelandine mit einem wunder⸗
huͤbſchen Knaben niederkam. Kaum war dies geſchehen, ſo
kam die Muhme, um ſie, wie gewoͤhnlich, zu beſuchen. Als
ſie zum Bette trat, fand ſie dort einen ſchoͤnen Knaben an
der Seite ſeiner Mutter, welche ſchlief wie zuvor. Wie die
gute Frau das Kind ſah und bemerkte, daß Zelandine immer
noch ſchlief, erſtaunte ſie ſehr, bald aber ſollte ihre Ver⸗
wunderung noch groͤßer werden. Sie ſah naͤmlich, wie das
201
neugeborene Kind fich bemuͤhte, zur Bruſt feiner Mutter zu
gelangen. Dabei geſchah es nun, daß es ihren kleinen Finger
zu faſſen bekam, an welchem es heftig zu ſaugen begann.
Es ſog ſo ſtark, daß es huſten mußte. Die Muhme, welche
dieſem Beginnen zuſchaute, wurde von Mitleid ergriffen,
nahm das Kind in den Arm und ſagte: „Ach, du kleines Ge⸗
ſchoͤpf, kein Wunder, daß du huſten mußt, denn da, wo du
ſaugſt, wirſt du wenig Nahrung finden!“
Bei dieſen Worten erwachte die junge Mutter und be⸗
gann, ihre Arme auszuſtrecken, wie einer, der nicht weiß,
was mit ihm vorgegangen iſt. Die Muhme rief ihr zu:
„Zelandine, liebe Nichte, wie geht es dir? So ſprich doch
mit mir!“ Als Zelandine die Stimme ihrer Muhme ver⸗
nahm, antwortete ſie: „Liebe Muhme, geſtern habe ich
mich geſund niedergelegt und heute fuͤhle ich mich krank,
ich weiß nicht, wie mir das angeflogen iſt.“ — „Nein,
nicht geſtern,“ ſagte die Dame, „ſondern viel länger, denn
ſeitdem du kein Zeichen des Erwachtſeins von dir gegeben
haſt, haſt du neun Monate lang unter deinem Herzen die⸗
ſen ſchoͤnen Knaben getragen, von dem du heute entbun⸗
den biſt. Aber ich weiß nicht, wer ſein Vater iſt.“ Als
die junge Frau dieſe Worte hoͤrte und den ſchoͤnen Knaben
ſah, geriet ſie in Erſtaunen; dann fing ſie an zu weinen, da
ſie nicht ahnte, daß jemals ein Mann ihren Leib beruͤhrt hatte.
Die Dame hatte Mitleid mit ihr und ſagte: „Liebe Nichte,
weine deshalb nicht, und damit du weißt, was dir zugeſtoßen
iſt, ſo will ich es dir ſagen.“ Dann erzaͤhlte ſie ihr von An⸗
fang bis zu Ende, wie ſie eingeſchlafen ſei, und wie der Koͤnig
ſie in dieſen Turm habe tragen laſſen, damit die Goͤtter ſie
heimſuchen koͤnnten. „Es hat ſich aber ereignet, liebe Nichte,“
fuhr die Dame fort, „daß der Schlachtengott Mars, von dem
wir abſtammen, dich ganz im geheimen, ſo wie es keiner der
andern Goͤtter getan, beſucht hat. Aber, wie mir ſcheint, iſt
dies um deiner Geſundheit willen geſchehen, und damit
unſeres Geſchlechtes Adel erhalten bleibe. Er hat dir bei⸗
gewohnt und dieſen ſchoͤnen Knaben erzeugt, der dir die
202
Geſundheit wiedergegeben hat, deshalb ſollſt du ihm danken
und ihn preiſen und nicht in Sorge ſein, denn ich werde dieſes
Abenteuer ſo geheim halten, daß es niemand erfaͤhrt.“ Als
die ſchoͤne Zelandine die naͤheren Umſtaͤnde ihres Abenteuers
hoͤrte, fing ſie dermaßen zu weinen an, daß ſie nicht reden
konnte. Da ſagte die Muhme zu ihr: „Nichte, ſo bekuͤmmere
dich doch nicht, ſondern ſei guter Dinge, denn ich will dein
Kind an einen ſo verborgenen Ort bringen, daß niemand
etwas davon erfaͤhrt, bis es den Goͤttern gefaͤllt, daß alles
offenbar werde. Da ich gerade die unmittelbare Urſache dei⸗
nes Abenteuers erzaͤhlt habe, iſt mir eine Geſchichte ins Ge⸗
daͤchtnis gekommen, die ich lange vergeſſen hatte, wie denn
beim Reden oft die eine Erinnerung die andere nach ſich
zieht. Damit du nun Grund habeſt, dich zu troͤſten, werde
ich fie dir erzählen, denn jetzt haft du den Zorn der Schickſals⸗
goͤttin, welche die dritte bei deiner Geburt war, uͤberſtanden,
und ſo gluͤcklich uͤberſtanden, daß du daruͤber uͤber die Maßen
froh ſein ſollteſt. Wiſſe alſo, liebe Nichte, daß deine Mutter
an dem Tage, da ſie dich gebar, mir auftrug, ich ſolle das
Gemach der Goͤttinnen herrichten, welche den Frauen bei der
Geburt beizuſtehen pflegen. Ich richtete alſo das Gemach
ſo praͤchtig, wie ich konnte, ich deckte die Tafel, trug Eſſen
und Trinken auf, wie es ſich gebuͤhrt, und ſtellte vor den Sitz
einer jeden Goͤttin eine Schuͤſſel mit Brot und Wein. Dann
ging ich hinaus, hielt mich aber in der Nähe der Türe, um
nach Moͤglichkeit zu lauſchen, was die Goͤttinnen miteinander
redeten. Es kamen die drei Goͤttinnen Lucida, Themis und
die ſchoͤne Venus, dieſe trat zuletzt ein. Sie ſetzten ſich zu
Tiſch, um zu eſſen, aber es traf ſich zum Ungluͤck, daß Themis,
die Goͤttin des Schickſals, kein Meſſer hatte, deshalb war ſie
nicht ſo guter Dinge wie die andern. Als ſie gegeſſen hatten,
ſagte Lucida: ‚Wir find hier gut aufgenommen, darum habe
ich es gefuͤgt, daß das Kind mit ganzen und geſunden Glie⸗
dern geboren wurde, und es ſoll wachſen und gedeihen, wenn
es gut behuͤtet wird. Nun iſt die Reihe an Euch, Frau The⸗
mis, die Ihr die Goͤttin des Schickſals fein.‘ — Wahrlich,
203
ſagte Themis, ‚jo iſt es; aber weil ich kein Meſſer gehabt habe,
ſo gebe ich dem Kinde dieſes Schickſal, daß es mit dem erſten
Leinenfaden, den es von einem Spinnrocken windet, ſich eine
Flachsfaſer in den Finger zieht. Und es ſoll auf der Stelle
einſchlafen und nicht erwachen, bis dieſe herausgeſogen iſt.“
Als die Goͤttin Venus hoͤrte, was ihre Gefaͤhrtin dem kleinen
Geſchoͤpfe beſtimmt hatte, ſagte fie: „Ihr ſeid aufgebracht,
das tut mir leid, aber durch meine Kunſt werde ich es fuͤgen,
daß die Faſer herausgeſogen und alles wieder gut wird.“
Darauf trennten ſie ſich ſo ploͤtzlich, daß ich nicht weiß, was
aus ihnen geworden iſt. Das iſt es, liebe Nichte, was mir eben
in die Erinnerung kam, denn nie, ſeit die Geſchichte ſich zu⸗
trug, habe ich wieder daran gedacht.“
Als der Koͤnig ſpaͤter ein Turnier ausſchrieb, erſchien Troy⸗
lus, beſiegte alle anderen Ritter, gab ſich der ſchoͤnen Zelan⸗
dine zu erkennen und entfloh mit ihr.
20. Predigtmaͤrlein des 14. Jahrhunderts
St. Nikolaus und der Juͤngling
5s wird erzählt, daß in Bordeaux eine Frau wohnte,
welche nur einen einzigen Sohn hatte. Sie wuͤnſchte,
daß er zu Reichtuͤmern gelange und gab ihn daher
in das Haus eines ihrer Verwandten, damit dieſer ihn in
der Ausfuͤhrung von Handelsgeſchaͤften unterrichte. Fuͤnfzig
Pfund wurden hinterlegt, und der junge Mann wurde zu
Geſchaͤftszwecken an einen auswaͤrtigen Platz geſchickt. Hier
hoͤrte er in der Predigt, daß nichts auf der Welt dem Men⸗
ſchen mehr Ehre und Gut verleihe, als die Freigebigkeit in
Almoſen. Nun traf er auf dem Ruͤckwege auf eine Kirche
des heiligen Nikolaus, welche baufaͤllig war, und fuͤr deren
Inſtandſetzung Almoſen geſammelt wurden. Da gab der
junge Mann ſeine fuͤnfzig Pfund aus Liebe zu Gott hin.
Als er aber zu ſeinem Herrn zuruͤckgekehrt war und ihm
ſeine Tat berichtete, wurde er ob ſeines Leichtſinns aus
deſſen Hauſe vertrieben und nur auf die Traͤnen der Mutter
204
hin wieder aufgenommen, doch unter der Bedingung, daß er
den Schaden erſetze. Es wurden nunmehr hundert Pfund
eingeſetzt.
Nach laͤngerer Zeit wurde der junge Mann neuerdings
mit einer großen Geldſumme uͤbers Meer geſandt. Es ge⸗
ſchah aber, daß Seeraͤuber die Tochter des Sultans geraubt
hatten und zum Verkaufe feilboten. Dem jungen Mann ge⸗
fielen ihre Schoͤnheit, ihre guten Sitten und ihre Unter⸗
haltungsgabe, und er kaufte ſie zum Preiſe von hundert
Pfund, und nach Beendigung ſeiner Seereiſe brachte er ſie
mit nach Bordeaux. Als ſeine Verwandten die Jungfrau
ſahen, glaubten ſie, er habe ſie nur gekauft, um mit ihr ein
liederliches Leben zu fuͤhren, und ſie warfen beide aus dem
Hauſe.
Die Heidin aber wurde zum Glauben an Chriſtus bekehrt
und getauft, und ſie war ſo voll Verehrung zum heiligen
Kreuze und zur ſeligen Jungfrau, daß ſie auch den Juͤngling,
der ſie gekauft hatte, zu einem heiligmaͤßigen Leben veran⸗
laßte. Schließlich wurde ihre Verlobung gefeiert, aber die
Kraft des heiligen Kreuzes hinderte, daß ein unreiner Trieb
in ihnen aufkam. Da ſie ſehr arm waren, bat die Jungfrau
ihren Verlobten, mannigfache Arten von Seidenſtoffen und
Goldborten einzukaufen, aus denen ſie Handarbeiten von
wunderbarer Schoͤnheit verfertigte, insbeſondere eine goldene
Fahne, deren Pracht jeder, der ſie ſah, anſtaunte. Darauf
wurde der junge Mann von ihr nach Alexandrien geſchickt
mit dem Auftrage, er ſolle an einem beſtimmten Feſte der
Sarazenen die Handarbeiten ſamt der Fahne auf einem
offentlichen Platze zum Verkaufe ausftellen, und er ſolle für
die Fahne nicht weniger als zweitauſend Flor. fordern. Ihr
Vater, der Sultan, wuͤrde auf der Fahne Zeichen erkennen,
die kein Lebendiger auf der Erde zu machen wuͤßte, als ſie
allein, und er wuͤrde aus Liebe zu ſeiner Tochter jeden Preis
dafuͤr zahlen. Namentlich aber wies ſie ihren Braͤutigam
darauf hin, daß er zum Empfange des Geldes nicht in das
Schloß ihres Vaters gehen duͤrfe, vielmehr ſolle er den Be⸗
205
trag auf dem Platze erwarten, ehe er die Fahne hergebe.
Der junge Mann tat, wie ſie ihn geheißen hatte und bot am
feſtgeſetzten Feiertage die Handarbeiten feil. Der Sultan
wuͤnſchte die Fahne zu kaufen, und was auch der Kaufmann
dafuͤr verlangte, es wurde ihm ohne Widerrede gewaͤhrt.
Das Schloß des Sultans aber betrat der junge Mann nicht,
obwohl er dringend darum gebeten wurde. Darauf kehrte
er mit großen Reichtuͤmern beladen zu ſeiner Braut zuruͤck.
Sie kauften Beſitztuͤmer und Laͤndereien, doch noch wollten
ſie ſich nicht zur Ehe vereinigen, vielmehr gedachten ſie zuvor
noch groͤßere Mittel zu erwerben. Wiederum kaufte er
wunderſchoͤne und aͤußerſt koſtbare Seidenſtoffe, ſie ver⸗
fertigte daraus Handarbeiten, die noch ſchoͤner und beſſer
waren als das erſtemal und darunter wieder eine Fahne,
wie ſie ſo ſchoͤn zuvor noch kein Menſchenauge geſehen hatte.
Der junge Mann wurde mit den gleichen Auftraͤgen wie
zuvor nach Alexandrien geſchickt, an einem hohen Feiertage
breitete er die Fahne und die Stickereien aus und verlangte
tauſend Pfund dafuͤr. Der Sultan kam herunter und uͤber⸗
redete aus Liebe zu ſeiner Tochter den Juͤngling mit freund⸗
lichen Worten, er moͤge ins Schloß kommen, um ſeinen Lohn
zu empfangen. Kaum hatte dieſer das Schloß betreten, als
er gefangen geſetzt und durch Foltern genoͤtigt wurde, zu
geſtehen, daß er die Sultanstochter in ſeinem Hauſe beher⸗
berge. Waͤhrend er noch gefangen lag, wurden Schiffe aus⸗
geſandt, man ſuchte die Jungfrau auf, ergriff ſie und brachte
ſie trotz ihres Widerſtrebens zu ihrem Vater zuruͤck. Der junge
Mann mußte ſich mit ſeinem ganzen Gelde loskaufen, dann
wurde er freigelaſſen und durfte nach Bordeaur zuruͤckkehren.
Als er ſeine Braut daheim nicht mehr vorfand, kehrte er ſo⸗
gleich nach Alexandrien zuruͤck mit einer wunderſchoͤnen
Stickerei, die ihm die Jungfrau ſelbſt geſchenkt hatte. Lange
verweilte er dort, ohne jene zu Geſicht zu bekommen. End⸗
lich gelang es ihm durch die Schlauheit ſeines Gaſtfreundes,
den er in ſein Geheimnis eingeweiht hatte, ſie in ihrem
Garten zu erblicken, und er wurde von ihr erkannt. Zwar
206
wurde er bald wieder hinausgejagt, doch wartete er in der
Stadt eine weitere Gelegenheit ab. Schließlich erhielt der
Juͤngling durch Beſtechung der Waͤchter unter dem Vor⸗
wand, er wolle jene von ihr ſelbſt gefertigte Handarbeit ver⸗
kaufen, Eintritt ins Schloß; er konnte mit ſeiner Braut reden,
und beide kamen uͤberein, daß ſie an einem beſtimmten Feier⸗
tage ein Schiff bereithalten wollten, denn an keinem andern
Tage wuͤrde ſie Gelegenheit zur Flucht haben. Froh ging
der junge Mann von dannen. Das Feſt kam heran, aber nir⸗
gends war ein Schiff aufzutreiben. Schließlich ging er unter
dem Jubel des Feſtes traurig zum Hafen, und, da nirgends
ein Schiff zu ſehen war, betete er unter Traͤnen: „O heiliger
Nikolaus, wenigſtens konntet Ihr mir das zuruͤckerſtatten,
was ich aus Liebe zu Gott zur Ausbeſſerung Eurer Kirche
geſtiftet habe.“ Und ſiehe, waͤhrend er ſo weinend flehte,
erblickte er plotzlich am Ausgange des Hafens ein fahrtbe⸗
reites Schiff; er erfuhr, daß es nach Bordeaux ſegelte, machte
den Fahrpreis aus und begab ſich an den von der Jungfrau
bezeichneten Ort. Das Maͤdchen kam beladen mit Edel⸗
ſteinen und wunderbaren Schaͤtzen, und beide wurden zur
heimlichen Flucht in das Schiff aufgenommen. Als ſie bei
Bordeaux gelandet waren und alle Schaͤtze an Land ge⸗
bracht hatten, verſchwand das Schiff ebenſo ploͤtzlich wie es
gekommen war, und nach Vollziehung der Ehe lobten ſie
Gott und die heilige Jungfrau.
Die Quelle der Jugend
8 war einmal ein König, der an einer unheilbaren
Krankheit litt, und die Arzte hatten ihm mitgeteilt,
er koͤnne nicht eher geheilt werden, bis er Waſſer
von der lebendigen Quelle erhalte, welches ein Heilmittel
fuͤr jegliches Siechtum ſei. Der Koͤnig rief ſeine drei Soͤhne
zu ſich und bat ſie, alle Laͤnder zu durchqueren und alle
Gewaͤſſer zu verſuchen; derjenige aber, der ihm Waſſer aus
der lebendigen Quelle braͤchte, ſolle ſein Koͤnigreich erben.
Darauf ſteckten die Söhne eine Summe Geldes zu ſich und
207
verteilten ſich derart über die Erde, daß der eine länge
der Fluͤſſe, der andere durch die Ebenen und der dritte
uͤber die Gebirge wanderte. Schließlich durchſchritt der
Juͤngſte große Waͤlder und gelangte zum Haufe eines
alten Mannes, von welchem er erfuhr, wo die Quelle
der Jugend liege. Aber viele und verſchiedenartige Ge⸗
fahren warteten dort auf ihn und: „Wenn du dieſe nicht
beſtehen und uͤberwinden kannſt, fo ift es beſſer, umzukehren
als vorwaͤrtszugehen“, ſagte der Greis. Die erſte Gefahr
naͤmlich war das Zuſammentreffen mit einer Schlange, die
getötet werden mußte. Die zweite beſtand aus einer Schar
Jungfrauen, die er nicht anblicken durfte. Die dritte Gefahr
war die Begegnung mit Soldaten und Rittern, die Waffen
aller Art vorweiſen wuͤrden, die zu nehmen ihm verboten
war. Die vierte aber wuͤrde ihn in einem Schloſſe erwarten,
in welchem ſich eine Jungfrau befinde, welche die Schluͤſſel
zur lebendigen Quelle in der Hand halte. Denn am Tore be⸗
fanden ſich Gloͤckchen, und ſobald dieſe Gloͤckchen beruͤhrt
wurden, machten ſie Laͤrm; dann kamen Krieger und toͤteten
den, der ſie beruͤhrte. Gegen dieſe letzte Gefahr gab der Ein⸗
ſiedler dem Prinzen einen Schwamm, mit welchem er die
Gloͤckchen anfuͤllen ſollte, damit ſie keinen Laͤrm verurſachten.
Der Juͤngling wanderte lange, und als ihn die Schlange be⸗
drängte, ging er fie mit feinem Speere an und tötete fie
ohne Mühe. Darauf betrat er eine Wieſe, da liefen ihm
wunderſchoͤne Weiber entgegen, er aber verhuͤllte ſein Ge⸗
ſicht und eilte voruͤber, ohne ſie anzureden. Endlich gelangte
er vor ein herrliches Schloß. Hier traten ihm Soldaten und
Ritter entgegen und trugen ihm Waffen jeder Art zum Ge⸗
ſchenk an, wieſen ihm auch praͤchtige Pferde vor; aber er
verſchmaͤhte alles und betrat das Schloß, nachdem er zuvor
die Gloͤcklein mit dem Schwamme ausgeſtopft hatte. Als
er das Schloß betreten hatte, ſah er eine wunderſchoͤne Frau,
dieſe bat er demuͤtig, ihm etwas Waſſer von der Quelle der
Jugend zu ſpenden. Sie ſprach: „Mir iſt von meinem Vater
geſagt worden, ich ſolle mit dem Ritter ziehen, der alle
208
—— — —U — — —
1
Hinderniſſe, die ſich ihm unterwegs entgegenſtellen, uͤber⸗
winde und heil zu mir gelange. Du biſt der Ritter, und
darum ſollſt du nicht nur das Waſſer aus der Quelle der
Jugend haben, ſondern auch mich ſelber zur Braut.“ Der
Prinz kehrte auf anderen Wegen zu ſeinem Vater zuruͤck
und erbte ſein Reich, nachdem er die Jungfrau geheiratet
hatte.
14 Franz. Märchen 1
209
Aus dem ſechzehnten Jahrhundert
21. Gargantua
ls Grandgoſchier zu feinen Tagen kommen, 1 1
er zum Weibe Gurgelmilten, die Tochter des Koͤnigs
der Millermahler, ein ſchoͤnes Truͤſerle, huͤbſchen
Viſiers, und ſie ward von einem ſchoͤnen Sohne ſchwanger,
den trug ſie bis in den eilften Monat. Denn ſolang und
laͤnger koͤnnen die Weiber Leibesfrucht tragen, inſonderheit
wenn es ein Wunderwerk der Natur iſt, und eine Perſon,
die ihrer Zeit mannhafte Taten veruͤben ſoll. Der gute
Mann Grandgoſchier zecht' gerade und ſchwaͤrmt' mit den
andern, da hoͤrt' er das moͤrderliche Geſchrey, welches ſein
Sohn bey ſeinem Eintritt in dieſes Licht der Welt erhub,
als er „Zu Trinken! zu Trinken!“ bruͤllte, und er ſprach:
„J gar! Kannſt du a — ſupple, ſchon durſten!“ Welches
als die Gaͤſt' vernahmen, ſagten ſie daß er um dieſer⸗
willen durchaus Gargantua heißen müßt, weil dieß das
erſte Wort ſeines Vaters bey ſeiner Geburth geweſen waͤr;
nach Fuͤrgang und in Nachahmung der alten Hebraͤer.
Hierin war derſelbe ihnen auch gern zu willen, gefiel auch
ſeiner Mutter wohl. Und um ihn zufriedenzuſtellen, brach⸗
ten ſie ihm zu trinken, was oben ein wollt: und ward
nach frommer Chriſten Sitt zur Tauf getraͤgen und getauft.
Und wurden ſiebzehntauſend neunhundert und dreyzehn
Kuh von Pautillé und Brehemond verſchrieben, für ge⸗
woͤhnlich ihn zu ſaͤugen; denn eine baſtante Amm zu finden
war im ganzen Land unmoͤglich, in Betracht der großen
Meng Milch, die zu ſeiner Nahrung erforderlich war.
In ſolcher Weis bracht er ein Jahr und ſechs Monden hin,
um welche Zeit man nach dem Rath der Arzt ihn anfing, aus⸗
zutragen, und ward ein ſchoͤnes Ochſen⸗Kaͤrchel gebaut, in
ſelbem kutſchirt' man ihn froͤhlig umher: und war eine Luſt,
ihn anzuſehen, denn er hätt ein huͤbſch Goͤſchlein, wohl zehn
210
|
Kinn am Hals, ſchrie auch faſt wenig; doch war er ungebuͤhr⸗
lich durchſchlaͤgiſchen Geſaͤſſes, theils aus natuͤrlicher Com⸗
plerion, theils durch zufälligen Habitum, den ihm das viele
Saugen des September⸗Traubenmuͤsleins zuzog. Doch ſog
er davon keinen Tropfen ohn Urſach; denn wenn ſichs traf,
daß er verdruͤßlich, dickſchnutig und boͤs war, wann er ſchrie,
ſtrampelt, heult', und man bracht ihm zu trinken, gleich kam
er euch wieder zu ſich und war ganz ſtill und guter Ding.
Gargantua ward bis zum fuͤnften Jahr in aller gebuͤhrlichen
Zucht gepflegt und auferzogen nach dem Willen ſeines
Vaters, und bracht die Zeit zu, wie die kleinen Kinder des
Landes pflegen: naͤmlich mit Trinken, Eſſen und Schlafen,
mit Eſſen, Schlafen und Trinken, mit Schlafen, Trinken und
Eſſen. Er ſtoͤrt' ſich die Zaͤhn mit einem Holzſchuh, wuſch
ſeine Haͤnd in Fleiſchbruͤh, ſtraͤhlt ſich mit einem Humpen,
ſetzt ſich aͤrſchlings zwiſchen zween Stuͤhl an die Erd und
deckt ſich mit einem naſſen Sack zu. Seines Vaters kleine
Hund aßen mit ihm aus einer Schuͤſſel, er deßgleichen
mit ihnen, er biß ſie in die Ohren, ſie zerkrellten ihm
die Nas, er bließ ihnen in den Arß, ſie leckten ihm das
Schnaͤuzel.
Als Gargantua erwachſen war, ſchickt' Fayoles, der vierte
Koͤnig in Numidien, dem Grandgoſchier aus Afrika eine un⸗
geheure Maͤr, das groͤßte Monſtrum und Wunderthier ſo je
erſehen war; denn ſie war ſo groß als ſechs Elefanten, und
ihre Fuͤß in Finger geſpalten, wie bei dem Pferd des Julius
Caͤſar, auch lange Schlapp⸗Ohren haͤtt ſie, wie die Geiſſen in
Languedoc, und ein klein Hoͤrnlein am Hinterſten. Vor allem
aber haͤtt ſie einen erſchrecklichen Schwanz; denn etwas wenigs
ab und an, war er ſo dick als die St. Marxſaͤul unweit Langes,
auch ſo geviereckt, und die Strehnen dran ſo in einander ge⸗
niſtelt wie mans an einer Kornaͤhr ſieht. Als Grandgoſchier
die ſahe, ſprach er: „Sieh da, ein gut Geſchirr, darauf mein
Sohn gen Paris mag reiten! Wohlan, Gott walt's, es
wird alls wohl von Statten gehen, er wird ein maͤchtiger
Doctor werden zu ſeiner Zeit.“ Da Gargantua und ſeine
14*
211
—
Begleiter in Paris angekommen waren und nachdem ſie ſich
etlich Tag erquickt, ging er aus, die Stadt zu beſchauen: und
alle Leut betrachteten ihn voll Staunens und Verwunderung.
Alſo beſchwerlich drangen ſie ihm zu Leib, daß er zuletzt ge⸗
zwungen war, ſich auf die Thuͤrn der Fraunkirch zu retiriren
und niederzulaſſen. Wie er nun da ſaß und dieß viele Volk
um ſich her ſah, ſprach er laut: „Ich glaub, die Schlingel
meinen, daß ich ihnen hie meinen Willkomm zahlen ſoll. Iſt
billig; ſollen ihren Wein han, aber par ris, per risum, ſpott⸗
weis“ (darnach ſeitdem die Stadt Paris geheißen ward, die
man vorher Leucetia nannte). Da lupft' er laͤchelnd feinen
ſchoͤnen Hoſenlatz, zog ſeine Mentul herfuͤr und bebrunzelt
ſie ſo haarſcharf, daß ihrer zweyhundert ſechzigtauſend vier⸗
hundert und achtzehn elend erſoffen ohn die Weiber und
kleinen Kinder.
Hiernaͤchſt beſah er die großen Glocken auf ſelbigen
Thuͤrnen und ließ ſie harmoniſch zuſammen laͤuten; und
waͤhrend er alſo dieß noch trieb, kam ihm zu Sinn, daß
ſie als Schellen ſeiner Maͤr gut zu Hals ſtehn muͤßten, die
er ſeinem Vater, mit Kaͤſen von Brye und neuen Haͤringen
wohl beladen wieder heimſchicken wollte: nahm ſie alſo mit
in ſein Herberg.
Zur ſelbigen Zeit entſtund ein Streit zwiſchen den Wecken⸗
baͤckern von Lerné und Grandgoſchiers Landſaſſen, daraus
ein ſchwerer Krieg erwuchs, und Gargantua ward heim⸗
berufen. Demnach beſchritt Gargantua in Begleitung ſeiner
Lehrer und Freund die große Mär und reiſet gen Pareille.
Unterwegens traf er einen gewaltigen hohen Baum an, den
man gewoͤhnlich St. Martinsbaum nannt, weil er aus einem
Pilgerſtab alſo erwachſen war, den vor Zeiten der heilige
Martin dorthin gepflanzet. Da ſprach er: „Siehe da, was
mir fehlt! Dieſer Baum ſoll mir zum Spieß und Pilger⸗
ſtecken dienen.“ Damit riß er ihn leichtfertig aus der Erden,
ſtreift die Aeſt herunter und putzet' ihn zu ſeinem Ver⸗
gnuͤgen. Unterdeſſen ſtallt' ſeine Maͤr, ſich die Blaas zu
lehren, ſolches aber ſo uͤberfluͤſſig, daß auf ſieben Meilen ein
212
Fluth draus ward und aller Brunzt in den Furth von Vede
lief. Den ſchwemmt' es fo gewaltſam wider den Strom an,
daß des Feinds Geſchwader, ſo allda lagen, mit Mann und
Maus elendiglich daſelbſt erſoffen, ohn Etliche, die ihren Weg
links uͤber den Berg genommen hatten.
Als Gargantua vor dem Forſt von Vede ankam, warnt’
ihn einer ſeiner Freund, daß im Schloß noch etliche Feind
verborgen laͤgen. Welchs zu erfahren Gargantua ſo laut
er konnt rief: „Seyd ihr drinnen oder nicht? Wenn ihr
drinnen ſeyd, ſo ſeyds geweſen! Seyd ihr nicht drinn,
darfs nicht der Wort.“ Ein Bengel aber von Schuͤtzen⸗
meiſter hinter der Schuß⸗Schar trichtet eine Kanon auf
ihn, und traf ihn grauſam an die rechte Schlaf; es thaͤt
ihm aber nicht weher als wenn er ihn mit einer Zwet⸗
ſchen geworfen haͤtt. „Was iſt dieß?“ ſprach Gargantua,
„werft ihr uns hie mit Traubenkernen? der Herbſt ſoll
euch noch theuer kommen“: denn er meint' nicht anders,
die Stuͤckkugel waͤr ein Traubenkern geweſen. Diejenigen,
die ſich im Schloß mit dem Rapiamus erluſtirten, liefen,
als ſie den Laͤrmen hoͤrten, auf Thuͤrn und Bollwerk und
thaͤten aus Falkonetten und Buͤchſen mehr denn neuntauſend
fuͤnfundzwanzig Schuͤß auf ihn, zielten ihm all nach dem Kopf,
und hagelten ſo hageldicht, daß er ausrief: „Mein Freund!
Die Fliegen da blenden mich: o lang mir doch einen Zweig
von dieſen Weiden her, ſie zu verſcheuchen!“ denn er ſah die
bleyernen Schuſſer und die Stein aus dem Wurfgeſchuͤtz für
Kuͤhfliegen an. Sein Freund bedeutet ihn aber, daß es die
Fliegen aus den Kanonen im Schloſſe waͤren, die man ihm
zuſchoͤß. Da rannt er mit feinem großen Baum wider das
Schloß an, zermalmt' mit ſchweren Stoͤßen Thuͤrn und Boll⸗
werk, und ſchleift' es alles dem Boden gleich, dergeſtalt, daß
alle darinnen zerſchmettert und erſchlagen wurden.
Nicht lange darauf, nachdem ſie das Ufer der Vede er⸗
ſtiegen, kamen ſie in Grandgoſchierens Schloß an, der ihrer
mit großem Verlangen harrte. Herzten und druͤckten ein⸗
ander zum Willkomm mit offenen Armen; euer Leblang
213
habt ihr nicht frohere Leut geſehen. Es iſt lautere Wahrheit,
daß, nachdem ſich Gargantua mit friſchen Kleidern angethan
und mit ſeinem Straͤl (der, hundert Stab lang, mit ganzen
Elefantenzaͤhnen bezahnt war) ſtraͤhlt, ihm auf jeden Zug
uͤber ſieben Ballen Kugeln aus den Haaren fielen, ſo darinn
bey Demolierung des Vediſchen Forſtes hangen geblieben.
Hierauf fing man das Nachteſſen an zu ruͤſten, und briet zum
Überſchuß 16 Ochſen, 3 Stärken, 32 Kälber, 63 ſaͤugende
Geißlein, 95 Hammel, 300 Milchferken im feinen Moſt,
220 Rebhuͤhnel, 700 Schnepfen, 400 Kapphaͤhn von Loudun
und von Cornouaille, 6000 Kuͤchlein und eben ſo viel Tauben,
600 Poularden, 1400 Haͤslein, 303 Trappen und 1700 Schrot⸗
hennen. |
Die Sach erheiſcht, daß wir berichten, was mit ſechs Pil⸗
gern ſich begab, welche von St. Sebaſtian bey Nantes kamen
und ſelbige Nacht, in Furcht vor den Feinden, zu einem
Unterſtand ſich in das Bohnenſtroh im Garten unter die
Kohl⸗ und Lattichſtauden verkrochen hatten. Gargantua
ſpuͤrt' ein wenig Durſt, und frug, ob man nicht Lattich haben
moͤcht, einen Salat zu machen. Und als er hoͤrt, daß es im
ganzen Land die ſchoͤnſten und groͤßten da haͤtt, denn ſie
waren ſo groß wie die Nuß⸗ oder Pflaumenbaͤum, ging er
fuͤr Luſt ſelbſt hin und bracht in ſeiner Hand ſo viel davon
mit als ihm gut daͤucht; und zu gleicher Zeit bracht er auch
die ſechs Pilger mit, die ſich vor großer Furcht und Angſt
weder zu reden noch zu huſten trauten. Wie er den Lattich
nun am Brunnen vorlaͤufig abwuſch, ſagten die Pilger mit
leiſer Stimme zueinander: „Ey, ey, was da zu thun? Wir
erſaufen hie unter dem Lattich. Sollen wir reden? Reden
wir aber, ſo toͤdtet er uns gewiß fuͤr Kundſchafter.“ Waͤhrend
fie alſo noch rathſchlagten, warf ſie Gargantua mitſamt dem
Lattich in einen Kuͤchen⸗Napf, ſo groß wie die Tonn von
Ciſteaur, und aß fie mit Eſſig, Oel und Salz zu feiner Er⸗
friſchung vorm Abendbrot. Und haͤtt bereits fuͤnf Pilger ver⸗
ſchlungen: der ſechſt lag noch im Napf verborgen unter einem
Lattichblatt, bis auf den Pilgerſtab, der druͤber herfuͤrguckt.
214
—— —
—
—
——— — .
,
Als den Grandgoſchier fahe, ſprach er zu dem Gargantua:
„Ich glaub da iſt ein Schneckenhorn. Iß nit.“ „Warum?“
ſpricht Gargantua: „fie ſeyn geſund dieſen ganzen Monat.“
Ergriff damit den Stab und hub den Pilger daran zugleich
mit auf und aß ihn luſtig. Thaͤt darauf einen ſchauderhaften
805 e bis das en. fertig waͤre.
22. Aus den Nobellenſammlungen des
146566. Jahrhunderts
Von drei Bruͤdern, welche faſt wegen ihres Lateins
gehaͤngt worden waͤren
rei Bruͤder aus gutem Hauſe hatten ſich lange in
Paris aufgehalten, aber ſie hatten ihre ganze Zeit
damit vergeudet, herumzuflanieren, zu ſpielen
und Mutwillen zu treiben. Es ereignete ſich, daß ihr Vater
ſie alle drei beauftragte, ſchleunigſt heimzukehren. Daruͤber
waren ſie ſehr beſtuͤrzt, denn ſie konnten noch kein einziges
Wort Latein. Sie beſchloſſen alſo, jeder ſolle einen Satz fuͤr
ſeinen Bedarf erlernen. Der Alteſte lernte alſo: Nos tres
clerieil; der zweite nahm feinen Stoff aus der Finanz⸗
wiſſenſchaft und lernte: pro bursa et pecunia ?; der dritte
ging an einer Kirche voruͤber und behielt dieſe Worte aus
der großen Meſſe im Gedächtnis: dignum et justum est,
Solchermaßen verſorgt verließen ſie Paris, um ihren Vater
aufzuſuchen. Sie machten untereinander aus, daß fie überall
und jedem gegenuͤber nichts anderes reden wollten als ihr
Latein; dadurch wollten ſie naͤmlich als die gelehrteſten Leute
des ganzen Landes erſcheinen.
Als ſie aber durch einen Wald gingen, traf es ſich, daß
gerade die Räuber einem Manne die Gurgel abgeſchnitten
hatten; die ausgepluͤnderte Leiche hatten fie liegen laſſen.
Der Profoß war mit ſeinen Leuten dort und fand die drei
Geſellen nicht weit von der Stelle, wo der Mord veruͤbt war
1 Wir drei Kleriker. Um Börfe und Geld, es iſt recht und billig.
215
und wo der tote Körper lag. „Kommt her!“ fagte er zu
ihnen, „wer hat dieſen Mann erſchlagen?“ Sogleich ant⸗
wortete der aͤlteſte, dem die Ehre zukam, zuerſt zu reden:
„Nos tres elerici.“ „Oho!“ ſagte der Profoß, „und warum
habt ihr das getan?“ „Pro bursa et pecunia,“ erwiderte der
zweite. „Gut,“ ſagte der Profoß, „dafuͤr werdet ihr gehaͤngt
werden!“ „Dignum et justum est, fuͤgte der dritte hinzu.
So waͤren denn dieſe armen Leute faſt auf Kredit gehaͤngt
worden, wenn ſie nicht, nachdem ſie ſahen, daß es Ernſt
wurde, das Latein ihrer Mutter zu ſprechen angefangen
haͤtten und geſagt haͤtten, wer ſie waͤren. Der Profoß, wel⸗
cher ſah, daß ſie jung und wenig gewitzt waren, erkannte
wohl, daß ſie es nicht geweſen waͤren. Er ließ ſie laufen und
begab ſich auf die Verfolgung der Raͤuber, welche den Mord
begangen hatten. „Aber hat er ſie gefunden?“ „Was weiß
ich, lieber Freund, ich war nicht dabei!“
Wie ein Schotte durch ein Mittel, das ihm ſeine
Wirtin angegeben hatte, vom Bauchweh geheilt
wurde
or noch nicht langer Zeit diente ein Schotte in der
arde des Koͤnigs von Frankreich. Er hatte von
Jugend auf ein wenig an der Wiſſenſchaft genaſcht,
zumal da er ſah, daß der Koͤnig die gelehrten Leute vorzog
und andererſeits erwog, daß er waͤhrend ſeiner dienſtfreien
Zeit reichlich Gelegenheit habe, ſeine Studien zu betreiben.
Er ſuchte ſich alſo eine Wohnung bei einer biederen Witwe
und quartierte ſich dort fuͤr einige Zeit ein.
Eines Tages fuͤhlte er ſich unwohl, und da er nicht hin⸗
reichend Sprachkenntniſſe beſaß, um ſich jemand anderem
gegenuͤber verſtaͤndlich zu machen, ſo gedachte er, ſeine Wirtin
um einen Rat gegen ſein Leiden zu bitten und ſagte zu ihr:
„Madame, mich haben groß Übel an meinem Nabel!“ Seine
Wirtin merkte, daß er ſagen wolle, ſein Bauch tue ihm weh,
und daß er ſie um ihre Anſicht fragen wolle, wie er raſche
Erleichterung finden koͤnne. Sie ſagte zu ihm, er muͤſſe zum
216
[Au
heiligen Eutrop beten, welcher, wie man ſage, von dieſem
übel heile. Der Schotte verſtand fie, und da er fühlte, daß
ſein Bauch ſich verſchlimmerte, ſo wollte er den Rat ſeiner
Wirtin nicht verachten, ſondern ging in die naͤchſtbeſte Kirche
und begann dermaßen dringend zu beten und zu bitten, daß
die, welche ihn hoͤrten, glaubten, der Heilige muͤſſe ſich ihm
bald offenbaren. Waͤhrend er in ſolche Betrachtungen ver⸗
ſunken war, hatte ſich zufällig ein Spitzbube hinter dem Bild⸗
nis des heiligen Eutrop verſteckt und beobachtete das Ge⸗
baren der Kommenden und Gehenden. Als er die Gri⸗
maſſen bemerkte, die dieſer Schotte ſchnitt, rief er laut: „So
lauf doch, lauf zu Johann von Schottland und ſeinem An⸗
hang!“ Der Schotte verſtand dieſe grob herausgeſchleuderten
Worte und glaubte, irgendein Spitzbube wolle ihn in ſeiner
Andacht ſtoͤren. Er nahm dieſerhalb ſeinen Pfeil und ſeinen
Bogen, beobachtete, von welchem Ort die Stimme, die er
gehoͤrt hatte, ausgegangen ſein koͤnne, und ſchoß die Statue
des Heiligen raſibus um. Der Spitzbube, welcher dahinter
war, fuͤrchtete, der Schotte moͤge ſeinen Schuß wiederholen
und ſtieg eilends von der Leiter, auf welcher er ſtand, herab.
Dabei verurſachte er jedoch ein Geraͤuſch; der Schotte glaubte,
es ſei der Heilige und machte ſich auf ſeine Verfolgung, um
ihn fuͤr die zugefuͤgte Beleidigung zu ſtrafen. Daruͤber geriet
er in ſolche Aufregung, daß ſich fein Übel ſogleich verlor, und
ſeitdem hatte er kein Bauchweh mehr.
Vom Meiſter Berthold, dem man einredete, daß
er tot ſei
6 inſt lebte in der Stadt Rouen — ich weiß nicht genau
wo — ein Mann, der allen, die kamen und gingen,
zum Zeitvertreib diente. Bald ging er in der Kleidung
eines Schiffsmanns, bald in der eines Magiſters oder eines
Pflaumenſchuͤttlers, aber immer war er ein Narr. Man
nannte ihn Meiſter Berthold. Auf dieſen Meiſtertitel war
er ſo ſtolz wie ein Eſel auf ſeinen neuen Knuͤppel. Haͤtte man
dieſen Titel fortgelaſſen, ſo haͤtte man nichts bei ihm er⸗
217
reicht; aber wenn man ihn „Meiſter“ nannte, ſo wäre er
auch durch ein Mauſeloch gekrochen. Was ihn vollends zum
Narren machte, war, daß einige biedere Meiſter der Zunft
ihn elf Naͤchte hintereinander mit dicken Nadeln in den Hinter⸗
backen, die ihn am Schlafe hindern ſollten, hatten wachen
laſſen; dieſes naͤmlich iſt das wahre Rezept, um einen Men⸗
ſchen im Narrentum vollkommen zu machen.
Es ereignete ſich eines Tages, daß er einigen jungen Leuten
in die Haͤnde geriet, die ihn mit aufs Land nahmen, wo ſie
ihm, nachdem ſie allerlei Schabernack mit ihm getrieben
hatten, einredeten, er ſei krank. Sie ließen ihn bei einem,
der ſich als Prieſter ausgab, beichten, ließen ihn ſein Teſta⸗
ment machen, und gaben ihm ſchließlich zu verſtehen, daß
er tot waͤre. Und er glaubte es, hauptſaͤchlich deshalb, weil
ſie ſagten, als ſie ihn zum Begraͤbnis fuͤhrten: „Ach, der
arme Meiſter Berthold, er iſt tot! Nie werden wir ihn wieder⸗
ſehen, ach nein!“ Sie luden ihn auf einen aus der Stadt
kommenden Karren und fangen das „Libera me domine“
uͤber der Leiche des Meiſter Berthold, welcher mit beſtem
Wiſſen und Gewiſſen den Toten ſpielte. Es waren aber
einige darunter, die ihn fuͤhlen ließen, daß er noch lebte, denn
ſie ſtachen ihn mit Nadeln in den Hintern; aber trotzdem wagte
er nicht, ſich etwas ankennen zu laſſen, aus Furcht, er moͤchte
nicht tot ſein, ja, er ſcheute ſich ſogar, die Schenkel zuruͤck⸗
zuziehen, wenn er die Nadelſtiche ſpuͤrte. Schließlich aber
ſtachen ſie ihn ſo heftig, daß er es nicht mehr aushalten
konnte; er hob den Kopf und ſagte zum erſten, den er er⸗
blickte: „Bei Gott, du Schuft, wenn ich ſo lebendig waͤre
wie ich tot bin, ſo wuͤrde ich dich auf der Stelle umbringen.“
Und ſogleich ſpielte er wieder den Toten und ließ ſich durch
nichts mehr bewegen, aufzuwachen, bis einer ſprach: „Ach,
der arme Berthold iſt tot!“ Da erhob ſich unſer Mann.
„Ihr habt gelogen,“ ſagte er, „fuͤr euch bin ich immer noch
der ‚Meifter‘ Berthold. Und außerdem bin ich gar nicht tot,
nun gerade nicht!“ So erſtand Meiſter Berthold von den
Toten auf, weil man ihn nicht „Meiſter“ nannte.
218
Von einem jungen Geſellen, der ſich dem Teufel
ergab, um ein junges Mädchen zur Frau zu be—
kommen, und wie er vom Teufel befreit wurde,
als er ihm auf den Rat ſeiner Frau ein Tier zeigte,
welches er nicht kannte
8 iſt lautere Wahrheit, daß einmal im Lande Langue⸗
doc ein junger Geſell lebte, der bis uͤber die Ohren in
ein junges Mädchen aus feiner naͤchſten Nachbarſchaft
verliebt war, ja, er war ſo heftig in Liebe zu ihr entbrannt, daß
er bei Tag und bei Nacht keinen Schlaf mehr fand vor lauter
Gedanken an fie. Dabei war ihre Liebe zuͤchtig und an⸗
ftändig, und der junge Mann wollte das Mädchen heiraten;
aber ihr Vater und ihre Mutter wollten nichts davon wiſſen,
und als beſagter junger Geſell durch ſeine Verwandten und
Freunde um ihre Hand anhalten ließ, wurde er glatt ab⸗
gewieſen. Daruͤber geriet er in ſo große Schwermut, daß
er zu ſterben vermeinte, und er lag lange Zeit krank. Als
er ein wenig beſſer war, ſpazierte er, in truͤbe Gedanken ver⸗
ſunken, außerhalb der Stadt uͤber die Felder. Dort traf er
einen Mann, welcher ihn fragte, was er habe, und er ant⸗
wortete ihm, daß er Grund zur Melancholie habe und er⸗
zaͤhlte ihm ſeine ganze Geſchichte und wie er in ein ſchoͤnes
Maͤdchen verliebt ſei. Darauf entgegnete jener Fremde,
er wolle ihn ſeiner Liebe genießen und das Maͤdchen heiraten
laſſen, wenn er ihn zufriedenſtellen wolle. Der Geſell er⸗
widerte, es gaͤbe nichts, was er nicht, um ſie zu bekommen,
tun wuͤrde, und er wolle ſein ganzes Geld und Gut dafuͤr
hergeben. Jener hingegen ſagte, er brauche kein Geld, habe
vielmehr ſelber genug davon; aber wenn er ſich ihm zu eigen
geben wolle, fo ſei er es zufrieden. „Wieſo zu eigen geben,“
ſprach der Geſell, „und wer biſt du?“ „Ich bin“, ſagte der
Fremde, „ein Teufel, aber hab' keine Angſt, ich verſpreche
dir, daß ich dir nichts zu Leide tun werde. Hoͤre mir zu: ich
werde dich das Maͤdchen heiraten laſſen und genau zehn
Jahre nach eurem Hochzeitstage ſollſt du mir gehoͤren, es
219
fei denn, daß du mir am Verfalltage ein Tier zeigſt, das ich
nicht kenne. In dieſem Falle ſollſt du los und ledig ſein,
und ich werde nichts mehr von dir verlangen.“ Der Geſell
fand dieſen Vertrag und die Friſt, die ihm blieb, ganz nach
ſeinem Geſchmack und ſchlug ohne weiteres ein. Der Teufel
ließ ſich die Unterſchrift geben und ging davon, und kurz
darauf holten die Verwandten und Freunde des Maͤdchens
den Geſell und gaben ſie ihm auf der Stelle zur Frau.
Nach der Hochzeit war der junge Ehemann mit ſeiner Frau
lange Zeit hindurch guter Dinge, und er ſetzte ſein froͤhliches
Leben ſo lange fort, bis die zehn Jahre nahezu abgelaufen
waren. Da verfiel er in große Beſorgnis und Schwermut,
dergeſtalt, daß ſeine Frau es bemerkte und ihn fragte, was
ihm fehle, aber er wollte es ihr nicht ſagen; ſie aber lag ihm
ſo lange an, bis er ihr die ganze Wahrheit geſtand: wie er
ſich habe dem Teufel ergeben, auf daß er ihn beſaͤße, es ſei
denn, daß er ihm nach Ablauf der Friſt ein Tier zeige, ſo
jener nicht kennen wuͤrde. „Und wenn du ihm ein Tier
zeigteſt, das er nicht kennt,“ ſagte ſein Weib, „waͤreſt du
dann ſeiner ledig?“ „Allerdings,“ erwiderte er, „alſo be⸗
ſagt es der Vertrag.“ „Und wie lange haſt du noch Friſt?“
„Nur mehr acht Tage,“ erwiderte er. „Alsdann, mein
Freund,“ ſagte die Frau, „ſorge dich nicht, der liebe Gott
wird uns helfen, und wir werden es ſo einrichten, daß Euch
der Leibhaftige nicht holen ſoll.“ Als der Vorabend des
Verfalltages gekommen war, ſagte die Frau zu ihrem Gatten:
„Mein Freund, ich gehe dieſe Nacht zu meiner Mutter und
werde nicht bei dir ſchlafen. Morgen ſtehe beizeiten auf
und gehe in die Meſſe, und wenn du wiederkommſt, wirſt du
in deiner Kammer das Tier finden, das der ++ + nicht kennen
ſoll, wenn du es ihm zeigſt.“ Am andern Morgen zog ſich
die Frau ganz nackt aus und rieb ſich mit Vogelleim ein,
darauf trennte ſie die Bettdecke auf und waͤlzte ſich in den
Federn, dann ging ſie heim, ließ ſich auf alle Viere nieder
und marſchierte, da ihr Mann heimkam, aͤrſchlings durch die
Kammer. Als jener ſie erblickte, wußte er nicht, was das
220
waͤre, denn nicht einmal er ſelber erkannte fie. Er ſprang
aus dem Hauſe und traf auf den Teufel, der ihn zu holen
kam. „Alſo,“ ſagte der Teufel, „da bin ich, um dich zu holen.
Haſt du mir noch etwas zu ſagen?“ „Ich bin bereit, mein
Verſprechen zu halten,“ ſagte der arme Mann etwas klein⸗
laut, „aber zuvor will ich dir eine Beſtie zeigen, die du nicht
kennen wirſt.“ „Schauen wir ſie uns alſo an!“ ſagte der
Teufel. Der Mann fuͤhrte ihn in die Kammer, und als der
Teufel die Beſtie ſah, war er baß erſtaunt und betrachtete
ſie von hinten und von vorn. Einmal ging ſie vorwaͤrts und
einmal ruͤckwaͤrts, einmal beſichtigte er die Haare, ſo ihren
Kopf bedeckten, und dann wieder jenen großen Spalt auf
der anderen Seite, den er fuͤr ihren Mund hielt. Obendrein
war ſie noch ganz mit Federn bedeckt, und er kannte keinen
Vogel und kein vierfuͤßiges Tier, das ſolche Federn truͤge;
ihre Haare aber hielt er fuͤr den Schwanz der Beſtie. So
lange er ſie auch betrachtete, er ahnte nicht, was fuͤr ein Tier
das ſei und ging von dannen, denn er war mit ſeinem Latein
zu Ende. Der Mann aber war los und ledig. So entging er
durch die Schlauheit ſeiner Frau der großen Gefahr, und ihr
moͤget daraus erſehen, daß es ein nuͤtzlich Ding iſt um eine
verſtaͤndige und gute Frau.
Von dreien Juͤnglingen, welche drei Feen be:
gegneten, und was ihnen mit den Gaben geſchah,
ſo beſagte Feen ihnen gewaͤhrten
ihr müßt wiſſen, daß es in Poitou war, wo ſich vor alter
Zeit eine Geſchichte zutrug, die wert iſt, der Nachwelt
überliefert zu werden. Es iſt Tatſache, daß in Luſignan
drei Juͤnglinge wohnten, Soͤhne eines reichen Edel⸗
mannes aus beſagtem Orte, welche fich allgemeiner Beliebtheit
erfreuten, weil ſie ſchoͤn, anmutig und von Natur aus ſanft⸗
muͤtig waren, wie es der Jugend geziemt. Es geſchah aber, daß
ſie eines Tages eine Wanderung machten und naͤchtlicherweile
einen Wald durchquerten. Allda trafen ſie drei Feen vom Hof⸗
ſtaat Meluſinens, welche ſchoͤn, kurzweilig und über die Maßen
221
anmutig waren. Als dieſe fie kommen ſahen, baten fie fie,
einige jener Taͤnze mit ihnen zu tanzen, die im Elfenreiche
uͤblich ſind, und die Juͤnglinge willfahrten, verlockt durch ihre
große Schoͤnheit, der Bitte der Feen. Jede Fee nahm ihren
Taͤnzer, und ſie tanzten die ganze Nacht hindurch. Sie tanz⸗
ten, huͤpften, machten Bockſpruͤnge, riefen einander an, ant⸗
worteten, blieben ſtehen, ſchauten ſich verliebt an, ruhten
ſich aus, verſteckten ſich und ſpielten ſogar ein gewiſſes Spiel
miteinander, deſſen die Feen genau ſowenig muͤde
werden wie die irdiſchen Frauen. Endlich brach der Tag an,
zum großen Erſtaunen der Feen, die ihn ſo bald noch nicht
erwartet hatten. Hierauf nahm die aͤlteſte von ihnen das
Wort und ſprach zu den Juͤnglingen: „Ihr ſuͤßen Freunde,
meine Schweſtern und ich, wir ſind genoͤtigt, ins Elfenreich
zuruͤckzukehren, ehe die Sonne aufgeht, aber, ihr ſchoͤnen
Juͤnglinge, in Anſehung eures guten Willens und der Muͤhe,
die ihr euch uns zuliebe gegeben habt, ſowie des Vergnuͤgens,
das ihr uns bereitet habt, gewaͤhren wir jedem von euch zur
Belohnung einen Wunſch, derart, daß der Wunſch, einmal
ausgeſprochen, ſogleich erfüllt wird. Wenn ihr alſo verftändig
ſeid, ſo wuͤnſcht euch etwas, das euch zu Nutzen und Ehre
gereicht.“ Nach dieſen Worten verſchwand die Fee und die
andern mit ihr, und nie wieder hörten die drei Juͤnglinge
etwas von ihnen.
Als die jungen Maͤnner allein waren, verwunderten ſie
ſich ſehr über ihr Abenteuer, aber allmählich ſammelten fie
ihre Lebensgeiſter wieder und ſetzten ihren Weg nach Luſig⸗
nan fort. Waͤhrend ſie ſo wanderten, plauderten ſie von den
drei Feen und von ihrer großen Schoͤnheit und Anmut.
Der eine ſagte: „Sie ſind nicht weniger freigebig als ſchoͤn;
erinnert ihr euch nicht an die Gabe, die ſie uns gewaͤhrten,
als ſie gingen, an die drei Wuͤnſche, die uns in Erfuͤllung
gehen ſollen?“ „Allerdings,“ ſprach der Alteſte, „aber ich
fuͤr meine Perſon brauche keine Reichtuͤmer, keine Macht,
kein Land und kein Geld, denn ich bin der Alteſte, und nach
Erbrecht wird das Schloß unſeres Vaters an mich fallen.
222
Aber ihr beiden, überlegt euch eure Wuͤnſche und ſprecht fte
ſo aus, daß ihr in Zukunft gleichfalls Macht und Reichtuͤmer
zur Genuͤge habt.“ „Das wollen wir freilich tun,“ erwiderten
die andern, „wenn es Gott gefaͤllt, aber Ihr ſeid der Alteſte
und muͤßt mit dem Wuͤnſchen beginnen; wuͤnſcht Euch etwas,
das Euch und Eurem Hauſe Ehre macht.“ „Ich brauche
nichts,“ antwortete jener. „Ihr müßt,” ſagten die andern;
„da Ihr der Alteſte ſeid.“ „Nein, bei Gott,“ verwahrte ſich
dieſer, „denn ich habe nichts zu wuͤnſchen!“ „So wollte ich
doch,“ ſprach der zweite, „daß Ihr fuͤr Euren boͤſen Willen
ein Auge verloͤret!“ Kaum war dies Wort ausgeſprochen,
als ein Auge aus dem Kopf des Alteſten heraustrat und zu
Boden fiel. Als dieſer fuͤhlte, daß er nur mehr ein Auge habe,
begann er lauter wie ein Blinder zu ſchreien und ſeinen
Bruder der ihm ſolches angewuͤnſcht hatte, zu ſchelten, und der
jüngfte Bruder, der den Alteſten ſehr liebte, weinte und
ſchmaͤhte den unſeligen Taͤter gleichfalls und ſprach in ſeinem
Zorn: „Du haſt zu boͤſer Stunde gewuͤnſcht, Unſeliger, daß
unſer Alteſter ein Auge verlöre, ich wollte, du wuͤrdeſt alle
beide einbuͤßen!“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen,
als die beiden Augen aus dem Kopf des zweiten heraus⸗
traten und zu Boden fielen, und dieſer begann nun ſeiner⸗
ſeits zu ſchreien und ſeinen Bruder zu ſchelten, indem er
ausrief: „Wehe mir! Was ſoll ich jetzt tun, da ich durch dei⸗
nen treuloſen Wunſch mein Geſicht verloren habe und den
Weg nicht mehr finden kann!“ Nun nahm der Alteſte das
Wort und ſprach: „Hört auf mich, liebe Brüder! Ich allein
habe meinen Wunſch noch nicht ausgeſprochen, da ich eben
noch alles beſaß, was ich haͤtte wuͤnſchen koͤnnen. Dem iſt
nun nicht mehr ſo, und deshalb wuͤnſche ich, daß mir und
meinem Bruder die Augen an ihren alten Platz zuruͤckgegeben
werden.“ Sogleich wurde dieſer Wunſch des Alteſten erfuͤllt,
und er erhielt ſein eines, der zweite Bruder aber ſeine beiden
Augen zuruͤck. Und die drei Juͤnglinge kehrten beſchaͤmt,
weil ſie die Gabe der Feen » ſchlecht benutzt hatten, b
Luſignan zuruͤck.
223
Siebzehntes und achtzehntes Jahrhundert
23. Fabeln von Lafontaine
Der Haſe und die Schildkroͤte
as Laufen fuͤhrt zu nichts, geht nur rechtzeitig fort.
Schildkroͤte und Langohr ſind dafuͤr ein Beweis.
„Wetten wir, ſagte ſie, „daß Ihr das Ziel nicht halb
ſo ſchnell wie ich erreicht.“ „Nicht halb? Seid Ihr verruͤckt?“
verſetzte das leichtfuͤßige Geſchoͤpf, „Gevatterin, Ihr muͤßt
purgieren mit Nieſwurz, jeden Tag vier Loͤffel voll!“ „Toll
oder nicht, ich wette noch einmal.“
Und ſo geſchah's, ſie alle beide legten den Einſatz nahe
an das Ziel. Zu wiſſen, worin er beſtand, darauf kommt
es nicht an, auch nicht auf welchen Richter ſie ſich einigten.
Vier Spruͤnge brauchte unſer Haſe nur zu machen, ſolche,
verſteht ſich, wie er macht, wenn er die Hunde, die ihm
folgen, weit zuruͤcklaͤßt und die weite Heide fie durchmeſſen
laͤßt. Er hatte alſo, ſag' ich, Zeit zu graſen, zu ſchlafen
und zu lauſchen, ob der Wind ihm kein verdaͤchtiges Ge⸗
raͤuſch zutrage.
So wandelte denn das Reptil voraus in langſam feier⸗
lichem Senatorenſchritt. Ruͤſtig geht es dahin und eilt mit
Weile. Indeſſen er mißachtet ſolchen Sieg, glaubt aus der
Wette wenig Ruhm zu ziehn und denkt, daß es ſich beſſer
fuͤr ihn ſchickt, wenn moͤglichſt ſpaͤt er aufbricht. Er ruht
ſich, graſt und unterhaͤlt ſich mit allem andern, nur nicht
mit der Wette. Doch endlich, als er ſah, daß ſchon ſein
Gegner faſt den Lauf vollendet, entflieht er wie ein Pfeil.
Doch ſeine Muͤhe war umſonſt: als erſter laͤuft das Reptil
durchs Ziel.
„Nun?“ ſprach es, „hatte ich nicht recht? Wozu dient
deine Schnelligkeit? Du wollteſt den Sieg mir nehmen?
Und was täteft du, wenn du, wie ich, ein Haus auf einem
Ruͤcken mit dir ſchleppen muͤßteſt?“
224
— —————— — 2 — ¶ S?ͥAͥ—G . —ñ— 1 .
Der Milchtopf
erette, einen Milchtopf auf dem Kopf, der wohl auf
ihrem Kiſſchen balancierte, gedachte ohne Unfall in die
Stadt zu kommen. In kurzer Kleidung ging ſie raſchen
| Schritte und trug an dieſem Tage, um beſonders leicht
zu ſein, nur einen Unterrock und flache Schuhe. So hoch aufge⸗
ſchuͤrzt, berechnet in Gedanken unſre Milchtraͤgerin den Preis,
den ſie fuͤr ihre Milch davonzutragen denkt und malt ſich aus,
wie ſie das Geld verwenden will. Sie kauft ſich hundert Eier,
dreimal bruͤten die Hennen doch im Jahr, wenn man ſie gut
verſorgt. „Leicht kann ich“, ſagte fie, „die Küchlein aufziehn.
Der Fuchs muß ſehr gewandt ſein, wenn er mir nicht ſo viel
laͤßt, dafuͤr ein Schwein zu kaufen. Ein wenig Kleie dann:
das Schwein wird fett. Es war ſchon, als ich es bekam, von
reſpektabler Groͤße. Wenn ich's verkaufe, kriege ich viel
Geld, fo daß ich meinen Stall — wer hindert mich daran? —
um eine Kuh vergroͤßern kann. Die wirft ein Kalb. Schon
ſeh ich's in der Herde ſpringen.“ Perette iſt entzüdt von die⸗
ſem Plan, fie huͤpft, die Milch fallt um... Kalb, Kuh,
Schwein, Huhn, ade! Die Herrin dieſer Guͤter laͤßt traͤnen⸗
vollen Aug's ihr Gluͤck im Kot zuruͤck und geht zu ihrem Mann,
der ſie verpruͤgeln wird. Daruͤber hat man einen Schwank
gedichtet, „der Milchtopf“ heißt er, wie man mir berichtet.
Ach, welcher Menſch greift nicht zur Wuͤnſchelrute, wer
haͤtte nie ein ſpaniſch Schloß erbaut? Pikrochol, Pyrrhus,
unſer Milchweib, alle, der Weiſe und der Narr in gleichem
Maß, ein jeder traͤumt im Wachen. Und es gibt nichts Suͤß⸗
res. Ein ſchmeichleriſcher Trug huͤllt unſre Sinne ein, das
Gluͤck der Erde liegt zu unſern Füßen, uns dienen alle Ehren,
alle Frauen uns. Wenn ich allein bin, trotze ich dem Staͤrk⸗
ſten, den Schah von Perſien werde ich entthronen, zum
König wählt man mich, mein Volk verehrt mich, und die
Diademe regnen auf mein Haupt. Irgendein Mißgeſchick
fuͤhrt mich zu mir zuruͤck: Dann bin ich wie zuvor der
dumme Hans. |
15 Franz. Märchen I 225
24. Schwaͤnke des 17. und 18. Jahrhunderts
Der Zeichendisput |
inſt kam ein Gelehrter nach Genf und fagte, er wolle
disputieren, ohne ſich jedoch eines anderen Verſtaͤn⸗
digungsmittels als der Zeichenſprache zu bedienen.
Niemand wollte hierin ſein Partner ſein, denn dortzulande
pflegt man weniger in Symbolen als vielmehr gerade her⸗
aus zu reden. Schließlich fand ſich ein aus Montargis zu:
gewanderter Schreiner, welcher ſich bereit erklaͤrte, mit dem
Gelehrten gemaͤß deſſen Wuͤnſchen zu disputieren. Man ließ
beide auf einer Baluſtrade vor dem verſammelten Volke Platz
nehmen. Mit entſchloſſener Miene ſtellte ſich der Gelehrte
vor den Schreiner, welchen man in ein Predigergewand und
ein Konſiſtorialbarett gehuͤllt hatte; er erhob den Arm, ſtreckte
die Hand aus, ballte die Fauſt und wies einen Finger vor.
Worauf der Tiſchler ihm deren zwei zeigte. Nunmehr ſtreckte
der Gelehrte drei Finger aus, naͤmlich den Daumen, den
Zeige⸗ und Mittelfinger; der Schreiner hinwiederum zeigte
ihm die geballte Fauſt. Schließlich hielt der Gelehrte ſeinem
Gegner einen Apfel hin; dieſer durchſuchte ſeine Taſchen,
fand ein Broͤcklein Brot und zeigte es ſeinem Partner. Nach
dieſem zog ſich der Gelehrte, hingeriſſen vor ſtaunender Be⸗
wunderung, zuruͤck und ſagte nachmals, er habe hier den ge⸗
lehrteſten Menſchen von der Welt angetroffen, und ſolange
dieſer Ausſpruch im Schwange war, blieb die Genfer Schule
in gutem Ruf. |
Später fragte man den Schreiner, was er denn mit feinem
Gegenuͤber alles verhandelt habe. Er ſprach: „Er iſt wirk⸗
lich ein geſcheiter Mann. Erſt hat er mir gedroht, mir ein
Auge einzudruͤcken, und ich habe ihn wiſſen laſſen, daß ich
ihm alle beide einſchlagen wolle. Dann hat er mir in Aus⸗
ſicht geſtellt, daß er mir die Augen ausreißen und die Naſe
abſchneiden wolle, und ich habe ihm die Fauſt gewieſen, mit
welcher ich ihn niederſchlagen wuͤrde. Als er dann ſah, daß
ich zornig war, hat er mir einen Apfel vorgehalten, um mich
226
zu befänftigen, wie man es einem Kinde tut; ich aber habe
ihm erklaͤrt, daß ich nichts von ihm wolle, ſondern ſelber Brot
haͤtte, was viel mehr wert waͤre.“ So hatte der biedere
Handwerker die Metaphyſik des Gelehrten auf ſeine Weiſe
ausgelegt.
Von einem angeblichen Wahrſager
in biederer Bauersmann namens Grill hatte ſo oft
eine gute Mahlzeit ruͤhmen hoͤren, daß er vor Begierde
verging, ſich einmal an einer ſolchen dick und ſatt zu
eſſen. Da er nun aus Mangel an Mitteln ſein Geluͤſte nicht
befriedigen konnte, ſo verfiel er auf den Gedanken, er wollte
ſich als Wahrſager ausgeben und allerorten verkuͤnden, daß
er das Verborgene zu enthuͤllen wuͤßte. Wenn nun irgend⸗
ein hoher Herr ſeine Entdeckerkunſt in einer wichtigen Sache
benoͤtigte, ſo wollte er ſagen, es ſei ihm unmoͤglich dieſe ſeine
Kunſt auszuuͤben, wenn er nicht zuvor drei Tage hinterein⸗
ander von Morgen bis Abend ein Mahl, beſtehend aus den
erleſenſten Fleiſchgerichten des Landes, eingenommen und
dazu eine Unmenge der beſten Weine getrunken habe. Mit
dieſem Plan machte er ſich auf und kam in eine Gegend, in
der ſich eine hochgeſtellte Dame aufhielt. Dieſe hatte einen
aͤußerſt wertvollen Diamanten eingebuͤßt, welchen ihr drei
ihrer Diener gemeinſam entwendet hatten. Grill beteuerte
auf ihre Frage, ob er ihr in betreff des Edelſteins Aufſchluͤſſe
erteilen koͤnne, daß ihm dies eine Kleinigkeit ſein wuͤrde, nur
benötige er dazu drei Tage Friſt und an jedem dieſer Tage
ein praͤchtiges, vom Morgen bis zum Abend waͤhrendes Mahl,
andernfalls koͤnne er nicht uͤber ſeine Enthuͤllungsgabe ver⸗
fuͤgen. Der ſehr beguͤterten Dame machte dieſe fuͤr ſie un⸗
beträchtliche Ausgabe wenig Kopfzerbrechen, und fie befahl
ihrem Kuͤchenchef, jenem alle Gerichte, die er ſich wuͤnſche,
auftiſchen zu laſſen. Darauf wurde Grill in das fuͤr ihn be⸗
ſtimmte Gemach geleitet und erhielt ſein Abendeſſen. Die
drei Diener aber, welche den Diebſtahl begangen hatten,
gerieten uͤber die Ankunft des Wahrſagers in große Furcht,
15*
227
denn fie hielten es fuͤr ausgemacht, daß ihr Vergehen offen⸗
bar. werden wuͤrde. Sie berieten ſich untereinander und
kamen zu dem Entſchluß, zunaͤchſt die drei Tage abzuwarten
und waͤhrend derſelben den Fremden genau zu beobachten,
denn einer von ihnen war dazu beſtimmt worden, dieſen zu
bedienen. |
Grill ſetzte ſich alſo am folgenden Morgen zur Tafel und
erhielt alles, was er ſich gewuͤnſcht hatte. Als er dick und voll
war, gelüftete ihn nach Schlaf, dabei richtete er zufällig ſeine
Augen auf den Diener und ſagte mit vernehmlicher Stimme:
„Ah! Gott ſei Dank, das war ſchon einer!“ Damit wollte
er weiter nichts ſagen als: Gott ſei Dank, das war ſchon einer
der drei lange erhofften Feſttage; der Diener aber in ſeiner
Angſt glaubte, er habe damit gemeint: das war ſchon einer
der drei Spitzbuben, die den Diamanten geſtohlen haben.
Zitternd ſuchte er feine Gefährten auf und erzählte ihnen in
dem ſicheren Glauben, daß ihr Raub entdeckt ſei, was ſich
zugetragen habe. Hierdurch erwachte auch das Gewiſſen der
anderen, doch um ſicherer zu gehen, beſchloſſen ſie, daß am
naͤchſten Tage der zweite von ihnen dem Gaſt aufwarten
ſolle. 1
Am zweiten Tage wurde Herr Grill mit noch größerem
Aufwand bedient als am erſten. Als er ſich aber zuruͤckziehen
wollte, um der Ruhe zu pflegen, ſagte er ganz laut im Bei⸗
ſein des zweiten Dieners und anſcheinend ſeine Augen auf
dieſen heftend: „Ah! Gott ſei Dank, das war ſchon der
zweite!“ Dem Lakai fiel das Herz in die Knie, er floh und
vermehrte noch die Furcht ſeiner Kameraden, welche be⸗
ſchloſſen, daß am folgenden Tage der dritte aufwarten ſollte
und je nachdem er Nachricht zuruͤckbraͤchte, wollten fie dann
über ihre weiteren Schritte ſchluͤſſig werden.
Der dritte Tag brach an und von neuem richtete man das
Mahl. Der Diener war in ſtaͤndiger Angſt, und jedesmal
wenn Herr Grill nach einer neuen Weinflaſche deutete,
glaubte er, jener erhebe den Finger um ihm zu drohen. Als
das Eſſen beendet war, ſprach der Wahrſager fein Dankgebet
228
und ſchloß dasſelbe mit den deutlich vernehmlichen Worten:
„Ah, Gott ſei Dank, das waren nun alle drei! Mehr habe
ich auf Erden nicht verlangt und bin nun wunſchlos und zu⸗
frieden. Du, mein Freund“, wandte er ſich nunmehr an den
Lakaien, „ſage deiner Herrin, daß ich die Ehre haben werde,
fie zu ſprechen!“ Die Miſſetaͤter dachten nicht anders, als
daß er den Diebſtahl entdeckt habe und am anderen Morgen
die Gnaͤdige davon benachrichtigen wolle. Sie kamen daher
überein, daß fie in aller Frühe ſich ihm zu Füßen werfen, die
ganze Sache beichten und ihm den Diamanten uͤbergeben
wollten mit der Bitte, er moͤge Mitleid mit ihnen haben und
ſie nicht anzeigen, weil ſie ſonſt zweifellos gehaͤngt werden
wuͤrden. Herr Grill war am anderen Morgen nicht wenig
erſtaunt. Er hatte nichts weniger erhofft als dieſe gute Nach⸗
richt, denn nachdem der Wein verraucht war, fuͤhlte er ſich
bei weitem nicht mehr ſo wohl und gewaͤrtigte eine ſeinem
wagehalſigen Unternehmen angemeſſene Strafe. Nichts⸗
deſtoweniger hoͤrte er das Geſtaͤndnis mit ernſter Miene an
und lobte die Übeltaͤter wegen ihres freimuͤtigen Bekennt⸗
niſſes, obwohl er natuͤrlich vermittels ſeiner Kunſt alles ſchon
längft gewußt habe. Dann ließ er ſich noch die genauen Einzel⸗
heiten des Diebſtahls erzaͤhlen, nahm den Diamanten und
ließ ihn in Gegenwart der Diener im Magen eines Trut⸗
hahnes verſchwinden. Darauf verſicherte er den Übeltaͤtern,
daß ihr Geheimnis gewahrt bleiben ſolle und ließ ſich bei der
Herrin des Hauſes melden. Er erzaͤhlte ihr, wie ihr der Stein
entfallen ſei, als ſie ihren Handſchuh auszog, und daß einer
ihrer Truthaͤhne ihn verſchlungen habe. Man moͤge ihm alle
Haͤhne vorfuͤhren, dann wolle er den richtigen herausfinden.
Die Dame war hocherfreut, denn alle Einzelheiten waren
zutreffend, und ſie befahl, alle Truthaͤhne herbeizuſchaffen.
Herr Grill erkannte alsbald denjenigen, dem er den Edelſtein
eingegeben hatte und ſprach: „Das iſt er, gnaͤdige Frau! Laßt
ihm den Bauch oͤffnen, und ich wette meinen Kopf, daß Ihr
den Diamanten finden werdet.“ Als der Stein ſich wirklich
vorfand, konnte die Dame ſich nicht enthalten, dem erhabenen
229
Zauberer in die Arme zu ſinken. Sie führte ihn mit an ihre
Tafel, wo er an ihrer Seite ſitzen mußte und ließ ihm eine
ehrenvolle Belohnung auswaͤhlen.
Kurz darauf kam der Gatte der Dame zuruͤck, welcher acht
bis zehn Tage abweſend geweſen war. Der Mann war ein
wenig ſchlauer als ſein Eheweib und vermochte nicht ſo ohne
weiteres zu glauben, daß ein Menſch wahrſagen koͤnne. Er
ſpottete uͤber ihren Aberglauben, aber ſie beſchwur die Sache
mit ſo heiligen Eiden, daß es ihn geluͤſtete, den Wahrſager
kennenzulernen. Man ließ ihn holen, und der Herr fand
ſeinen Blick ſo ſtupid, ſeinen Verſtand ſo laͤcherlich gering,
daß er in dem Glauben, ſeine Frau habe ſich duͤpieren laſſen,
noch beſtaͤrkt wurde. Dieſe aber beſtand auf ihrer Meinung
und bat ihn, ſich doch ſelber zu uͤberzeugen. In dieſem Augen⸗
blick ließ eine Grille, welche ſich im Kamin des Zimmers be⸗
fand, ihr Krikri hoͤren. Ein Page fing das Tier und reichte
es dem Herrn, welcher es gerade zwiſchen den Fingern hielt,
als feine Frau in ihn drang, den Wahrſager auf die Probe zu
ſtellen. Er ließ alſo nochmals den Fremden holen, und
waͤhrenddeſſen ließ er ſich zwei Teller geben, zwiſchen denen
er, ohne daß es jemand merkte, das Tier verſteckte. Herr
Grill kam und der Schloßherr redete ihn folgendermaßen an:
„Nun, mein Freund, Ihr ſpielt den Wahrſager und wollt
hier fuͤr einen ſolchen gelten, aber ich weiß wohl, daß du nichts
als ein Spitzbube biſt und nur die Leute an der Naſe herum⸗
fuͤhren moͤchteſt. Ich will jetzt wiſſen, was an der Sache iſt,
denn wenn du nicht auf der Stelle erraͤtſt, was zwiſchen
dieſen beiden Tellern iſt, ſo werde ich dir fuͤnfhundert Stock⸗
hiebe aufzaͤhlen und beide Ohren abſchneiden laſſen.“ Der
arme Hellſeher ſaß ſehr in der Klemme, denn er merkte, daß
ſeine Gaunerei entdeckt war. Er richtete die Augen zum
Himmel und brach in die Worte aus: „Ach, armer Grill, nun
biſt du gefangen!“ Der Herr, der ſeinen Namen nicht kannte
und das Wortſpiel nicht verſtand, glaubte, er habe in Wahr⸗
heit erraten, was ſich zwiſchen den Tellern befand. Er ſchloß
den Mann, deſſen Tuͤchtigkeit er bewunderte, in ſeine Arme
230
und rief: „Verzeiht mir, edler Freund, und geht in Frieden!
Ihr ſeid der geſcheiteſte Mann in Europa!“ Am andern Mor⸗
gen ließ er ihn mit Gold und Silber beladen und unter großen
Ehrungen abziehen. Hatte Herr Grill nicht mehr Gluͤck als
Verſtand?
Der Fliegentoͤter
inem Bauern aus der Normandie war von ſeinem
Nachbarn eine Schuͤſſel voll Milch zur Verwahrung
gegeben worden. Als es ſich darum handelte, die⸗
ſelbe zuruͤckzuſtellen, behauptete er, die Fliegen haͤtten die
Milch gefreſſen. Der Nachbar machte die Sache vor Gericht
anhaͤngig, und als es zur Verhandlung kam, wurde der
Bauer verurteilt, die Milch zu erſetzen. Der Angeklagte gab
ſich alle Muͤhe, dieſem Urteil zu entgehen und beteuerte mehr
als zwanzigmal, die Fliegen haͤtten es verſchuldet. „Warum
haſt du ſie denn nicht totgeſchlagen?“ fragte ihn der Richter.
„Iſt es denn erlaubt, die Fliegen zu toͤten?“ verſetzte jener.
„Ja!“ „Ganz gleich, wo man ſie trifft?“ hub der Bauer
wieder an. „Ja, ganz gleich, wo man ſie trifft!“ Der Bauer
gewahrte gerade eine Fliege auf der Wange des Richters,
erhob den Arm und verſetzte ihm einen herzhaften Backen⸗
ſtreich mit den Worten: „Das iſt eine Hauptfliege! Sie
ſchaut ganz ſo aus, als ob ſie zu denen gehoͤrte, welche die
Milch gefreſſen haben.“ Der Richter mußte ſeine Ohrfeige
in Geduld und wortlos hinnehmen, denn er ſelber hatte ja
die Erlaubnis dazu gegeben.
Ein Spitzbube entwendet die Kuh ſeines Nachbarn
in Spitzbube wollte die Kuh ſeines Nachbarn ent⸗
wenden. Er ſchlich ſich zu dieſem Zweck vor Tag in
deſſen Stall, band das Tier los und fuͤhrte es weg, in⸗
dem er ſich dabei ſtellte, als laufe er hinter ihm her. Der
Nachbar erwachte von dem Laͤrm und ſtreckte den Kopf zum
Fenſter heraus. „Nachbar,“ ſagte der Dieb, „helft mir doch
meine Kuh zu fangen, ſie iſt in Euern Hof gedrungen.“ Der
231
Nachbar erhob ſich und half ihm, die Kuh wiederzubekommen.
Der Dieb hatte nun Angſt, jener moͤchte ſeine Gaunerei be⸗
merken und bat ihn, mit ihm zum Markt zu gehen. Als der
Tag graute, erkannte der arme Mann ſeine Kuh und ſprach:
„Gottes Wunder, Nachbar, Eure Kuh gleicht auf ein Haar
der meinigen.“ „Deshalb verkaufe ich ſie ja,“ erwiderte der
Gauner, „meine Frau liegt mit der deinigen alleweile in
Streit, denn ſie verwechſeln ihre Kuͤhe unausgeſetzt mit⸗
einander.“ Sobald ſie im Marktflecken angekommen waren,
tat der Dieb, der dem Frieden nicht traute, als habe er Ge⸗
ſchaͤfte in der Stadt. Er bat ſeinen Nachbarn, er moͤge die
Kuh ſo teuer als moͤglich fuͤr ihn verkaufen, er wolle ihm
dann ein Trinkgeld dafuͤr geben. Der Mann verkaufte alſo
das Tier und brachte dem Dieb das Geld, welcher ihn in ein
Wirtshaus fuͤhrte, bewirtete und dann mitſamt der Zeche
ſitzen ließ.
Der Spitzbube begab ſich hierauf nach Paris und ging eines
Tages auf den Viehmarkt, wo eine Anzahl von Eſeln ange⸗
haͤngt waren. Er ſuchte den ſchoͤnſten aus, beſtieg ihn, ritt auf
dem Markt umher und verkaufte ihn ſehr teuer an einen
Unbekannten. Der Kaͤufer fand keinen andern Platz leer als
den, welchen ſein Eſel ſoeben verlaſſen hatte; er band ihn
daher an die alte Stelle an. Der rechtmaͤßige Eigentuͤmer
des Eſels kam dazu und wollte das Tier losbinden, um es
fortzufuͤhren; der Kaͤufer widerſetzte ſich dem, und es kam zu
einer Pruͤgelei. Der, welcher den Eſel verkauft hatte, hatte
ſich wieder unter die Menge gemiſcht und machte ſich ein
teufliſches Vergnuͤgen daraus, zuzuſchauen, wie der Kaͤufer
am Boden lag und mit Fauſtſchlaͤgen bearbeitet wurde.
Er konnte ſich nicht enthalten zu rufen: „Haut ihn, haut ihn,
immer feſt, dieſen Eſeldieb!“ Der Käufer erkannte den Mann
an der Stimme, der ihm den Eſel verkauft hatte und rief:
„Das iſt der Verkaͤufer, packt ihn!“ Der Gauner wurde auf
der Stelle verhaftet und ins Gefaͤngnis geſteckt, wo er nach
abgelegtem Geſtaͤndnis verurteilt und bald darauf oͤffentlich
hingerichtet wurde.
232
4
Der friedfertige Hahnrei
in junger Mann hatte eine ſehr huͤbſche Frau ge⸗
heiratet und wohnte mit ihr auf dem Lande in einem
nahe der Landſtraße gelegenen, einſamen Hauſe, das
ihm gehörte. Eines Abends legten ſie ſich frühzeitig ſchlafen
und vergaßen, da es in der warmen Jahreszeit war, die auf
die Landſtraße fuͤhrende Vortuͤre zu ſchließen. Dem Gatten
fiel es ein, und er fragte ſeine Frau, ob ſie die Tuͤre geſchloſſen
habe. „Nein,“ ſagte ſie, „es waͤre deine Sache geweſen, die
Tuͤre zuzuſperren, denn du haſt dich zuletzt niedergelegt.“
„Bitte, geh und ſchließe ſie zu,“ erwiderte der Gatte. „Das
tue ich nicht,“ ſprach die Frau, „geh ſelber hin!“ Daruͤber
erhitzten ſie ſich mehr und mehr. Schließlich ſagte der Mann:
„Der, welcher zuerſt redet, ſoll ſie ſchließen.“ „Gut,“ ver⸗
ſetzte die Frau, und von da ab blieb ſie ſtumm.
Ein junger Soldat, den der Zufall herfuͤhrte, hatte ſeinen
Weg verloren. Er ſah das einſame Haus, deſſen Tuͤr ge⸗
oͤffnet war und trat ein, um nach dem Weg zu fragen. Da
er unten niemanden antraf, ſtieg er hinauf und gelangte in
das Schlafgemach des Ehepaares. „Weiſt mir bitte, liebe
Leute,“ ſprach er, „den Weg nach da und dahin.“ Aber nie⸗
mand antwortete ihm. Er ſtellte mehrmals die naͤmliche
Frage; als er aber merkte, daß ſie, anſtatt ihm zu antworten,
den Kopf unter die Bettuͤcher verſteckten, begann er zu
fluchen und zu drohen. Schließlich trat er an das Bett, zog
die Decke und die Tuͤcher ab und bemerkte, da es noch hin⸗
reichend hell war, die Umriſſe eines Frauengeſichts, das ihn
nicht uͤbel duͤnkte. Er konnte der Verſuchung nicht wider⸗
ſtehen, naͤherte ſich um einen weiteren Schritt und kuͤßte die
Frau, ohne daß jemand ein Wort ſprach. Dieſes friedliche
Vorſpiel ließ ihn hoffen, daß er keinen ernſtlichen Wider⸗
ſtand finden wuͤrde; er ſtreckte ſich alſo neben die Frau aufs
Bett, kuͤßte und liebkoſte ſie und tat mit einem Worte alles,
was er wollte, ohne daß der Gatte ſich ruͤhrte. Als der Galan
genug gekoſt hatte, erhob er ſich und ging hoͤchſt zufrieden,
233
daß er einen angenehmeren Weg gefunden hatte, als er
ſuchte. Kaum war er fort, ſo ſprach die Schoͤne zu ihrem
Gatten: „Ja, iſt es moͤglich, daß du ſo feige biſt, eine ſolche
Frechheit unter deinen Augen zu dulden, ohne ein Wort
zu ſagen?“ „Ha, beim Teufel!“ entgegnete der Gatte, „du
wirſt die Tuͤr zuſperren, denn du haſt zuerſt geredet!“
Die Wette der drei Gevattern
Saufen zugebracht hatten, waren in großer Not, wie
ten, die wahre Hausdrachen waren. „Ich meinerſeits,“ ſagte
der erſte, „bin entſchloſſen, alles hinzunehmen, was die
meinige mir ſagen wird, ohne ihr ein einziges Wort zu er⸗
widern.“ „Und ich,“ ſagte der andere, „werde ohne Wider⸗
rede alles tun, was die meinige mir befehlen wird.“ „Ich
werde ebenſo gehorſam ſein,“ fuͤgte der dritte hinzu. Es
wurde verabredet, daß der, welcher das, wozu er ſich ver⸗
pflichtet hatte, nicht oder doch nicht ſo gut ausfuͤhren wuͤrde,
zehn Taler zahlen muͤſſe, welche dann verjubelt werden ſoll⸗
ten. Sie brachen alſo auf und gingen alle drei in das Haus
des erſten Gevatters. Sobald ſeine Frau ihn bemerkte, be⸗
gann ſie ihm ein ganzes Kyrie eleiſon von Schimpfworten
an den Kopf zu werfen und auch die beiden andern zu ſchmaͤ⸗
hen, welche ihrer Behauptung nach ihren Mann zu Aus⸗
ſchweifungen verleitet haͤtten. Alle drei lauſchten dieſer
ſchoͤnen Muſik, ohne ein Wort zu ſagen. Die Frau glaubte,
man wolle ſie zum Narren halten und erhob die Hand, um
ihrem Gatten eine Ohrfeige zu geben. Um ihr auszuweichen,
trat dieſer zuruͤck, und im Zuruͤckweichen traf er auf einen
nichtswuͤrdigen irdenen Topf, welcher zerbrach. „Spitzbube,
Eſel, Lump!“ ſagte die Frau, „zerbrich alles, Miſſetaͤter, zer⸗
brich alles!“ Er wollte ihr gehorchen, ließ alle Fenſter⸗
ſcheiben mit einem Stockſchlag klirren und ſchlug alles, was
ihm vorkam, in Truͤmmer. Da ſtuͤrzte die Frau mit einem
Stock in der Hand auf ihn los, und er zog ſich mit ſeinen bei⸗
234
rei Maͤnner, welche den groͤßten Teil des Tages mit
ſie bei ihrer Heimkehr ihre Frauen beſaͤnftigen ſoll⸗
den Kumpanen, welche Zeugen feines Gehorſams geweſen
waren, zuruͤck.
Von hier begaben ſie ſich in das Haus des zweiten Ge⸗
vatters, deſſen Frau ſie in nicht minder uͤbler Laune vor⸗
fanden, als die des erſten. Sie ſang ihnen die naͤmliche Ton⸗
art vor und war nicht weniger freigebig mit Schimpfworten.
Der Gatte erwiderte ihr mit keinem Wort und begnuͤgte ſich
vielmehr damit, ſeinen Hintern reden zu laſſen. „Scheiß auch
noch, du Sau,“ keifte die Alte, die das gehoͤrt hatte, und er
gehorchte ihr auf der Stelle. Waͤhrend ſie ihren Stecken
ſuchte, um ihn zu ſtriegeln, hatte er Zeit, ſeine Hoſen wieder
hochzuziehen und mit den beiden Genoſſen das Weite zu
ſuchen.
Als ſie wieder im Freien waren, ſtritten die beiden erſten
miteinander, wer am beſten gehorcht habe. Der eine ſagte
zu ſeinen Gunſten, man muͤſſe ohne Widerrede gehorchen,
und mit dem Hintern reden ſei ſchließlich auch geredet. Der
Streit war nicht leicht zu ſchlichten, doch der dritte meinte,
das heiße um des Kaiſers Bart ſtreiten, man muͤſſe zuvor
ſehen, wie er ſich aus der Sache herauszoͤge, und er glaube,
wenn es ihm ebenſo gut gelingen wuͤrde wie dem erſten,
ſo muͤſſe der zweite zahlen, oder ſein Hinterer fuͤr ihn. Die
andern beruhigten ſich damit, und ſie begaben ſich gemein⸗
ſam in das Haus des letzten. Kaum hatte deſſen Ehehaͤlfte
ihn bemerkt, als ſie ausrief: „Da kommt ja mein Trunken⸗
bold, mein Weinſchlauch!“ Der Gatte trat ein, ohne das ge—
ringſte Erſtaunen zu zeigen, aber er tat, als er den Fuß uͤber
die Schwelle ſetzte, einen Fehltritt, welcher ihn ſtraucheln
machte. „Brich dir den Hals, Schleckmaul, das du biſt,
brich dir den Hals!“ ſchrie das Weib. „Zum Teufel das
Aas!“ ſagte er, indem er ſich zuruͤckzog, „ſie iſt ſchuld, daß
ich verloren habe.“ Alſo verlor er, denn er zog es vor,
zehn Taler zu zahlen, als daß er ſich den Hals gebrochen
haͤtte.
235
25. Blaubart
s war einmal ein Mann, der hatte ſchoͤne Haͤuſer in
der Stadt und auf dem Lande, goldene und ſilberne
Geraͤte, Moͤbel und Stickereien und goldene Karoſſen,
aber ungluͤcklicherweiſe hatte dieſer Mann einen blauen Bart.
Das machte ihn ſo haͤßlich und ſo abſtoßend, daß Frauen und
Maͤdchen vor ihm die Flucht ergriffen. Eine ſeiner Nach⸗
barinnen, eine Dame von Stand, hatte zwei wunderſchoͤne
Toͤchter. Er bat ſie um die Hand der einen von beiden und
ließ ihr die Wahl, welche ſie ihm geben wolle. Sie wollten
ihn alle beide nicht, und die eine ſchickte ihn immer wieder
zur andern, da keine ſich entſchließen mochte, den Mann
mit dem blauen Barte zu heiraten. Was ſie noch mehr ab⸗
ſchreckte, war der Umſtand, daß er ſchon mit mehreren Frauen
vermaͤhlt geweſen war, und daß man nicht wußte, was aus
dieſen Frauen geworden ſei. Blaubart fuͤhrte ſie, um ihre
naͤhere Bekanntſchaft zu machen, mitſamt ihrer Mutter und
drei oder vier ihrer beſten Freundinnen und einigen jungen
Leuten aus der Nachbarſchaft auf ſein Landhaus, wo man
ſich volle acht Tage aufhielt. Da gab es nichts als Spazier⸗
gaͤnge, Jagdpartien und Fiſchfang, nichts als Taͤnze und
Feſte und ſonſtige Zerſtreuungen; man ſchlief nicht, ſondern
verbrachte die Nacht damit, ſich gegenſeitig luſtige Streiche
zu ſpielen; ſchließlich ging alles ſo gut, daß die Juͤngere
herauszufinden begann, der Bart des Hausherrn ſei gar nicht
fo blau und dieſer ſei überhaupt ein recht ehrenwerter Mann.
Als man in die Stadt zuruͤckgekehrt war, wurde die Heirat
vollzogen. Nach Verlauf eines Monats ſagte der Blaubart
zu ſeiner Frau, er muͤſſe eine Reiſe in die Provinz unter⸗
nehmen in einer wichtigen Angelegenheit, die ihn mindeſtens
ſechs Wochen fernhalten wuͤrde; ſie moͤge indeſſen, wenn ſie
Luſt dazu habe, ihre guten Freundinnen aufs Land kommen
laſſen und ſich mit ihnen vergnuͤgen. „Hier“, ſagte er zu ihr,
„find die Schlüffel zu den zwei großen Moͤbelſpeichern, hier
jene zum goldenen und ſilbernen Tafelgeſchirr, das nicht alle
236
Tage in Gebrauch ift, die da zu den Kaffetten mit meinen
Edelſteinen, und dies hier iſt der Hauptſchluͤſſel zu allen Ger
maͤchern. Was nun dieſen kleinen Schluͤſſel betrifft, ſo iſt
das der Schluͤſſel zur Kammer am Ende der großen Galerie
im unteren Stockwerk. Du kannſt alles oͤffnen, uͤberall
hineingehen, aber was dieſes kleine Gemach anlangt, ſo ver⸗
biete ich dir, es zu betreten und verbiete es dir ſo ſtreng, daß,
falls es dir dennoch in den Sinn kommen ſollte, es zu oͤffnen,
du alles von meinem Zorne zu gewaͤrtigen haͤtteſt.“ Sie
verſprach, alles, was er ihr befohlen habe, genau zu befolgen,
und er ſtieg, nachdem er ſie umarmt hatte, in ſeine Kutſche
und trat ſeine Reiſe an.
Die Nachbarinnen und die guten Freundinnen warteten
nicht, daß man ſie holte, um die Neuvermaͤhlte zu beſuchen, ſo
ungeduldig waren ſie, alle Schaͤtze des Hauſes zu beſichtigen,
zumal da ſie nicht gewagt hatten, waͤhrend der Anweſenheit
des Gatten, deſſen blauer Bart ihnen Angft einflößte, hin⸗
zugehen. Sie machten ſich alsbald daran, durch die Zimmer,
Kammern und Garderoben zu laufen, von denen eines immer
ſchoͤner und koſtbarer war als das andere. Zuletzt ſtiegen ſie
gar auf die Moͤbelſpeicher, wo ſie die Fuͤlle und Pracht der
Teppiche, Betten, Sofas und Tiſche nicht genug bewundern
konnten. Sie gerieten außer ſich vor Verwunderung und
Neid über das Gluͤck ihrer Freundin. Dieſe aber ergoͤtzte ſich
nicht am Anblick dieſer Schaͤtze, weil die Ungeduld ſie ver⸗
zehrte, die Kammer im untern Stockwerke zu öffnen. So
ſehr wurde ſie von ihrer Neugier geplagt, daß ſie, ohne zu
bedenken, wie unziemlich es ſei, die Geſellſchaft zu verlaſſen,
uͤber eine geheime kleine Stiege hinunterrannte, und zwar
mit ſolcher Haſt, daß ſie zwei⸗ oder dreimal faſt den Hals
dabei gebrochen hätte. An der Tür der Kammer angelangt,
hielt fie eine Weile inne und dachte an das Verbot ihres
Mannes, indem ſie uͤberlegte, welch ein Ungluͤck ihr zuſtoßen
koͤnne, wenn ſie ungehorſam waͤre; aber die Verſuchung war
ſo groß, daß ſie ſich nicht uͤberwinden konnte. Sie nahm alſo
den kleinen Schluͤſſel und oͤffnete zitternd die Tuͤr des Ge⸗
237
maches. Zuerſt ſah fie gar nichts, weil die Fenſterlaͤden ge⸗
ſchloſſen waren, aber nach einigen Augenblicken gewahrte
ſie, daß der Fußboden ganz mit geronnenem Blute uͤber⸗
zogen war, in welchem ſich die Leiber von etlichen toten
Frauen ſpiegelten, die laͤngs der Wand aufgeknuͤpft waren.
Das waren alle die Frauen, die der Blaubart geheiratet
hatte und welche er eine nach der andern umgebracht hatte.
Sie glaubte, vor Angſt ſterben zu muͤſſen, und der Schluͤſſel
zur Kammer, den ſie ſoeben aus dem Schloß gezogen hatte
entglitt ihrer Hand. Nachdem ſie ihre Lebensgeiſter wieder
ein wenig geſammelt hatte, hob ſie den Schluͤſſel wieder auf,
verſperrte die Tuͤr und ging in ihr Zimmer hinauf, um ſich
ein wenig zu erholen, aber umſonſt, denn ſie war zu ſehr
erregt.
Da ſie bemerkt hatte, daß der Schluͤſſel zur Kammer blutig
war, wiſchte ſie ihn zwei⸗ bis dreimal ab, aber das Blut ging
nicht weg, ſie mochte ihn waſchen, ſo oft ſie wollte, und ihn
mit Sand und Kies abreiben, immer blieb noch Blut daran,
denn der Schluͤſſel war verhert, und es gab kein Mittel, ihn
völlig zu ſaͤubern. Hatte man das Blut auf der einen Seite
entfernt, ſo kam es auf der andern wieder zum Vorſchein.
Der Blaubart kam ſchon am gleichen Abend von der Reiſe
zuruͤck und ſagte, er habe unterwegs Briefe erhalten, die ihm
gemeldet haͤtten, daß die Angelegenheit, derenthalben er ab⸗
gereiſt ſei, zu ſeinen Gunſten geregelt waͤre. Seine Frau tat
alles, was ſie konnte, um ihm zeigen, daß ſie uͤber ſeine ſchleu⸗
nige Ruͤckkehr entzuͤckt ſei. Am naͤchſten Tage verlangte er
ihr die Schlüffel ab, und fie gab fie ihm, aber mit einer jo
zitternden Hand, daß er ohne Muͤhe erriet, was ſich zuge⸗
tragen hatte. „Woher kommt es,“ ſagte er zu ihr, „daß der
Schluͤſſel zur Kammer nicht bei den andern iſt?“ „Ich muß
ihn oben auf meinem Tiſch haben liegen laſſen,“ erwiderte
ſie. „Vergiß nicht,“ ſagte der Blaubart, „ihn mir alsbald
zu geben!“ Nach mehrmaligem Aufſchieben mußte ſie den
Schluͤſſel bringen. Als der Blaubart ihn betrachtet hatte,
ſagte er zu ſeiner Frau: „Warum iſt denn Blut an dieſem
238
Schluͤſſel?“ „Ich weiß nichts davon!“ antwortete die arme
Frau, bleicher als der Tod. „Du weißt nichts davon?“ ent⸗
gegnete der Blaubart, „aber ich weiß es wohl. Du haſt die
Kammer betreten wollen. Gut, meine Dame, Ihr werdet ſie
betreten und Euren Platz neben den andern Damen ein⸗
nehmen, die Ihr darin geſehen habt.“ Sie warf ſich weinend
ihrem Gatten zu Fuͤßen und bat ihn mit allen Zeichen wahrer
Reue um Verzeihung, daß ſie nicht gehorſam geweſen ſei.
Sie haͤtte einen Stein erweichen koͤnnen, ſchoͤn und zer⸗
knirſcht, wie ſie war, aber der Blaubart hatte ein Herz, das
war härter als Stein: „Ihr müßt ſterben, meine Dame,“
ſagte er zu ihr, „und zwar auf der Stelle.“ „Wenn ich
ſterben muß,“ ſagte ſie, indem ſie ihn mit Traͤnen in
den Augen anblickte, „ſo gewaͤhrt mir ein wenig Zeit, um
zu Gott zu beten.“ „Ich gewaͤhre dir eine halbe Viertel⸗
ſtunde,“ erwiderte der Blaubart, „aber keinen Augenblick
mehr.“ Als ſie allein war, rief ſie ihre Schweſter herbei und
ſagte zu ihr: „Liebe Schweſter Anna (denn fo hieß fie), ich
bitte dich, ſteige auf den Turm und ſieh, ob meine Bruͤder
nicht kommen; ſie haben mir verſprochen, daß ſie heute
kommen wollten, mich zu beſuchen, und wenn du ſie ſiehſt,
ſo gib ihnen ein Zeichen, ſich zu beeilen. Die Schweſter Anna
ſtieg auf den Turm, und die arme zerknirſchte Frau rief ihr
von Zeit zu Zeit zu: „Anna, liebe Schweſter Anna, ſiehſt du
noch nichts kommen?“ Und die Schweſter Anna antwortete
ihr: „Ich ſehe nichts als im Staub die Sonne gluͤhn und
nichts als des Graſes Gruͤn!“ Unterdeſſen ſchrie der Blau⸗
bart, der einen großen Hirſchfaͤnger in der Hand hielt, mit der
ganzen Kraft ſeiner Stimme: „Komm ſchleunig herunter
oder ich ſteige zu dir hinauf!“ „Noch einen Augenblick, ich
bitte dich!“ entgegnete ihm die Frau, und gleich darauf rief
ſie ganz leiſe: „Anna, liebe Schweſter Anna, ſiehſt du noch
nichts kommen?“ Und die Schweſter Anna antwortete ihr:
„Ich ſehe nichts, als im Staub die Sonne gluͤhn und nichts
als des Graſes Gruͤn.“ „Geſchwind, komm herunter!“ ſchrie
der Blaubart, „oder ich ſteige zu dir hinauf.“ „Ich komme
239
ſchon!“ erwiderte feine Frau, und dann rief fie: „Anna,
liebe Schweſter Anna, ſiehſt du noch nichts kommen?“ „Ich
ſehe“, antwortete ihre Schweſter Anna, „eine große Staub⸗
wolke, die auf uns zukommt.“ „Sind es meine Bruͤder?“
„Ach nein, liebe Schweſter, es iſt eine Schafherde!“ „Willſt
du wohl herunterkommen!“ ſchrie der Blaubart. „Noch einen
Augenblick!“ entgegnete ſeine Frau, und dann rief ſie: „Anna
liebe Schweſter Anna, ſiehſt du noch nichts kommen?“ „Ich
ſehe“, antwortete dieſe, „zwei Reiter auf uns zukommen,
aber ſie ſind noch ſehr weit weg.“ „Gott ſei gelobt!“ rief ſie
einen Augenblick fpäter, „es ſind meine Brüder, ich will ihnen
ein Zeichen geben, ſo gut ich es kann, daß ſie ſich beeilen.“
Da hub der Blaubart an, ſo gewaltig zu ſchreien, daß das
ganze Haus davon erbebte. Die arme Frau ging herunter
und warf ſich, in Tränen zerfließend und mit aufgelöften
Haaren, ihm zu Fuͤßen. „Das hilft dir nichts,“ ſagte der
Blaubart, „du mußt ſterben.“ Dann packte er ſie mit der
einen Hand bei den Haaren, ſchwang mit der andern das
Meſſer und wollte ihr den Hals abſchneiden. Die arme Frau
wandte ſich nach ihm um, ſah ihn mit brechenden Augen an
und beſchwor ihn, ihr nur einen Augenblick zu gewaͤhren,
um ſich zu ſammeln. „Nichts da, ſagte er, „befiehl deine
Seele in Gottes Hand!“ und er erhob feinen Arm... In
dieſem Augenblick wurde fo ungeftüm an das Tor geklopft,
daß der Blaubart jaͤhlings innehielt; man oͤffnete, und ſo⸗
gleich ſah man zwei Reiter am Eingang, die den Degen
in der Fauſt geradeswegs auf den Blaubart losſtuͤrzten. Er
erkannte die Bruͤder ſeiner Frau, einen Dragoner und einen
Musketier, und ergriff ſogleich die Flucht, um ſich zu retten;
aber die beiden Bruͤder folgten ihm auf dem Fuße und er⸗
wiſchten ihn, bevor er die Freitreppe erreichen konnte. Sie
ſtießen ihm ihre Degen durch den Leib und ließen ihn tot
liegen. Die arme Frau war faſt ebenſo tot wie ihr Gatte
und hatte nicht die Kraft, ſich zu erheben, um ihre Bruͤder zu
umarmen. Es fand ſich, daß der Blaubart keine Erben hatte
und daß ſomit die Frau Herrin all ſeiner Habe blieb. Sie
240
verwendete einen Teil davon, um ihre Schweſter Anna mit
einem jungen Edelmann zu verheiraten, der ſie ſchon lange
liebte; einen andern Teil, um fuͤr ihre zwei Bruͤder den
Hauptmannsrang zu erkaufen, und den Reſt, um ſich ſelber
mit einem ſehr ehrenwerten Manne zu verheiraten, der ſie
die ſchlimme Zeit vergeſſen ließ, die ſie mit dem Blaubart
verbracht hatte.
26. Der geſtiefelte Kater
in Muͤller hinterließ den drei Soͤhnen, die er hatte,
als ganzes Erbteil nur eine Muͤhle, ſeinen Eſel und
einen Kater. Die Teilung war bald vollzogen, weder
der Notar noch der Sachwalter brauchten in Tätigkeit zu treten.
Sie haͤtten uͤbrigens auch bald das armſelige Erbe aufgezehrt.
Der Alteſte bekam die Muͤhle, der zweite den Eſel und dem
Juͤngſten blieb nur der Kater. Dieſer letztere konnte ſich gar
nicht troͤſten uͤber ſeinen klaͤglichen Anteil. „Meine Bruͤder“,
ſagte er, „werden ſich ihr Brot ehrlich verdienen koͤnnen,
wenn ſie zuſammenhalten, ich aber, wenn ich meinen Kater
verſpeiſt und mir aus ſeinem Pelz einen Pulswaͤrmer ge⸗
macht haben werde, ich werde Hungers ſterben muͤſſen.“
Der Kater, der dieſe Worte verſtand, es aber nicht merken
ließ, ſagte zu ihm mit ernſter und geſetzter Miene: „Be⸗
kuͤmmert Euch nicht, Herr, Ihr braucht mir nur einen Sack
zu geben und mir ein paar Stiefel machen zu laſſen, mit
denen ich durch das Geſtruͤpp laufen kann, und ihr werdet
ſehen, daß Euer Anteil gar nicht ſo klaͤglich iſt wie Ihr glaubt.“
Obwohl der Gebieter des Katers nicht gerade viel darauf
gab, ſo hatte er doch ſchon oft ſeine Geſchicklichkeit beim
Fang der Ratten und Maͤuſe bewundert (wie zum Exempel,
wenn er ſich an den Fuͤßen aufhaͤngte oder ſich in der Mehl⸗
tonne liegend tot ſtellte), daß er nicht alle Hoffnung aufgab,
von ihm in ſeiner Not Beiſtand zu erhalten. Als der Kater
das bekommen hatte, um was er gebeten, zog er herzhaft
ſeine Stiefel an, warf ſich den Sack um den Hals, deſſen
16 Franz. Märchen I 241
Schnüre er mit den Vorderpfoten feſthielt, und begab ſich
nach dem Karnickelberg, wo es eine Unmenge Kaninchen gab.
Er tat Kleie und Schlingen in ſeinen Sack, und indes er ſich
hinſtreckte, als ob er tot waͤre, wartete er, bis irgendein
junges, in den Raͤnken dieſer Welt noch wenig erfahrenes
Kaninchen in den Sack ſchluͤpfen wuͤrde, um das zu freſſen,
was er hineingetan hatte. Kaum hatte er ſich niedergelegt,
ſo ſah er ſeinen Wunſch ſchon erfuͤllt: ein junger Leichtfuß
von Kaninchen kroch in den Sack, und Meiſter Hinz zog ge⸗
ſchwind die Schnuͤre zu, packte es und toͤtete es ohne Er⸗
barmen. Ganz ſtolz auf ſeine Beute ging er zum Koͤnig und
verlangte, ihn zu ſprechen. Man gewaͤhrte ihm Eintritt in
das Gemach Sr. Majeftät, wo er beim Eintritt dem Könige
einen tiefen Buͤckling machte. Darauf ſprach er zum Koͤnig:
„Seht hier, allergnaͤdigſter Herr, ein Kaninchen vom
Karnickelberg, welches der Herr Marquis von Carabas (das
war der Name, welchen er ſeinem Herrn beizulegen fuͤr gut
fand) mir geheißen hat, Euch in ſeinem Auftrag zu uͤberrei⸗
chen.“ „Sage deinem Herrn,“ erwiderte der Koͤnig, „daß
ich ihm danke und daß er mir eine Freude gemacht hat!“
Ein andermal verſteckte er ſich in einem Kornfeld, immer
ſeinen Sack offen haltend, und als zwei Rebhuͤhner hinein⸗
geſchluͤpft waren, zog er wieder die Schnüre zu und fing fie
alle beide. Dann uͤberreichte er ſie wieder dem Koͤnige, wie er
es mit dem Kaninchen vom Karnickelberg gemacht hatte. Der
Koͤnig nahm die beiden Rebhuͤhner mit Vergnuͤgen ent⸗
gegen und ließ ihm ein gutes Trinkgeld verabreichen. Der
Kater brachte nun zwei bis drei Monate lang von Zeit zu
Zeit dem Koͤnige Wildbret von der Jagd ſeines Herrn.
Eines Tages hatte er erfahren, daß der Koͤnig mit ſeiner
Tochter am Flußufer entlang eine Spazierfahrt machen
wollte, und er ſagte zu ſeinem Herrn: „Wenn Ihr meinem
Rat folgen wollt, ſo iſt Euer Gluͤck gemacht. Ihr braucht nur
an einer Stelle im Fluß, die ich Euch zeigen werde, zu baden;
das übrige uͤberlaßt mir!“ Der Marquis von Carabas tat,
wie ſein Kater ihm geraten hatte, ohne zu wiſſen, wozu dies
242
S
gut wäre. Während er badete, fuhr der König vorüber, und
der Kater begann aus Leibeskraͤften zu ſchreien: „Zu Hilfe!
Zu Hilfe! Der Marquis von Carabas ertrinkt!“ Auf dieſes
Geſchrei hin ſteckte der Koͤnig ſeinen Kopf aus dem Kutſchen⸗
ſchlag und erkannte den Kater, der ihm ſo oft Wildbret ge⸗
bracht hatte. Er befahl ſeiner Leibwache, dem Marquis von
Carabas unverzuͤglich zu Hilfe zu eilen. Unterdes man den
armen Marquis aus dem Waſſer zog, trat der Kater zur
Kutſche und berichtete dem Könige, während fein Herr ge⸗
badet habe, ſeien Diebe gekommen und haͤtten die Kleider
desſelben mitgenommen, obwohl er aus Leibeskraͤften:
Diebe! geſchrien haͤtte (der Spitzbube hatte ſie unter einem
großen Stein verſteckt). Der Koͤnig befahl auf der Stelle
ſeinen Kammerdienern, eines ſeiner praͤchtigſten Gewaͤnder
fuͤr den Herrn Marquis von Carabas zu holen. Der Koͤnig
erwies ihm tauſend Aufmerkſamkeiten, und da die ſchoͤnen
Kleidungsftüde, die man ihm gerade angelegt hatte, ſein
ſtattliches Ausſehen ungemein hoben (denn er war huͤbſch
und wohlgeſtaltet), ſo fand ihn die Koͤnigstochter ſehr nach
ihrem Geſchmack, und der Marquis von Carabas batte ihr
noch keine zwei bis drei ſehr ehrerbietige und ein wenig
zaͤrtliche Blicke zugeworfen, als ſie ſich ſchon bis zum Wahn⸗
ſinn in ihn verliebte. Der Koͤnig wuͤnſchte, daß er zu ihm in
die Kutſche ſteige und an der Spazierfahrt teilnaͤhme. Der
Kater ſah mit Entzuͤcken, daß ſein Plan von Anfang an ſo
gut gelang und lief geſchwind voraus. Unterwegs traf er
Bauern, welche eine Wieſe maͤhten, und ſprach zu ihnen: „Ihr
guten Leute, die ihr da maͤht, wenn ihr dem Könige nicht ſagt,
daß die Wieſe, die ihr maͤht, dem Herrn Marquis von Carabas
gehoͤrt, ſo werdet ihr alle kurz und klein gehackt wie Paſteten⸗
fleiſch.“ Der Koͤnig verfehlte nicht, die Maͤher zu fragen,
wem die Wieſe gehoͤrte, die ſie maͤhten. „Dem Herrn Mar⸗
quis von Carabas!“ ſagten alle wie mit einem Munde, denn
die Drohung des Katers hatte ihnen Furcht eingejagt. „Ihr
habt da ein ſchoͤnes Erbe!“ ſagte der Koͤnig zum Marquis
von Carabas. „Ihr ſeht, ee Herr, erwiderte der
16°
243
Marquis, „es iſt eine Wieſe, die alle Jahre einen reichlichen
Ertrag gibt.“ Meiſter Hinz, der immer vorauslief, traf auf
Schnitter und ſprach zu ihnen: „Ihr guten Leute, die ihr da
Korn ſchneidet, wenn ihr dem Koͤnige nicht ſagt, daß die
Felder alle dem Herrn Marquis von Carabas gehoͤren, ſo
werdet ihr kurz und klein gehackt wie Paſtetenfleiſch.“ Der
Koͤnig, der einen Augenblick ſpaͤter voruͤberfuhr, wollte
wiſſen, wem all die Kornfelder, die er erblickte, gehörten:
„Dem Herrn Marquis von Carabas!“ erwiderten die Schnit⸗
ter, und der Koͤnig freute ſich wieder mit dem Marquis daran.
Der Kater lief weiter vor der Kutſche her und ſagte allen
denen, die er traf, immer das gleiche; und der Koͤnig war
erſtaunt uͤber die großen Beſitzungen des Herrn Marquis
von Carabas. Meiſter Hinz gelangte ſchließlich in ein ſchoͤnes
Schloß, deſſen Beſitzer ein Menſchenfreſſer war, der reichſte,
den man jemals geſehen hatte, denn alle Laͤndereien, an
denen der Koͤnig voruͤbergefahren war, gehoͤrten zu ſeinem
Schloß. Der Kater, der ſich zuvor fuͤrſorglich erkundigt hatte,
wer dieſer Menſchenfreſſer waͤre, und welche Kuͤnſte er
verſtaͤnde, verlangte, mit ihm zu reden, indem er ſagte, er
habe nicht ſo nahe am Schloſſe voruͤbergehen wollen, ohne
ſich die Ehre zu geben, ihm ſeine Aufwartung zu machen.
Der Menſchenfreſſer empfing ihn ſo hoͤflich, wie ein Men⸗
ſchenfreſſer nur irgend kann, und bat ihn, Platz zu nehmen.
„Man hat mich verſichert,“ ſagte der Kater, „daß Ihr die
Gabe beſitzt, Euch in jedes beliebige Tier zu verwandeln,
daß Ihr zum Beiſpiel die Geſtalt eines Loͤwen oder eines
Elefanten annehmen koͤnnt.“ „Das iſt wahr, entgegnete
der Menſchenfreſſer barſch, „und um es Euch zu beweiſen,
ſollt Ihr gleich ſehen, wie ich zu einem Loͤwen werde.“ Der
Kater war ſo erſchrocken, einen Loͤwen vor ſich zu ſehen,
daß er unverzuͤglich an der Dachrinne heraufkletterte, nicht
ohne Muͤhe und Gefahr, denn ſeine Stiefel taugten nicht zum
Marſchieren auf den Ziegeln. Als der Kater einige Zeit
darauf geſehen hatte, daß der Menſchenfreſſer ſeine vorherige
Geſtalt wieder abgelegt hatte, kam er wieder herunter und
244
„ =
er
geſtand, daß er in großer Angſt geweſen ſei. „Man hat mich
weiterhin verſichert,“ ſagte der Kater, „— aber ich koͤnnte es
niemals fuͤr moͤglich halten —, daß Ihr auch die Faͤhigkeit
hättet, die Geſtalt der kleinſten Tiere anzunehmen, zum Beis
ſpiel Euch in eine Ratte oder in eine Maus zu verwandeln; ich
geſtehe Euch, daß ich das für gänzlich unmöglich halte.“ „Uns
moͤglich?“ entgegnete der Menſchenfreſſer, „Ihr ſollt es gleich
ſehen.“ Und in demſelben Augenblick verwandelte er ſich
in eine Maus, welche auf dem Fußboden umherzulaufen
begann. Kaum hatte ſie der Kater bemerkt, ſo ſtuͤrzte er ſich
auch ſchon darauf und fraß ſie auf. Unterdeſſen hatte der
Koͤnig im Vorbeifahren das ſchoͤne Schloß des Menſchen⸗
freſſers geſehen und wollte ſich hineinbegeben. Der Kater
hoͤrte die Kutſche uͤber die Zugbruͤcke raſſeln, lief hinaus und
ſprach zum Koͤnig: „Eure Majeſtaͤt ſind hochwillkommen in
dieſem Schloſſe des Herrn Marquis von Carabas!“ „Wie,
Herr Marquis!“ rief der Koͤnig aus, „auch dies Schloß ge⸗
hoͤrt Euch? Es kann nichts Schoͤneres geben als dieſen Hof
und all die Gebaͤude, welche ihn umgeben; laßt uns nun ge⸗
falligft die inneren Räume in Augenſchein nehmen!“ Der
Marquis reichte der jungen Prinzeſſin den Arm und folgte
dem Koͤnig, der voranſchritt. Sie betraten einen großen Saal,
in welchem ſie ein treffliches Mahl vorfanden, das der
Menſchenfreſſer fuͤr ſeine Freunde hatte herrichten laſſen,
die ihn am gleichen Tage haͤtten beſuchen wollen, aber ſich
nicht hereingetraut hatten, weil ſie von der Ankunft des
Koͤnigs erfuhren. Der Koͤnig war entzuͤckt von den guten
Eigenſchaften des Herrn Marquis von Carabas, ebenſo wie
ſeine Tochter, die ganz vernarrt in ihn war; und da er die
großen Beſitzungen ſah, die ihm gehoͤrten, ſagte er, nachdem
er fuͤnf bis ſechs Schluck getrunken hatte: „Es haͤngt nur von
Euch ab, Herr Marquis, ob Ihr mein Schwiegerſohn werdet.“
Der Marquis machte einen tiefen Buͤckling und nahm die Ehre
an, die ihm der Koͤnig erwies; und noch am naͤmlichen Tage
vermaͤhlte er ſich mit der Prinzeſſin. Der Kater ward ein großer
Herr und lief nur mehr Vergnuͤgens halber den Maͤuſen nach.
245
27. Aſchelbroͤdel oder das kleine Glaspantoͤffelchen
s war einmal ein Edelmann, der nahm in zweiter Ehe
eine Frau, die hochmuͤtigſte und ſtolzeſte, die man je
geſehen hat. Sie hatte zwei Toͤchter ganz nach ihrer
Art, die ihr in jeder Beziehung glichen. Der Mann hatte eine
Tochter aus erſter Ehe, aber von einer Sanftmut und Guͤte
ohnegleichen: das hatte ſie von ihrer Mutter, welche die beſte
Frau von der Welt geweſen war. Kaum war die Hochzeit
vorüber, fo ließ die Stiefmutter ihre böfe Laune losbrechen.
Die guten Eigenſchaften des Kindes waren ihr zuwider, weil
ſie ihre eigenen Toͤchter nur noch verabſcheuungswuͤrdiger
erſcheinen ließen. Sie lud ihr die niedrigſten Verrichtungen
im Hauſe auf: ſie mußte das Geſchirr putzen und die Stiegen
und das Zimmer der Gnaͤdigen ſcheuern ſowie jenes ihrer
Fraͤulein Toͤchter; ſie ſchlief ganz oben auf dem Speicher auf
einem elenden Strohſack, waͤhrend ihre Schweſtern in Ge⸗
mächern mit Parkettboͤden ruhten, wo ſie Betten von der
neueſten Mode hatten, und Spiegel, in denen ſie ſich vom
Kopf bis zum Fuße betrachten konnten. Das arme Maͤdchen
ertrug alles geduldig und wagte nicht, ſich bei ihrem Vater
daruͤber zu beklagen, der ſie doch nur geſcholten haben wuͤrde,
weil ſeine Frau ihn gaͤnzlich beherrſchte. Wenn ſie ihre Ar⸗
beit verrichtet hatte, ſo pflegte ſie ſich in der Aſche am Ofen
niederzulaſſen, daher nannte man ſie im Hauſe gemeinhein
Aſchenhocker !; die jüngere Schweſter, welche nicht ganz fo
feindſelig war wie die ältere, nannte fie Aſchenbroͤdel ?; in⸗
des war Aſchenbroͤdel mit ſeinen armſeligen Kleidern hundert⸗
mal ſchoͤner als ſeine Schweſtern, wenn ſie auch noch ſo koſt⸗
bar ausſtaffiert waren.
Es ereignete ſich nun, daß der Koͤnigsſohn ein Ballfeſt gab,
zu welchem er alle Leute von Stand einlud; unſere beiden
Fraͤulein waren gleichfalls gebeten, denn ſie ſpielten eine
große Rolle im Lande. Da ſah man ſie nun in beſter Laune
damit beſchaͤftigt, ihre Kleider und ihren Kopfputz el
! Gucendron = Cul + cendre. * Cendrillon.
346
2. c Ar a
ſuchen, der ihnen am beften anſtaͤnde; neue Plage für Aſchen⸗
broͤdel, denn ſie mußte das Leinenzeug ihrer Schweſtern
bügeln und ihre Manſchetten faͤlteln; es wurde nur mehr da⸗
von geredet, wie ſie ſich anziehen wollten. „Ich,“ ſagte die
ältere, „ich werde mein rotes Sammetkleid mit dem eng⸗
liſchen Spitzenausputz anlegen.“ „Ich,“ ſagte die juͤngere,
„ich habe nur meinen gewoͤhnlichen Rock, aber dafuͤr ziehe ich
den Mantel mit den goldenen Blumen an und meine Dia⸗
mantſpange, die nicht zu den unſcheinbarſten gehört." Man
ließ die beſte Haarkraͤuslerin kommen, um die Haarpuffen
in Doppelreihen aufzuſtecken und kaufte Schoͤnheitspflaͤſter⸗
chen bei der erſten Kuͤnſtlerin; dann riefen ſie Aſchenbroͤdel
herbei, um ihren Rat zu erholen, denn ſie hatte einen guten
Geſchmack. Aſchenbroͤdel gab ihnen die beſten Ratſchlaͤge von
der Welt und erbot ſich ſogar, ihnen das Haar zu richten, was
ſie ſich gern gefallen ließen. Waͤhrend Aſchenbroͤdel ſie
friſierte, ſagten ſie zu ihr: „Aſchenbroͤdel, haͤtteſt du nicht auch
Luſt, auf den Ball zu gehen?“ „Ach, liebe Fraͤulein, ihr
ſpottet! Da gehöre ich nicht hin!“ „Da haft du recht, man
wuͤrde huͤbſch lachen, wenn man einen Aſchenhocker auf den
Ball gehen ſaͤhe.“ Jede andere als Aſchenbroͤdel hätte ihnen
das Haar verkehrt gemacht, aber fie war fanftmütig und
friſierte ſie tadellos. Faſt zwei Tage lang blieben ſie ohne
Nahrung, ſo außer ſich waren ſie vor Freude, man zerriß
uͤber ein Dutzend Schnuͤrbaͤnder, ſo feſt ſchnuͤrte man ſie, um
ihnen ſchlankere Huͤften zu geben, und ſie gingen nicht von
ihrem Spiegel fort. Endlich kam der Gluͤckstag, ſie fuhren
davon, und Aſchenbroͤdel verfolgte ſie mit den Augen, ſolange
ſie konnte; als ſie nichts mehr von ihnen ſah, begann ſie zu
weinen. Ihre Patin ſah ſie ſo in Traͤnen aufgeloͤſt und fragte
ſie, was fie habe. „Ich möchte gern ... ich möchte gern ...“
ſie weinte ſo heftig, daß ſie ihren Satz nicht vollenden konnte.
Ihre Patin, die eine Fee war, ſagte zu ihr: „Du moͤchteſt
gern auf den Ball gehen, nicht wahr?“ „Ach, ja,“ erwiderte
Aſchenbroͤdel ſeufzend. „Nun gut, willſt du ein braves Maͤd⸗
chen ſein,“ ſagte die Patin, „ſo will ich dich hinbringen.“ Sie
247
führte Aſchenbroͤdel in ihre Kammer und ſprach zu ihr: „Geh
in den Garten und hole mir einen Kürbis!" Aſchenbroͤdel
ging ſogleich hin und brachte den ſchoͤnſten, den ſie finden
konnte, ihrer Patin; freilich konnte ſie ſich nicht denken, wie
dieſer Kürbis es ihr ermöglichen ſollte, auf den Ball zu gehen.
Ihre Patin hoͤhlte ihn aus, und als nur noch die Schale daran
war, ſchlug ſie mit ihrem Zauberſtaͤbchen auf den Kuͤrbis,
und im Nu ward dieſer in eine ſchoͤne, uͤber und uͤber ver⸗
goldete Kutſche verwandelt. Dann ſchaute ſie in ihre Maus⸗
falle, worin ſie ſechs noch lebendige Maͤuſe vorfand; ſie hieß
Aſchenbroͤdel die Klappe der Mauſefalle ein wenig heben, und
einer jeden Maus, die hinausſchluͤpfte, gab ſie einen Schlag
mit ihrem Staͤbchen, und im Handumdrehen war jede Maus
in ein ſchoͤnes Pferd verwandelt, das gab ein praͤchtiges
Sechſergeſpann, gezogen von mausgrauen Apfelſchimmeln.
Da ſie in Sorge war, aus was ſie einen Kutſcher machen ſollte,
ſagte Aſchenbroͤdel: „Ich will nachſchauen, ob keine Ratte in
der Rattenfalle iſt, daraus koͤnnten wir einen Kutſcher
machen.“ „Du haſt recht,“ ſagte die Patin, „geh und ſchau!“
Aſchenbroͤdel brachte ihr die Rattenfalle her, in welcher drei
fette Ratten waren. Die Fee waͤhlte die mit dem dichteſten
Bartwuchs unter den dreien aus und, nachdem ſie ſie mit
ihrem Stabe beruͤhrt hatte, ward ſie in einen dicken Kutſcher
verwandelt, der einen der ſchoͤnſten Schnurrbaͤrte hatte, die
man je geſehen. Dann ſprach ſie zu ihr: „Geh in den Garten,
dort wirſt du ſechs Eidechſen hinter der Gießkanne finden;
bringe ſie mir!“ Kaum hatte ſie dieſe der Patin gebracht, als
ſie auch ſchon in ſechs Lakaien verwandelt waren, die ge⸗
ſchwind in ihren verbraͤmten Gewaͤndern hinten auf die
Kutſche kletterten und ſich dort feſthielten, als ob ſie nie in
ihrem Leben etwas anderes getan haͤtten. Darauf ſagte die
Fee zu Aſchenbroͤdel: „So, ſiehſt du, damit kannſt du auf den
Ball gehen. Biſt du nicht recht froh?“ „Ja, aber ſoll ich ſo,
wie ich bin, in meinen garſtigen Kleidern gehen?“ Ihre
Patin beruͤhrte ſie nur mit ihrem Staͤbchen, und ſogleich waren
ihre Kleider in Gewaͤnder aus Gold⸗ und Silberſtoffen ver⸗
248
‚u
wandelt, ganz mit Edelſteinen beſetzt. Dann reichte fie ihr
ein Paar Glaspantoͤffelchen, die ſchoͤnſten von der Welt. Als
ſie ſolcherweiſe geſchmuͤckt war, ſtieg ſie in die Kutſche; doch
ihre Patin ermahnte ſie, vor allen Dingen ja nicht uͤber
Mitternacht auszubleiben, denn falls ſie einen Augenblick
länger auf dem Ball verweilen würde, fo waͤre ihre Kutſche
wieder ein Kuͤrbis, ihre Pferde wieder Maͤuſe, ihre Lakaien
wieder Eidechſen, und ihre alten Kleider wuͤrden ihre fruͤhere
Geſtalt wieder annehmen. Sie verſprach ihrer Patin, ſie
wolle nicht verfehlen, den Ball vor Mitternacht zu verlaſſen;
dann fuhr ſie davon, ganz außer ſich vor Freude.
Der Koͤnigsſohn, dem man gemeldet hatte, daß ſoeben eine
unbekannte hohe Prinzeſſin vorgefahren ſei, beeilte ſich, ſie
zu empfangen, er bot ihr beim Ausſteigen aus der Kutſche
den Arm und geleitete ſie in den Saal, wo die Geſellſchaft
verſammelt war. Sogleich entſtand ein allgemeines Schwei⸗
gen, man hoͤrte zu tanzen auf, und die Geigen verſtummten,
ſo ſehr war man in die Betrachtung der außergewoͤhnlichen
Schoͤnheit dieſer Unbekannten verſunken. Man vernahm nur
noch ein Stimmengewirr: „Ach, wie ſchoͤn ſie iſt!“ Der Koͤnig
ſelber, ſo alt er auch war, konnte es nicht unterlaſſen, ſie an⸗
zuſchauen, und er fluͤſterte der Koͤnigin zu, er habe ſchon lange
kein ſo ſchoͤnes und liebenswuͤrdiges Weſen mehr geſehen.
Saͤmtliche Damen muſterten aufmerkſam ihren Kopfputz und
ihre Kleider, um ſich gleich am naͤchſten Tage aͤhnliche zu ver⸗
ſchaffen, vorausgeſetzt, daß ſich uͤberhaupt noch ſo ſchoͤne
Stoffe und ſo geſchickte Haͤnde auffinden ließen. Der Koͤnigs⸗
ſohn wies ihr den Ehrenplatz an, dann nahm er ſie und fuͤhrte
ſie zum Tanze, und ſie tanzte ſo anmutig, daß man ſie nur
noch mehr bewunderte. Man trug ein treffliches Mahl auf,
von welchem der junge Prinz nichts aß, ſo ſehr war er damit
beſchaͤftigt, ſie anzuſchauen. Sie ſetzte ſich zu ihren Schweſtern
und erwies ihnen tauſend Aufmerkſamkeiten, ſie teilte ihnen
von den Orangen und Limonen aus, die der Prinz ihr ge⸗
geben hatte, was dieſe ſehr wunderte, denn ſie kannten ſie gar
nicht. Waͤhrend ſie ſo plauderten, hoͤrte Aſchenbroͤdel die Uhr
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dreiviertel auf Zwoͤlf ſchlagen: ſogleich machte fie eine tiefe
Verbeugung vor der ganzen Geſellſchaft und enteilte ſo ge⸗
ſchwind als ſie konnte. Sobald ſie heimgekommen war, ſuchte
ſie ihre Patin auf, dankte ihr und ſagte zu ihr, ſie moͤchte gar
zu gern auch am naͤchſten Tage auf den Ball gehen, weil der
Koͤnigsſohn ſie darum gebeten habe. Als ſie noch dabei war,
ihrer Patin alles zu erzaͤhlen, was ſich auf dem Balle zu⸗
getragen hatte, klopften die beiden Schweſtern an das Tor;
Aſchenbroͤdel ging, um ihnen zu oͤffnen: „Wie ſpaͤt ihr heim⸗
kommt!“ ſagte ſie gaͤhnend und ſich die Augen reibend und
ſich reckend, als ob ſie gerade erſt aufgewacht ſei; ſie haͤtte
indeſſen keine Luſt zum Schlafen geſpuͤrt, ſeit ſie auseinander⸗
gegangen waren. „Wenn du auf dem Ball geweſen waͤreſt,“
ſagte die eine der Schweſtern, „jo haͤtteſt du dich gewiß nicht
gelangweilt. Die ſchoͤnſte Prinzeſſin war dort, die aller⸗
ſchoͤnſte, die man nur ſehen kann; ſie hat uns tauſend Hoͤflich⸗
keiten erwieſen, ſie hat uns Orangen und Limonen gegeben.“
Aſchenbroͤdel geriet faſt außer ſich vor Freude: ſie fragte jene
nach dem Namen dieſer Prinzeſſin, aber ſie antworteten, daß
man dieſen nicht wiſſe, und gerade das fei der größte Kum⸗
mer des Koͤnigsſohnes, der um alles in der Welt gern wiſſen
moͤchte, wer ſie ſei. Aſchenbroͤdel laͤchelte und ſagte: „Sie war
wohl ſchoͤn? Mein Gott, wie ſeid ihr gluͤcklich, koͤnnte ich fie
nicht einmal zu Geſicht bekommen? Ach, Fraͤulein Plauder⸗
taſche, leiht mir doch Euer gelbes Kleid, daß Ihr alle Tage
tragt!“ „Wirklich“, ſagte Fraͤulein Plaudertaſche, „das kannſt
du dir denken, mein Kleid einem garſtigen Aſchenhocker leihen,
wie du einer biſt, da muͤßte ich ganz verruͤckt ſein!“ Aſchen⸗
broͤdel erwartete dieſe abſchlaͤgige Antwort und war recht
froh daruͤber, denn ſie waͤre in große Verlegenheit geraten,
wenn ihre Schweſter ihr das Kleid haͤtte leihen wollen.
Am folgenden Tage waren die beiden Schweſtern auf dem
Ball und Aſchenbroͤdel gleichfalls, aber noch reicher geſchmuͤckt
als das erſtemal. Der Koͤnigsſohn hielt ſich ſtaͤndig in ihrer
Naͤhe auf und ſagte ihr unausgeſetzt Liebenswuͤrdigkeiten.
Das junge Maͤdchen langweilte ſich keinen Augenblick und
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vergaß derart die Warnung ihrer Patin, daß fie ſchon den
erſten Schlag der Mitternachtsglocke vernahm, als ſie glaubte
es ſei erſt elf Uhr; ſie ſprang auf und floh ſo behende wie ein
Reh von dannen. Der Prinz folgte ihr, konnte ſie aber nicht
einholen; ſie ließ einen von ihren glaͤſernen Pantoffeln fallen,
den der Prinz ſorgfaͤltig aufhob. Aſchenbroͤdel kam daheim
ganz außer Atem an, ohne Kutſche, ohne Lakaien und in ihren
abſcheulichen Kleidern, nichts war ihr von der ganzen Pracht
geblieben als eines ihrer Pantoͤffelchen, das Gegenſtuͤck zu
dem, das ſie hatte fallen laſſen. Man befragte die Tuͤrhuͤter
des Schloſſes, ob fie nicht eine Prinzeſſin hätten heraus⸗
kommen fehen; fie ſagten, niemand ſei herausgekommen außer
einem ſehr ſchlecht gekleideten jungen Maͤdchen, das eher wie
eine Baͤuerin denn wie eine Dame ausgeſehen haͤtte. Als
ihre beiden Schweſtern vom Balle heimkamen, fragte ſie
Aſchenbroͤdel, ob ſie ſich wieder ſo gut unterhalten haͤtten und
ob die ſchoͤne Dame wieder dort geweſen ſei. Sie bejahten
es, aber ſie ſei entflohen, als es Mitternacht geſchlagen habe
und das ſo haſtig, daß fie eines ihrer Glaspantoͤffelchen habe
fallen laſſen, das niedlichſte von der Welt; der Koͤnigsſohn
habe es aufgehoben und den ganzen Reſt des Balles damit
verbracht, es zu betrachten, ſicher waͤre er uͤber die Maßen
verliebt in die ſchoͤne Prinzeſſin, der der Pantoffel gehoͤrte.
Sie ſagten die Wahrheit, denn einige Tage darauf ließ der
Koͤnigsſohn durch einen Trompeter oͤffentlich bekanntmachen,
daß er diejenige, deren Fuß in den Pantoffel paſſe, heiraten
wolle. Man probierte ihn zuerſt den Prinzeſſinnen an, dann
den Herzoginnen und dem ganzen Hofſtaat, aber umſonſt;
Man brachte ihn zu den beiden Schweſtern, die ihr moͤglichſtes
taten, um ihren Fuß in den Pantoffel hineinzuzwaͤngen,
aber ſie hatten keinen Erfolg damit. Aſchenbroͤdel, die ihnen
zuſchaute und ihren Pantoffel erkannte, ſagte lachend: „Ich
moͤchte doch ſehen, ob er mir nicht paßt!“ Ihre Schweſtern
lachten und ſpotteten ſie aus, aber der Kammerherr, welcher
die Pantoffelprobe beſorgte, betrachtete Aſchenbroͤdel auf⸗
merkſam und fand fie überaus ſchoͤn; er ſagte, es ſie nur recht
251
m
und billig, und er habe den Auftrag, den Pantoffel allen
jungen Maͤdchen anzuprobieren; darauf hieß er Aſchenbroͤdel
Platz nehmen, und wie er nun den Pantoffel ihrem Fuͤßchen
hinhielt, gewahrte er, daß derſelbe ohne Muͤhe daruͤberging
und wie angegoſſen ſaß. Das Erſtaunen der beiden Schweſtern
war groß, aber es ward noch groͤßer, als Aſchenbroͤdel das
andere Pantoͤffelchen aus der Taſche zog und an ihren Fuß
ſteckte. Daruͤber kam die Patin herbei, welche mit ihrem
Zauberſtab Aſchenbroͤdels Kleider beruͤhrte, die nun noch weit
praͤchtiger wurden als alle die fruͤheren. Da erkannten ihre
beiden Schweſtern in ihr das ſchoͤne Weſen wieder, das ſie
auf dem Balle geſehen hatten. Sie warfen ſich ihr zu Fuͤßen,
um ſie fuͤr die ſchlechte Behandlung, die ſie ihr hatten an⸗
gedeihen laſſen, um Verzeihung zu bitten. Aſchenbroͤdel hob
ſie auf und ſagte ihnen, indem ſie ſie umarmte, daß ſie ihnen
von ganzem Herzen vergebe und daß ſie ſie bitte, ſie immer
lieb zu behalten. Darauf fuͤhrte man ſie zu dem jungen Prin⸗
zen, geſchmuͤckt wie ſie war, und dieſer fand ſie noch weit
ſchoͤner als je zuvor, und wenige Tage darauf heiratete er ſie.
Aſchenbroͤdel, welche ebenſo gut war wie ſchoͤn, ließ ihre
beiden Schweſtern im Palaſte wohnen und gab ſie noch am
gleiche Tage zwei vornehmen Herrn vom Hofe zur Ehe.
28. Der kleine Daͤumling
s war einmal ein Holzhacker und eine Holzhackerin, die
hatten ſieben Kinder, lauter Buben. Der aͤlteſte war
| erſt zehn und der jüngfte ſieben Jahre alt. Man koͤnnte
ſich wundern, daß der Holzhacker in ſo kurzer Zeit ſo viele Kin⸗
der hatte, aber ſeine Frau war flink bei dieſem Geſchaͤft und
bekam immer gleich zwei auf einmal. Sie waren gar arm,
und ihre ſieben Kinder waren ihnen ſehr laͤſtig, weil noch
keines von ihnen ſein Brot ſelber verdienen konnte. Was ſie
obendrein noch bekuͤmmerte, war, daß der juͤngſte uͤberaus
zart war und kein Wort redete; ſie hielten das fuͤr Dumm⸗
heit, was doch nur ein Zeichen fuͤr die Guͤte ſeines Verſtandes
252
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war. Er war winzig klein, und als er zur Welt kam, war er
nicht laͤnger als ein Daumen, weshalb man ihn den kleinen
Daͤumling nannte. Dies arme Kind war der Pruͤgelknabe
des ganzen Hauſes, und man gab ihm ſtets Unrecht. Gleich⸗
wohl war er der ſchlauſte und geſcheiteſte von allen ſeinen
Bruͤdern, und wenn er auch wenig redete, ſo hoͤrte er um
ſo mehr zu. Es kam ein ſehr ſchlimmes Jahr, und die Hungers⸗
not war ſo groß, daß die armen Leute beſchloſſen, ſich ihre
Kinder vom Halſe zu ſchaffen. Eines Abends, als die Kinder
ſchon ſchlafen gegangen waren und der Holzhacker mit ſeiner
Frau beim Feuer ſaß, ſprach er aus ſchmerzgepreßtem Her⸗
zen zu ihr: „Siehſt du nicht, daß wir unſere Kinder nicht mehr
ernaͤhren koͤnnen? Ich koͤnnte ſie nicht vor meinen Augen
verhungern ſehen, und ich bin geſonnen, ſie morgen mit in
den Wald zu nehmen, um ſie dort umkommen zu laſſen, was
ſich ſehr leicht machen laͤßt, denn waͤhrend ſie ſich luſtig tum⸗
meln und Reiſig zuſammenleſen, brauchen wir nur, ohne daß
ſie es merken, davonzulaufen.“ „Ach,“ rief die Holzhackerin
aus, „koͤnnteſt du wirklich deine Kinder vorſaͤtzlich im Stiche
laſſen?“ Ihr Mann hielt ihr umſonſt ihre große Armut vor,
fie brachte es nicht über ſich, einzuwilligen; fie war arm, aber
ſie war Mutter. Indes, nachdem ſie ſich bedacht hatte, wel⸗
chen Schmerz es ihr bereiten wuͤrde, dieſelben verhungern
zu laſſen, willigte ſie ein und legte ſich unter Traͤnen ſchlafen.
Der kleine Daͤumling hoͤrte alles, was ſie ſprachen, denn,
nachdem er von ſeinem Bett aus vernommen hatte, daß ſie
von wichtigen Dingen redeten, war er leiſe aufgeſtanden und
unter den Schemel ſeines Vaters gekrochen, um ihnen zuzu⸗
hoͤren, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Dann legte er ſich
wieder ins Bett, fand aber waͤhrend der ganzen uͤbrigen
Nacht keinen Schlaf mehr, da er daruͤber nachdachte, was er
tun ſolle. Er ſtand fruͤh am Morgen auf und ging zum Rand
eines Baches, wo er ſeine Taſchen mit weißen Kieſelſteinchen
anfuͤllte, und dann kam er wieder nach Haus. Sie machten
ſich alle auf den Weg, und der kleine Daͤumling verriet ſeinen
Bruͤdern nichts von alledem, was er wußte. Sie gingen in
258
einen dichten, dichten Wald, wo keiner den andern auf zehn
Schritte Entfernung ſehen konnte. Der Holzhacker machte
ſich daran, Holz zu ſchlagen und ſeine Kinder, das Reiſig zu⸗
ſammenzuleſen, um Buͤndel daraus zu machen. Wie nun
Vater und Mutter ſie ſo eifrig bei der Arbeit ſahen, ent⸗
fernten fie ſich behutſam von ihnen und eilten dann plotzlich
auf einem Seitenpfad davon. Als die Kinder ſich allein ſahen,
fingen fie aus Leibeskraͤften an zu ſchreien und zu weinen.
Der Heine Daͤumling ließ fie ruhig ſchreien, da er wohl wußte,
wie ſie wieder heimkommen wuͤrden; denn unter dem Gehen
hatte er längs des Weges die weißen Kieſelſteinchen fallen
laſſen, die er in ſeinen Taſchen trug. Er ſagte alſo zu ihnen:
„Fuͤrchtet euch nicht, liebe Bruͤder, Vater und Mutter haben
uns hier allein gelaſſen, aber ich werde euch wohlbehalten
nach Hauſe bringen, folgt mir nur!“ Sie gingen hinter ihm
drein und er geleitete ſie bis an ihr Haus auf demſelben Wege,
wie ſie in den Wald gekommen waren. Sie getrauten ſich
zuerſt nicht einzutreten, ſondern ſtellten ſich alle an die Tuͤr,
um zu horchen, was Vater und Mutter redeten. In dem
Augenblick, da der Holzhacker und die Holzhackerin nach
Hauſe kamen, ſchickte ihnen der Ortsvorſteher zehn Taler,
die er ihnen von lange her ſchuldete und auf die ſie gar nicht
mehr gerechnet hatten. Dies gab ihnen wieder neues Leben,
denn die armen Leute ſtarben faſt vor Hunger. Der Holz⸗
hacker ſchickte ſein Weib noch ſelbige Stunde in die Metzgerei.
Da ſie ſeit langer Zeit nichts mehr gegeſſen hatte, kaufte ſie
dreimal ſoviel Fleiſch, als es fuͤr zwei Perſonen zum Abend⸗
eſſen noͤtig war. Als ſie ſatt waren, ſagte die Holzhackerin:
„Ach, wo moͤgen jetzt meine armen Kinder ſein? Sie koͤnnten
ſich das, was uns übrigbleibt, ſchmecken laſſen! Aber, Wil⸗
helm, du warſt es ja, der ſie hat umbringen wollen, ich habe
es im voraus geſagt, daß wir es bereuen wuͤrden. Was wer⸗
den ſie jetzt im Walde anfangen? Ach, du mein Gott, die
Woͤlfe haben ſie vielleicht bereits gefreſſen, es iſt unmenſchlich
von dir, deine Kinder ſo im Stich gelaſſen zu haben.“ Der
Holzhacker verlor ſchließlich die Geduld, denn ſie ſagte mehr
254
als zwanzigmal, daß fie es bereuen wuͤrden und daß fie es
im voraus geſagt habe. Er drohte, ſie durchzupruͤgeln, wenn
ſie nicht ſchweigen wuͤrde. Nicht daß der Holzhacker nicht noch
weit mehr bekuͤmmert geweſen waͤre als ſein Weib, aber ſie
machte ihm den Kopf ganz heiß, und er, er war vom Schlage
ſo vieler Leute, die derlei Weiber beſonders gern haben, die
alles ſchon im voraus ſagen, dagegen ſolche hoͤchſt unbequem
finden, die immer alles ſchon im voraus geſagt haben wollen.
Die Holzhackerin weinte in einem fort. „Ach, wo werden
jetzt meine Kinder ſein, meine armen Kinder?“ Einmal ſagte
fie dies fo laut, daß die Kinder, die draußen an der Türe
waren, es hoͤrten und alleſamt anfingen zu ſchreien: „Da ſind
wir, da ſind wir!“ Sie lief geſchwind hin und machte ihnen
die Tuͤr auf und ſagte unter Herzen und Kuͤſſen zu ihnen:
„Wie froh bin ich, euch wiederzuſehen, ihr lieben Kinder, ihr
ſeid recht muͤde und habt argen Hunger. Und du, Peterlein,
wie ſchmutzig du biſt, komm und laß dich abwaſchen.“ Diefes
Peterlein war ihr Alteſter, und den hatte ſie lieber als alle
die anderen, weil er ein kleines Rotkoͤpfchen war und ſie ſelbſt
ein Rotkopf. Sie ſetzten ſich um den Tiſch herum und aßen
mit ſolcher Luſt, daß Vater und Mutter ihre Freude daran
hatten; fie erzählten von der Angſt, die fie im Walde aus⸗
ſtehen mußten und redeten faſt immer alle auf einmal.
Unſere guten Leute waren überglüdlich, ihre Kinder daheim
zu ſehen, und ihr Gluͤck waͤhrte genau ſolange wie die zehn
Taler; als aber das Geld verbraucht war, verfielen ſie wieder
in ihren alten Kummer und entſchloſſen ſich, ſie abermals im
Stiche zu laſſen, und, damit ihr Anſchlag nicht mißlinge, ſie
noch viel weiter wegzufuͤhren als das erſtemal. Sie konnten
davon nicht ſo heimlich reden, als daß ſie der kleine Daͤumling
nicht doch gehört Hätte; der rechnete ſicher darauf, ſich aus
der Sache herauszuziehen, wie er es ſchon einmal getan, aber
trotzdem er am fruͤhen Morgen aufgeſtanden war, um Kieſel⸗
ſteinchen zuſammenzuleſen, konnte er dies doch nicht aus⸗
fuͤhren, denn er fand die Tuͤr des Hauſes doppelt verſchloſſen.
Er wußte nicht, was er tun ſollte; als aber die Holzhackerin
25⁵
ihnen zu ihrem Fruͤhſtuͤck jedem eine Scheibe Brot gegeben
hatte, glaubte er, er koͤnne an Stelle der Kieſelſteine ſein Brot
nehmen und es brockenweiſe laͤngs des Weges, den ſie nehmen
wuͤrden, ausſtreuen, und ſo ſchob er es in ſeine Taſche. Der
Vater und die Mutter fuͤhrten ſie an den dichteſten und
dunkelſten Fleck im Walde, und ſobald ſie dort waren, mach⸗
ten ſie ſich auf einem Schleichwege davon und ließen ſie
zuruck. Der kleine Daͤumling graͤmte ſich Darüber nicht
ſonderlich, weil er meinte, ſeinen Weg leicht wiederzufinden
mittels des Brotes, das er uberall ausgeſtreut hatte, wo er
gegangen war; aber er war ſehr uͤberraſcht, als er nicht ein
einziges Kruͤmchen mehr davon wiederfinden konnte; die
Voͤgel waren gekommen und hatten alles aufgepickt. Da
waren ſie denn recht betruͤbt, denn je weiter ſie liefen, deſto
weiter verirrten ſie ſich und kamen immer tiefer in den Wald.
Die Nacht brach herein und es erhob ſich ein heftiger Wind,
der ihnen ſchreckliche Angſt einjagte. Es war ihnen, als ob
ſie von allen Seiten nichts als das Heulen der Woͤlfe hoͤrten,
die auf ſie zukamen, um ſie zu freſſen. Sie getrauten ſich
kaum, miteinander zu reden, noch auch den Kopf zu wenden.
Ploͤtzlich kam ein heftiger Regenguß, der ihnen bis auf die
Haut drang, ſie glitten bei jedem Schritt aus und purzelten
in den Schmutz, aus dem ſie ſich ganz beſudelt wieder er⸗
hoben, und ſie wußten nicht, was ſie mit ihren Haͤnden an⸗
fangen ſollten. Der kleine Daͤumling kletterte auf einen
Baum, um zu ſehen, ob er nichts entdecken koͤnne. Wie er
nun nach allen Seiten umherſpaͤhte, gewahrte er einen
ſchwachen Schimmer wie von einem Kerzenlicht, aber das
war gar weit uͤber dem Walde druͤben. Er kletterte vom
Baum herab, und als er wieder unten war, ſah er nichts
mehr; da war er troſtlos. Doch nachdem er eine Weile mit
ſeinen Bruͤdern in der Richtung weitergegangen war, von
wo er das Licht geſehen hatte, erblickte er es beim Heraus⸗
treten aus dem Walde von neuem. Sie gelangten endlich an
das Haus, wo das Kerzenlicht war, nicht ohne mancherlei
Schrecken, denn haͤufig verloren ſie es aus den Augen, was
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jedesmal der Fall war, wenn fie in eine Senkung herab⸗
ſtiegen. Sie klopften an die Tuͤre, da kam eine biedere Frau
und machte ihnen auf. Sie fragte, was ſie begehrten, und
der kleine Daͤumling gab zur Antwort, ſie waͤren arme Kin⸗
der und haͤtten ſich im Walde verirrt, und ſie baͤten, ihnen
aus Barmherzigkeit ein Nachtlager zu geben. Als nun die
Frau ſah, wie herzig ſie alle waren, fing ſie zu weinen an
und ſagte: „Ach, ihr armen Kinder, wo ſeid ihr hingeraten?
Wißt ihr nicht, daß dies hier das Haus eines Menſchenfreſſers
iſt, der die kleinen Kinder auffrißt?“ „Ach, liebe Frau,“ ant⸗
wortete der kleine Daͤumling, am ganzen Leibe zitternd ge⸗
radeſo wie ſeine Bruͤder, „was ſollen wir anfangen? Ganz
ſicher werden die Woͤlfe des Waldes uns heute nacht ohne
Erbarmen freſſen, wenn Ihr uns nicht bei Euch aufnehmt.
Und da iſt es uns doch lieber, wenn der gnaͤdige Herr uns
auffrißt; und vielleicht, daß er Mitleid mit uns hat, wenn Ihr
ſo gut ſeid, ihn darum zu bitten.“ Das Weib des Menſchen⸗
freſſers dachte, ſie koͤnne ſie bis zum naͤchſten Morgen vor
ihrem Manne verſteckt halten, ließ ſie eintreten und fuͤhrte
ſie zum Waͤrmen an ein tuͤchtiges Feuer, denn dort hing ein
ganzer Hammel am Bratſpieße fuͤr das Abendeſſen des
Menſchenfreſſers. Als ſie anfingen, ſich zu waͤrmen, hoͤrten
ſie drei⸗ bis viermal an die Tuͤr poltern, das war der Menſchen⸗
freſſer, der heimkam. Unverzuͤglich hieß ſein Weib ſie ſich
unter das Bett verkriechen und ging hin, um die Türe auf:
zumachen. Der Menſchenfreſſer fragte gleich, ob das Abend⸗
eſſen fertig ſei und ob man Wein abgefuͤllt habe, und ſetzte
ſich dann ohne weiteres zu Tiſch. Der Hammelbraten war
noch ganz blutig, aber er duͤnkte ihn darum nur um ſo beſſer.
Er ſchnuͤffelte nach rechts und links und ſagte immerzu, daß
er friſches Fleiſch rieche. „Es muß dies“, ſagte ſein Weib zu
ihm, „das Kalb ſein, das ich vorhin geſchlachtet habe, was du
riechſt.“ „Ich rieche friſches Fleiſch, ich ſag' es dir noch ein⸗
mal!“ verſetzte der Menſchenfreſſer und ſah ſein Weib von
der Seite an, „und es iſt etwas hier, was mir nicht gefaͤllt!“
Bei dieſen Worten ſtand er vom Tiſche auf und ging ſchnur⸗
17 Franz. Märchen I 257
ſtracks zum Bette hin. „Ha!“ ſagte er, „ſchau her, wie du
mich betruͤgen willſt, du verfluchtes Weib, ich weiß nicht, wie
es kommt, daß ich dich nicht auch auffreſſe; du kannſt von Gluͤck
ſagen, daß du ſchon ſo ein altes Luder biſt! Dies Wildbret da
kommt mir gerade recht, um es meinen Freunden, den
Menſchenfreſſern, aufzutiſchen, die mich dieſer Tage beſuchen
werden.“ Er zog die Kinder, eines nach dem andern, unter
dem Bette hervor. Die armen Kinder fielen auf die Knie und
flehten um Erbarmen, aber ſie hatten es mit dem grau⸗
ſamſten aller Menſchenfreſſer zu tun, der, weit entfernt, Mit⸗
leid zu haben, ſie ſchon mit den Augen verſchlang und zu
ſeinem Weibe ſagte, das ſeien leckere Biſſen, wenn ſie noch
eine gute Soße daran machen wuͤrde. Er holte ein großes
Meſſer, und waͤhrend er auf die armen Kinder losging,
wetzte er es an einem langen Steine, den er in ſeiner linken
Hand hielt. Er hatte ſchon eines von ihnen gepackt, da ſagte
ſein Weib zu ihm: „Was willſt du jetzt ſo ſpaͤt noch machen,
haſt du nicht bis morgen fruͤh noch Zeit genug?“ „Halts
Maul!“ erwiderte der Menſchenfreſſer, „ſie werden nur deſto
muͤrber ſein!“ „Aber du haſt ja noch ſoviel Fleiſch da,“ warf
ſein Weib ein, „das Kalb da, die zwei Haͤmmel und das
halbe Schwein!“ „Du haft recht,“ ſagte der Menſchenfreſſer,
„gib ihnen ein tüchtiges Nachteſſen, damit fie nicht abmagern
und bring fie zu Bett!“ Die gute Frau war überglüdlich
und brachte ihnen ein reichliches Abendbrot, aber ſie konnten
nichts herunterbringen, ſo voller Angſt waren ſie. Der Men⸗
ſchenfreſſer ſeinerſeits machte ſich wieder ans Trinken, ganz
gluͤcklich darüber, etwas zu haben, womit er feine Freunde
ordentlich bewirten koͤnne. Er trank noch um ein Dutzend
Schluck mehr als gewoͤhnlich, was ihm ein wenig zu Kopfe
ſtieg und ihn noͤtigte, ſich ſchlafen zu legen.
Der Menſchenfreſſer hatte ſieben Toͤchter, die noch Kinder
waren. Dieſe kleinen Menſchenfreſſerinnen hatten ſamt und
ſonders eine ſchoͤne Geſichtsfarbe, weil ſie wie ihr Vater von
rohem Fleiſche lebten, aber ſie hatten graue und kugelrunde
Auglein, eine krumme Naſe und einen maͤchtig großen Mund
258
mit langen, ſehr ſpitzen und ſehr weit auseinanderſtehenden
Zaͤhnen. Sie waren noch nicht ſehr boͤsartig, aber doch viel⸗
verſprechend, denn ſie biſſen ſchon die kleinen Kinder, um
ihnen das Blut auszuſaugen. Man hatte ſie fruͤhzeitig zu
Bett geſchickt, und nun lagen ſie alle ſieben in einem großen
Bett, und jede von ihnen hatte eine goldene Krone auf dem
Kopfe. Im naͤmlichen Zimmer ſtand ein zweites Bett von
derſelben Groͤße, in dieſes Bett hieß das Weib des Menſchen⸗
freſſers die ſieben kleinen Buben ſich ſchlafen legen, worauf
ſie ſelber ſich zu ihrem Manne legte.
Der kleine Daͤumling, der wohl bemerkt hatte, daß die
Toͤchter des Menſchenfreſſers goldene Kronen auf den Koͤpfen
trugen und fuͤrchtete, daß es den Menſchenfreſſer gereuen
wuͤrde, ſie nicht noch am ſelbigen Abend umgebracht zu haben,
ſtand gegen Mitternacht auf, nahm die Kappen ſeiner Bruͤder
und die ſeinige und ging ganz leiſe hin, um ſie den ſieben
Toͤchtern des Menſchenfreſſers auf die Koͤpfe zu ſetzen, nach⸗
dem er ihnen ihre goldenen Kronen abgenommen hatte; dieſe
ſetzte er nun feinen Brüdern und ſich ſelber auf, damit der
Menſchenfreſſer fie für feine Töchter und feine Toͤchter für
die Buben halte, die er umbringen wollte. Die Sache glüdte
ſo wie er es ſich gedacht hatte; denn als der Menſchenfreſſer
um Mitternacht aufwachte, gereute es ihn, auf den naͤchſten
Morgen verſchoben zu haben, was er am Abend zuvor haͤtte
ausführen können. Er ſprang alſo raſch aus dem Bett und
packte fein großes Meſſer. „Ich will nachſchauen“, fagte er,
„wie es den kleinen Schlingeln geht, ich will keine Zeit ver⸗
lieren!“ Er taſtete ſich alſo ins Zimmer ſeiner Toͤchter und
kam an das Bett der kleinen Buben, die alleſamt ſchliefen mit
Ausnahme des kleinen Daͤumlings, welcher mit Grauſen die
Hand des Menſchenfreſſers ſeinen Kopf betaſten fuͤhlte, wie
er vorher allen ſeinen Bruͤdern ſelbigen betaſtet hatte. Wie
nun der Menſchenfreſſer die goldenen Kronen ſpuͤrte, ſagte
er: „Da haͤtte ich beinahe etwas Schoͤnes angerichtet, ich ſehe
wohl, daß ich geſtern abend zuviel getrunken habe!“ Er ging
dann zum Bett ſeiner Toͤchter, und als er dort die Kaͤppchen
17°
259
der Buben ſpuͤrte, ſagte er: „Ah, da find fie, unfere luſtigen
Voͤgell Nun keck ans Werk!“ Mit dieſen Worten ſchnitt er
ohne Zaudern feinen ſieben Töchtern den Hals ab. Hoͤchſt
zufrieden mit dieſer Unternehmung ging er wieder ins
Bett. |
Sobald der kleine Daͤumling den Menſchenfreſſer ſchnar⸗
chen hoͤrte, weckte er ſeine Bruͤder und hieß ſie ſich flink an⸗
ziehen und ihm nachgehen. Sie ſchlichen ſich leiſe in den Gar⸗
ten hinab und ſprangen uͤber die Mauer. Sie liefen ſchier die
ganze Nacht hindurch, fortwaͤhrend zitternd und ohne zu
wiſſen, wohin ſie gingen.
Als der Menſchenfreſſer aufwachte, ſagte er zu ſeinem
Weib: „Geh hinauf und richte unſere kleinen Schlingel her,
die von geſtern abend.“ Die Menſchenfreſſerin war hoͤchſt
erſtaunt uͤber die Gutmuͤtigkeit ihres Mannes, denn ſie ahnte
nicht, was er unter Herrichten meinte, und glaubte, er be⸗
fehle ihr, ſie anzukleiden. So ſtieg ſie hinauf und war ganz
entſetzt, als ſie ihre ſieben Toͤchter mit abgeſchnittenen Koͤpfen
und in ihrem Blute ſchwimmend vorfand. Ihr erſtes war,
in Ohnmacht zu fallen (denn dies iſt das erſte Auskunfts⸗
mittel, das faſt alle Weiber bei ähnlichen Anlaͤſſen gleich zur
Hand haben). Da der Menſchenfreſſer fuͤrchtete, ſein Weib
brauche zu dem Geſchaͤft, das er ihr aufgetragen, zuviel Zeit,
begab er ſich nach oben, um ihr behilflich zu ſein. Er war nicht
weniger beſtuͤrzt als ſein Weib, da er das grauſige Schau⸗
ſpiel erblickte. „Ha! Was habe ich da gemacht!“ rief er aus,
„Nie ſollen es mir buͤßen, die Ungluͤckſeligen, und zwar ſofort.“
Er goß eilends ſeinem Weibe einen Topf Waſſer ins Geſicht,
und als er ſie wieder zu ſich gebracht hatte, ſagte er: „Ge⸗
ſchwind, gib mir die Siebenmeilenſtiefel, damit ich ſie noch
erwiſche!“ Er ſetzte ſich in Trab und gelangte, nachdem er in
allen Richtungen weit umhergelaufen war, endlich auf den
Weg, den unſere armen Kinder einhertrotteten, die nur noch
zehn Schritte von der Behauſung ihres Vaters entfernt
waren. Sie ſahen den Menſchenfreſſer, der von Berg zu
Berg ſprang und über Fluͤſſe ſetzte, jo leicht, als uͤberſchreite
260
er den kleinſten Bach. Der Heine Daͤumling, der dicht bei
der Stelle, wo ſie gerade waren, eine Felſenhoͤhle wahr⸗
nahm, hieß ſeine ſechs Bruͤder ſich darin verſtecken und
ſchluͤpfte dann ſelbſt hinein, indem er immerzu ausſpaͤhte,
was aus dem Menſchenfreſſer wuͤrde. Dieſer, der ſich von
dem weiten Wege, den er vergeblich gemacht hatte, ſehr er⸗
muͤdet fuͤhlte (denn die Siebenmeilenſtiefel nehmen ihren
Mann arg mit), wollte Raſt halten und kam durch Zufall auf
den Felſen zu ſitzen, unter dem die Buͤblein ſich verſteckt
hatten. Da er vor Muͤdigkeit ſich nicht mehr halten konnte,
ſchlief er ein, nachdem er eine Zeitlang geraſtet hatte, und
begann ſo fuͤrchterlich zu ſchnarchen, daß die armen Kinder
davor nicht weniger Angſt hatten, als wenn er ſein großes
Meſſer ſchwang, um ihnen den Kopf abzuſchneiden. Der
kleine Daͤumling hatte keine ſo große Angſt und ſagte zu
ſeinen Bruͤdern, ſie ſollten ſchleunigſt heimlaufen, waͤhrend
der Menſchenfreſſer noch feſt ſchlafe, und ſollten ſeinetwegen
nicht in Sorge ſein. Sie folgten ſeinem Rat und erreichten
eilends das Haus. Der kleine Daͤumling aber trat zum
Menſchenfreſſer heran, zog ihm ſachte ſeine Stiefel aus und
legte ſie ſich unverzuͤglich ſelber an. Die Stiefel waren ſehr
groß und ſehr weit, aber da fie verhert waren, hatten ſie die
Gabe, ſich je nach dem Beine deſſen, der ſie anzog, zu ver⸗
groͤßern oder zu verkleinern, derart, daß ſie ſo genau zu ſeinen
Fuͤßen und zu ſeinen Beinen paßten, als ob ſie fuͤr ihn ge⸗
macht waͤren. Er ging ſchnurſtracks zur Behauſung des
Menſchenfreſſers, wo er deſſen Weib traf, wie ſie bei ihren
ermordeten Toͤchtern weinte. „Euer Mann“, ſagte der kleine
Daͤumling zu ihr, „iſt in großer Gefahr, denn er iſt einer
Raͤuberbande in die Hände gefallen, und fie haben ge:
ſchworen, ihn umzubringen, wenn er ihnen nicht all ſein Gold
und all ſein Silber herausgaͤbe. Gerade als ſie ihm den Dolch
auf die Kehle ſetzten, bemerkte er mich und bat mich, Euch
Botſchaft von der Lage zu bringen, in der er ſei, und Euch
zu ſagen, daß Ihr mir alles geben ſollt, was er an Barſchaft
beſitzt, ohne das geringſte zuruͤckzubehalten, weil fie ihn ſonſt
261
erbarmungslos umbringen würden. Da die Sache ſehr eilt,
wollte er, daß ich ſeine Siebenmeilenſtiefel, dir Ihr da ſeht,
anziehe, damit ich ſchleunigſt herkaͤme und auch, damit Ihr
nicht etwa glaubt, ich fein ein Betrüger.” Die gute Frau war
ſehr erſchrocken, denn dieſer Menſchenfreſſer war der beſte
Ehemann, wenn er auch die kleinen Kinder fraß. Als nun der
kleine Daͤumling ſolcherweiſe mit allen Schaͤtzen des Men⸗
ſchenfreſſers beladen war, kehrte er in ſein Vaterhaus zuruͤck,
wo er mit tauſend Freuden aufgenommen wurde. Er ver⸗
half ſeiner ganzen Familie zum Wohlſtand, kaufte neuge⸗
ſchaffene Amter fuͤr ſeinen Vater und fuͤr ſeine Bruͤder, und
dadurch verſorgte er ſie alle und machte ſelber ein ganz er⸗
ſtaunliches Gluͤck.
29. Die Feen
8 war einmal eine Witwe, welche zwei Töchter hatte.
Die Alteſte glich ihr ſo ſehr an Gemuͤtsart und Geſicht,
daß jedermann glaubte, er ſaͤhe die Mutter vor ſich.
Beide waren ſo widerwaͤrtig und ſo ſtolz, daß man nicht
mit ihnen zuſammen leben konnte. Die Juͤngſte dagegen
war das getreue Abbild ihres Vaters, was Guͤte und Sanft⸗
mut betraf, und obendrein war fie die ſchoͤnſte Jungfrau, die
man haͤtte finden koͤnnen. Da man natuͤrlicherweiſe immer
ſeinesgleichen liebt, ſo war die Mutter ganz verſeſſen auf
ihre aͤlteſte Tochter, während fie gleichzeitig eine heftige
Abneigung gegen die juͤngſte empfand. Sie ließ fie in der
Kuͤche eſſen und ohne Unterlaß arbeiten. Unter anderm
mußte das arme Kind zweimal am Tage zu einem Brunnen
gehen, welcher eine gute halbe Meile vom Hauſe entfernt
war, und Waſſer ſchoͤpfen, deſſen es einen ganzen Krug voll
heimtragen mußte. Eines Tages, da ſie bei der Quelle ſtand,
kam eine arme Frau zu ihr, welche ſie um einen Schluck
Waſſer bat. „Gern, liebe Mutter!“ ſagte die ſchoͤne Jung⸗
frau, ſchoͤpfte ſogleich Waſſer aus der reinſten Stelle des
Brunnens und reichte es der Alten, indem ſie dabei beſtaͤndig
262
den Krug hielt, damit jene bequemer trinken könne. Als die
gute Frau getrunken hatte, ſprach ſie zu ihr: „Du biſt ſo ſchoͤn,
ſo gut und brav, daß ich mich nicht enthalten kann, dir eine
Gabe zu verleihen.“ Sie war naͤmlich eine Fee, welche die
Geſtalt einer Baͤuerin angenommen hatte, um zu erforſchen,
wie artig das Maͤdchen eigentlich ſei. „Ich gebe dir zum
Geſchenk,“ fuhr die Fee fort, „daß bei jedem Worte, das du
redeſt, aus deinem Munde eine Blume oder ein Edelſtein
hervorgeht.“ |
Als das Mädchen heimkam, ſchnaubte es die Mutter an,
weil es fo ſpaͤt vom Brunnen heimkomme. „Ich bitte Euch
um Verzeihung, Mutter,“ ſagte das arme Kind, „daß ich
mich ſo lange verſaͤumt habe!“ Und waͤhrend ſie dieſe Worte
ſprach, traten ihr zwei Roſen, zwei Perlen und zwei große
Diamanten aus dem Munde. „Was ſehe ich da?“ rief ihre
Mutter hoͤchſt erſtaunt, „ich glaube, Perlen und Diamanten
kommen ihr aus dem Munde, woher ward dir das, liebe
Tochter?“ (es war das erſte Mal, daß ſie ihr Kind „liebe
Tochter“ anredete). Das arme Kind erzaͤhlte ihr arglos alles,
was ihm zugeſtoßen war, nicht ohne dabei eine unzaͤhlbare
Menge von Diamanten von ſich zu geben. „Wahrhaftig,“
ſagte die Mutter, „da muß ich meine Alteſte hinſchicken.
Du, Franzl, ſieh, was aus dem Munde deiner Schweſter
hervorgeht, wenn ſie ſpricht. Wuͤrde es dich nicht froh
machen, die gleiche Gabe zu erhalten? Du brauchſt nur
Waſſer aus der Quelle zu ſchoͤpfen, und wenn eine arme
Frau dich um einen Trunk bittet, ſo mußt du ihr huͤbſch artig
das Waſſer reichen.“ „Das waͤre mir ſchoͤn genug,“ ant⸗
wortete jene trotzig, „daß ich an die Quelle ginge!“ „Ich
will aber, daß du hingehſt,“ ſagte die Mutter, „und zwar
auf der Stelle.“ Die Boͤſe ging alſo unter beſtaͤndigem Brum⸗
men hin und nahm dazu das ſchoͤnſte Silbergefaͤß, das ſich
im Hauſe fand. Kaum war ſie am Brunnen, ſo ſah ſie eine
praͤchtg gekleidete Dame aus dem Walde treten, welche ſie
um einen Trunk bat. Es war die naͤmliche Fee, welche ſich
diesmal in das Außere und in die Gewaͤnder einer Prinzeſſin
263
gehuͤllt hatte, um zu erfahren, wie unartig das Maͤdchen
eigentlich ſei. „Bin ich hierhergekommen,“ ſagte die Stolze
trotzig, „um Euch zu trinken zu geben? Sicher habe ich mein
Silbergefaͤß, ausgerechnet dazu mitgebracht, um der gnaͤdi⸗
gen Frau Waſſer zu reichen. Ich bin der Meinung, daß Ihr
Euch ſelber Waſſer ſchoͤpfen koͤnnt, wenn Euch duͤrſtet.“
„Du biſt nicht artig,“ erwiderte die Fee, ohne ſich dabei
zu erzuͤrnen, „nun gut, da du ſo wenig gefaͤllig biſt, ſo gebe
ich dir als Geſchenk, daß bei jedem Wort, daß du aus⸗
ſprichſt, eine Schlange oder eine Kroͤte aus deinem Munde
kommt.“
Sobald ihre Mutter ſie bemerkte, rief ſie ihr zu: „Nun,
mein Kind?“ „Nun, liebe Mutter?“ antwortete ihr die Boͤſe
und warf dabei zwei Vipern und zwei Kroͤten aus. „O Him⸗
mel,“ rief die Mutter, „was ſeh' ich da! Aber ihre Schweſter
iſt Schuld daran, ſie ſoll es vergelten!“ Und ſogleich lief ſie
hin, um die Juͤngſte zu ſchlagen. Das arme Kind entfloh und
rettete ſich in den nahen Wald. Der Koͤnigsſohn, der gerade
vom Jagen heimkam, begegnete ihr, und, als er ſah, wie
ſchoͤn ſie war, fragte er ſie, was ſie da ſo allein mache und
warum ſie weine. „Ach, mein Herr, meine Mutter hat mich
von Hauſe vertrieben!“ Der Koͤnigsſohn bemerkte, daß aus
ihrem Munde fuͤnf bis ſechs Perlen und ebenſoviele Dia⸗
manten hervorgingen, und bat ſie, ihm zu ſagen, woher ihr
dies kaͤme. Darauf erzaͤhlte ſie ihm ihr ganzes Abenteuer.
Den Koͤnigsſohn ergriff Liebe zu ihr, und er bedachte, daß
eine ſolche Gabe mehr wert ſei als alles, was man einer
andern als Brautſchatz mitgeben koͤnne; er geleitete ſie daher
in das Schloß ſeines koͤniglichen Vaters, wo er ſich mit ihr
vermaͤhlte. Was die Schweſter anlangt, ſo machte ſie ſich
dermaßen verhaßt, daß ihre eigene Mutter ſie aus dem Hauſe
jagte, und nachdem die Unſelige lange umhergeirrt war,
ohne daß ſich jemand gefunden haͤtte, der ſie aufnehmen
wollte, zog fie ſich in einen Waldwinkel zurüd, wo fie elendig⸗
lich umkam. |
264
r en rr Den. CHERE, 5” MG U
30. Der blaue Vogel
s war einmal ein König, welcher ſehr reich war an
Land und Geld. Als ſeine Frau ſtarb, war er untroͤſt⸗
lich. Er ſchloß ſich eine ganze Woche lang in ein kleines
Kabinett ein, wo er mit dem Kopf gegen die Mauern rannte;
dermaßen hatte ſein Schmerz ihn von Sinnen gebracht. Man
fuͤrchtete, er moͤge ſich umbringen und legte Matratzen zwi⸗
ſchen das Mauerwerk und die Wandbehaͤnge. Alle ſeine
Untertanen gingen hin, um ihn nach Kraͤften in ſeiner Trauer
zu troͤſten. Die einen redeten von ernſthaften und wichtigen
Dingen, die anderen von anregenden und ſogar von erfreu⸗
lichen, aber all das machte nicht den geringſten Eindruck auf
ihn, er hoͤrte kaum, was man zu ihm ſagte. Endlich erſchien
eine Dame bei ihm, die ganz von ſchwarzen Croͤpeſtoffen und
⸗ſchleiern bedeckt war und dermaßen weinte und ſchluchzte,
daß er davon ganz uͤberraſcht war. Sie ſagte ihm, ſie habe
ſich nicht wie die andern vorgenommen, ſeinen Schmerz zu
vermindern, ſie komme vielmehr, um ihn zu vergroͤßern; denn
es gäbe nichts Natürlicheres als die Trauer um eine gute
Gattin. Sie ſelbſt haͤtte den beſten aller Gatten verloren und
wolle ihn beweinen, ſolange ſie Augen im Kopfe habe. Dar⸗
auf verdoppelte ſie ihr Wehklagen, und der Koͤnig begann,
ihrem Beiſpiel folgend, gleichfalls zu heulen. Er empfing die
Dame beſſer als alle andern Beſucher, er unterhielt ſie mit
den edlen Eigenſchaften der Verſchiedenen, und ſie uͤberbot
ihn mit denen ihres Verblichenen. Sie trieb es ſo lange, bis
ſie nicht mehr wußte, was ſie uͤber ihren Schmerz reden ſolle.
Als die ſchlaue Witwe bemerkte, daß das Thema faſt erſchoͤpft
ſei, hob ſie ihren Schleier ein wenig, und der in Schmerz ver⸗
ſunkene Koͤnig labte ſeine Augen mit dem Anblick dieſer
armen Trauernden, die ihre mit langen ſchwarzen Wimpern
umraͤnderten großen blauen Augen nach allen Seiten drehte
und wendete. Ihre Geſichtsfarbe war ſchon ein wenig ver⸗
bluͤht. Der Koͤnig betrachtete ſie aufmerkſam. Schließlich
ſprach er immer weniger von ſeiner Frau und zuletzt uͤber⸗
265
haupt nicht mehr. Die Witwe redete davon, fie wolle ewig
ihren Gatten beweinen, der König bat fie, ihren Schmerz
nicht zu verewigen, und zuletzt war alle Welt ſehr erſtaunt, als
er ſie heiratete und als ihr Schwarz ſich in Gruͤn und Roſa
verwandelte. Häufig genügt es, die Schwäche eines Men⸗
ſchen zu kennen, um ganz uͤber ihn verfuͤgen zu koͤnnen.
Der Koͤnig hatte nur eine Tochter erſter Ehe gehabt, welche
als das achte Wunder der Welt galt. Sie hieß Blumenſchoͤn r,
weil ſie friſch, jung und ſchoͤn war. Man ſah an ihr keine
prächtigen Kleider, vielmehr liebte fie Hauskleider aus Taffet
und Blumengewinde, die in der Tat einen praͤchtigen Ein⸗
druck machten, wenn ſie auf ihren ſchoͤnen Haaren thronten.
Sie war fuͤnfzehn Jahre alt, als der Koͤnig ſich wieder ver⸗
heiratete. Die neue Königin ließ ihre Tochter holen, welche
bei ihrer Patin, der Fee Suſio, aufgezogen worden war, aber
ſie war davon nicht ſchoͤner noch anmutiger geworden: Suſios
Muͤhe war bei ihr vergeblich geweſen, aber trotzdem liebte ſie
fie zärtlich. Sie hieß Forellchen?, denn ihr Geſicht hatte rote
Flecken wie eine Forelle. Ihre ſchwarzen Haare waren ſo
fettig und filzig, daß man ſie nicht beruͤhren konnte, und ihre
gelbe Haut ſchwitzte eine Art von Ol aus. Dennoch liebte ſie
die Koͤnigin bis zum Wahnſinn, und ſie redete von nichts als
von ihrem lieblichen Forellchen, und da Blumenſchoͤn alle
moͤglichen Vorzuͤge vor ihr beſaß, geriet ſie in helle Ver⸗
zweiflung. Sie erdachte alle moͤglichen Mittel, jene beim
Koͤnig anzuſchwaͤrzen, und kein Tag verging, ohne daß die
Koͤnigin und Forellchen Blumenſchoͤn irgendeinen Streich
ſpielten. Die Prinzeſſin war ſanft und geiſtreich und ſuchte
uͤber dieſe Unannehmlichkeiten hinwegzukommen.
Eines Tages meinte der Koͤnig, daß Blumenſchoͤn und
Forellchen groß genug ſeien, um ſich zu verheiraten, und den
erſten beſten Prinzen, der an den Hof kaͤme, muͤſſe man einer
von beiden zum Manne geben. „Ich bin der Anſicht,“ ſagte
die Koͤnigin, „daß meine Tochter die erſte iſt, die in Betracht
kommt. Sie ift älter als die deinige, und da fie tauſendmal
1 Florine. 2 Truitonne.
266
— — 3 —j)
—
liebenswuͤrdiger ift, gibt es gar kein Bedenken.“ Der König
liebte keinen Streit und ſagte, er uͤberlaſſe alles ihr.
Einige Zeit darauf erfuhr man, daß der Koͤnig Reizvoll!
ankommen wuͤrde. Nie gab es einen galanteren und pracht⸗
liebenderen Fuͤrſten, und ſein Geiſt wie ſein Koͤrper ent⸗
ſprach ſeinem Namen. Als die Koͤnigin dieſe Neuigkeit er⸗
fuhr, ſandte ſie nach allen Stickern, Schneidern und ſonſtigen
Handwerkern, um Forellchen auszuſtaffieren, ſie bat aber
den Koͤnig, daß Blumenſchoͤn nichts Neues erhalte; ſie be⸗
ſtach ferner ihre Hofdame, daß ſie Blumenſchoͤns ſaͤmtliche
Gewaͤnder, Edelſteine und Kopfbedeckungen am gleichen
Tage entwendete, an welchem Reizvoll anlangte, ſo daß
dieſe, als ſie ſich ſchmuͤcken wollte, nicht ein einziges Band
mehr vorfand. Sie merkte wohl, wer ihr dies angetan habe
und ſandte zu den Haͤndlern, um Stoffe zu erhalten; aber
jene erwiderten, daß die Koͤnigin ihnen verboten habe, ſolche
abzugeben. Sie blieb alſo in einem recht ſchmutzigen Kleid
und ſchaͤmte ſich derart, daß ſie in einer Ecke des Saales Platz
nahm, als Reizvoll eintraf. Die Koͤnigin empfing ihn mit
großem Prunk, ſie ſtellte ihm ihre Tochter vor, die wie die
Sonne glaͤnzte und doch in all ihrem Schmuck noch haͤßlicher
war wie gewoͤhnlich. Der Koͤnig wandte ſeine Augen von
ihr ab, und die Koͤnigin wollte ſich einreden, daß ſie ihm zu
gut gefalle und er fuͤrchte, ſich feſtzulegen. Sie brachte daher
Forellchen beſtaͤndig in ſeine Naͤhe. Er fragte, ob nicht noch
eine andere Prinzeſſin mit Namen Blumenſchoͤn da ſei,
„Ja,“ ſagte Forellchen und wies mit dem Finger nach ihr.
„da verſteckt fie ſich, weil fie nicht artig iſt.“ Blumenſchoͤn
erroͤtete und wurde dadurch ſo ſchoͤn, daß der Koͤnig Reiz⸗
voll ganz geblendet wurde. Er erhob ſich raſch und machte
der Prinzeſſin eine tiefe Verbeugung: „Mein Fräulein,
ſagte er, „Eure unvergleichliche Schönheit ſchmuͤckt Euch fo,
daß Ihr keiner fremden Hilfe mehr beduͤrft!“ „Mein Herr,“
erwiderte ſie, „ich geſtehe, daß ich es wenig gewoͤhnt bin,
ein ſo unſauberes Kleid zu tragen wie dieſes, und ihr wuͤrdet
1 Charmant.
267
mich zu Dank verpflichtet haben, wenn Ihr mich nicht be⸗
achtet hättet.” „Es waͤre unmöglich,” rief Reizvoll, „daß
eine ſo wunderſchoͤne Prinzeſſin ſich irgendwo aufhalten
koͤnnte, ohne daß ſie meine Augen von allem andern ab⸗
lenken wuͤrde!“ „Ah!“ ſagte die Koͤnigin erboſt, „ich ver⸗
geude meine Zeit damit, Euch zuzuhoͤren, glaubt mir, mein
Herr, Blumenſchoͤn iſt ſchon hinreichend eitel, man darf ihr
nicht ſoviel Schmeicheleien ſagen.“ Der Koͤnig Reizvoll
fand bald heraus, aus welchem Grunde die Koͤnigin ſo redete,
aber da er nicht geſonnen war, ſich Gewalt anzutun, ſo zeigte
er ſeine Bewunderung fuͤr Blumenſchoͤn ganz offen und un⸗
verhuͤllt und unterhielt ſich drei Stunden hintereinander mit
ihr. Die Königin war verzweifelt und Forellchen untröftlich,
nicht mehr den Vorzug vor Blumenſchoͤn zu haben; beide
beklagten ſich beim Koͤnig und beſtimmten ihn, Blumenſchoͤn
in einen Turm zu ſperren, wo ſie den Koͤnig Reizvoll nicht
mehr ſprechen koͤnne. Und wirklich wurde jene, ſobald ſie auf
ihr Zimmer zuruͤckgekehrt war, von vier maskierten Maͤnnern
oben auf den Turm gebracht, wo ſie auf dem Gipfel der
Troſtloſigkeit zuruͤckblieb, denn ſie ſah wohl, daß man ſie nur
deshalb ſo behandelte, weil man ſie verhindern wollte, dem
Koͤnige zu gefallen, der ihr ſeinerſeits ſchon ſehr gut gefiel und
den ſie gern zum Gatten gehabt haͤtte. Da dieſer nichts von
der Gewalttat erfuhr, wartete er ſtuͤndlich mit Ungeduld
darauf, die Prinzeſſin wiederzuſehen; er wollte mit den
Herren ſeines Ehrendienſtes von ihr reden, aber auf Befehl
der Koͤnigin ſagten dieſe ihm alles moͤgliche Schlechte uͤber
fie: fie wäre eitel, wankelmuͤtig und launiſch und quaͤle ihre
Freundinnen und ihre Bedienung; man koͤnnte nicht un⸗
ſauberer ſein als ſie, und ihr Geiz ginge ſo weit, daß ſie lieber
wie ein Hirtenmaͤdchen gekleidet waͤre, als daß ſie ſich neue
Brokatſtoffe kaufe. Bei jeder Einzelheit litt Reizvoll und
fuͤhlte Zornesregungen, die er kaum baͤndigen konnte.
„Nein,“ ſagte er zu ſich, „es iſt undenkbar, daß der Himmel
eine ſo haͤßliche Seele in dieſes Meiſterwerk der Natur gelegt
haben koͤnne, ich gebe zu, daß ſie nicht ſauber angezogen war,
268
als ich fie ſah, aber ihre Scham bewies, daß fie es nicht ge⸗
wohnt war, ſich fo zu ſehen. Wie, fie wäre ſchlecht mit die⸗
ſem bezaubernden Ausdruck von Beſcheidenheit und Sanft⸗
mut! Das will mir nicht in den Kopf. Eher glaube ich, daß
die Koͤnigin ſie ſo verleumdet; man iſt nicht umſonſt Stief⸗
mutter; die Prinzeſſin Forellchen iſt eine ſo garſtige Kreatur,
daß es nicht verwunderlich waͤre, wenn ſie das vollkommenſte
aller Geſchoͤpfe beneiden wuͤrde.“ Waͤhrend er ſolches be⸗
dachte, merkten die ihn umgebenden Hoͤflinge wohl an ſei⸗
nen Mienen, daß ſie ihm keinen Dienſt erwieſen haͤtten, als
ſie ſchlecht von Blumenſchoͤn redeten, und einer von ihnen,
der beſonders gewandt war, wechſelte daher die Tonart; um
die Geſinnung des Fuͤrſten kennenzulernen, begann er allerlei
Wunderbares von Blumenſchoͤn zu erzaͤhlen. Bei dieſen
Worten erwachte Reizvoll wie aus einem Traum, griff haſtig
in das Geſpraͤch ein und Freude malte ſich auf ſeinen Zuͤgen:
o Liebe, Liebe, wie ſchwer biſt du zu verbergen!
Die Koͤnigin war ungeduldig, zu erfahren, wie der Eindruck
auf den Fuͤrſten geweſen waͤre, ſie ſchickte nach ihren Ver⸗
trauten und verbrachte die Nacht damit, ſie auszufragen, und
alles, was fie berichteten, beſtaͤrkte fie in ihrer Anſicht, daß
der Fuͤrſt nur Blumenſchoͤn liebe.
Aber was ſoll ich von der Schwermut dieſer Prinzeſſin er⸗
zaͤhlen? Sie lag im Verließ des ſchrecklichen Turmes, in den
ſie die vermummten Maͤnner gebracht hatten, auf dem
Boden. „Weniger waͤre ich zu beklagen,“ ſagte ſie, „wenn
man mich hierher gebracht haͤtte, ehe ich dieſen liebens⸗
wuͤrdigen Koͤnig ſah. Die Erinnerung an ihn vermehrt
meine Qual; ich bin ſicher, daß die Koͤnigin nur deshalb ſo
grauſam mit mir verfaͤhrt, um mich zu hindern, ihn weiterhin
zu ſehen. Weh, daß das bißchen Schoͤnheit, das mir der Him⸗
mel verlieh, mir meine Seelenruhe koſtet!“ Sie weinte ſo
bitterlich, daß ihre erbittertſte Feindin ſich ihrer erbarmt
hätte, hätte fie ihren Schmerz geſehen.
Die Königin uͤberhaͤufte indes Reizvoll mit koſtbaren Ge⸗
ſchenken und machte ihn ſogar zum Ritter des Liebesordens,
269
den fie eigens zu dieſem Zweck geftiftet hatte. Reizvoll er⸗
kundigte ſich nach Blumenſchoͤn und erfuhr, daß der Vater
ihr verboten habe, waͤhrend ſeiner Anweſenheit ihr Zimmer
zu verlaſſen. Er verabredete vermittels einer Hofdame eine
naͤchtliche Zuſammenkunft mit Blumenſchoͤn, aber die Treu⸗
loſe hatte nichts Eiligeres zu tun, als alles der Koͤngin und
Forellchen wiederzuerzaͤhlen, und letztere kam auf den Ge⸗
danken, Blumenſchoͤns Platz am Fenſter ihres Zimmers ein⸗
zunehmen. Die Nacht war ſo dunkel, daß der Koͤnig unmoͤg⸗
lich den Betrug bemerken konnte. Er naͤherte ſich alſo mit
Gebaͤrden unausſprechlicher Freude dem Fenſter und ſagte
Forellchen alles das, was er Blumenſchoͤn haͤtte ſagen wollen,
um ſie von ſeiner Leidenſchaft zu uͤberzeugen. Forellchen
nahm die Gelegenheit wahr und ſagte ihm, ſie ſei das un⸗
gluͤcklichſte Weſen von der Welt, da ſie eine ſo grauſame
Stiefmutter habe, und ihre Leiden wuͤrden nicht eher
aufhoͤren, bis Forellchen verheiratet ſei. Der Koͤnig ver⸗
ſicherte ſie, er waͤre gluͤcklich, wenn ſie ihn zum Gatten wolle,
und er wolle Herz und Krone mit ihr teilen. Darauf zog er
ſeinen Ring vom Finger und ſteckte ihn an den Forellchens,
indem er hinzufuͤgte, dies ſei das Pfand ſeiner ewigen Treue,
ſie ſolle ihm nur die Stunde nennen, zu der ſie heimlich flie⸗
hen wollten. Die Koͤnigin erfuhr ſogleich den guͤnſtigen Aus⸗
gang dieſer Unterredung und erhoffte alles davon. Wirklich
wurde der Tag verabredet, an welchem der Koͤnig erſchien,
um die Prinzeſſin in ſeine von fliegenden Kroͤten gezogene
Kutſche aufzunehmen, die ihm ein befreundeter Zauberer
zum Geſchenk gemacht hatte. Die Nacht war ſehr dunkel,
Forellchen ſchluͤpfte geheimnisvoll durch ein Hinterpfoͤrtchen,
und der Koͤnig, der ſie erwartete, nahm ſie in ſeine Arme
und ſchwur ihr hundertmal ewige Treue.
Auf Wunſch der Prinzeſſin begaben ſie ſich zunaͤchſt zur
Fee Suſio. Waͤhrend Reizvoll im Vorſaal des glaͤſernen
Palaſtes wartete, bemerkte er auf einmal durch die durch⸗
ſichtige Wand Forellchen, welche mit der Fee redete. „Was?“
ſagte er, „bin ich betrogen? Haben die Daͤmonen dieſe Fein⸗
270
din meiner Ruhe hierhergebracht? Will fie meine Hochzeit
ſtoͤren? Meine teure Blumenſchoͤn kommt nicht! Ihr Vater
hat ſie vielleicht verfolgt!“ Er dachte an tauſend Dinge, die
ihn zur Verzweiflung brachten, aber es wurde noch ſchlimmer,
als jene eintraten und Suſio in entſchiedenem Tone zu ihm
ſagte: „Koͤnig Reizvoll, hier iſt die Prinzeſſin Forellchen, der
Ihr Euer Treueverſprechen gegeben habt. Sie iſt mein
Patenkind, und ich wuͤnſche, daß Ihr ſie ſofort heiratet.“
„Ich,“ rief er, „ich ſollte dieſes kleine Ungeheuer heiraten?
Ihr haltet mich fuͤr ſehr fuͤgſam, da Ihr mir einen ſolchen
Vorſchlag macht! Nichts habe ich ihr verſprochen, und wenn
fie das Gegenteil behauptet, fo hat fie...” „Nicht weiter!“
unterbrach ihn Suſio, „und ſeid nicht ſo kuͤhn, es mir gegen⸗
uͤber an Reſpekt fehlen zu laſſen!“ Forellchen zeigte Reizvoll
den Ring, und dieſer merkte, daß er getaͤuſcht worden war,
er wollte fliehen, doch die Fee hielt ihn durch einen Zauber
feſt. Es war umſonſt, daß ihn die Fee mit Sanftmut, Dro⸗
hungen und Verſprechungen beſtuͤrmte, daß Forellchen
weinte, ſchrie, ſchluchzte, tobte und ſchmeichelte, vergeblich
redete man zwanzig Tage lang ununterbrochen miteinander,
ohne zu eſſen, zu trinken, zu ſchlafen und ſich zu ſetzen. End⸗
lich verlor die Fee die Geduld und befahl dem Koͤnig zwiſchen
der Heirat mit Forellchen und fiebenjähriger Verwuͤnſchung
zu waͤhlen. Es fiel ihm leicht, letzteres vorzuziehen, und von
der Fee in einen blauen Vogel verwandelt, flog er durch das
Fenſter davon.
Forellchen aber kehrte zu ihrer Mutter zuruck, und beide
gingen zu Blumenſchoͤn, der ſie die angebliche Verheiratung
der Prinzeſſin mit dem Fuͤrſten erzählten, und fie befräftigten
ihre Worte durch die Vorweiſung des Ringes. Blumenſchoͤn
war vor Kummer dem Tode nahe. Als ſie aus ihrer Ohn⸗
macht erwachte und ſich uͤberlegte, welch ſchlechte Behand⸗
lung man ihr habe angedeihen laſſen und wie nun alle Hoff⸗
nung auf eine eheliche Verbindung mit dem Koͤnig fuͤr ſie
geſchwunden ſei, da wurde ihr Schmerz ſo heftig, daß ſie
die ganze Nacht weinte. Indeſſen hatte der Koͤnig Reizvoll,
271
oder beſſer geſagt der blaue Vogel, unausgeſetzt das Schloß
umflogen, denn er glaubte, daß ſeine teure Prinzeſſin dort
irgendwo eingeſchloſſen ſein muͤſſe, und wenn ihre Klagen
ſchmerzlich waren, ſo waren es die ſeinigen nicht minder:
er naͤherte ſich den Fenſtern ſo gut er konnte, um in die
Zimmer zu blicken, aber die Furcht, Forellchen moͤchte ihn
entdecken und erkennen, hinderte ihn das zu tun, was er
wollte. „Es geht um mein Leben!“ ſagte er zu ſich ſelber,
„wenn dieſe boͤſen Frauen erfahren, wo ich bin, ſo wuͤrden
fie ſich rächen wollen.“ Dieſe Erwägungen zwangen ihn,
ſich tagsuͤber vom Schloſſe fernzuhalten, und in der Regel
kam er nur in der Nacht und ſang. Man hatte gegenuͤber dem
Fenſter von Blumenſchoͤns Verließ eine Zypreſſe von außer⸗
ordentlicher Hoͤhe gepflanzt, und der blaue Vogel wiegte ſich
auf ihren Zweigen. Kaum ſaß er dort, als er eine klagende
Stimme hoͤrte: „Soll ich noch lange leiden,“ ſagte ſie, „kommt
nicht der Tod, mich zu erloͤſen? O grauſame Koͤnigin, was
tat ich dir, daß du mich in ſo furchtbarer Gefangenſchaft
haͤltſt? Daß du mich, um mich zu ſtrafen, zum Zeugen des
Gluͤckes machſt, das deine unwuͤrdige Tochter mit dem Koͤnig
Reizvoll genießt?“ Der blaue Vogel vernahm dieſe Worte,
und je mehr er hoͤrte, deſto klarer wurde es ihm, daß es die
liebenswuͤrdige Blumenſchoͤn ſei, die ſo rede. Er ſprach zu
ihr: „Anbetungswuͤrdige Blumenſchoͤn, Wunder unſerer
Tage! Warum wollt Ihr Euer Leben ſo bald ſchon enden?
Es gibt ein Heilmittel für Euer Leiden!“ „Wie? Wer ſpen⸗
det mir fo ſuͤßen Troſt?“ „Ein ungluͤcklicher König,” erwiderte
der Vogel, „der Euch liebt und nie eine andere lieben wird
als Euch.“ Mit dieſen Worten flog er an das Fenſter.
Blumenſchoͤn fürchtete ſich zunaͤchſt vor dem ſeltſamen Vogel,
der fo verſtaͤndig redete, wie wenn er ein Menſch waͤre.
„Darf ich Euch wiederſehen, Prinzeſſin, darf ich ein ſo voll⸗
kommenes Gluͤck genießen, ohne vor Seligkeit zu vergehen?“
„Wer ſeid Ihr, reizvoller Vogel?“ ſagte die Prinzeſſin und
ſtreichelte ihn. „Ihr habt meinen Namen genannt!“ er⸗
widerte der Koͤnig. „Was! der groͤßte Koͤnig der Welt! Was!
272
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der König Reizvoll waͤre der kleine Vogel, den ich in meiner
Hand halte?“ ſagte die Prinzeſſin. „Wehe, liebe Blumen⸗
ſchoͤn, es iſt nur zu wahr,“ entgegnete er, „und wenn etwas
mich troͤſten kann, ſo iſt es das, daß ich dieſe Strafe derjenigen
vorgezogen habe, auf die Gefuͤhle verzichten zu muͤſſen, die
ich für Euch hege.“ „Fuͤr mich? Oh, ich weiß, daß Ihr Forell⸗
chen geheiratet habt, ich habe Euern Ring an ihrem Finger
erkannt!“ Nun erfuhr ſie vom Prinzen den wahren Sach⸗
verhalt. Blumenſchoͤn empfand ein ſo großes Vergnuͤgen
dabei, ihren Geliebten reden zu hoͤren, daß ſie alle Leiden
ihrer Gefangenſchaft vergaß. Wie troͤſtete ſie ihn uͤber ſein
Mißgeſchick! Wie uͤberzeugte ſie ihn, daß ſie nicht weniger
fuͤr ihn tun wolle, als er fuͤr ſie getan habe. Der Tag brach
an, und die Mehrzahl der Hoͤflinge hatte ſich ſchon erhoben,
als die Prinzeſſin und der blaue Vogel noch immer mit⸗
einander redeten. Sie trennten ſich unter tauſend Qualen,
nachdem ſie einander . hatten, ſich jede Nacht
ſo zu unterhalten.
Zwei Jahre vergingen (5; jede Nacht erſchien der blaue
Vogel vor dem Fenſter von Blumenſchoͤns Kerker, und mit⸗
unter brachte er ihr koſtbare Geſchenke in ſeinem Schnabel
mit. Indeſſen bemuͤhte ſich die feindſelige Koͤnigin, die
Blumenſchoͤn ſo grauſam in ihrem Gefaͤngnis zuruͤckhielt,
vergeblich, Forellchen zu verheiraten. Sie ſchickte Geſandte
an alle Fuͤrſten, deren Namen ſie wußte, um ſie ihnen an⸗
zubieten, aber wenn dieſe angekommen waren, wies man
ſie ſchroff ab. „Wenn es ſich um die Prinzeſſin Blumen⸗
ſchoͤn handeln wuͤrde, waͤret Ihr mit Freuden aufgenommen
worden, fagte man zu ihnen, „aber Forellchen mag Veſtalin
bleiben, ohne daß jemand dagegen Einſpruch erhebt.“ Auf
dieſe Nachricht hin gerieten Mutter und Tochter in neuen
Zorn gegen die unſchuldige Prinzeſſin, die ſie nun um ſo
ärger quaͤlten. „Wie! Trotz ihrer Gefangenſchaft ſteht uns
dieſe Unverſchaͤmte im Wege!“ ſagten ſie, „wie koͤnnen wir
ihr die boͤſen Streiche verzeihen, die ſie uns ſpielt. Sie muß
geheime Verbindungen mit dem Ausland unterhalten, jeden⸗
18 Franz. Märchen I 273
falls iſt fie eine Staatsverbrecherin, wir wollen fie zu uͤber⸗
fuͤhren ſuchen!“ Sie beendeten ihren Kriegsrat ſo ſpaͤt, daß
es ſchon um Mitternacht war, als ſie beſchloſſen, auf den
Turm zu ſteigen, um ſie auszufragen. Sie ſtand mit dem
blauen Vogel am Fenſter, geſchmuͤckt mit den Edelſteinen,
die er ihr gebracht hatte, und mit einem Geſichtsausdruck,
der bei bekuͤmmerten Leuten nicht angebracht iſt. Ihr Zim⸗
mer und ihr Bett waren mit Blumen uͤberſtreut, und einige
ſpaniſche Paſtillen, die ſie verbrannt hatte, verbreiteten einen
angenehmen Duft. Blumenſchoͤn und der blaue Vogel
ſangen gerade zweiſtimmig. „Ah, mein Forellchen, wir ſind
betrogen!“ rief die Koͤnigin, oͤffnete haſtig die Tuͤr und draͤngte
ſich ins Zimmer. Blumenſchoͤn ſchlug hurtig das Fenſter zu,
um dem blauen Vogel Zeit zu laſſen, ſich zu entfernen. Die
beiden Weiber ſtuͤrzten ſich wie die Furien auf ſie los. Lange
disputierten ſie uͤber die Schmuckſachen und die Wohlgeruͤche,
die Blumenſchoͤn irgendwo gefunden haben wollte. Die
Koͤnigin beſchuldigte ſie der Verſchwoͤrung und heimlicher
Unterhandlungen zum Schaden des Staates, und ſchließlich
legte man ihr eine Spionin ins Zimmer, die alle Handlungen
der Prinzeſſin uͤberwachen ſollte. Aber tagsuͤber fand dieſe
nicht den geringſten Grund zum Verdacht, und abends legte
fie ſich frühzeitig ſchlafen, da fie ſich langweilte. Nun öffnete
Blumenſchoͤn das Fenſter und rief ihren blauen Vogel herbei.
Aber die Schlaͤferin hatte ein Geraͤuſch gehoͤrt, ſie horchte
im ſtillen, dann ſuchte ſie mit den Augen die Finſternis zu
durchdringen und bemerkte ſchließlich im Mondſchein den
ſchoͤnſten Vogel von der Welt, der mit der Prinzeſſin redete,
ſie liebkoſte und ſchnaͤbelte; endlich verſtand ſie auch einige
Worte ihrer Unterhaltung und verwunderte ſich ſehr, denn
der blaue Vogel ſprach wie ein Liebhaber, und die Prinzeſſin
antwortete ihm zaͤrtlich. Am anderen Morgen erſchien die
Kerkermeiſterin bei der Koͤnigin und berichtete ihr alles, was
ſie geſehen und gehoͤrt hatte. Die Koͤnigin ſchickte ſogleich
nach Forellchen und nach ihren Vertrauten; ſie beratſchlag⸗
ten ſich lange Zeit und kamen ſchließlich auf den Gedanken,
274
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daß der blaue Vogel der Koͤnig Reizvoll ſein muͤſſe. „Welch
ein Schimpf, mein Forellchen!“ rief die Koͤnigin, „dieſe un⸗
verſchaͤmte Prinzeſſin, die ich ſo in Kummer waͤhnte, genoß
in Ruhe die angenehme Unterhaltung unſeres Undankbaren!
Oh! Ich werde mich blutig raͤchen, man ſoll davon lange
reden!“ Die Königin ſchickte die Spionin in den Turm zuruͤck
und befahl ihr, keinen Argwohn und keine Neugier zur Schau
zu tragen, vielmehr ſich tiefer als gewoͤhnlich ſchlafend zu
ſtellen. Dieſe legte ſich alſo fruͤhzeitig nieder und ſchnarchte
aus Leibeskraͤften, indes die arme, getaͤuſchte Prinzeſſin das
kleine Fenſter öffnete und ihren Vogel rief.
Aber ſie lockte ihn die ganze Nacht vergebens, er erſchien
nicht, denn die boͤſe Koͤnigin hatte Meſſer, Dolche, Klingen
und Schwerter an die Zypreſſe binden laſſen, und als er
mit raſchen Fluͤgelſchlagen kam, um ſich darauf niederzu⸗
laſſen, zerſchnitten ihm die Mordwaffen die Fuͤße, er fiel
auf andere, die ihm die Fluͤgel zerfleiſchten, und endlich
rettete er ſich unter tauſend Qualen zu dem hohlen Baume,
wo er die Tage zu verbringen pflegte, eine lange Blutſpur
zurüͤcklaſſend. Er kümmerte fi nicht um fein Leben, denn
er war überzeugt, daß Blumenſchoͤn ihm dieſen boͤſen Streich
geſpielt habe. Dieſer unſelige Gedanke druͤckte ihn dermaßen
nieder, daß er zu ſterben beſchloß. Aber ſein Freund, der
Zauberer, war derart um ihn beſorgt, daß er achtmal die
ganze Erde umlief, um ihn zu ſuchen. Endlich fand er ihn
in jenem hohlen Baum. Ein anderer als er waͤre mehr be⸗
ſtuͤrzt geweſen, aber ihm war kein Kunſtgriff der Zauberei
fremd, es koſtete ihn nur wenige Worte, um das Blut zum
Stehen zu bringen, und mit gewiſſen Waldkraͤutern, uͤber
die er einige Worte aus dem ſiebenten Buche Moſis mur⸗
melte, heilte er den Koͤnig ſo vollkommen, als ſei er nie ver⸗
wundet geweſen.
Blumenſchoͤn klagte indes um ihren Vogel, waͤhrend die
beiden Weiber triumphierten. Aber bald änderte ſich die
Sachlage vollkommen. Der alte König ſtarb, und die Königin
maßte fich ſogleich die Herrſchaft an. Das Volk jedoch wollte
. 275
ihre Regierung nicht dulden, es ſchuͤttelte ihre Herrſchaft ab,
und die Großen des Reiches holten Blumenſchoͤn aus ihrem
Turme und ſetzten ihr die Krone auf.
Unterdeſſen hatte der Zauberer die Fee Suſio aufgeſucht,
um bei ihr fuͤr den blauen Vogel ein gutes Wort einzulegen.
Dieſe verſprach aber nur unter der Bedingung den Fluch
ruͤckgaͤngig machen zu wollen, daß der König Forellchen
heirate. Der blaue Vogel, der Blumenſchoͤn nun ebenſo
haßte, wie er ſie zuvor geliebt hatte und ſich uͤberdies in
einem Zuſtand voͤlliger Apathie befand, erklaͤrte ſich einver⸗
ſtanden, doch erſuchte er, die Hochzeit noch um ein Jahr
hinausſchieben zu duͤrfen. Dies wurde ihm gewaͤhrt, und
die Fee gab ihm feine menſchliche Geſtalt zuruͤck.
Blumenſchoͤn aber huͤllte ſich in baͤuerliche Kleider, ver:
barg ihr Geſicht unter ihren dichten Haarflechten, ſetzte einen
breiten Strohhut auf, nahm einen Sack auf die Schulter und
machte ſich auf die Reiſe, bald zu Fuß, bald zu Roß, bald zur
See, bald zu Lande und alles ſo ſchnell wie moͤglich. Sie
wanderte und wanderte und uͤberſchritt ſchließlich mit Hilfe
einer guͤtigen Fee ein Gebirge, das war ganz aus Elfenbein;
jenſeits desſeiben lag die Hauptſtadt des Koͤnigreiches von
ihrem Geliebten. Sogleich erkundigte ſie ſich nach ihm, und
man erwiderte ihr: „Morgen wird er mit der Prinzeſſin
Forellchen zum Gottes hauſe gehen, denn er hat endlich ein⸗
gewilligt, ſie zu heiraten.“ Am anderen Morgen draͤngte
ſich Blumenſchoͤn mitten durch die zuſchauende Menge Volks
und ſtellte ſich neben den Thron, ſo daß der Koͤnig ſie gleich
bemerken mußte, und wirklich redete er ſie an und fragte ſie,
was ſie wolle: „Ich heiße Klein⸗Schmutzfink,“ ſagte ſie, „und
komme, Euch einige Raritäten zu verkaufen.“ Bei dieſen
Worten kramte ſie in ihrem Sack und zog die ſmaragdenen
Armbaͤnder hervor, die der blaue Vogel ihr ehedem gegeben
hatte. Als der Koͤnig dieſen Schmuck erblickte, erinnerte er
ſich deſſen, den er Blumenſchoͤn gegeben hatte; er erbleichte
und ſeufzte und ſchwieg lange. Endlich fuͤrchtete er, man
moͤge ſeine truͤben Gedanken bemerken und ſagte mit An⸗
276
ſtrengung zu Forellchen: „Diele Armbänder find, glaube ich,
ebenſoviel wert wie mein Königreich; ich dachte, es gäbe nur
ein Paar davon auf der Welt, aber dieſe hier ſind ganz die⸗
ſelben.“ Forellchen ſtieg von ihrem Thron herab, wo ſie ge⸗
ſeſſen hatte wie eine Auſter in ihrer Schale, und fragte die
Königin, wieviel fie fuͤr dieſe Armbänder wolle. „Ihr hättet
zu große Ausgaben, wenn Ihr fie bezahlen wolltet, gnädige
Frau, fagte dieſe, „beſſer iſt es, ich ſchlage Euch einen ans
dern Handel vor. Wenn Ihr mir erlauben wollt, eine Nacht
im Kabinett der Echos zu ſchlafen, das neben dem Schlaf⸗
zimmer des Koͤnigs liegt, ſo will ich Euch die Smaragden
geben.“ „Gern, Klein⸗Schmutzfink,“ ſagte Forellchen und
lachte wie beſeſſen, wobei ſie ihre langen Eberhauer zeigte.
Auf Befehl Forellchens fuͤhrte man die Koͤnigin in das
Kabinett, und ſie ſtimmte ihre Klagen an: „Das Ungluͤck,
das ich fuͤrchtete, iſt eingetroffen, grauſamer blauer Vogel!“
ſagte ſie, „du haſt mich vergeſſen, du liebſt meine unwuͤrdige
Nebenbuhlerin! Die Armbaͤnder, die ich von deiner freigebigen
Hand empfing, haben dich nicht an mich mahnen koͤnnen,
ſo ſehr iſt mein Bild in deinem Gedaͤchtnis verblaßt.“ Der
Kammerdiener hatte die ganze Nacht ein Wimmern und
Stoͤhnen gehoͤrt, aber der Koͤnig hatte durch ein ſeltſames
Mißgeſchick nichts vernommen. Das kam daher, daß er ſeit
ſeiner Trennung von Blumenſchoͤn nicht mehr ſchlafen konnte,
und wenn er zu Bett ging, gab man ihm Opium, um ihm
einige Stunden Ruhe zu verſchaffen. Blumenſchoͤn mußte
alſo das Gemach wieder verlaſſen, ohne ihr Ziel erreicht zu
haben und wiederholte die Liſt mit einem andern Schmuckſtuͤck,
welches Forellchen um denſelben Preis kaufte. Auch diesmal
hatte der Koͤnig einen Schlaftrunk genommen und Blumen⸗
ſchoͤn veraͤußerte nun ihr drittes und letztes Kleinod gegen eine
Nacht im Echogemach, nachdem ſie zuvor den Kammerdiener
gebeten hatte, dem Koͤnig kein Opium zu geben. Sie ließ ſich
alſo mit Einbruch der Nacht wieder in das Gemach fuͤhren
und hoffte, daß der Kammerdiener Wort halten wuͤrde.
Als ſie glaubte, daß alles ſchlief, begann ſie ihre gewohnten
277
Klagen. Der König ſchlief aber nicht und hörte fo genau die
Stimme ſeiner Blumenſchoͤn, daß er jedes Wort verſtand,
doch begriff er nicht, woher die Worte kuͤmen. Aber fein Herz
ward von zarten Gefuͤhlen durchdrungen, und er gedachte
ſo innig ſeiner unvergleichlichen Prinzeſſin, daß die Trennung
von ihr ihn ebenſo ſchmerzlich duͤnkte, wie in dem Augenblick,
da die Meſſer auf der Zypreſſe ihn zerfleiſchten. Er begann
ebenſo wie die Koͤnigin zu klagen: „O Prinzeſſin,“ ſagte er,
„Ihr waret zu grauſam gegen einen Liebhaber, der Euch
anbetete. Waͤre es moͤglich, daß Ihr mich unſern gemein⸗
ſamen Feinden haͤttet opfern wollen?“ Blumenſchoͤn hoͤrte,
was er ſprach und antwortete ihm unverzuͤglich, wenn er
mit dem kleinen Schmutzfink reden wolle, fo würde er über
alle Geheimniſſe aufgeklaͤrt werden. Bei dieſen Worten rief
der Koͤnig ungeduldig einen Kammerdiener und fragte ihn,
ob er ihm nicht ſogleich Klein⸗Schmutzfink herbeizubringen
vermoͤge. Der Diener entgegnete, daß nichts leichter ſei,
weil ſie im Gemache nebenan ſchlafe. Der Koͤnig wußte
nicht, was er davon halten ſolle. Wie konnte eine ſo große
Koͤnigin wie Blumenſchoͤn ſich als Schmutzfink verkleiden?
Wie konnte andererſeits der Schmutzfink die Stimme der
Koͤnigin annehmen und ihre Geheimniſſe ausplaudern, wenn
er nicht mit ihr perſonengleich war? In dieſer Ungewißheit
erhob er ſich und bekleidete ſich haſtig und trat durch eine
Tapetentuͤr in das Kabinett der Echos. Dort fand er Blumen⸗
ſchoͤn in einem leichten weißen Taffetkleid, das ſie uͤber ihre
baͤuerlichen Gewaͤnder geworfen hatte; ihre ſchoͤnen Haare
fielen ihr über die Schultern, fie lag auf einem Ruhebett hin⸗
geſtreckt, und eine etwas entfernte Lampe verbreitete nur
ein unbeſtimmtes Licht. Der König trat plotzlich ein, und
ſeine Liebe ſiegte uͤber ſeinen Groll; als er ſie erkannte, warf
er ſich ihr zu Fuͤßen, befeuchtete ihre Haͤnde mit Traͤnen und
glaubte, vor Freude und Schmerz ſterben zu muͤſſen. Die
Koͤnigin war nicht weniger erregt, ihr Herz preßte ſich zu⸗
ſammen, ſie konnte nur mit Muͤhe atmen und ſah den Koͤnig
ſtarr an, ohne ein Wort zu ſagen; und als ſie ſo viel Kraft
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gewonnen hatte, um mit ihm zu reden, fo hatte fie doch nicht
genug, um ihn zu tadeln. Das Gluͤck des Wiederſehens ließ
ſie einige Zeit den Gegenſtand ihrer Klagen vergeſſen.
Schließlich klaͤrten fie einander auf und rechtfertigten ſich;
und alles, was ſie noch beunruhigte, war die Fee Suſio.
Aber in dieſem Augenblick erſchien der dem Koͤnig befreundete
Zauberer in Begleitung einer beruͤhmten Fee, und nach den
erſten Komplimenten erklaͤrten der Zauberer und die Fee,
daß ſie ihre Macht zugunſten des Koͤnigs und der Koͤnigin
vereinigt haͤtten, daß Suſio nichts gegen ſie ausrichten koͤnne
und daß ihrer Hochzeit kein Hindernis mehr im Wege ſtuͤnde.
Man kann ſich die Freude der Liebenden ausmalen. Bei
Tagesanbruch verbreitete ſich die Neuigkeit im Schloß, und
jeder war entzuͤckt, Blumenſchoͤn zu ſehen. Auch bis zu
Forellchen drangen die Geruͤchte. Sie lief zum Koͤnig, aber
wie groß war ihre Überraſchung, als ſie ihre ſchoͤne Neben⸗
buhlerin bei ihm fand. Gerade wollte ſie den Mund oͤffnen,
um ſie zu ſchmaͤhen, da erſchienen der Zauberer und die Fee
und verwandelten ſie in ein Ferkelchen, damit ihr wenigſtens
der Anfangsbuchſtabe ! ihres Namens und ihr raunzender
Charakter verbliebe. Fortgeſetzt grunzend entfloh ſie auf
den Hof, wo das laute Gelaͤchter, das ſie empfing, ihre Ver⸗
zweiflung auf den Gipfel trieb. Der Koͤnig Reizvoll und die
Koͤnigin Blumenſchoͤn, von einem ſo verhaßten Weſen be⸗
freit, dachten nur noch an ihre Hochzeit; Galanterie und
Prunkliebe vereinigten ſich hier, und man kann ſich leicht
ausdenken, wie groß ihr Gluͤck nach ſo langem Ungluͤck war.
31. Der Orangenbaum und die Biene
ine Prinzeſſin namens Amata, die Tochter des
Koͤnigs von den gluͤcklichen Inſeln, wurde, ein Kind
noch, einſt bei einer Seefahrt vom Sturm ins offene
Meer getrieben und landete im Reiche der Menſchenfreſſer.
Dieſe waren von furchterregendem Äußeren: fie hatten nur
1 truie = Truitonne,
279
ein ſchielendes Auge, das mitten auf der Stirne ſaß, ein Maul
ſo groß wie einen Backofen, eine breite und flache Naſe, lange
Eſelsohren, ſtruppiges Haar und vorn und hinten einen
Buckel. Quaͤlerine 1, die Gattin des Menſchenfreſſers Wuͤte⸗
rich?, nahm die Prinzeſſin in ihr Haus auf und beſchloß,
da ſie ſo ſchoͤn war, ſie ausnahmsweiſe nicht aufzufreſſen,
ſondern als zukuͤnftige Gemahlin fuͤr ihren Sohn aufzuziehen.
Der Gedanke an dieſe drohende Heirat bekuͤmmerte die
Prinzeſſin hoͤchlichſt, und als fie eines Tages fo in truͤbe Ge:
danken verſunken am Strande wandelte, bemerkte ſie ploͤtz⸗
lich einen Juͤngling, den die Wellen auf das Ufer geworfen
hatten. Sie nahm ſich des jungen Fremden an und erquickte
ihn mit Fruͤchten, die ſie im Walde gepfluͤckt hatte; da er ihr
aber folgen wollte, hielt ſie ihn mit allen Gebaͤrden der Angſt
zuruͤck, denn fie fuͤrchtete, er möchte dem Wuͤterich zum Opfer
fallen. Der Schiffbruͤchige — es war der Prinz Amatus, ihr
Vetter, der gerade in das Land ihres Vaters hatte fahren
wollen, deſſen Thron er dereinſt erben ſollte — wurde in
einem ſichern Schlupfwinkel untergebracht, und die Prin⸗
zeſſin kam alle Tage, um ihm Nahrung zu bringen. Eines
Tages — drei Tage trennten die Jungfrau nur mehr von
dem Termin, da ſie den jungen Menſchenfreſſer heiraten
ſollte — trat ſie ſich einen Dorn in den Fuß und konnte die
Hoͤhle, in der ſie mit den Menſchenfreſſern hauſte, nicht ver⸗
laſſen; der Prinz, den ihr Fernbleiben aͤngſtigte, machte ſich
auf, ſie zu ſuchen und gelangte an den Ort, den zu betreten
die Jungfrau ihn mit allen Mitteln hatte hindern wollen.
Der Wuͤterich wollte ſich ſogleich auf ihn ſtuͤrzen, um ihn
zu verſchlingen, aber die Prinzeſſin bat, den jungen Mann
als Feſtbraten zu ihrem Hochzeitstage aufzuſparen. Dies
leuchtete dem Menſchenfreſſer ein, und der Prinz erhielt
eine Gnadenfriſt von drei Tagen, die er in der Hoͤhle ver⸗
bringen mußte. Amata ſann lange daruͤber nach, wie ſie
den Prinzen, den ſie vom erſten Augenblicke an geliebt hatte,
retten koͤnne, und dabei fiel ihr das elfenbeinerne Staͤbchen
1 Tourmentine. * Ravagio. | |
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ein, deſſen fich die zauberkundige Quälerine bei ihren Hexe⸗
reien bediente. Sie entwendete alſo das Staͤbchen und ver⸗
abredete mit dem Prinzen die Flucht, welche in der Nacht
vor ihrem Hochzeitstage ſtattfinden ſollte.
Dieſe langerſehnte Nacht kam endlich herbei. Die Prin⸗
zeſſin nahm Mehl und knetete mit ihren weißen Haͤnden
einen Teig, in welchen ſie eine Bohne ſteckte; dann ſagte ſie
mit ihrem Elfenbeinſtab in der Hand: „O Bohne, kleine
Bohne, ich wuͤnſche im Namen der koͤniglichen Fee Truſio,
daß du redeſt, wenn du gefragt wirſt, ſo lange, bis du gar
gekocht biſt.“ Darauf legte fie den Kuchenteig unter die Aſche
und trat zum Prinzen, der ſie mit Ungeduld erwartete.
„Auf!“ ſagte ſie zu ihm, „das Kamel iſt im Walde angebun⸗
den.“ „Die Liebe und das Gluͤck moͤgen uns fuͤhren,“ er⸗
widerte ganz leiſe der junge Prinz, „komm, meine Geliebte,
gehen wir, ein gluͤcklicheres und ruhigeres Land zu ſuchen!“
Der Mond leuchtete zu ihrer Fahrt, ſie fanden das Kamel
und machten ſich auf den Weg, ohne zu wiſſen, wohin ſie
gingen. Quaͤlerine hatte den Kopf voll Sorgen, ſie drehte
und wendete ſich im Bett herum und konnte nicht ſchlafen.
Sie ſtreckte die Arme aus, um zu fuͤhlen, ob die Prinzeſſin
ſchon auf ihrem Lager ſei, da ſie dieſelbe nicht ſpuͤrte, rief ſie
mit Donnerſtimme: „Wo biſt du, Maͤdchen?“ „Hier, beim
Herd,“ antwortete die Bohne. „Kommſt du bald ſchlafen?“
„Gleich,“ verſetzte die Bohne, „ſchlaft nur, ſchlaft derweil!“
Quaͤlerine fuͤrchtete, ihren Wuͤterich aufzuwecken und machte
keine weiteren Einwendungen. Aber zwei Stunden ſpaͤter
taſtete ſie wieder nach dem Bette Amatens und rief: „Nun,
kleiner Galgenſtrick, willſt du nicht ſchlafen gehen?“ „Ich
waͤrme mich, ſolange ich kann!“ entgegnete die Bohne.
„Ich wollte, du ſaͤßeſt mitten im Feuer fuͤr deine Unart!“
murmelte die Menſchenfreſſerin. „Da ſitze ich auch,“ ſagte
die Bohne, „man kann ſich nicht beſſer waͤrmen.“ So unter⸗
hielten ſie ſich noch eine laͤngere Weile, und die Bohne ant⸗
wortete verſtaͤndig, denn fie war eine geſcheite Bohne.
Schließlich tagte es, und Quaͤlerine rief wieder nach der Prin⸗
281
zeſſin, aber die Bohne war gar gekocht und antwortete nicht
mehr. Dieſe Stille beunruhigte ſie, ſie erhob ſich haſtig,
ſah ſich um, rief, erſchrak und ſuchte uͤberall herum. Kein
Prinz, keine Prinzeſſin und kein Zauberſtab waren zu ſehen!
Da ſchrie ſie ſo laut, daß Waͤlder und Taͤler widerhallten:
„Wach auf, du Fettwanſt, wach auf! Teurer Wuͤterich, deine
Quaͤlerine iſt betrogen, unſer Menſchenfleiſch iſt Davon:
gelaufen!“ Wuͤterich oͤffnete ſein Auge und ſprang wie ein
Loͤwe mitten in die Hoͤhle; er ſchrie, bruͤllte, heulte und
ſchaͤumte vor Wut. „Marſch!“ rief er, „meine Siebenmeilen⸗
ſtiefel, meine Siebenmeilenſtiefel, daß ich unſere Durch⸗
gaͤnger verfolge, ſie ſollen eine gute Mahlzeit abgeben, binnen
kurzem werde ich meine Gurgel mit ihnen ſtopfen!“ Er legte
ſeine Stiefel an, in welchen ihn jeder Schritt um ſieben Mei⸗
len weiterbrachte.
Die beiden Fluͤchtlinge ſetzten indes ihren Weg fort, be⸗
zaubert von dem Gluͤck, allein beiſammen zu ſein, und in der
Hoffnung, nicht verfolgt zu werden, bis die Prinzeſſin, die
zuerſt den ſchrecklichen Wuͤterich entdeckte, aufſchrie: „Prinz!
Wir ſind verloren! Sieh dieſes entſetzliche Ungeheuer, das
auf uns zukommt wie eine Wetterwolke!“ „Was ſollen wir
tun?“ ſagte der Prinz, „was ſoll aus uns werden? Oh, wenn
ich allein waͤre, wuͤrde ich mich nicht um mein Leben kuͤmmern,
aber auch das deine, meine teure Freundin, iſt in Gefahr!“
„Ich weiß keinen Rat; wenn das Staͤbchen uns nicht hilft,“
ſagte Amata, „ſo muͤſſen wir ſterben.“ Dann ſetzte fie hinzu:
„Ich wuͤnſche im Namen der koͤniglichen Fee Truſio, daß
unſer Kamel ein Teich werde, der Prinz ein Nachen und ich
eine alte Schifferin, die ihn ſteuert!“ Alſogleich war der Teich,
der Nachen und die Schifferin da, und der Wuͤterich kam an
das Ufer: „Hola, ho, alte Vettel,“ rief er „habt Ihr nicht
ein Kamel mit einem jungen Mann und einem jungen Maͤd⸗
chen vorbeikommen ſehen?“ Die Schifferin, die ſich in der
Mitte des Sees hielt, ſetzte ihre Brille auf die Naſe, betrach⸗
tete den Wuͤterich und gab ihm ein Zeichen, daß ſie jene
wohl geſehen habe und daß ſie uͤber die Wieſe dort weiter⸗
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gegangen ſeien. Der Menſchenfreſſer glaubte ihr und wandte
ſich nach links; die Prinzeſſin wuͤnſchte nun ihre alte Geſtalt
wieder anzunehmen, ſie beruͤhrte dreimal mit dem Stab
ſich ſelbſt, den Nachen und den Teich und wurde ebenſo wie
der Prinz wieder ſo ſchoͤn und jung wie zuvor. Sie ſtiegen
auf das Kamel und ritten nach rechts, um ihrem Todfeind
nicht zu begegnen. Waͤhrend ſie ſo eilig vorwaͤrtswanderten
und irgend jemanden zu finden hofften, den ſie nach dem Wege
zu den gluͤcklichen Inſeln fragen koͤnnten, lebten ſie von den
Fruͤchten des Feldes, tranken das Waſſer der Quellen und
ſchliefen unter den Baͤumen, ſtets in Furcht, die wilden Tiere
moͤchten kommen, ſie zu verzehren. Der Prinz gab der Prin⸗
zeſſin gegenuͤber dem Wunſche Ausdruck, moͤglichſt bald zu
ihrem koͤniglichen Vater zu gelangen, denn ſie hatte ihm
verſprochen, ihm mit deſſen Einverſtaͤndnis die Hand zum
Ehebunde zu reichen.
Nachdem der Wuͤterich uͤber Berge, Waͤlder und Ebenen
gelaufen war, kehrte er in ſeine Hoͤhle zuruͤck, wo Quaͤlerine
und die kleinen Menſchenfreſſerchen ihn mit Ungeduld erwar⸗
teten. „Nun“, rief Quaͤlerine ihm zu, „haſt du ſie gefunden
und gefreſſen, dieſe Ausreißer, dieſe Diebe? Haſt du mir
keinen Fuß und keine Pratze uͤbriggelaſſen?“ „Ich glaube, ſie
ſind davongeflogen,“ verſetzte Wuͤterich, „wie ein Wolf bin
ich überall umhergerannt, ohne fie zu treffen, niemanden habe
ich geſehen außer einer Alten in einem Nachen auf einem
Teich, die mir Nachricht von ihnen gegeben hat.“ „Und was
hat ſie dir von ihnen geſagt?“ erwiderte Quaͤlerine ungedul⸗
dig. „Sie haͤtten ſich nach links gewandt!“ antwortete der
Wuͤterich. „Bei meinem Haupte“, ſprach jene, „du biſt
ſchoͤn angefuͤhrt worden. Mir geht durch den Kopf, daß
du mit ihnen ſelber geredet haſt. Kehr um und wenn du
ſie erwiſchſt, ſo ſchone ſie keinen Augenblick!“ Der Wuͤterich
ſchmierte ſeine Siebenmeilenſtiefel und ſauſte wie ein
Raſender davon. |
Unſer junges Liebespaar trat gerade aus einem Wald, wo
es die Nacht verbracht hatte. Als ſie ihn bemerkten, erſchraken
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fie von neuem. „Meine Geliebte,” fagte der Prinz, „Da
kommt unfer Feind! Ich fühle Mut genug, ihm entgegen⸗
zutreten; biſt du ſtark genug, um allein zu fliehen?“ „Nein,“
rief ſie, „ich verlaſſe dich nicht, Grauſamer! Zweifelſt du ſo
an meiner Liebe? Aber verſaͤumen wir keinen Augenblick.
Vielleicht kann uns das Staͤbchen wieder nuͤtzen. Ich wuͤn⸗
ſche“, ſetzte ſie hinzu, „im Namen der koͤniglichen Fee Truſio,
daß der Prinz zu einem Gemaͤlde werde, das Kamel zu einem
Pfeiler und ich zu einem Zwerg.“ Die Verwandlung vollzog
ſich auf der Stelle und der Zwerg begann auf ſeinem Horn
zu blaſen. Wuͤterich, der mit großen Schritten naͤherkam,
fragte ihn: „Höre, kleine Mißgeburt, ſahſt du nicht einen huͤb⸗
ſchen Burſchen und ein Maͤdchen auf einem Kamel hier vor⸗
beikommen?“ „Im Falle“, ſagte der Zwerg, „daß Ihr Euch
auf der Suche nach einem ritterlichen Jungherr, einer be⸗
wunderungswuͤrdigen Dame und deren Reittier befindet, ſo
wiſſet, daß ich ebendieſelben geſtern um dieſe Stunde er⸗
ſchauet habe, wie ſie freudigen Gemuͤtes einherſtolzierten.
Beſagter Ritter war mit den Preiſen der Turniere beladen,
die zu Ehren der Merluſine abgehalten wurden, ſo Ihr allda
leibhaftig abkonterfeit ſehet. Beim Scheiden redete die Jung⸗
frau zu mir wie folgt: Zwerg, ſagte ſie, um eines erſuche ich
dich: ſo du einen ungeſchlachten Rieſen erblickſt, der ſeine Auge
inmitten der Stirn traͤgt, ſo bitte ihn hoͤflich, daß er in Frieden
reiſe und uns ziehen laſſe. Darauf ſpornte ſie ihren Zelter
an und entfernte ſich.“ „Wohin?“ fragte Wuͤterich. „Quer
uͤber jene blumichte Wieſe am Waldesſaum, verſetzte der
Zwerg. „Wenn du luͤgſt,“ ſagte der Menſchenfreſſer, „ſo ſei
verſichert, kleiner Schmutzfink, daß ich dich mitſamt deinem
Pfeiler und dem Bild der Meerlaus! da verſchlingen werde!“
„Nie war Untreue in mir,“ entgegnete der Zwerg, „und nie
ließ mein Mund eine Züge verlauten, aber Ihr müßt Euch
ſputen, wenn Ihr ſie noch faͤllen wollt, ehe die Sonne ſinkt.“
Der Menſchenfreſſer entfernte ſich, der Zwerg nahm ſeine
alte Geſtalt wieder an und beruͤhrte das Bild und den Pfeiler,
1 Im Original: merluche („ Stockfiſch“).
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= — . GEN wm - Em —_
die wieder zu dem wurden, was fie fein ſollten. Der Wuͤterich
lief vergebens umher, er fand weder den Liebhaber noch die
Geliebte, und muͤde wie ein Hund kehrte er in ſeine Hoͤhle
zuruͤck. „Was? Du kommſt wieder ohne die Gefangenen?“
rief Quälerine, indes fie ihre Igelborſten raufte, „komm mir
nicht zu nahe, ſonſt erwuͤrge ich dich!“ „Ich bin niemandem
begegnet“, ſagte er, „als einem Zwerg, einem Pfeiler und
einem Gemaͤlde.“ „Bei meinem Haupte“, verſetzte ſie, „das
waren ſie! Ich bin eine Naͤrrin, dir die Sorge fuͤr meine
Rache anzuvertrauen, als ob ich zu ſchwach waͤre, ſelber mich
zu raͤchen. Alſo gelt? Jetzt gehe ich! Ich lege die Schuhe
an und werde genau ſo ſchnell gehen wie du.“ Sie zog die
Siebenmeilenſtiefel an und eilte von dannen.
Der Prinz und die Prinzeſſin ſahen Quaͤlerine kommen;
ſie war in eine Schlangenhaut gekleidet, welche in allen Far⸗
ben ſchillerte, und auf der Schulter trug ſie eine Keule aus
Eiſen von einem entſetzlichen Gewicht. Sie ſchaute ſich ſorg⸗
faltig nach allen Seiten um und hätte die beiden ſicher be⸗
merkt, wenn ſie nicht gerade in der Tiefe eines Waldes ge⸗
ſchritten wären. „Wir koͤnnen nicht vorwärts noch ruͤck⸗
waͤrts, fagte Amata weinend, „dort kommt die grauſame
Quälerine, deren Anblick mein Blut zu Eis erſtarren macht;
ſie iſt geſcheiter wie der Wuͤterich. Wenn einer von uns beiden
mit ihr redet, wird ſie uns erkennen und uns den Prozeß
machen, um uns zu freſſen, und damit wird fie hoͤchſtwahr⸗
ſcheinlich bald fertig ſein.“ „O Liebe, Liebe!“ rief der Prinz,
„verlaß uns nicht!“ „Nun, kleines Staͤbchen“, hub die Prin⸗
zeſſin an, „tu deine Pflicht! Ich wuͤnſche im Namen der
koͤniglichen Fee Truſio, daß das Kamel zu einer Kiſte und
mein teurer Prinz zu einem ſchoͤnen Orangenbaum werde,
den ich in eine Biene verwandelt umſchwirre.“ Sie klopfte
wie gewoͤhnlich dreimal mit dem Staͤbchen auf jeden von
ihnen, und die Verwandlung vollzog ſich auf der Stelle, ohne
daß Quaͤlerine, die alsbald anlangte, etwas davon merkte.
Die abſcheuliche Megaͤre ſetzte ſich ganz außer Atem unter
den Orangenbaum, und die Prinzeſſin Biene machte ſich ein
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Vergnügen daraus, fie an tauſend Stellen zu ſtechen; fo hart
ihre Haut auch war, fie fühlte doch den Stachel und ſchrie laut
auf. Wie ſie ſich auf dem Raſen waͤlzte und um ſich ſchlug,
glich fie einem Stier oder Löwen, der unter einen Bienen:
ſchwarm gefallen iſt, denn dieſe eine Biene arbeitete wie
ihrer hundert ſonſt. Der Prinz Orangenbaum verging vor
Angſt, ſie moͤchte ſich ertappen laſſen und getoͤtet werden.
Endlich entfernte ſich Quälerine über und über blutend und
die Prinzeſſin wollte ihre alte Geſtalt wieder annehmen,
aber zum Ungluͤck gingen gerade Fremde voruͤber, welche
das wertvolle Elfenbeinſtaͤbchen entdeckten, aufhoben und
mitnahmen.
So mußte das Liebespaar Orangenbaum und Biene blei⸗
ben, bis eines Tages eine Prinzeſſin in jenem Walde luſt⸗
wandelte. Der gefiel der Orangenbaum ſo gut, daß ſie ihn
in ihren Garten verpflanzen ließ, wohin ihm ſeine treue Biene
folgte. Die Prinzeſſin hatte ein unwiderſtehliches Gelüfte,
eine Bluͤte von dem Baume zu brechen, und ſo ſehr es ihr
auch die Biene mit Stichen verwehrte, endlich gelang es ihr
doch, einen Zweig zu pfluͤcken; aber wie erſchrak ſie, als der
Orangenbaum einen Wehſchrei ertoͤnen ließ und Blut aus
der Wunde ſtroͤmte. Sogleich berief ſie eine Feenverſamm⸗
lung, und die Fee Truſio, die ſich darunter befand, entwan⸗
delte den Prinzen Orangenbaum und auf deſſen Bitten auch
die Prinzeſſin Biene. Auf dem fliegenden Wagen der Fee
begab ſich das Liebespaar zu Amatens Eltern. Sie wurden
vom Koͤnig und der Koͤnigin um ſo liebevoller empfangen, als
dieſe bereits jede Hoffnung auf ein Wiederſehen aufgegeben
hatten. Alsbald wurde die Hochzeit gehalten, der die Grazien
im Feſtgewande beiwohnten; auch die Liebesgoͤttin fand ſich
ein, obwohl ſie gar nicht geladen war, und auf ihren aus⸗
druͤcklichen Wunſch erhielt der aͤlteſte Sohn des jungen Paares
den Namen: „Treuelieb“.
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32. Riedin⸗Ricdon
| in Koͤnigsſohn ritt einſt auf die Jagd, er hatte fich von
ſeinen Begleitern getrennt und durchquerte gerade
eine Ortſchaft, die ganz verlaſſen zu ſein ſchien; da ſah
er aus einem laͤndlichen Garten ein Maͤdchen von blendender
Schoͤnheit treten, das ein Weib von hoͤchſt unangenehmem
Außeren mit Gewalt in ein baͤuerliches Haus zu zerren ſuchte,
welches ſich gegenuͤber dem Garten auf der anderen Seite der
Landſtraße befand. Das junge Maͤdchen hatte einen Spinn⸗
rocken mit Flachs neben ſich und trug in ſeinem aufgeſchuͤrz⸗
ten Rock einen Strauß von friſchgepfluͤckten Gartenblumen.
Die Alte riß ihr die Blumen weg, warf ſie mitten auf die
Straße, gab dem Maͤdchen einige derbe Stoͤße und packte es
dann wieder beim Arm, indem ſie ihm mit wuͤtenden Ge⸗
baͤrden drohte: „Marſch, Marſch! kleiner Unart! Geſchwind
ins Haus, dort will ich dich gehoͤrig fuͤhlen laſſen, was es
heißt, mir ungehorſam zu ſein.“ Der Prinz, der ſein Roß
angehalten hatte, um dieſes Schauſpiel mit anzuſehen, naͤherte
ſich der Alten, die gerade dabei war, in ihr Haus zu treten
und fragte ſie mit freundlicher Miene: „Woher kommt es,
gute Frau, daß Ihr dieſes junge Maͤdchen ſo arg mißhandelt?
Welchen Fehl hat ſie begangen, durch den ſie ſich Euren Zorn
in ſolchem Maße zuzog?“ Die Baͤuerin war ſehr aufgebracht
und wuͤnſchte nicht, daß man ſich in ihre Angelegenheiten
miſche; ſie hatte ſchon eine freche Antwort auf der Zunge, als
ihre Augen auf die Gewaͤnder des Prinzen fielen, und ſie
ſchloß aus deren außerordentlicher Pracht, daß ihr Traͤger eine
Perſon von hohem Range ſein muͤſſe; daher hielt ſie an ſich
und begnuͤgte ſich, in ſcharfem Ton zu antworten: „Gnaͤdiger
Herr, ich zanke meine Tochter aus, weil ſie ſtets das Gegen⸗
teil von dem tut, was ich ihr ſage. Ich wuͤnſchte, daß ſie nicht
mehr ſpinnen ſollte und ſie ſpinnt von Morgen bis Abend,
und das mit einer Geſchicklichkeit ohnegleichen. Ich tadle ſie
nur deshalb, weil fie zuviel ſpinnt.“ „Wie?“ ſagte der Prinz,
„it das ein Grund, dieſem armen Kind fo zu zuͤrnen? Oh,
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meine liebe Frau, wenn Ihr die Maͤgde haßt, die gern ſpin⸗
nen, ſo braucht Ihr die Eure nur der Koͤnigin, meiner Mutter,
zu uͤberantworten, welche ſich ſo ſehr an dieſem Geſchaͤft er⸗
goͤtzt und die Spinnerinnen ſo hoch ſchaͤtzt. Die Koͤnigin wird
das Gluͤck Eurer Tochter machen.“ „Ach, gnaͤdiger Herr,“ er⸗
widerte die Alte, „wenn Ihr die Zierpuppe da mit ihrer Ge⸗
ſchicklichkeit ſo geeignet findet fuͤr unſere gute Koͤnigin, ſo
koͤnnt Ihr ſie gleich mitnehmen, wenn Ihr wollt, denn ſie iſt
mir ſchon lange zur Laſt, und ich waͤre wohl zufrieden, ſie los⸗
zuwerden.“ Bei dieſen Worten kam ein Teil vom Gefolge
des Prinzen zuruͤck, und dieſer befahl ſeinem Kammerdiener,
das Maͤdchen hinter ſich aufs Pferd zu nehmen. Das junge
Geſchoͤpf hatte das Geſicht noch voll Traͤnen, welche die
Drohungen der Alten ihr entlockt hatten, aber ihre Traͤnen
nahmen ihr nichts von ihrem Liebreiz. Der Prinz verſuchte
ſie zu troͤſten und verſicherte ſie, daß ſie mit der Geſchicklich⸗
keit, mit der ſie begabt ſei, unfehlbar die Wohltaten der
Koͤnigin im Überfluß auf ſich haͤufen werde. Das arme Maͤd⸗
chen war indes durch die Menge des Jagdgefolges ſo ver⸗
wirrt, daß es kaum die Haͤlfte von dem verſtand, was man
zu ihm ſagte. Die Mutter ſah ſie ſcheiden, ohne den geringſten
Anteil an ihrem Schickſal zu nehmen, die Dorfbewohner da⸗
gegen fanden, daß ſie nicht hinreichend große Augen haͤtten,
um ſie inmitten der goldbetreßten Herren anzugaffen. Sie
wußten von den Untergebenen des Prinzen, daß man ſie zur
Königin führe, und alle Bäuerinnen des Dorfes beneideten ſie
um ihr Los.
Im Schloſſe angekommen ſtellte der Prinz die Schoͤne,
welche, wie er unterwegs erfahren hatte, Roſanie hieß, der
Koͤnigin, ſeiner Mutter, als die geſchickteſte und eifrigſte
Spinnerin des ganzen Landes vor. Die Koͤnigin empfing ſie
gütig, betrachtete fie aufmerkſam und lobte hoͤchlich die be⸗
ſcheidene und ruͤhrende Anmut, mit der ſie ausgeſtattet war,
was gewiſſen Damen des Hofes, die auf ihre vollendete
Schoͤnheit ſtolz waren, nicht geringe Demuͤtigung bereitete.
Die Koͤnigin ließ Roſanie in einem Fluͤgel wohnen, welcher
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eine über und über mit Haufen koſtbarſten Flachſes vollge⸗
ſtopfte Zimmerflucht enthielt. Man teilte Roſanie, gleich als
ob dies eine angenehme Nachricht fuͤr ſie ſei, mit, daß ſie unter
all dem Flachs nur zu waͤhlen brauche, mit welchem ſie be⸗
ginnen wolle; und man fuͤgte hinzu, daß ihr das eigentlich
gleichgültig fein koͤnne, weil ſie jung und geſchickter ſei wie
jede andere, und die Königin, die fie fuͤr lange bei ſich behalten
und ihr viel Gutes tun wollte, wuͤnſchte, daß ſie alle Vorraͤte
aufarbeitete.
Als das arme Maͤdchen allein war, uͤberließ es ſich dem hef⸗
tigſten Schmerz: Roſanie hatte eine derart unuͤberwindliche
Abneigung gegen das Spinngeſchaͤft, daß ſie die Verpflich⸗
tung, auch nur einige Stunden mit dieſer Arbeit zuzubringen,
fuͤr eine entſetzliche Strafe hielt. Sie ſah keinen Ausweg aus
ihrer Verlegenheit, in die ſie die Bosheit ihrer Mutter ver⸗
ſtrickt hatte, und doch war ſie froh, den Haͤnden dieſer Mutter
entriſſen zu ſein, die nichts als barbariſche Haͤrte fuͤr ſie uͤbrig
hatte. Die erſten Tage zwar gelang es ihr, durch allerlei Ent⸗
ſchuldigungen den Beginn der verhaßten Arbeit hinauszu⸗
ſchieben, aber dieſe erregten ſchließlich den Argwohn ihrer
zahlreichen Neiderinnen am Hofe, die ſie bei der Koͤnigin zu
verdaͤchtigen ſuchten. Die Furcht, daß ihr Unvermoͤgen uͤber
kurz oder lang aufkommen wuͤrde und daß ſie dann die Freu⸗
den des Hofes verlaſſen muͤßte, um in das Haus ihrer un⸗
menſchlichen Mutter zuruͤckzukehren, trieb ſie ſo weit, daß ſie
beſchloß, durch einen Sprung von einem hochgelegenen Pa⸗
villon herab den Tod zu ſuchen.
Wahrend fie auf dem Pfade dahinſchritt, der zu dem Pa⸗
villon führte, ſah fie plotzlich einen großen braunen Mann in
reicher Kleidung vor ſich ſtehen, welcher ſeine von Natur
finſteren Geſichtszuͤge zu einem anmutigen Laͤcheln verzerrte,
als er zu ihr ſprach: „Wohin geht Ihr, mein ſchoͤnes Kind?
Mir ſcheint, ich ſehe Traͤnen aus Euren Augen ſtroͤmen, ſagt
mir, was ſchmerzt Euch ſo? Es muͤßte ſeltſam ſein, wenn ich
Euch nicht helfen koͤnnte.“ „Ach,“ entgegnete Roſanie, „es
gibt kein Mittel gegen den Kummer, der mich bedruͤckt, daher
19 Franz. Märchen 1 2 89
iſt es unnuͤtz, daß ich Euch den Grund meiner Sorge angebe.“
„Vielleicht“, verſetzte der Unbekannte, „iſt die Hilfe nicht ganz
ſo fern, wie Ihr meint, aber zum mindeſten erleichtert man
ſeinen Schmerz dadurch, daß man ihn erzaͤhlt.“ Roſanie
oͤffnete alſo dem Unbekannten ihr Herz und ſagte ihm alles,
was ſie zur Verzweiflung trieb. „Da ſeht“, ſprach jener, als
ſie geendet hatte, „dieſes Stäbchen, das ich in der Hand halte.
Nehmt es in die Eure!“ Roſanie nahm das Staͤbchen und
betrachtete es: es war ſehr klein, aus einem graubraunen
polierten Holze, deſſen Namen man nicht angeben konnte, und
geziert mit einem buntſchillernden Stein, der aber keiner be⸗
kannten Sorte zugehoͤrte. Nachdem Roſanie dieſes Staͤbchen
eine Zeitlang angeſchaut hatte, gab ſie es in die Haͤnde des
Fremden zuruͤck, der zu ihr ſagte: „Ihr ſeht wohl dieſes Staͤb⸗
chen. Es hat wunderbare Eigenſchaften. Wenn Ihr damit
den Hanf und den Flachs beruͤhrt, ſo wird jede beliebige
Menge davon täglich geſponnen werden, und das fo fein, wie
Ihr es wuͤnſcht. Ich will Euch dieſes Staͤbchen fuͤr drei Mo⸗
nate leihen, vorausgeſetzt, daß Ihr mit dem einverſtanden
ſeid, was ich Euch ſage. Heute uͤber drei Monate werde ich
wiederkommen, um mein Stäbchen zuruͤckzufordern, dann
muͤßt Ihr zu mir ſagen, wenn Ihr es mir gebt: Hier, Riedin⸗
Ricdon, nehmt Euer Stäbchen! Dann werde ich das Staͤb⸗
chen nehmen, ohne daß Ihr irgendwelche Verpflichtungen
einzugehen braucht. Aber wenn Ihr Euch an dem beſtimm⸗
ten Tage meines Namens nicht mehr erinnert und einfach
ſagt: Hier, nehmt Euer Staͤbchen! ſo werde ich Herr Eures
Geſchickes ſein und werde Euch uͤberall hinbringen, wohin es
mir gefällt, und Ihr werdet genoͤtigt fein, mir zu folgen.“
Roſanie uͤberlegte ſich einige Zeit, was ſie antworten ſolle,
aber der Name Ricdin⸗Riedon ſchien ihr jo leicht zu behalten,
daß ſie kein Wagnis zu unternehmen glaubte, wenn ſie die
willkommene Hilfe des Staͤbchens annahm. Sie hatte ſchon
eine geheime Vorfreude an dem Vergnuͤgen, das ſie emp⸗
finden wuͤrde, wenn ſie den Stolz ihrer Mitbewerberinnen
durch die ſchoͤnen Faͤden, die ſie damit hervorzaubern ſollte,
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demuͤtigen würde. Endlich ſagte fie: „Herr Riedin⸗Ricdon,
ich bin mit dem Vertrag, den Ihr mit mir abſchließen wollt,
einverſtanden.“ „Aber Ihr muͤßt ſchwoͤren!“ ſagte der
Fremde. „Nun gut, ich ſchwoͤre es mit den unverletzlichſten
Eiden!“ „Es iſt gut,“ ſagte Riedin⸗Ricdon, „daß Ihr mir
das Verſprechen in ſo feierlicher Form gegeben habt. Euer
Diener, Schoͤnſte, und auf Wiederſehen!“ Mit dieſen Worten
druͤckte er ihr das Staͤbchen in die Hand und entfernte ſich.
So vergingen die naͤchſten drei Monate in unaufhoͤrlichen
Freuden. Die Arbeit, die das Staͤbchen verrichtete, war ſo
uͤber alles Lob erhaben, daß ſie der Jungfrau die hoͤchſte Zu⸗
friedenheit der Königin eintrug, welche fie am Hofe in hoͤchſten
Ehren hielt. Der Prinz, der ſeinen Schuͤtzling vom erſten Zu⸗
ſammentreffen an geliebt hatte, zeigte ihr bei jeder Gelegen⸗
heit ſeine innigſte Zuneigung, die ſie im naͤmlichen Maße er⸗
widerte.
Indeſſen war Roſanie trotz aller Freuden des Hofes und
der Liebe von einer geheimen Unruhe beſeelt, welche ſie kaum
verbergen konnte. Ihr Kummer wurde aber durch die Un⸗
treue ihres Gedaͤchtniſſes verurſacht; ſie merkte naͤmlich, daß
der Termin, den der Mann mit dem Staͤbchen beſtimmt hatte,
um das koſtbare Holz zuruͤckzufordern, von Tag zu Tag naͤher⸗
ruͤckte, und der wunderliche Namen des Fremden kam ihr
nicht mehr in den Sinn. Vergeblich machte ſie ſeit einiger
Zeit tauſend Anſtrengungen, um ihn ſich ins Gedaͤchtnis
zuruͤckzurufen, es war umſonſt. Dabei wußte fie, daß ein
unverletzbarer Eid ſie zwang, wenn ſie ſich des verhaͤng⸗
vollen Namens nicht wieder erinnern wuͤrde, dem Entleiher
des Staͤbchens uͤberallhin zu folgen, N er ſie fuͤhren
wollte.
Eines Tages ritt ihr junger Liebhaber auf die Jagd, um
ſich des Kummers zu erwehren, den ihm derjenige ſeiner
Liebſten bereitete. Mehr mit ſeinen Traͤumereien als mit der
Verfolgung des Wildes beſchaͤftigt, trennte er ſich von ſeinem
Gefolge und kam unter ſtaͤndigem Gruͤbeln ſo weit in die
Irre, daß die Nacht ihn uͤberraſchte, ehe er ſeine Leute
19*
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wiedergefunden hatte. Gerade ritt er Über eine oͤde Heide,
auf welcher ſich ein in Truͤmmern liegendes, unbewohnbar
erſcheinendes Schloß erhob, da bemerkte er auf einmal viele
Lichter in demſelben. Er naͤherte ſich den Fenſtern der Saͤle,
welche alle offen ſtanden und zerbrochen waren, und blickte
durch die Baͤume, die ſie umgaben, hindurch. In violettem
Schein ſah er da mehrere Leute von abſchreckendem Außerm
und in wunderlicher Kleidung. Mitten unter ihnen befand
ſich ein Mann mit ſchwarzbrauner ausgetrockneter Haut und
grimmigem Geſichtsausdruck, welcher wilde Blicke um ſich
warf; doch ſchien er ſehr vergnuͤgt zu ſein, denn er ſprang und
tanzte mit erſtaunlicher Gelenkigkeit umher. Der Prinz
fuͤhlte ein geheimes Schaudern beim Anblick dieſer ſchreck⸗
lichen Geſtalten, und er zweifelte nicht, daß er Bewohner
der Hoͤlle vor ſich habe, deren Macht er fuͤrchten mußte. Da
hoͤrte er den Schwarzbraunen mit fuͤrchterlicher Stimme
ſagen: „Wenn das junge huͤbſche Maͤdchen, / das nur Kinder⸗
ſpiele weiß, / hätt’ in feinem Sinn behalten, / daß Riedin⸗
Riedon ich heiß, / kaͤm fie nicht in meine Schlingen. / Doch
nun iſt die Schoͤne mein, / denn das Wort faͤllt ihr nicht ein.“
Roſanie verzehrte ſich indes in toͤdlicher Unruhe. Von
Stunde zu Stunde ſah ſie den gefuͤrchteten Augenblick naͤher⸗
kommen, da der Herr des Staͤbchens vor ſie treten wuͤrde, um
das koſtbare Holz zuruͤckzufordern, und da ſie nicht imſtande
war, ſich des Namens des Unbekannten zu erinnern, ſah ſie
ſich verloren.
Unterdeſſen hatte ſich der Prinz in einem Zweikampf eine
Verwundung zugezogen und mußte das Bett huͤten. Um ihn
Zu zerſtreuen, verſammelte ſich die Hofgeſellſchaft an feinem
Lager, und auch Roſanie leiſtete ihm einige Stunden des
Tages Geſellſchaft. Als ſie eines Tages allein mit ihm im
Zimmer war, erzaͤhlte er ihr ſein naͤchtliches Erlebnis und
unterließ es auch nicht, die Verſe des wunderlichen Mannes
zu wiederholen. Als er die Worte, die er gehoͤrt, erwaͤhnte,
ſtieß Roſanie einen ſolchen Schrei aus, daß der Prinz zuerſt
erſchrak, indeſſen beruhigte er ſich, als ſie mit lebhaften Ge⸗
292
baͤrden freudiger Erregung ausrief: „Der Himmel ſei gelobt
fuͤr die unermeßliche Guͤte, die er mir erweiſt!“ Der Prinz
erkundigte ſich nach dem Sinn dieſer Worte, und Roſanie er⸗
zaͤhlte ihm in wenigen Worten ihr Abenteuer mit dem Staͤb⸗
chen und konnte ſich von ihrem Schrecken kaum erholen als
ſie erfuhr, daß der Mann, dem ſie zu folgen verſprochen hatte,
ein Daͤmon ſei, denn etwas Derartiges hatte ſie nie geahnt.
Kaum war Roſanie wieder in ihrem Gemach, als man ihr
meldete, daß ein ſchwarzgekleideter Mann mit ernſten Ge⸗
ſichtszuͤgen ſie ſprechen wolle. Sie befahl, ihn eintreten zu
laſſen, und auf den erſten Blick erkannte ſie in ihm den Mann
mit dem Staͤbchen. Obwohl ſie ſeinen Namen wußte, machte
ſie doch ſein Anblick erbeben, da ſie daran dachte, wer der ge⸗
faͤhrliche Spender eigentlich ſei. Ohne ein Wort zu reden,
erhob ſie ſich, holte die Zauberrute und ſagte zu ihm, indem
ſie ihm dieſelbe zuruͤckgab: „Hier, Riedin⸗Ricdon, nehmt Euer
Staͤbchen!“ Der boͤſe Geiſt, der das nicht erwartet hatte, ver⸗
ſchwand unter greulichem Geheul, da er ſich betrogen ſah,
was ihm uͤbrigens oͤfters paſſiert. Kurz darauf wurde die
Hochzeit des Prinzen mit Roſanie gefeiert, der um ſo weniger
Schwierigkeiten entgegenſtanden, als ſich herausſtellte, daß
dieſelbe gar keine Bauerntochter, ſondern ein Sproß aus
edlem Hauſe war. Roſanie verlebte eine lange Spanne von
Jahren mit dem Prinzen in uͤberaus zufriedener Ehe und in
einem vollkommenen Gluͤck.
33. Die Schoͤnheit und das Tier
s war einmal ein Kaufmann, welcher außerordentlich
reich war. Er hatte drei Toͤchter, und da er ein ver⸗
ſtaͤndiger Mann war, ſo ſparte er nichts an ihrer Er⸗
ziehung und gab ihnen gute Lehrer. Seine Toͤchter waren
ſehr ſchoͤn; beſonders wurde die juͤngſte bewundert und man
nannte ſie, ſolange fie klein war, nur „die Schoͤnheit“! und
der Name blieb ihr und erweckte die Eiferſucht ihrer Schweſtern.
1 la belle.
293
Die beiden aͤlteſten waren ſehr ſtolz, weil fie reich waren; fie
ſpielten die Damen und wollten ſich nicht mit den andern
Kaufmannstoͤchtern abgeben, es fehlte ihnen an Leuten, die
ſie ihrer Geſellſchaft fuͤr wuͤrdig erachtet haͤtten. Alle Tage
gingen ſie auf Baͤlle, in die Komoͤdie, auf Spaziergaͤnge und
ſpotteten uͤber ihre Juͤngſte, die den groͤßten Teil ihrer Zeit
darauf verwandte, gute Buͤcher zu leſen. Da man wußte,
daß dieſe Maͤdchen ſehr reich ſeien, ſo baten mehrere wohl⸗
habende Kaufleute um ihre Hand, aber die beiden aͤlteſten
antworteten, daß ſie nur einen Herzog oder doch mindeſtens
einen Grafen heiraten wollten. Die Schoͤnheit dankte denen,
die um ſie anhielten, freundlich, aber ſie ſagte ihnen, daß ſie |
noch zu jung ſei und daß ſie lieber ihrem Vater noch einige
Jahre Geſellſchaft leiſten wolle.
Mit einem Schlage verlor der Kaufmann ſeine ganze Habe
und nichts blieb ihm als ein kleines Landhaus weit von der
Stadt. Unter Traͤnen eroͤffnete er ſeinen Kindern, daß ſie
dieſes Haus kuͤnftighin bewohnen und mit Bauernarbeit
ihren Lebensunterhalt verdienen muͤßten. Seine beiden
aͤlteſten Toͤchter erwiderten, fie wollten die Stadt nicht ver⸗
laſſen und ſie haͤtten mehrere Verehrer, welche gluͤcklich
waͤren, ſie heiraten zu koͤnnen, auch wenn ſie kein Vermoͤgen
mehr haͤtten. Die guten Fraͤulein taͤuſchten ſich indes, ihre
Liebhaber ſchauten ſie nicht mehr an, als ſie arm waren. Da
ſie ihres Hochmuts wegen niemand leiden mochte, ſagte man:
„Sie verdienen nicht, daß man ſie beklagt, es geſchieht ihnen
recht, daß ihr Stolz gedemuͤtigt worden iſt, moͤgen ſie die
großen Damen ſpielen, wenn ſie ihre Schafe huͤten! Was
aber die Schoͤnheit betrifft, ſo tut uns ihr Mißgeſchick ſehr
leid, ſie iſt ein gutes, ſanftes Maͤdchen.“
Die arme Schoͤnheit war zuerſt ſehr niedergeſchlagen ge⸗
weſen, als ſie ihr Vermoͤgen verlor, aber dann hatte ſie ſich
geſagt: „Das Weinen bringt mir mein Geld nicht wieder,
man muß verſuchen, auch ohne Vermoͤgen gluͤcklich zu fein.‘
Als ſie auf ihrem Landhaus angekommen waren, begann der
Kaufmann mit ſeinen drei Toͤchtern das Feld zu beſtellen. Die
294
BE:
Schönheit ſtand um vier Uhr morgens auf, ſaͤuberte zuerft
das Haus und bereitete dann das Fruͤhſtuͤck fuͤr ihre Familie.
Zuerſt kam es ſie ſehr hart an, denn ſie war die Maͤgdearbeit
nicht gewoͤhnt, aber nach zwei Monaten war ſie kraͤftiger ge⸗
worden, und die ermuͤdende Arbeit gab ihr ſogar eine voll⸗
kommene Geſundheit; nach der Arbeit pflegte ſie zu leſen,
Klavier zu ſpielen oder beim Spinnen zu ſingen. Ihre
Schweſtern dagegen langweilten ſich zu Tode, ſie trauerten
um ihre ſchoͤnen Kleider und ihre Geſellſchaft und ſagten:
„Seht, unſere Juͤngſte hat eine niedrige Seele und iſt ſo
ſtumpfſinnig, daß ſie mit unſerer unſeligen Lage zufrieden
iſt.“ Der gute Kaufmann freilich bewunderte die Tuͤchtigkeit
dieſes jungen Maͤdchens und beſonders ihre Geduld, denn die
Schweſtern, nicht damit zufrieden, ihr die ganze Hausarbeit
zu uͤberlaſſen, ſchmaͤhten ſie noch obendrein bei jeder Ge⸗
legenheit.
Schon ein Jahr lebte die Familie in ihrer Einſamkeit, als
der Kaufmann eines Tages einen Brief erhielt, in welchem
man ihm mitteilte, daß ein Schiff, auf welchem er Waren
hatte, gluͤcklich angekommen ſei. Dieſe Nachricht verdrehte
den beiden Alteſten, welche ſchon glaubten, nun das lang⸗
weilige Landleben aufgeben zu koͤnnen, den Kopf, und als
ſie ihren Vater reiſefertig ſahen, baten ſie ihn, ihnen ſchoͤne
Kleider, Kopfputz und alle moͤglichen Kleinigkeiten mitzu⸗
bringen. Die Schoͤnheit bat ihn um gar nichts, denn ſie
dachte bei ſich, daß all das fuͤr die Waren geloͤſte Geld nicht
hinreichen wuͤrde, um die Wuͤnſche ihrer Schweſtern zu be⸗
friedigen. „Du bitteſt mich nicht, dir etwas zu kaufen?“ ſagte
der Vater zu ihr. „Da Ihr ſo gut ſeid, an mich zu denken,“
entgegnete ſie, „ſo bitte ich Euch, mir eine Roſe mitzubringen,
denn es gibt hier keine.“ Der gute Mann reiſte ab, aber als
er angekommen war, mußte er um ſeine Waren einen Prozeß
fuͤhren, und nach vieler Muͤhe kam er ebenſo arm zuruͤck, wie
er abgereiſt war.
Schon freute er ſich darauf, ſeine Kinder wiederzuſehen,
aber als er kurz vor ſeinem Hauſe einen großen Wald durch⸗
295
queren mußte, geriet er in die Irre. Es ſchneite unaufhoͤr⸗
lich, der Wind wehte ſo heftig, daß er ihn zweimal vom
Pferde riß, und als es Nacht wurde, glaubte er vor Hunger
und Kaͤlte ſterben zu muͤſſen oder von den Woͤlfen gefreſſen
zu werden, die er ringsherum heulen hoͤrte. Ploͤtzlich, als
er ſich am Ende einer langen Allee umſah, bemerkte er ein
helles Licht, das aber noch weit entfernt zu ſein ſchien. Er
ging in dieſer Richtung weiter und merkte, daß das Licht von
einem großen Schloſſe ausging, das vollkommen erleuchtet
war. Der Kaufmann dankte Gott fuͤr ſeine Hilfe und trat
eilends in das Schloß; aber wie groß war feine Überraſchung,
als er in den Hoͤfen keinen Menſchen fand. Das Pferd, das
er hinter ſich herzog, ſah einen großen Stall offen ſtehen, es
ging hinein und fand eine Menge Heu und Hafer vor. Das
arme ausgehungerte Tier ſtuͤrzte ſich gierig darauf. Der
Kaufmann band es feſt und wandte ſich zum Hauſe, wo er
gleichfalls keinen Menſchen antraf, aber im Saale flackerte
ein warmes Feuer, und eine ſpeiſenbeladene Tafel, auf der
indes nur ein Beſteck lag, lud zum Eſſen ein. Da ihn Schnee
nnd Regen bis auf die Haut durchnaͤßt hatten, ſetzte er ſich
an den Kamin und wartete eine betraͤchtliche Zeit, daß der
Hausherr oder ein Diener eintreten wuͤrde; als es aber elf
Uhr ſchlug, ohne daß er jemanden erblickt hatte, konnte er
ſeinen Hunger nicht mehr baͤndigen und nahm ein Haͤhnchen,
das er auf zwei Biſſen und unter Zittern verzehrte. Er trank
noch einige Schluck Wein, und als er fühner geworden war,
verließ er den Saal und durchſchritt mehrere große und praͤch⸗
tig eingerichtete Raͤume. Schließlich fand er ein Zimmer, in
welchem ein Bett ſtand, und da Mitternacht voruͤber und er
ſelbſt ſehr muͤde war, ſo ſperrte er die Tuͤre ab und legte ſich
zur Ruhe. |
Es war ſchon zehn Uhr morgens, als er ſich am folgenden
Tage erhob, und er war nicht wenig erſtaunt, als er ein ſehr
koſtbares Gewand an Stelle des ſeinigen vorfand, welches
ganz verdorben worden war. „Gewiß“, ſagte er zu ſich, „ge⸗
hoͤrt dies Schloß irgendeiner guten Fee, die Mitleid mit
296
meiner Lage hatte.“ Er blickte durch das Fenſter und ſah
keinen Schnee mehr, ſondern Lauben und Blumengewinde,
die das Auge bezauberten. Er trat wieder in den großen
Saal, wo er abends zuvor geſpeiſt hatte, und bemerkte einen
kleinen Tiſch, auf welchem eine Schokolade dampfte. „Ich
danke Euch, Frau Fee,“ ſagte er ganz laut, „daß Ihr fo guͤtig
ſeid, an mein Fruͤhſtuͤck zu denken.“ Der gute Mann nahm
ſeine Schokolade und ging dann, ſein Pferd zu holen, und
als er an einem ſchoͤnen Roſenbeet voruͤberging, fiel ihm ein,
daß ihn die Schoͤnheit um eine gebeten hatte; er brach alſo
einen Zweig mit mehreren Bluͤten ab. In dieſem Augenblick
hoͤrte er ein heftiges Geraͤuſch und ſah ein ſo furchtbares Un⸗
geheuer auf ſich zukommen, daß er faſt ohnmaͤchtig geworden
waͤre. „Ihr ſeid ſehr undankbar!“ redete ihn das Untier mit
einer furchtbaren Stimme an, „ich habe Euch das Leben ge⸗
rettet, indem ich Euch in meinem Schloſſe Unterkunft ge⸗
waͤhrte, und zum Dank dafuͤr ſtehlt Ihr mir meine Roſen,
die ich uͤber alles in der Welt liebe. Dieſe Verfehlung kann
nur durch den Tod geſuͤhnt werden; ich gebe Euch eine
Viertelſtunde Zeit, um Eure Rechnung mit Gott abzu⸗
ſchließen.“ Der Kaufmann warf ſich auf die Knie und ſagte
zu dem Tier, indem er die Haͤnde faltete: „Gnaͤdiger Herr,
verzeiht mir, ich glaubte Euch nicht zu beleidigen, als ich eine
Roſe für eine meiner Töchter pfluͤckte, die mich um eine ſolche
gebeten hat.“ „Ich will Euch verzeihen,“ verſetzte das Un⸗
geheuer, „doch unter der Bedingung, daß eine Eurer Toͤchter
freiwillig herkommt, um an Eurer Stelle zu ſterben. Macht
keine Einwendungen, geht, und wenn Eure Toͤchter ſich
weigern, fuͤr ihren Vater den Tod zu erleiden, ſo ſchwoͤrt mir,
daß Ihr in drei Monaten wiederkommen werdet!“ Der gute
Mann hatte nicht die Abſicht, eine ſeiner Toͤchter dieſem graͤß⸗
lichen Untier zu opfern, aber er dachte, wenigſtens wuͤrde er
das Vergnuͤgen haben, ſie noch einmal zu umarmen. Er
ſchwur alſo, er werde wiederkommen, und das Tier ſagte zu
ihm, daß er abreiſen koͤnne, wann er wolle. „Aber“, fuͤgte
es hinzu, „ich will nicht, daß Ihr mit leeren Haͤnden geht. In
297
Eurem Schlafzimmer findet Ihr einen großen Koffer; ihr
koͤnnt hineintun, was Euch gefällt; ich werde ihn in Euer
Haus bringen laſſen.“ Mit dieſen Worten zog ſich das Un⸗
geheuer zuruͤck, und der gute Mann ſagte zu ſich: „Wenn ich
ſterben muß, ſo werde ich wenigſtens meinen armen Kindern
etwas hinterlaſſen, wovon fie leben koͤnnen.“ Er füllte alſo
den Koffer mit Goldſtuͤcken und verſchloß ihn, dann holte er
ſein Pferd aus dem Stall und verließ das Schloß ebenſo
traurig, wie er es freudig betreten hatte. Das Pferd ſchlug
von ſelbſt einen der Waldwege ein, und nach wenigen Stun⸗
den gelangte der gute Mann in ſein Haͤuschen.
Seine Kinder umringten ihn, aber anſtatt ſich ihrer Lieb⸗
koſungen zu freuen, weinte der Vater bei ihrem Anblick. Er
hielt die Roſen, die er ſeiner Tochter mitbringen wollte, in
der Hand und gab ſie der Schoͤnheit, indem er ſagte: „Nimm
dieſe Roſen, Schoͤnheit, ſie kommen deinem ungluͤcklichen
Vater teuer zu ſtehen;“ und er erzaͤhlte ſeiner Familie das
unheilvolle Abenteuer, das ihm zugeſtoßen war. Bei dieſer
Erzählung fließen die zwei alteren Schweſtern laute Schreie
aus und ſchmaͤhten die Schoͤnheit, welche nicht weinte: „Da
ſeht, wie ſtolz dieſe kleine Kreatur iſt,“ ſagten ſie, „durch
ihren außergewoͤhnlichen Wunſch verurſacht ſie den Tod ihres
Vaters und weint nicht einmal daruͤber!“ „Warum ſollte ich
den Tod meines Vaters beweinen?“ entgegnete die Schoͤn⸗
heit. „Er wird nicht ſterben; da das Ungeheuer eine ſeiner
Toͤchter als Erſatz nehmen will, ſo werde ich mich ſeiner Wut
uͤberliefern, und ich bin ſehr gluͤcklich, daß ich meinem Vater
hierdurch meine Liebe beweiſen kann.“ Trotz des Einſpruchs
des Vaters, er ſei aͤlter und koͤnne eher mit dem Leben ab⸗
ſchließen, beſtand ſie auf ihrem Opfer.
Der Vater ging mit ihr in das Waldſchloß, und die beiden
boͤſen Maͤdchen rieben ſich die Augen mit Zwiebeln ein, um
einige Traͤnen beim Abſchied von ihrer Schweſter vergießen
zu koͤnnen. Das Pferd ſchlug den Weg zum Schloſſe ein, und
gegen Abend ſahen ſie es vor ſich, erleuchtet wie das erſte⸗
mal. Das Pferd wurde im Stall untergebracht, und der gute
298
-———
9 rr
Mann trat mit feiner Tochter in den großen Saal, wo fie eine
prächtig gedeckte Tafel mit zwei Beſtecken vorfanden. Der
Kaufmann verſpuͤrte keine Luſt zu eſſen, aber die Schoͤnheit
bemuͤhte ſich, ruhig zu erſcheinen, ſie ſetzte ſich zu Tiſch und
legte ihm vor. Nach dem Eſſen hoͤrten ſie einen furchtbaren
Laͤrm, und der Kaufmann verabſchiedete ſich unter Traͤnen
von ſeiner Tochter, da er glaubte, das Ungeheuer komme, um
ſie zu freſſen. Auch die Schoͤnheit konnte ſich nicht eines
Schauders erwehren, als ſie dieſe ſchreckliche Geſtalt ſah, aber
ſie nahm ſich ſo gut es ging zuſammen, und als das Untier
ſie fragte, ob ſie freiwillig gekommen ſei, ſagte ſie bebend:
„Ja!“ „Ihr ſeid ſehr gut,“ ſagte das Tier, „und ich bin Euch
ſehr zu Dank verpflichtet. Guter Mann, reiſt morgen ab und
laßt es Euch nicht einfallen, wiederzukommen. Gott behuͤte
dich, Schoͤnheit!“ „Gott behuͤte dich, Tier!“ erwiderte ſie, und
ſogleich zog ſich das Ungeheuer zuruͤck. „O, meine Tochter!“
ſagte der Kaufmann, indem er die Schoͤnheit umarmte, „ich
bin halb tot vor Angſt, glaube es mir. Laß mich hierbleiben!“
„Nein, Vater,“ ſagte die Schönheit beſtimmt, „Ihr reift mor⸗
gen fruͤh ab und uͤberlaßt mich der Gnade des Himmels. Viel⸗
leicht hat er Mitleid mit mir.“
Als der Vater abgereiſt war, ſetzte ſich die Schönheit i in den
großen Saal und begann zu weinen; aber da ſie ſehr mutig
war, empfahl ſie ſich Gott und beſchloß, das bißchen Leben,
das ihr noch geſchenkt war, nicht zu vertrauern, denn ſie
glaubte feſt, daß das Ungeheuer ſie am Abend freſſen wuͤrde.
Sie beſchloß indeſſen, das ſchoͤne Schloß zu beſichtigen. Sie
konnte es nicht unterlaſſen, die Pracht desſelben zu bewun⸗
dern und war ſehr uͤberraſcht, als ſie auf eine Tuͤr traf, uͤber
welcher die Worte zu leſen waren: Schoͤnheits Wohnung.
Sie oͤffnete hurtig die Tuͤr und war geblendet von dem
Prunk, der hier herrſchte; was ihr aber am meiſten in die
Augen fiel, war ein Buͤcherſchrank, ein Klavier und mehrere
muſikaliſche Schriften. „Wenn ich heute abend gefreſſen wer⸗
den ſollte,“ dachte fie, „jo hätte man mich nicht fo gut ver⸗
ſorgt ... Ach“, ſeufzte fie ſodann, „ich möchte nichts, als
299
„
meinen armen Vater wiederſehen und wiſſen, was er gegen
waͤrtig treibt.“ Wie groß war ihr Erſtaunen, als ihre Augen
auf einen großen Spiegel fielen, in welchem ſie ihr Haus er⸗
blickte, wo ihr Vater gerade mit aͤußerſt bekuͤmmerter Miene
ankam. Ihre Schweſtern kamen heraus, und trotz der Gri⸗
maſſen, die ſie ſchnitten, um betruͤbt zu erſcheinen, konnte man
ihnen die Freude uͤber den Verluſt ihrer Schweſter anſehen.
Einen Augenblick ſpaͤter verſchwand alles, und die Schoͤnheit
dachte, daß das Tier ſehr gefällig ſein muͤſſe und daß fie von
ihm nichts zu fuͤrchten haben wuͤrde. Zu Mittag fand ſie die
Tafel gedeckt und hoͤrte, ohne indes jemanden zu ſehen, eine
herrliche Muſik. Abends, als ſie ſich zu Tiſch ſetzte, vernahm
ſie das Geraͤuſch, welches das Ungeheuer verurſachte und
konnte ſich nicht enthalten, zu erbeben. „Schoͤnheit,“ ſagte
das Tier zu ihr, „erlaubt Ihr, daß ich Euch beim Eſſen zu⸗
ſchaue?“ „Ihr ſeid hier der Herr!“ erwiderte die Schoͤnheit
zitternd. „Nein,“ ſagte das Tier, „nur Ihr ſeid Herrin, Ihr
braucht nur zu wuͤnſchen, daß ich gehe, wenn ich Euch laͤſtig
bin, und ſogleich werde ich Euch verlaſſen ... Sagt mir, findet
Ihr mich nicht ſehr haͤßlich?“ „Das iſt wahr,“ entgegnete die
Schoͤnheit, „denn ich mag nicht luͤgen; aber ich glaube, daß
Ihr ſehr gut ſein muͤßt.“ Die Schoͤnheit aß mit gutem
Appetit; ſie fuͤrchtete das Tier faſt gar nicht mehr, aber faſt
wäre fie vor Schrecken geſtorben, als dieſes plotzlich zu ihr
ſagte: „Schoͤnheit, wollt Ihr meine Frau werden?“ Sie
blieb einige Zeit ſtumm, denn ſie fuͤrchtete, den Zorn des
Untiers zu erwecken, wenn ſie es ihm abſchlug; dann ſagte ſie
zitternd: „Nein, Tier!“ Hieruͤber wollte das arme Ungeheuer
ſeufzen, aber es ließ nur ein ſo ſchreckliches Ziſchen hoͤren, daß
der ganze Palaſt davon ertoͤnte. Aber die Schoͤnheit war
wieder beruhigt, als das Tier betruͤbt zu ihr ſprach: „Alſo
behuͤte dich Gott, Schoͤnheit!“ und das Gemach verließ, nicht
ohne ſich von Zeit zu Zeit umzudrehen, um ſie nochmals zu
betrachten. Als die Schoͤnheit allein war, fuͤhlte ſie ſtarkes
Mitleid mit dem Tier: „Ach!“ ſagte ſie, „es iſt ſchade, daß es
ſo haͤßlich iſt, es iſt ſo gut!“
300
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Die Schoͤnheit verbrachte drei Monate in aller Ruhe im
Schloſſe; jeden Abend ſtattete ihr das Ungeheuer einen Be⸗
ſuch ab und unterhielt ſie waͤhrend des Eſſens mit geſundem
Verſtand, und jeden Tag entdeckte die Schoͤnheit neue Licht⸗
ſeiten an ihm. Die Gewohnheit, es zu ſehen, hatte ſie mit
feiner Haͤßlichkeit vertraut gemacht, und weit entfernt, die
Stunde feines Beſuches zu fürchten, ſchaute fie häufig nach
der Uhr, um zu ſehen, ob es noch nicht bald neun ſei. Nur
ein Umſtand quaͤlte die Schoͤnheit: daß das Untier ſie jedes⸗
mal vor dem Schlafengehen fragte, ob ſie ſeine Frau wer⸗
den wolle, wobei es jedesmal ſchmerzlich beruͤhrt war, wenn
ſie verneinte. Eines Tages ſagte ſie: „Du tuſt mir leid, Tier,
ich moͤchte, ich koͤnnte dich heiraten, aber ich bin zu aufrichtig,
um dir Hoffnung zu geben, daß dies jemals der Fall ſein
koͤnnte.“
Die Schoͤnheit hatte in ihrem Spiegel geſehen, daß ihr
Vater vor Kummer uͤber ihren Verluſt erkrankt war, und ſie
wuͤnſchte, ihn wiederzuſehen. „Ich wuͤrde dir gern ver⸗
ſprechen,“ fagte fie zum Ungeheuer, „Dich nie gänzlich zu ver⸗
laſſen, aber ich habe ſolche Sehnſucht, meinen Vater wieder⸗
zuſehen, daß ich vor Schmerz ſterben wuͤrde, wenn du mir
das Vergnuͤgen verwehren wollteſt.“ „Ich will lieber ſelbſt
ſterben,“ ſagte das Untier, „als Euch Kummer bereiten. Ich
werde Euch zu Eurem Vater ſchicken, Ihr koͤnnt dort bleiben,
und Euer armes Tier wird vor Sehnſucht ſterben!“ „Nein,“
ſagte die Schoͤnheit weinend, „ich liebe dich zu ſehr, um deinen
Tod veranlaſſen zu wollen; ich verſpreche dir, in acht Tagen
zuruͤckzukommen. Du haſt mich wiſſen laſſen, daß meine
Schweſtern verheiratet ſind und daß mein Vater allein ſteht;
erlaube, daß ich ihm eine Woche Geſellſchaft leiſte!“ „Morgen
fruͤh werdet Ihr bei ihm ſein, aber gedenkt Eures Ver⸗
ſprechens! Ihr braucht nur Euren Ring beim Schlafengehen
auf den Tiſch zu legen, wenn Ihr heimkehren wollt. Behuͤte
dich Gott, Schoͤnheit!“ Das Untier ſeufzte wie gewoͤhnlich
bei dieſen Worten, und die Schoͤnheit legte ſich zu Bett, be⸗
truͤbt daruͤber, ihr liebes Tier in Sorgen zu ſehen. Als ſie
301
mich zu Dank verpflichtet haben, wenn Ihr mich nicht be⸗
achtet hattet.“ „Es waͤre unmoͤglich,“ rief Reizvoll, „daß
eine ſo wunderſchoͤne Prinzeſſin ſich irgendwo aufhalten
koͤnnte, ohne daß fie meine Augen von allem andern ab⸗
lenken wuͤrde!“ „Ah!“ ſagte die Koͤnigin erboſt, „ich ver⸗
geude meine Zeit damit, Euch zuzuhoͤren, glaubt mir, mein
Herr, Blumenſchoͤn iſt ſchon hinreichend eitel, man darf ihr
nicht ſoviel Schmeicheleien ſagen.“ Der Koͤnig Reizvoll
fand bald heraus, aus welchem Grunde die Koͤnigin ſo redete,
aber da er nicht geſonnen war, ſich Gewalt anzutun, ſo zeigte
er ſeine Bewunderung fuͤr Blumenſchoͤn ganz offen und un⸗
verhuͤllt und unterhielt ſich drei Stunden hintereinander mit
ihr. Die Koͤnigin war verzweifelt und Forellchen untroͤſtlich,
nicht mehr den Vorzug vor Blumenſchoͤn zu haben; beide
beklagten ſich beim Koͤnig und beſtimmten ihn, Blumenſchoͤn
in einen Turm zu ſperren, wo ſie den Koͤnig Reizvoll nicht
mehr ſprechen koͤnne. Und wirklich wurde jene, ſobald ſie auf
ihr Zimmer zuruͤckgekehrt war, von vier maskierten Maͤnnern
oben auf den Turm gebracht, wo ſie auf dem Gipfel der
Troſtloſigkeit zuruͤckblieb, denn fie ſah wohl, daß man fie nur
deshalb ſo behandelte, weil man ſie verhindern wollte, dem
Koͤnige zu gefallen, der ihr ſeinerſeits ſchon ſehr gut gefiel und
den ſie gern zum Gatten gehabt haͤtte. Da dieſer nichts von
der Gewalttat erfuhr, wartete er ſtuͤndlich mit Ungeduld
darauf, die Prinzeſſin wiederzuſehen; er wollte mit den
Herren ſeines Ehrendienſtes von ihr reden, aber auf Befehl
der Koͤnigin ſagten dieſe ihm alles moͤgliche Schlechte uͤber
fie: fie wäre eitel, wankelmuͤtig und launiſch und quäle ihre
Freundinnen und ihre Bedienung; man koͤnnte nicht un⸗
ſauberer ſein als ſie, und ihr Geiz ginge ſo weit, daß ſie lieber
wie ein Hirtenmaͤdchen gekleidet waͤre, als daß ſie ſich neue
Brokatſtoffe kaufe. Bei jeder Einzelheit litt Reizvoll und
fuͤhlte Zornesregungen, die er kaum baͤndigen konnte.
„Nein,“ ſagte er zu ſich, „es iſt undenkbar, daß der Himmel
eine ſo haͤßliche Seele in dieſes Meiſterwerk der Natur gelegt
haben könne, ich gebe zu, daß ſie nicht ſauber angezogen war,
268
als ich fie ſah, aber ihre Scham bewies, daß fie es nicht ge⸗
wohnt war, ſich ſo zu ſehen. Wie, ſie waͤre ſchlecht mit die⸗
ſem bezaubernden Ausdruck von Beſcheidenheit und Sanft⸗
mut! Das will mir nicht in den Kopf. Eher glaube ich, daß
die Königin fie jo verleumdet; man iſt nicht umſonſt Stief⸗
mutter; die Prinzeſſin Forellchen iſt eine fo garſtige Kreatur,
daß es nicht verwunderlich waͤre, wenn ſie das vollkommenſte
aller Geſchoͤpfe beneiden wuͤrde.“ Waͤhrend er ſolches be⸗
dachte, merkten die ihn umgebenden Hoͤflinge wohl an ſei⸗
nen Mienen, daß ſie ihm keinen Dienſt erwieſen haͤtten, als
ſie ſchlecht von Blumenſchoͤn redeten, und einer von ihnen,
der beſonders gewandt war, wechſelte daher die Tonart; um
die Geſinnung des Fuͤrſten kennenzulernen, begann er allerlei
Wunderbares von Blumenſchoͤn zu erzählen. Bei dieſen
Worten erwachte Reizvoll wie aus einem Traum, griff haſtig
in das Geſpraͤch ein und Freude malte ſich auf ſeinen Zuͤgen:
o Liebe, Liebe, wie ſchwer biſt du zu verbergen!
Die Königin war ungeduldig, zu erfahren, wie der Eindruck
auf den Fürften geweſen wäre, fie ſchickte nach ihren Ver⸗
trauten und verbrachte die Nacht damit, ſie auszufragen, und
alles, was fie berichteten, beſtäͤrkte fie in ihrer Anſicht, daß
der Fuͤrſt nur Blumenſchoͤn liebe.
Aber was ſoll ich von der Schwermut dieſer Prinzeſſin er⸗
zaͤhlen? Sie lag im Verließ des ſchrecklichen Turmes, in den
fie die vermummten Männer gebracht hatten, auf dem
Boden. „Weniger wäre ich zu beklagen,“ ſagte ſie, „wenn
man mich hierher gebracht haͤtte, ehe ich dieſen liebens⸗
würdigen König ſah. Die Erinnerung an ihn vermehrt
meine Qual; ich bin ſicher, daß die Koͤnigin nur deshalb ſo
grauſam mit mir verfaͤhrt, um mich zu hindern, ihn weiterhin
zu ſehen. Weh, daß das bißchen Schoͤnheit, das mir der Him⸗
mel verlieh, mir meine Seelenruhe koſtet!“ Sie weinte ſo
bitterlich, daß ihre erbittertſte Feindin ſich ihrer erbarmt
hätte, hätte fie ihren Schmerz geſehen.
Die Koͤnigin uͤberhaͤufte indes Reizvoll mit koſtbaren Ge⸗
ſchenken und machte ihn ſogar zum Ritter des Liebesordens,
269
am andern Morgen erwachte, befand fie ſich im Haufe ihres
Vaters und laͤutete eine Glocke, die neben ihrem Bett ſtand;
ſogleich kam eine Magd, die bei ihrem Anblick einen lauten
Schrei ausſtieß. Im Nebenzimmer fand ſich ein Koffer voll
goldgeſtickter Kleider, die das Ungeheuer hergeſchickt hatte.
Auf die Nachricht von der Heimkehr der Schoͤnheit hin er⸗
ſchienen die Schweſtern mit ihren Gatten auf Beſuch; beide
waren ſehr ungluͤcklich verheiratet, und ihre Eiferſucht auf die
juͤngſte, deren Kleider ſie beneideten, erwachte von neuem,
zumal da ſie erfuhren, wie gut es ihr gehe. „Schweſter,“ ſagte
die Alteſte, „mir kommt ein Gedanke. Verſuchen wir, ſie
laͤnger als acht Tage hierzubehalten, ihr dummes Tier wird
daruͤber ergrimmt ſein, daß ſie ihr Wort bricht, und wird ſie
vielleicht freſſen.“ „Du haſt recht, Schweſter!“ entgegnete
die andere, „zu dieſem Zwecke muͤſſen wir ihr ſchmeicheln.“
Als ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatten, traten ſie wieder zur
Schoͤnheit und erwieſen ihr ſo viel Liebesdienſte, daß jene
vor Freude Traͤnen vergoß. Als die acht Tage verſtrichen
waren, rauften ſich die Schweſtern die Haare aus und
heuchelten einen ſolchen Gram uͤber ihre Abreiſe, daß ſie ver⸗
ſprach, noch weitere acht Tage zu bleiben.
Indeſſen hielt ſich die Schoͤnheit den Kummer vor, den ſie
ihrem armen Tiere bereiten wuͤrde, das ſie ſo von Herzen
liebte, und ſie ſehnte ſich danach, es zu ſehen. In der zehnten
Nacht, die ſie bei ihrem Vater verbrachte, traͤumte ihr, ſie ſei
im Garten des Palaſtes und erblicke das Tier halbtot im Graſe
liegen. Die Schoͤnheit er vachte ploͤtzlich und vergoß Traͤnen.
„Bin ich nicht ſehr ſchlech.,“ ſagte ſie, „das Tier zu betruͤben,
daß mir ſtets ſo gefaͤllig war? Auf, ich will es nicht ungluͤck⸗
lich machen.“ Bei dieſen Worten erhob ſich die Schoͤnheit,
legte den Ring auf den Tiſch und ging dann wieder ſchlafen.
Kaum war ſie in ihrem Bett, als ſie einſchlummerte, und wie
ſie am andern Morgen erwachte, ſah ſie mit Freuden, daß
ſie im Palaſte des Tieres ſei. Sie kleidete ſich praͤchtig, um
ihm zu gefallen und ſehnte ſich den ganzen Tag uͤber faſt zu
Tode, indem ſie auf die neunte Stunde wartete. Aber um⸗
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ſonſt ſchlug die Uhr, das Tier zeigte fich nicht. Die Schönheit
fuͤrchtete ſchon, ſeinen Tod auf dem Gewiſſen zu haben. Sie
lief durch das ganze Schloß und ſchrie laut, ſie war ganz ver⸗
zweifelt. Nachdem ſie uͤberall geſucht hatte, erinnerte ſie ſich
ihres Traumes, ſie lief in den Garten und fand dort das arme
Tier beſinnungslos ausgeſtreckt, ſo daß ſie glaubte, es ſei tot.
Sie warf ſich uͤber es, ohne vor ſeiner Geſtalt zu erſchrecken
und fuͤhlte, daß ſein Herz noch ſchlug; ſie ſchoͤpfte Waſſer aus
dem Kanal und goß es ihm uͤber den Kopf. Das Tier oͤffnete
die Augen und ſagte zur Schoͤnheit: „Ihr hattet Euer Ver⸗
ſprechen vergeſſen und der Gram, Euch verloren zu haben,
hat mir den Entſchluß eingegeben, den Hungertod zu leiden.
Aber ich ſterbe beruhigt, da ich das Gluͤck habe, Euch noch ein⸗
mal zu ſehen.“ „Nein, mein teures Tier,“ ſagte die Schoͤn⸗
heit, „du ſollſt nicht ſterben, du ſollſt leben, um mein Gatte
zu werden; ich gebe dir meine Hand und ſchwoͤre, daß ich nur
dir angehoͤren will!“ Kaum hatte die Schoͤnheit dieſe Worte
geſprochen, als ſie das Schloß in hellſtem Lichte erſtrahlen
ſah, ein Feuerwerk wurde abgebrannt und Muſik ertoͤnte;
alles ſchien auf ein Feſt hinzudeuten. Aber all dieſe Pracht
konnte ſie nicht feſſeln: ſie wandte ſich zu ihrem teuern Tier,
deſſen Gefahr ſie zittern machte. Aber wie groß war ihre
Überrafchung! Das Tier war verſchwunden, und fie ſah zu
ihren Fuͤßen einen Prinzen, der ſchoͤn war wie Amor ſelbſt
und der ihr dafuͤr dankte, daß ſie ſeinen Zauber gebrochen
hätte, „Eine boͤſe Fee hatte mich verflucht, in Tiergeſtalt zu
verharren, bis eine ſchoͤne Jungfrau einwilligte, mich zum
Gatten zu nehmen. Ihr waret der einzige Menſch auf der
Welt, der ſich von meiner Guͤte ruͤhren ließ, und ich erfuͤlle
nur eine Dankespflicht, wenn ich Euch meine Krone anbiete.“
Sie begaben ſich in das Reich des Prinzen, deſſen Unter⸗
tanen ihn mit Freuden wiederkehren ſahen, und er heiratete
die Schoͤnheit, welche lange Jahre mit ihm lebte. Ihr Gluͤck
aber war ein vollkommenes, denn es war auf die Tugend
begruͤndet.
303
Quellennachweiſe und Anmerkungen
1. Quelle: Elie de St. Gilles, herausgegeben von W. Foͤrſter, Heilbronn
1876—82, V1805— 2055, zum Teil gekuͤrzt. Der Elie de St. Gilles ſtellt
nur eine Überarbeitung eines Älteren Epos dar, deſſen Entſtehung in
den Anfang des 13. Jahrhunderts fällt und das auch der nordiſchen
Elissaga ok Rosamundu zugrunde liegt. Die Grundlage des Elie iſt
das Goldenermaͤrchen (KHM 136 f. unter Nr. 5); Galopin, ein kobold⸗
artiges Weſen, entſpricht dem Eiſenhans des Maͤrchens. Dieſem kommt
es zu, dem Helden Roß und Ruͤſtung zu verſchaffen, mit welchen er ſeine
Adelsprobe ablegen muß. Um die Herkunft des daͤmoniſchen Roſſes
zu erklaren, ſchob der Eliedichter eine Epifode aus dem Meifterdieb:
märchen ein (vgl. KHM 1%, Bolte und Polivka: Anmerkungen zu
Grimms Maͤrchen, Leipzig 1913—18, III 379, Aarne: Verzeichnis der
Maͤrchentypen Nr. 1525). In modernen franzoͤſiſchen Sammlungen
findet ſich die Pferdediebſtahlsgeſchichte gewoͤhnlich als die zweite der
dem Meiſterdieb geſtellten Aufgaben u. a. an folgenden Stellen: Sébillot
orale S. 112, Cosqin Nr. 70, Fleury S. 167, Revue des trad. pop.
IX 343, XI 102. Zum Vergleich folge hier die entſpechende Epiſode
in der normanniſchen Verſion bei Fleury: „Ich wette,“ ſagte der Herr,
der den Meiſterdieb auf die Probe ſtellen wollte, „daß du mir meine
Stute nicht ſtehlen wirſt. Ich mache dich darauf aufmerkſam, daß ſie
gut bewacht ſein wird.“ „Ihr ſchenkt fie mir, wenn ich fie Euch ſtehle?“
„Mein Wort darauf. Aber ich bin ſicher, daß du ſie nicht ſtehlen wirſt.“
„Wir wollen ſehen.“ Die Stute wird drei Maͤnnern zur Bewachung
anvertraut. Der erſte 13 darauf, der zweite haͤlt ſich an der Maͤhne,
der dritte am Schwanze feſt. Der im Sattel iſt mit einem geladenen
Gewehr verſehen. Eine zweifelhafte Geſtalt, wie ein Bettler gekleidet,
mit leidendem Geſichtsausdruck naht ſich dem Trio. „Was tut ihr denn
da, ihr Maͤnner?“ „Wir bewachen dieſe Stute ſeit heute morgen. Es
heißt, jemand werde kommen, um ſie uns zu ſtehlen, aber wir haben
noch keinen Menſchen kommen ſehen.“ „Das muß langweilig ſein.“
„Wahrhaftig, es iſt nicht unterhaltlich. Wenn wir wenigſtens etwas zu
trinken hätten!" „Ich werde euch Apfelwein im Wirtshaus holen,“
ſagte der ſonderbare Fremde, „wenn ihr mir das Geld dazu geben
wollt.“ „Das koͤnnen wir nicht abſchlagen, Freund.“ Man gibt ihm Geld,
und kurz darauf kommt er vom Wirtshaus zuruͤck mit einer Ladung
Apfelwein. Er hatte ſchlaffoͤrdernde Stoffe hineingemengt, aber nur
in das eine Gefaͤß. Sie luden ihn ein, mit ihnen zu zechen. Er nahm an
und goß ſich von dem Apfelwein ein, der nicht vermiſcht war, dann tat
er, als wolle er ſich entfernen. Die Wächter tranken ihre beiden Gefäße
aus und fielen alsbald in tiefen Schlaf. Der Spitzbube kommt wieder.
Er ſtoͤßt Pfloͤcke in den weichen Boden und richtet es ſo ein, daß er den
Sattel mitſamt dem Reiter aufhebt und in der Luft ſchwebend erhält;
dann ſchneidet er die Zuͤgel des Pferdes durch, bringt den Schwanz des⸗
ſelben frei und läßt das Tier hinter ſich hergehen. Als die Wächter er:
wachten, waren ſie ſehr erſtaunt, der eine hielt die Zuͤgel ohne Roß, der
304
andere eine Handvoll Haare, der dritte fühlte ſich auf dem Sattel in der
Luft ſchweben, waͤhrend die Stute fort war.
2. Quelle: Huon de Bordeaux ed. M. F. Gueſſard, Paris 1860, v. 3193
1
un
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10
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1
del
del
1
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er
del
bis 3732 und 5395—5834, zum Teil im Auszug. Dem Huonepos, das
um 1220 verfaßt wurde, liegt das Märchen vom Bärenfohn zugrunde
(vgl. Voretzſch: Epiſche Studien I Halle 1900). Der Waldhausepiſode
des Maͤrchens entſpricht die Szene in Oberons Zauberwald, wo der
Held zuerſt feindlich mit dem Elben zuſammenſtoͤßt, ſich aber dann
deſſen Hilfe verſichert. Der Palaſt des Emirs jenſeits des Roten Meeres
mit ſeinen vier Bruͤcken tritt an Stelle der Unterwelt des Maͤrchens,
Gaudiſe an Stelle des die Jungfrau bewachenden Drachens oder Teu⸗
fels. Auf die gleiche Grundlage wie der Huon geht die germaniſche
Ortnitſage zuruͤck, die freilich nach dem Muſter der Werbungsſagen um⸗
geſtaltet wurde. Auch in der Nibelungenſage tritt Alberich zunaͤchſt feind⸗
lich, dann hilfreich auf. Kür das Baͤrenſohnmaͤrchen wird urfraͤnkiſcher
Beſitz wahrſcheinlich. Zum Baͤrenſohnmaͤrchen vgl. KHM 91, 166, Bolte⸗
Polivka II 297, Aarne 301 und beſonders: F. Panzer: Studien zur ger⸗
maniſchen Sagengeſchichte, Muͤnchen 1910—12. Oberons Wunſchdinge
ſind gleichfalls maͤrchenhafter Natur. Das Horn, das jeden, der es hoͤrt,
ſingen und — wie in der ſpaͤteren Peofafaflung erft deutlich ausgeſprochen
wird — auch tanzen macht, entſpricht der Tanzgeige des Typus vom
Juden im Dorn (KHM 110, Aarne 592), die Verknuͤpfung des Elben
mit dem Horn geht auf bretoniſchen Volks glauben zuruͤck: auf feenartige
Waldgeiſter, die ſog. Kornikaneds, welche auf kleinen Hoͤrnern blaſen (vgl.
GSebillot: Folklore de France 1268). Zur Feenepiſode bei Oberons Ge:
burt vgl. man das Dornroͤschenmaͤrchen (ſ. unter Nr. 19). Eine moderne
Variante des Baͤrenſohnmaͤrchens ſ. unter Nr. II 53.
Quelle: Berthe aus grans pies par Adenes li rois ed. par M. Scheler,
Bruxelles 1874, V 289—677, 1753—2159 gekuͤrzt. Das Werk des Spiel:
manns Adenet, das der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts angehört,
nennt Léon Gautier (Epopée francaise II 10) den beſten Roman der
Verfallszeit. Der Berthaſage liegt das Märchen von der unter:
geſchobenen Braut zugrunde, das ſich noch klarer in der Faſſung
der bayriſchen Chronik von a ephan hervorhebt. Die Chronik be:
wahrt die Maͤrcheneinleitung: „Liebe durch Bild erweckt“, waͤhrend das
Epos dafür die aus Werbungsſagen entnommene Verſammlung der
Barone einſetzt. Ferner findet in der deutſchen Verſion die Unterſchie⸗
bung maͤrchenecht auf dem Wege zur Hochzeit ſtatt, waͤhrend Adenets
Brautnachtſzene den deutlichen Einfluß der Triſtanſage verrät. Mit der
Ausſetzung im Walde lenkt die Sage in den Genovevatypus uͤber. Da
moderne fraͤnk'ſche Märchen (KHM 135, Wolf LMS 19, Bechſtein S. 203)
am naͤchſten zur Berthaſage ſtimmen, ſo wird die Entſtehung der letzteren
auf fraͤnkiſchem Boden wahrſcheinlich, das Maͤrchen von der unter⸗
geſchobenen Braut ift alſo ebenſo wie das vorige zum urfränfifchen Beſitz
zu rechnen. Aus der Mißgeſtalt Berthas glaubte man fruͤher auf eine
mythiſche Ableitung der Sage ſchließen zu duͤrfen, indem man ihre
difformen Füße mit ähnlichen Abnormitäten des oberdeutſchen Spinn⸗
daͤmons Perchtha in Verbindung brachte. Eher erklaren ſich die breiten
Füße aus dem Märchen ſelbſt, in deſſen meiſten Varianten die ins Waſſer
20 Franz. Märchen 1 305
geworfene echte Braut als Ente auftritt. Ein weiterer Zweig des Maͤr⸗
chens läßt ſich in Saxos Daͤnengeſchichte, ein dritter im Kap. 12 der
Volsungasaga nachweiſen, auch ein vierter zeigt unverkennbare Be⸗
iehungen zur germaniſchen Heldenſage, der ganze Kreis darf alſo wohl
ſchon der germaniſchen Voͤlkerwanderungszeit zugewieſen werden.
da 5 Märchen vgl. KHM 11, 13, 89, 135, 189 mit den Anmerkungen
ei Bolte⸗Polivka, Aarne 403, und namentlich Arfert: Der Maͤrchen⸗
typus von der untergeſchobenen Braut, Roſtocker Diff. 1897. Zur Bertha:
ſage vgl. A. Feiſt: Zur Kritik der Berthaſage, Marburg 1886, G. Paris:
poëtique de Charlemagne. Moderne franzoͤſiſche Faſſungen ſind
lam beiten im Oſten und in der Bretagne erhalten, gegen Süden zu
nehmen fie an Klarheit ab. Vgl. unter Nr. 13 f, 150, II 11, und II 34.
4. Quelle: Partonopeus de Blois, ed. G. A. Crapelet, Paris 1834, V 709
bis 1560, 1900 —1946, 4342 —4556 ſtark gekürzt, mit teilweiſer Benutzung
der Überſetzung von A. v. Keller: Altfranzoͤſiſche Sagen, Heilbronn 1876
S. 332 ff. Das Epos, das der erſten Hälfte des 13. Jahrhunderts ange⸗
hoͤrt, erfreute ſich im Mittelalter großer Beliebtheit. Es wurde von Konrad
v. Wuͤrzburg ins Mittelhochdeutſche uͤbertragen und bot auch die Vor⸗
lage zu einer aisld. Saga. Vgl. Kölbing: Germaniſche Studien II 119,
Look: Straßburger Dif. 1881, Trampe⸗Boͤdtker: P. de Blois, Kriſtiania
1904. Die Quelle des Epos war das Maͤrchen von Amor und
Pſyche, deſſen aͤlteſte literariſche Variante aus dem 1. Jahrhundert
n. Chr. ſtammt. Vgl. KAM 88, Bolte⸗Polivka II 229, Aarne 425,
R. Reitzenſtein: Das Märchen von Amor und Pſyche, Leipzig⸗Berlin
1912 und S.⸗Ber. Heidelberger Akademie 1914, E. Tegethoff: Rheiniſche
Beiträge zu germaniſcher Philologie und Volkskunde, Nr. 4, Bonn 1922.
Wahrend in der fpätantilen Faſſung wie auch in den meiſten volks⸗
mäßigen Varianten des Maͤrchens der Elbe männlich, der menſchliche
Teil aber weiblich iſt, wurde im Mittelalter das Verhaltnis der Ge:
ſchlechter umgekehrt: der neugierige Lauſcher iſt zum Manne geworden.
Dieſe Umdrehung wurde durch den Zeitgeſchmack und durch den Ein⸗
ers einer verwandten Maͤrchengruppe hervorgerufen, über diefe ſ. unter
r. 15 a. Das Pſychemaͤrchen gehoͤrt zum großen Sagenkreis von der
geftörten Mahrtenehe, zu dieſem vgl. noch unter Nr. 7, 15 a, b, 30, 33
und 1113. Der Urſprung der ganzen Gruppe duͤrfte mit Laiſtner (Raͤtſel
der Sphinx, Stuttgart 1889) in Alptraumvorſtellungen zu ſuchen ſein.
Das uͤbertretene Sehverbot begegnet im neufranzoͤſiſchen Märchen noch
bei Blade I 15 und bei Fleury S. 135. Die entſprechende Stelle bei
Fleury lautet folgendermaßen: Als er (der Elbe, der hier in Tiergeſtalt
auftritt) nachts in der Finſternis bei ihr (ſeiner menſchlichen Geliebten)
lag, ſchien es ihr, als habe er nicht mehr ſein abſchreckendes Außeres.
Eines Nachts konnte ſie ſich nicht mehr halten, ſie beſchloß, ſich zu ver⸗
e Sie erhob ſich ganz leiſe und ging mit bloßen Fuͤßen hin,
eine Kerze zu ſuchen, und, uͤberzeugt, daß ihr Gatte feſt ſchlief, betrachtete
fie ihn. Er war der ſchoͤnſte Prinz von der Welt, nie hätte fie gewagt,
ſo viel Schoͤnheit und Grazie fuͤr ihren Gatten zu ertraͤumen. In ihrer
Freude machte ſie eine Bewegung, ein heißer Talgtropfen fiel auf das
Geſicht des Schläferd und er erwachte. „Deine Neugier hat uns beiden
bitter weh getan. Jetzt muß ich fort!“
306
a ne — — — — 2 i — — —
— 27,
Die in volksmäßigen Faſſungen der Kataſtrophe folgenden Formeln
hat der mittelalterliche Dichter nicht verwertet.
d. Quelle: Le roman de Robert le diable ed. Löſeth, Paris 1903 (in Soc.
des. anc. textes), V 1705—1841, 2026—2088, 2213—2235, 3051—3093,
3440—3500, 4465—4513, zum Teil gekuͤrzt, mit Benutzung der Über⸗
bann von A. v. Keller: Altfranzoͤſiſche Sagen S. 234 ff. Die Sage
von Robert dem Teufel baut ſich auf das Goldenermärchen auf.
Zu dieſem vgl. KHM 136, Bolte⸗Polivka III 94, Aarne 502 und beſonders
die erſchoͤpfende Analyſe von F. Panzer: Hilde⸗Gudrun, Halle 1900.
zn den Vorgängen des Romans iſt die Maͤrchenhandlung leicht erkenn⸗
ar: das dreitaͤgige Turnier des Maͤrchens iſt zur dreimaligen Sara:
zenenſchlacht, der hilfreiche Eiſenhans zum Engel, die veraͤchtliche Be⸗
handlung des Gaͤrtnerburſchen zum Narrentum Roberts, das „Hennen⸗
haus“ endlich zur Hundehuͤtte unter der Stiege geworden. Die Neben⸗
buhler des Maͤrchens verkoͤrpert der Seneſchall, deſſen betruͤgeriſcher
Verſuch aus einem anderen Maͤrchenkreiſe, dem von den beiden Bruͤ⸗
dern (KHM 60) ſtammt. Das Ganze ging in den Kreis der Legende Über
und ſchmuͤckte ſich mit Wundern und Erſcheinungen. Zur Sage vgl.
du Meril: Etudes sur quelque points d’archeologie S. 273 ff. und beſ.:
Breul: Sir Gowther, Oppeln 1886. Die Tatſache, daß die Kreuzzuͤge
noch nicht als Mittel zur Suͤhne erwaͤhnt werden, laͤßt die Entſtehung
der Sage am Ende des 11. Jahrhunderts wahrſcheinlich werden, waͤh⸗
rend die aͤlteſten Handſchriften erſt dem Ende des 12. Jahrhunderts an⸗
ehoͤren. Der von einem pikardiſchen und einem walloniſchen Bearbeiter
uͤberlieferte Text war wohl urſpruͤnglich normanniſch. Das Goldener⸗
maͤrchen iſt in neufranzoͤſiſchen Sammlungen haͤufig, mehrere davon
(Luzel II 296, Vinſon S. 56, Revue des trad. pop. IX 173) zeigen
noch die im Robert beobachtete Verbindung mit der Verraͤterepiſode
des Bruͤdermaͤrchens. Die Flucht des unerkannten Helden erſcheint bei
Pineau S. 11, Carnoy: Frangais S. 43, Cosquin 43 und Luzel II 296,
die Verwundung bei Cosquin 12 und in den deutſchen Varianten, die
überhaupt das Märchen treuer bewahrt zu haben ſcheinen. Eine Ver⸗
gleichung der deutſchen mit den franzoͤſiſchen Varianten ſowie mit den
mittelalterlichen Bearbeitungen des Goldenerſtoffes gibt der Vermutung
Raum, daß auch das Goldenermaͤrchen ſchon fränfifcher Urbeſitz war.
6. Quelle: Perceval le Gallois ou le Conte du Graal p. p. Ch. Potvin,
Tome II: le pu&me de Chrestien de Troyes Vers 4173—4605. Das
Geheimnis des Grals iſt von der Wiſſenſchaft noch keineswegs enthüllt.
Abzulehnen iſt wohl die Anſicht Birch⸗Hirſchfelds (Die Sage vom Gral,
Leipzig 1877), der die Sage nur aus „ Quellen
erklaͤren moͤchte. Eher iſt von der keltiſchen Heimat Parzivals auszu⸗
gehen und der Gral mit dem Becken von Diwrnah, das niemand un⸗
gefättigt entlaͤßt, dem Korb Gwyddneus, der Pfanne mit den Tellern
von Rhegynydd Yfgolhaig zu vergleichen, freilich hat dann ſpaͤter eine
Verſchmelzung dieſer heimiſchen Sagen und Maͤrchen mit der chriſtlichen
Legende ſtattgefunden (ſo E. Wechßler, Halle 1898). Ob man dieſe
ſpeiſeſpendenden Gefäße über das keltiſche hinaus mit L. v. Schröder
(WSB 166,, 1911) an altariſche Mythen von der Sonne als Breitopf an:
naͤhern darf, bleibe dahingeſtellt. Jedenfalls duͤrfte die Gralsvorſtellung
* 307
1
auf die gleiche Wurzel zuruͤckgehen wie das Märchen vom füßen Brei
(KHM 103, vgl. Bolte⸗Polivka II 438, Aarne 565). — Der Parzivalſage
dagegen liegt ein keltiſches Dummlingsmaͤrchen zugrunde und der Be⸗
ſuch in der 0 zweifellos als eine Unterweltsfahrt aufzufaſſen,
näheres über dieſes Märchen wird ſich kaum mehr angeben laſſen, und
das im 19. Jahrhundert geſammelte Peronnikmaͤrchen (unten Nr. II 35)
iſt kaum mit V. Junk (WSB 168,, 1911) als die Grundlage der Parzival⸗
ſage anzuſehen, ſondern als ein Nachklang derſelben. Zur Parzivalſage
vgl. beſonders Miß J. Weſton: The legend of Sir Perceval, London
1906—09 = Grimm Library 17, 19. — Weitere Maͤrchenmotive in
Chreſtiens Parzival ſind die von der Koͤnigstochter, die nicht lachen kann
(2230ff. zu KHM 64), die Lehren Gurnemanz' (2831ff. ſ. unter Nr. II 36),
die drei Blutstropfen (5565 vgl. Bolte⸗Polivka I 462), die Kundry⸗
epiſode (5981 ff.; vgl. Maynadier: The Wifes of Bath Tale, London 1901),
das wunderbare Bett (9191ff. zu KHM 4) und die Befreiung der Jung⸗
frauen aus dem Chastel merveil (vgl. Ehrismann in PBB XXX).
7. Quelle: Chriſtian von Troyes: Yvain, herausgegeben von W. Foͤrſter⸗
Romaniſche Bibl. V, Halle? 1902, Vers 747—2773 im Auszug. Der
Iwein gehört mit dem Parthonopier, dem Lanval und dem Ponee zu
dem im Mittelalter weit verbreiteten Stoff von der geftsrten
Mahrtenehe. Die Urform erzaͤhlte wohl, daß der Held nach Über⸗
windung des Waͤchters in die Unterwelt eindringt und dort die Liebe
einer Elbin erwirbt. Bald aber treibt ihn die Sehnſucht auf die Menſchen⸗
welt zuruͤck und die Elbin entlaͤßt ihn, doch mit dem Verbot, eine ge⸗
wiſſe Zeitgrenze zu uͤberſchreiten. Wie in allen Maͤrchen dieſer Art
uͤbertritt er das Verbot und verliert dadurch die Elbin, die er na
muͤhevoller Wanderung im Seelenlande . muß. Chrétien
hat den Stoff dadurch bereichert, daß er den Waͤchter zum Gatten der
Elbin machte, wodurch er Gelegenheit bekam, das Motiv von der
Matrone von Epheſus (vgl. ee: Die Wanderung der Nov.
von der treuloſen Witwe d. d. Weltlit. 1886) einzuflechten. Die
Donnerquelle im Walde von Broceliande lebt noch heute in bretoni⸗
ſcher Volksſage fort (Souveſtre II 78), ſie entſtammt einer Lokalſage,
die auch in der Schweiz (Pilatusſee) und Tirol begegnet, alſo wohl
urkeltiſch iſt. (Vgl. ZVfVkEk XVII 56, Sébillot: Folkl. 1 243, II 223,
3272, 464, Rdtp XVI 451). Zu den Quellen des Yvain vgl. Baiſt in
Zfrom Phil. XXI 402 und J. Brown: Iwain, Boſton 1903. Nahe
verwandt iſt der Stoff des „Deaus desconn&us“ und die Freudenhof⸗
epiſode des Erec (vgl. Philippot in Romania XXV 258).
8. Quelle: Proſa des MS 781 der Bibl. nat. Paris, abgedruckt von H. A.
Todd in Publications of the modern language association IV 95, Bal⸗
timore 1889. Leicht gekuͤrzt. Es beſtehen vier Faſſungen der Schwan⸗
kinderſage, deren älteſte nach muͤndlicher Überlieferung in den Dolo⸗
pathos des Lothringers Joh. de Haute Seille aufgenommen wurde,
waͤhrend die hier uͤberſetzte Proſa der juͤngſten Verſion, die aber auch
noch der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts angehören dürfte, ent⸗
ſpricht. Über die verſchiedenen Faſſungen vgl. G. Paris in Romania
XIX 314. der Sage zugrunde liegende Maͤrchen iſt eine Kom⸗
poſition aus zwei urſpruͤnglich getrennten Typen. Das eine, der Typus
808
N
.
ia:
4.
F . ——————
rr re
10
0
von der verleumdeten Frau oder kurz der Genovevatyp begegnet
Kor ſehr früh in germanifchen Ländern und es ſteht nichts im Wege,
ür ihn germaniſchen Urſprung zu reklamieren. Zu dieſem Typ, dem
die Fortnahme der Kinder und die Unterſchiebung der Hunde, dann auch
die Errettung der Mutter vor dem Feuertode entſtammen, vgl. KHM 3,
9, 31, 49, 96 und die Anmerkungen Bolte⸗Polivka's, Aarne 706, 710.
Das Maͤrchen von den in Tiere verwandelten Knaben und ihre Erloͤſung
durch ihre Schweſter, das hier in feinem letzten Teil verblaßt iſt, dürfte
keltiſchen Urſprungs ſein. Der Name Helias wird am einleuchtendſten
aus kelt: ealadh „Schwan“ gedeutet, keltiſch iſt das Circemotiv der Tier⸗
wandlung durch die Hexe (hier gleichfalls verwiſcht), keltiſch endlich die
Manifeſtation der Lichtgoͤtter in Schwangeſtalt. Zu dieſer vgl. beſonders
Bloͤte in ZfdA 38, 272. Eine iriſche Faſſung des Schwankinder⸗
maͤrchens „the fate of the children of Lir“ liegt aus dem 17. Fahr:
hundert vor, vgl. Loth in Romania XXI 62. Zu deutſchen Faſſungen
dieſes Maͤrchens vgl. KHM 9, 25, 49 mit Anmerkungen, Aarne 451, eine
bretonifche unten Nr. II 34. Zum Genovevatypus vgl. noch unten Nr. 9,
111, 116, II 21. Die Einleitung der Beatrixfaſſung entſtammt der bekann⸗
ten Welfenſage. Zu dieſer vgl. DS 515, 517, 571, 578, Liebrecht: Zur
Volkskunde S. 21 (franzoͤſiſche Verſionen: Rdtp XIII 680, XXIV 52,
Beranger:Feraud S. 215). Die Schwankinderſage wurde ſekundaͤr an
die zum Kreiſe von der geſtoͤrten Mahrtenehe gehoͤrige Lohengrinſage
angeſchloſſen.
Quelle: Oeuvres po6tiques de Philippe de Beaumanoir, herausgegeben
von H. Suchier in Soc. d. a. t., Paris 1884. I. Band: La Manekine,
Vers 49—1000 und 1161—3883 im Auszug. Der verſuchte Joel des
erſten Teiles entfpricht dem Allerleirauhmaͤrchen (KHM 65), waͤh⸗
rend der zweite Teil, getreu den volkstuͤmlichen Varianten folgend, das
Märchen vom Mädchen ohne Hände erzählt, das mit dem Schwan⸗
kindermaͤrchen und der Kreszentiaſage in den Kreis der geduldigen
Frau gehoͤrt. Über die mittelalterlichen Parallelen des Stoffes vgl.
die Einl. Suchiers und BP I 298. Eine moderne Verſion ſ. unter II 6.
Quelle: Le roman de Renart p. p. E. Martin, Straßburg 1889,
Branche III. Das aͤlteſte europäiſche Denkmal für volkstuͤmliche Tier:
maͤrchen iſt der um 1148 in Flandern entſtandene Pſengrimus; um
30 Jahre ſpaͤter wird von Martin die Sammlung franzoͤſiſcher Tier⸗
maͤrchen angeſetzt, die dem übrigen abendländifchen Tierepos als Quelle
diente. Die Herkunft der mittelalterlichen Tiermarchen iſt eine ver:
ſchiedene. Das Maͤrchen vom Fiſchfang mit dem Schwanze iſt ein
nordgermaniſches aͤtiologiſches Märchen, das den kurzen Schwanz des
Bären, der im Mittelpunkt der nordiſchen Tiermärchenkette als Gegen:
ſpieler des Fuchſes ſteht, erklaren will. Der Bär wurde weſteuropäiſch
unter dem Einfluß der aͤſopiſchen Fabel durch den Wolf erſetzt. Zum
Märchen vgl. Krohn: Journal de la société finno-ougr. VI 25, Voretzſch:
Zfrom Phil XV 348, Bolte⸗Polivka II 113, Aarne 2. Das Märchen iſt
im Epos ſowie in volkstümlichen Faſſungen in drei Formen überliefert,
von denen die des Renart III die mittlere darſtellt. Die erſte Form
kennt keinen Eimer, die dritte vergißt das Einfrieren und läßt den Eimer
mit Steinen beſchweren. Zu den vorhergehenden Epiſoden vom Fuchs
309
4
.
*
und den Heringen vgl. Krohn VI 46, Aarne 1, zur Wolfstonſur:
Zfrom Phil XV 344. Weitere Tiermaͤrchen ſ. unter 110, 17 a, o, 23 a,
III6, 45, 48.
11. a) Quelle: Jacques de Vitry: The exempla, ed. T. F. Crane, London
1890, Nr. 13. Vgl. die Anmerkungen bei Crane, Oeſterley zu Pauli 398.
Ferner franzoͤſiſch bei Marie de France Fables 53, Rabelais III 34
Sebillot: Auvergne S. 43, Annales des trad. pop. .
b) Quelle: ebd. Nr. 109. Parallelen zu dieſer im Mittelalter weit:
verbreiteten juͤdiſchen Parabel vgl. Crane zu 109, Oeſterley zu Gesta
Roman. 80, zu Pauli 682, Islaendsk Ae v. v. Gering II 247, Euling zu
Kaufringer 1, Reinh. Köhler: Kleine Schriften I 141, 578, 581, v. d.
Leyen: Das Märchen? S. 104, Amalfi in ZVfVkk V 76, Melufine
II 258, Archiv für Religionswiſſ. XII 273, Reinh. Köhler in ZVfVkk
58 zu Gonzenbach 92. Neufranzoͤſiſch in Luzel: Legendes chré-
tiennes I 282.
o) Quelle: ebd. Nr. 174. Die aͤſopiſche Fabel laͤßt ſich über Gregor
v. Tours (IV 9), die Predigten, das Tierepos (Renart XIV647, XVI 704)
und Lafontaines Fabeln (III 17) bis in moderne Maͤrchenſammlungen
verfolgen. Vgl. Bolte⸗Polivka zu KHM 73, Aarne 41.
d) Quelle: Etienne de Bourbon: Anecdotes histor.ques ed. Recon de
la Marche, Paris 1877 Nr. 26. Vgl. Bolte⸗Polivka III 463 zu Grimms
Kinderlegenden Nr. 6. In modernen Faſſungen meiſt mit dem Motiv
vom gruͤnenden Stab verbunden vgl. Luzel: Leg. chret. 1204, Aarne 756.
e) Quelle: ebd. Nr. 86 vgl. KHM 152, Bolte-Poliofa III 214, Aarne 922.
f) Quelle: ebd. Nr. 136. Die legendenhafte Faſſung des Maͤrchens
von der unſchuldig leidenden Frau, die man meiſt Kreszentiaſage
nennt, war im Mittelalter ſehr verbreitet; vgl. die mhd. Kaiſerchronik.
Die Erzählung drang auch in den Sagenkreis von Karl dem Großen:
das Epos Macaire und die Sage von Hildegard in Grimms DS 442,
Vgl. Voretzſch: Epiſche Studien S. 297, G. Paris: Hist. poëtique de
Charlemagne S. 396. Wallensfjöld: le conte de la femme chaste
convoitée par son beau-fröre Helsingfors 1907.
12. Quelle: Le roumans de Cleomades par Adenes li rois p. p., A. v. Haſſelt,
Bruͤſſel 1865. Vers 1473—2500, 2648— 3976, 4527—5653 im Auszug
Der mittelalterliche Fliegerroman iſt arabiſchen Urſprungs, er wurde
von den Arabern mit nach Spanien gefuͤhrt, von wo ihn wahrſcheinlich
Blanca von Caſtilien, die Tochter Ludwigs des Heiligen, im Jahre 1275
nach Frankreich brachte und dem brabantiſchen Spielmann uͤbergab.
Die Urform des Maͤrchens findet ſich in Tauſendundeiner Nacht, vgl.
Chauvin V 221 Nr. 130 „Le ohe val enchanté“ und Sloufton: Popular
Tales and fictions 1373, dort auch weitere Parallelen. Bolte⸗Polivka
II 134 zu KHM 77 a.
18. a) Quelle: Wilh. Hertz: Spielmannsbuch V. 237 ff., danach Proſa. Vgl.
dazu die Anmerkungen a. a. O. S. 420, ferner Zfrom Phil. IV 88,
Romania XXVI 449, Muſaffia WSB 119, Gautier S. 885, Magnum
spec. exempl. 1286, VIII 84, Cäſarius v. Heiſterbach 117. Literatur:
H. Wächter: Der Springer U. l. Fr., Erlanger Diff. 1899. Textabdruck
von Foͤrſter in Rom. II 315. Der Stoff entſtammt einer Notiz Augu⸗
ſtins aus einer verlorenen Schrift Senecas.
310
a2
Ja
b) Quelle: Adgar: Marienlegenden ed. Neuhaus in altfrz. Bibl. IX
Nr. 5 S. 20. Vgl. E. Wolter: Der Judenknabe, Halle 1879.
c) Quelle: M. Moon: Nouveau Recueil de Fabliaux et Contes,
Paris 1823, II 154, „de la Sougretaine“. Ausführliche Nachweiſe zu
dem durch Maeterlinck wieder bekanntgewordenen Stoff gibt Toldo in
ZVfVkk XV 129. Vgl. H. Watenphuhl: Die Geſchichte der Marien:
legende von Beatrix, Goͤttinger Diſſ. Neuwied 1904.
d) Quelle: ebd. II 443. N
e) Quelle: ebd. II 331. Groͤber bezeichnet die Legende mit dem
Schlagwort „Alaine“. Zum Stoff des Gang nach dem Eiſen⸗
hammer vgl. E. Cosquin: La légende du page de St. Elisabeth 1903,
ZVfVkk XIII 107, XV 457, XVI 278, XX 406, Chauvin VIII 143,
Gesta Romanorum 283.
f) Quelle: ebd. II 256. Schlagwort: „Seneſchal“. Eine eigentuͤmliche
Wendung des Märchens von der untergeſchobenen Braut, dem der
legendariſche Schluß unurſpruͤnglich ſein duͤrfte.
14. a) Quelle: Aucaſſin und Nicolette in der Überſetzung von Wilh. Hertz in
feinem Spielmannsbuch“, Stuttgart, Berlin 1905, S. 277ff., ſtark ge:
kuͤrzt. Der Chantefable, die zu Anfang des 13. Jahrhunderts wahr⸗
ſcheinlich im Hennegau geſchrieben wurde, liegt kein eigentliches Maͤr⸗
chen zugrunde, wohl aber enthält fie eine Reihe von Maͤrchenmotiven.
Torelore iſt ein Gemiſch von Schildbuͤrger⸗ und Schlaraffenland,
das Land Lirumlarum des deutſchen Maͤrchens, die verkehrte Welt; das
Wort iſt ein Traͤllerlaut, der etwas Luſtiges, Leichtſinniges, Toͤrichtes
und Verdrehtes bedeutet (W. Hertz). Über das Maͤnnerkindbett, das
keineswegs nur ein Maͤrchenſcherz iſt, vgl. die Anmerkungen im Spiel:
mannsbuch S. 443 ff., v. d. Leyen: Das Märchen ! S. 73. Die „Couvade“
iſt die einzige Erinnerung an die iberiſche Urbevoͤlkerung Suͤdfrankreichs.
Die Spielmannsverkleidung iſt ein Motiv aus Maͤrchen von der ver⸗
geſſenen Braut, ſie kommt auch in der Sage vom „Grafen im Pfluge“
vor, vgl. Bolte⸗Polivka III 517. Maͤrchenhaft ift endlich auch die Form
der Chantefable, die Fortführung des Textes durch gelegentlich einge:
ſtreute Verſe.
b) Quelle: Nouvelles frangoises du XIIIe siècle p. p., L. Moland et
C. d' Hͤricault, Paris 1856, S. 3ff., „Li contes dou roi Constant
P’Empereur“, Leicht gekürzt. Die Motive von der Verfolgung des Neu:
geborenen durch ſeinen zukuͤnftigen Schwiegervater um einer Weis⸗
ſagung willen (vgl. Aarne 930) und von der Vertauſchung des Urias⸗
briefes mit dem Heiratsbefehl dient in modernen Maͤrchen meiſt als
Einleitung zum Teufel mit den goldenen Haaren (ſo Luzel 186
und Rdtp V 728; vgl. BP 1276 zu KHM 29, dort 1 286 weitere Literatur
zur Konftantinfage). In Deutſchland wurde die Sage auf Heinrich III.
übertragen (DS 1 480), die Hamletſage (vgl. Schick: Corpus Hamle-
ticum) unterſcheidet ſich dadurch, daß der Held ſelbſt die Briefe ver⸗
tauſcht. Zu den Älteren romaniſchen Faſſungen des urſpruͤnglich orien⸗
taliſchen Stoffes vgl. beſonders W. Benary in ZfromPhil. XXXVII 617.
c) Quelle: ebd. S. 35 ff., „Li amitiez de Ami et Amile“. Gekuͤrzt.
Die Sage ſpiegelt das Brüdermärchen wieder (BP I 528 zu KHM60,
Aarne 303), die Becher entſprechen den Lebenszeichen, die Vertretung
311
im Ehebett mit dem trennenden Schwert ſtimmt genau zum Märchen,
waͤhrend die Verwandlung durch die Hexe durch die Krankheit des
Amieus erſetzt iſt. Zu den verſchiedenen Faſſungen der Sage vgl.
Koͤlbing in PBB IV 271, ferner Schwieger: Die Sage von A. und A.,
Berliner Progr. 1885. Eine moderne Faſſung ſ. unter II 49. Die
Heilung des Freundes mit dem Blute der Kinder ſtimmt zum Maͤrchen
vom getreuen Johannes (Bolte⸗Polivka I 42 zu KHM 6, Aarne 516),
ſ. unter II 20. Verwandt ſind die Sagen von Alexander und Ludwig,
von Olivier und Artus und von den Jakobsbruͤdern.
d) Quelle: ebd. S. 85ff., „Li contes dou roi Flore et de la bielle
Jehane“. Stark gekürzt. Das Märchen von der Wette auf die Treue
der Frau (Cymbelinetyp) liegt auch dem Comte de Poitiers, dem
Guillaume de Döle und dem Roman de la Violette zugrunde. Shake⸗
ſpeare folgte der Faſſung Boceaccios Dec. I 9. Vgl. G. Paris in
Romania XXXII 481. Aarne 882. Eine moderne Verſion ſ. unter II 14.
15. a) Proſabearbeitung der Überſetzung in Versform von Wilh. Hertz: Spiel:
mannsbuch“ S. 88 ff. Der Lai der Marie de Franee gehört in den
Maͤrchenkreis von der geſtoͤrten Mahrtenehe (f. oben Nr. 4), doch
iſt der weibliche Elbe hier „ Der Lanval entſpricht genau
dem deutſchen Märchen vom „König vom goldenen Berge” (KHM 92),
Vgl. Bolte⸗Polivka II 318, Aarne 400, die Anmerkungen bei W. Hertz
S. 368 ff., Warnckes Ausgabe der Lais der Marie in Suchiers Biblio.
theca normannica mit den Anmerkungen von Reinh. Kohler S. LXXXI ff.
und namentlich die Analyſe von F. Panzer in der Einleitung zum
Seyfried de Ardemont des Albrecht von Scharffenberg in der Bibl. des
Stuttgarter Lit. Ver. 227.
b) Quelle: Proſa nach der Versbearbeitung von W. Hertz im Spiel⸗
mannsbuch S. 106 ff., dazu die Anmerkungen S. 379 ff. Das Märchen
ſtellt eine wahrſcheinlich indiſche Variante des Kreiſes von der ge⸗
ſtoͤrten Mahrtenehe dar. Bolte⸗Polivka II 260, Aarne 432. Der
tragiſche Schluß und die Vaterrache find nicht märchenhaft. Der Stoff
erſcheint mehr als 500 Jahre ſpaͤter wieder in der franzoͤſiſchen Literatur,
ſ. unten Nr. 30.
e) Quelle: Proſa nach der Versbearbeitung von W. Hertz a. a. O.
S. 157ff., dazu die Anmerkung S. 401, R. Kohler zu Warncke S. LXI.
Das Maͤrchen, welches das Thema von der untergeſchobenen Braut
(KHM 11, 13, 135, 141, 89, 198, Aarne 403, ſ. oben Nr. 3, 13f) um
das Griſeldis motiv (Aarne 887) bereichert, lebt in modernen Volks⸗
liedern fort (Child III 63, Danm. g. Folkeviser V 13). Der Lai muß
vor 1199, dem Jahre, in welchem das Erzbistum Dol aufgehoben
wurde, entſtanden ſein. Zu dem in der Einleitung angeſchlagenen
Welfenmotiv ſ. oben Nr. 8. Zu den Pflanzennamen der Heldinnen
vgl. J. Grimm Kl. Schr. II 366. Aus modernen franzoͤſiſchen Maͤrchen
ſtellen ſich dazu: boule de neige (Rdtp V 725), fleur d' pine (Luzel 1 119),
épine- blanche (Souveſtre I 100), perceneige (Bolte-Polivfa II 204).
d) Quelle: Proſa nach der Versbearbeitung von W. Hertz a. a. O.
S. 171 ff., dazu die Anmerkung S. 407, R. Köhler zu Warncke S. C.
An das Thema vom Graf von Gleichen (G. Paris: La po6sie du
moyen äge, Paris 1895, II 109) heften ſich eine Anzahl von Märchen:
312
16.
17,
18.
motiven, darunter das ſchon der Antike bekannte vom Schlangen:
kraut (vgl. Bolte⸗Polivka 1128 zu KHM 16, Aarne 612). Dem zweiten
Teil des Lai liegt ebenſo wie dem Roman von IIle et Galeron ein
keltiſches Sneewittchenmaͤrchen zugrunde (vgl. A. Nutt in Folklore
III 26, Bolte⸗Polivka I 455 zu KHM 53, Aarne 709). Im Neufranzoͤſi⸗
ſchen iſt das Sneewittchenmaͤrchen ſelten, eine champagniſche Faſſung
(Rdtp V 725) folgt genau der Grimmſchen, während in der bretonifchen
(Söébillot 121) der Spiegel fortfällt und der Zauberſchlaf durch „bas
enchantés bewirkt wird. An Stelle der ſieben Zwerge treten „trois
petits Lapons“ bzw. drei Brüder.
Quelle: Li roumans du Chastelain de Coucy et de la dame du Fayel
ed. Crapelet, Paris 1829, Vers 7052 bis Ende mit geringen Kuͤrzungen.
über die mutmaßlich indiſche Herkunft dieſes im Mittelalter weit verbreite⸗
ten Stoffes vgl. Clouſton: Popular Tales and Fictions II 187. Verwandt
iſt der lai d'Ignaurès. Boccaccio (TV 9) folgte der provencalifchen Ver:
fion, die den Stoff auf Guillem de Cabestaing übertrug (dieſe bei Beren:
ger⸗Feraud: Contes popul. des Provengaux, Paris 1887, S. 189). Deutſch
außer bei Konrad von Wuͤrzburg in Volksballaden vom Brennenberger
(DS 499, 500, Wunderhorn II 229, Uhland 75; Literatur: A. Kopp in
Quellen u. Forſchg. z. dtſch. BEE II, Wien 1908) Reufranzoͤſiſche Faſſun⸗
gen: Rdtp XII 436 XIV 46, Italieniſch auch in den Cento nov. aut. 62.
a) Quelle: Die Fabeln der Marie de France, herausgegeben von
K. Warncke in Suchiers Bibliotheca normannica Bd. 6 Nr. 22. Die
aͤſopiſche Fabel findet ſich mehrfach in modernen Maͤrchenſammlungen,
meiſt mit einem angehängten aͤtiologiſchen Schluß von der Entſtehun
der Haſenſcharte. Vgl. Wallonia I 54, Rolland: Faune populaire 187,
Revue des trad. pop. VI 314, X 576. — Aarne: Verz. Nr. 70. Dähn:
hardt hat die Fabel ZVfVkk XVII9 unterſucht.
b) Quelle: ebd. 57. Es iſt die Altefte abendlaͤndiſche Form des wahr⸗
ſcheinlich orientaliſchen Maͤrchenkreiſes von den drei toͤrichten Wuͤn⸗
chen. Vgl. KHM 87 und die Anmerkungen Bolte⸗Polivka II 210,
Aarne 750 und beſonders Bedier: Les fabliaux, Paris 1893, S. 177 zum
Fabliau von den Quatre souhaits St. Martin.
o) Quelle: ebd. 89. Die älteſte Faſſung des Maͤrchens vom Wolf
und den ſieben Geislein, vgl. KAM 5, Bolte⸗Polivka I 37, Aarne
123. Weitere Parallelen zu Marie de Frances Fabeln f. in den Un:
merkungen zu 13a, II 18, 22 b.
a) Quelle: Recueil general des Fabliaux p. p. A. de Montaiglon et
G. Raynouard, Paris 1872, 1188 Nr. 17 „le dit des perdriz“. Sur
Stoffgeſchichte des Schwankes, den Bödier (a. a. O. S. 275) für einen
Hauptvertreter des echten „esprit gaulois“ erklärt, vgl. Bolte⸗Polivka
II 129 zu KHM 77, Oeſterley zu Pauli 364, Bedier a. a. O. S. 422.
(Neufranzoͤſiſche Faſſungen bei Bladé III 216, Orain S. 202, Se billot:
Folklore III 216, La Tradition III 120, 132, Chapelot S. 67.)
b) Quelle: ebd. I 132 Nr. 10 „de Brunain la vache au prestre“,
vgl. die Parallelen bei Bödier und Bolte zu Montanus 108, ZVEVkk
XVI 288, Aarne 1735. |
o) Quelle: Montaiglon⸗Raynouard IV 57 Nr. 98, „De Berengier au
lono cul“. Parallelen, auch moderne, gibt Bedier a. a. O.
313
19.
20.
d) Quelle: ebd. IV 166 Nr. 106, „De Constant du Hamel“. Orien:
taliſcher Urſprung. Parallelen bei Bödier S. 454. Verwandt iſt der
Schwank vom „Pfarrer im Schmalzkuͤbel“, vgl. ZVfVkk XIII 414,
Im Original raͤcht ſich der Gatte an den Liebhabern feiner Frau noch
dadurch, daß er ihre Frauen vor ihren Augen vergewaltigt.
e) Quelle: ebd. III 156 Nr. 74, „le Vilain mire“. Vgl. Bedier S. 476
und Crane zu Vitry Nr. 237. Gleichfalls orientaliſchen Urſprungs. Der
Stoff iſt durch Molidres „médecin malgre lui“ bekannt. Ofter mit dem
Stoff von der widerſpenſtigen Frau verbunden (f. unter II 22).
f) Quelle: ebd. III 265 Nr. 81, „le Vilain qui conquist Paradis par
plait“. Vgl. Bédier S. 476. Die „entrée frauduleuse“ gehört zu
KHM 81. Der Held iſt ein echt franzoͤſiſcher „malin“, der auch vor der
himmliſchen Obrigkeit keinen Reſpekt hat. Neufranzoͤſiſche Parallelen
find: Rdtp IX 267, XIV 639, XVII 487, XXII 377, XXVI 301
Carnoy kro. 289, pic. 67, 139, Blade III 93, Souveſtre I 83, vgl. no
Bolte⸗Polivka III 303.
Quelle: Le roman de Perceforest, Druck von Galliot du Pré, Paris 1531
Tome III Chap. XLVI, Feuill. CXXVIIf. und Chap. LV Feuill. CLV.
Der Roman, der in den Jahren zwiſchen 1337 und 1390 verfaßt wurde,
verwickelt Alexander den Großen in eine matière de Bretagne nach der
herkoͤmmlichen Art der Artusromane. In die Handlung eingeflochten iſt
das aͤlteſte Dorn roͤschen märchen, das wir kennen. Die Dreizahl der
Daͤmonen, die gegenüber der Siebenzahl bei Perrault das Urſpruͤng⸗
lichere darſtellt, iſt ebenſo wie ihre Beziehung zum Schickſal dem klaſſi⸗
ſchen Altertum entlehnt. Belege fuͤr das fruͤhe Auftreten der tria fata
auf galloromaniſchem Boden vgl. bei W. Hertz: Spielmannsbuch
S. 350. Auch im neufranzoͤſiſchen Volksglauben begaben und benennen
die Feen die Kinder und ſpenden Hilfe bei Heirat und Geburt (Sebillot:
Folklore I 443). Zur Kontraftierung des boͤſen Schickſalsdaͤmons mit
den uͤbrigen Guten ſ. auch oben Nr. 2. Dem Turm, der ein Symbol
für das Totenreich iſt, entſpricht in der Grimmſchen Faſſung (KHM 50)
eine Dornenhecke, die Ausſetzung in eine Dornenhecke begegnet auch in
bretoniſchen Faſſungen des „Maͤdchens ohne Hände“ (J. unter II 6).
Das Einziehen der Flachsfaſer iſt ebenſo wie der Stich Bruͤnhilds mit
dem Schlafdorn und Sneewitchens Genuß des todbringenden Apfels
eine Metapher fuͤr ſterben. Fr. Vogt (in German. Abh. fuͤr Karl Wein⸗
hold) leitet das . e aus dem antiken Thaliamythus
her, und auf antike Motive, bereichert durch keltiſch⸗bretoniſche Vorſtel⸗
lungen, dürfte das vielumſtrittene Märchen gewiß zurüdzuführen fein
deſſen Zuſammenhaͤnge mit der Sigrdrifaepiſode der Siegfriedſage noch
nicht geklärt find. Die Grimmſche Faſſung geht auf die Perraults
von 1696 zuruck, doch hat letztere ebenſo wie die des Neapolitaners
Baſile von 1637 eine Erweiterung aus dem Kreiſe der unſchuldi
leidenden Koͤnigin angehaͤngt. (Eine neufranzoͤſiſche le Finbet id
bei Dardy II 33, weiter entfernt ſteht ein bretoniſches Märchen in
Revue des trad. pop. XV 120.) Weitere Literatur zum Dornröschen:
maͤrchen vgl. Bolte⸗ Polioka 1434 — Aarnes Verz. 410.
a) Quelle: Boltes Wiedergabe des lateiniſchen Textes aus J. Juniors
Scala caeli, Lubeck 1476, fol. 116b—118 a in ZVfVkk XXV 379.
314
Bolte ftellt das Exempel mit Recht zum Märchen vom dankbaren
Toten (vgl. Bolte⸗Polivka III 490, Aarne 505—507, ZfromPhil 37,
57, 129, Gerould: the gratefull death 1908, Herrigs Archiv 81, 141).
In den modernen Pr in den übrigen mittelalterlichen Faſſungen be:
trifft die erſte Gabe den Loskauf eines toten Schuldners von feinen
Glaͤubigern und die Beerdigung desſelben, wofuͤr der Geiſt des Toten
den Helden, der von ſeinem Nebenbuhler ins Meer geworfen wird, ge⸗
rettet, geſpeiſt und ſchließlich zu ſeiner Gattin heimgefuͤhrt wird. Das
Märchen vom dankbaren Toten iſt vielleicht aͤgyptiſchen Urſprungs und
begegnet zuerſt in der hebräifchen Literatur des 1. nachchriſtlichen Jahr:
hunderts. Es wurde urſpruͤnglich ſelbſtaͤndig erzählt und hat den Stoff
von der losgekauften Jungfrau, mit dem es hier verbunden erſcheint,
erſt nachtraͤglich aufgenommen. Ferner verband ſich der dankbare Tote
mit dem Maͤrchen vom goldenen Vogel (KHM 57) und von den zer⸗
tanzten Schuhen (KHM 133). Die neufranzoͤſiſchen Faſſungen zeigen
ewiſſe Eigentuͤmlichkeiten, welche durch ein Kunſtmaͤrchen der Mme. de
omez: „Jean de Calais“ veranlaßt wurden, das im Jahre 1723 ex:
ſchien. Das Maͤrchen iſt in ache a nur laͤngs der atlantiſchen Kuͤſte
aufgezeichnet. Die legendariſche Faſſung der Scala caeli lebt in einer
bretoniſchen Legende (Luzel: Legendes II 40) fort, ferner vgl. die
ruſſiſche Verſion bei v. Loͤwis Nr. 48.
b) Quelle: Cranes Wiedergabe des lateiniſchen Textes aus J. Juniors
Scala caeli, Ulm 1480, fol. 99 in Germ. XXX 203. Das Märchen ift
naͤchſt der verlorenen Vorlage des mndld. Walewijn die aͤlteſte
europaͤiſche Verſion des orientaliſchen Märchens vom Waſſer des
Lebens. Bol. Bolte⸗Polivka Anmerkungen zu KHM 57 und 97, be:
ſonders I 511, Aarne 551.
21. Quelle: Meiſter Franz Rabelais Gargantua und Pantagruel, uͤberſetzt
durch Gottlob Regis, München und Leipzig 1906. Die hier heraus:
gehobenen Stuͤcke aus I 3, 7 11, 16, 17, 25, 36, 37 ſollen zeigen, daß
dem Gargantua ein Märchen vom ſtarken Hans zugrunde liegt. In
vielen Varianten des Baͤrenſohn wird gleichfalls ein uͤberlanger Aufent⸗
halt im Mutterleib erwahnt (vgl. Panzer a. a. O.), auch der deutſche
„junge Rieſe“ (KHM 90) reißt einen jungen Baum als Stecken aus und
hält den auf ihn geworfenen Muͤhlſtein für Sandkoͤrner, welche die
uͤhnerherabwerfen, ebenſo wie Gargantua die Stuͤckkugeln fuͤr Trauben⸗
erne und Kuͤhfliegen. Die zweifellos germaniſche Vorſtellung des un⸗
geſchlachten Rieſen wurde nicht ohne Zutun des zum Grotesken neigen⸗
den keltiſchen Elementes und der burlesken Tendenzen der Spielleute
— der Rainouard im Aliscans kann als Vorläufer Gargantuas gelten —
zur unflätigen Verzerrung des 16. Jahrhunderts. Gargantua lebt im
neufranzoͤſiſchen Volksglauben fort, die größte Anzahl der in Frankreich
noch lebenden Rieſenſagen knuͤpft ſich an ſeinen Namen: vgl. Ssbillot:
Gargantua dans les traditions populaires, Sébillot; Folklore Reg. s.
verbo und die Rubrik Gargantua in den meiſten Jahrgaͤngen der Revue
pop. Auch zum Träger von Varianten des ſtarken Haus:
maͤrchens iſt Gargantua im franzoͤſiſchen geworden. Eine moderne
Variante des Maͤrchens ſ. unter II 2. Weitere Parallelen zu Rabelais
ſ. in den Anmerkungen zu 11a, 24a, II 38. *
315
de
22. a) Quelle: Oeuvres francais de Bonaventure Desperiers p. p. L. Lacour,
Paris 1856, 2. Band: Nouvelles recréations et joyeus devis S. 94 Nr. 20.
Vgl. VBolte⸗Polivka II 561 zu KHM 120, Aarne 1697, 360. Alter iſt die
engliſch⸗lateiniſche Faſſung bei Bromyard. Dialogiſche Schluͤſſe find
neufranzoͤſiſch nicht beliebt, ogl. Petſch S. 85.
b) Quelle: ebd. S. 372 Nr. 124, vgl. Bolte⸗Polivka III 120 zu
KHM 139, Aarne 1476.
o) Quelle: ebd. S. 241 Nr. 68. Der 5 chwank vom Mann,
der ſich für tot hält (Aarne 1313), kehrt unten Nr. II 30 f in anderer Ges
10 wieder. Weitere Parallelen zu Desperiers |. unter 23b, II 57 b.
ahe verwandt iſt das Fabliau vom „Vilain de Bailleul“ (MR IV 109).
d) Quelle: Le grand Parangon des nouvelles nouvelles comp. p.
Nicolas de Troyes p. p. Emile Mabille, Paris 1869, S. 134 Nr. 33.
Zum Stoff vgl. Bolte⸗Polivka 1411. Weitere Schwaͤnke vom ge⸗
prellten Teufel ſ. unten II 3, 38.
e) Quelle: ebd. S. 283 Nr. 53. Der Schwank gehoͤrt in den Kreis
von den toͤrichten Wuͤnſchen, ſ. oben Nr. 17 b. Zur Teilnahme der
Helden am Tanz der Feen ſ. unten Nr. II 47. Parallelen zu Nicolaus
von Troyes ſ. unten II 43, 44 b.
23. a) Quelle: la Fontaine: Fables, herausgegeben von A. Laun, Heil⸗
bronn 1877, S. 210 VI 10 „le lievre et la tortue“. Die Fabel, die hier
in gehobener Proſa wiedergegeben wird, enthält den verbreiteten Stoff
vom Wettlauf der Tiere. Zu dieſem vgl. Bolte⸗Polivka III 339 zu
KHM 187, Aarne 275. v. d. Steinen führt ZVfVkk XXV 260 das
Maͤrchen kaum mit Recht auf einen lunaren 1 5 zuruck.
b) Quelle: ebd. VII 10 „la laitière et le pot au lait“. Cs Quelle war
die zwoͤlfte Novelle von Desperiers „Nouvelles recrèations“. Der
Schwank iſt uͤbrigens weit verbreitet. Vgl. Bolte 1 Montanus,
S. 603, 658 und beſonders Bolte⸗Polivka III 265 zu KHM 164, Aarne
1430. Zu einem verwandten Schwank ZVfVkk XXI 171.
24. a) Quelle: Beroalde de Verville: Le moyen de parvenir II 274. Zum
Zeichendisput, der auf orientaliſche Quellen zuruͤckgeht, vgl. Rdtp
XXVI 179. Rabelais II 19, Rom. X 29. Der eine aufgehobene Finger
bedeutet Gott Vater, die drei Finger Vater, Sohn und hl. Geiſt, der
Apfel die Dreifaltigkeit.
b) Quelle: Lelite des Contes du Sieur d’Ouville, Lyon ſ. d. (1612)
II 171. Der Stoff des Doktor Allwiſſend: KHM 98, Bolte⸗Polivka
II 401, Aarne 1641.
o) Quelle: Nouveaux contes & rire et aventures plaisantes de ce
temps; recr&ations frangaises, Amſterdam 1700, S. 168. Zum Stoff
vgl. Clouſton 155, Aarne 1586.
d) Quelle: ebd. S. 109. Gehoͤrt zum Meiſterdiebſtoff, ſ. oben
Nr. 1, unten 11 37.
e) Quelle: ebd. S. 140. Der Stoff vom ſchweigenden Paar iſt
arabiſchen Urſprungs, vgl. Rdtp XV 283, Clouſton II 15, Aarne 1351.
f) Quelle: ebd. S. 198.
25. Quelle: Charles Perrault: Contes de ma mère l’oye, Paris 1697, S. 43
„Barbebleue“ mit gelegentlicher Benutzung der Überſetzung von
Th. Tesdorpf⸗Sickenberger, Berlin 1912, S. 37. — Das Märchen ent:
316
er
hält in feiner Schlußſzene das Hinreißendſte an dramatiſcher Spannung,
was die geſamte Maͤrchenwelt zu bieten vermag. Um 1 plaſtiſche
Situation gruppieren ſich die neufranzoͤſiſchen Blaubartmaͤrchen, die
alle bis auf kleine Abweichungen von Perrault b gg ſind. In
Ssébillot, Orale S. 41, Rdtp IX 54, X569, Luzel II 341, Mölufine III 330
meldet ein Hund, bei Blade I 241 ein redender Haͤher den Brüdern die
Gefahr der Schweſter. Bei Sôbillot Auvergne S. 50, Souveſtre I 45
ſteigen die gemordeten Frauen aus den Graͤbern und warnen die Heldin,
in Carnoy fre. S. 160 und Rauͤtp III 435 iſt der Blaubart ein Teufel, von
dem die Heldin durch Chriſtus und die heilige Die Nan, die in Schmetter⸗
lingsgeſtalt heranſchweben, gerettet wird. Die Neugier der Frau, die
ſich in der Übertretung eines Verbotes aͤußert, teilt das Maͤrchen mit
dem von Amor und Pſyche, die Geſtalt des Frauenmoͤrders begegnet
auch im Kreis vom Räuberbräutigam (f. unter II 15). Der Blaubartſtoff
geht wohl weniger auf eine hiſtoriſche Perſon — man hat in ihm einen
Marſchall von Retz wiederfinden wollen — zuruͤck als vielmehr auf
Zwergſagen: die germaniſchen Zwerge ſind ja beſonders als Frauen⸗
raͤuber berüchtigt, und in deutſchen Faſſungen des Maͤrchens, die auch in
der Dreizahl der auf die Probe geſtellten Frauen maͤrchenechter er⸗
ſcheinen als Perrault, tritt mitunter ein Zwerg an Blaubarts Stelle.
Zum Maͤrchen vgl. Bolte⸗Polivka J 398 zu KHM 46, Marne 311, K. Hof:
mann in Romaniſche Forſchungen I 934. Stoffverwandt find die Volks⸗
balladen von Renaud (vgl. Mölufine IX 265), ferner die von Klotilde
(Champfleury S. 28), vom Grafen de Saulx (Rathöry S. 946) und vom
Ritter de Dion (Ampere S. 1180).
26. Quelle: ebd. S. 63: „Le maitre chat ou le chat botte“, mit Benutzung
der Überſetzung S. 46. Zum Stoff vgl. Bolte⸗Polivka I 325, Aarne 545.
Das Maͤrchen erfreut ſich im Volksmund keiner allzu großen Ver⸗
breitung. Polivka (im Sbornik za narodni umotverenija, vgl. Rdtp
XVI 344) nimmt aſiatiſchen (kaukaſiſch⸗tatariſchen) Urſprung desſelben
an. Nach Indien weiſt die Überliftung des Ogers, die in den Märchen
vom Zauberlehrling (KHM 68) und vom Rieſen ohne Seele wieder⸗
kehrt, doch geht Perraults Faſſung in dieſer Epiſode uͤber ſeine Vor⸗
gaͤnger Straparola und Baſile hinaus. Unter dem Kater wird man
einen Kobold zu erblicken haben, und Kobolde in Katzengeſtalt ſind der
deutſchen wie der franzoͤſiſchen Volksſage geläufig (vgl. du Meril:
Etudes S. 467 Anm. 4).
27. Quelle: ebd. S. 91: „Cendrillon ou la petite pantoufle de verre“
überſetzung S. 65. Das Aſchenbroͤdelmaͤrchen (KHM 21, Bolte⸗
Polivka I 165, Aarne 510) gehoͤrt zuſammen mit dem Goldener: und
dem Allerleirauhmaͤrchen, das ebenfalls von . bearbeitet wurde,
zum großen Maͤrchenkreis von der erhoͤhten Niedrigkeit, es iſt ein echtes
Traummaͤrchen, der Gluͤckstraum der ſozial Entrechteten, etwa wie
Hauptmanns Hannele. Der ganze Maͤrchenkreis läßt ſich weit hinauf
verfolgen, zum Goldener ſ. oben Nr. 5, Allerleirauh begegnet in An⸗
ſpielungen des 16. Jahrhunderts, und der Begriff Aſchenbroͤdel laͤßt ſich
über das deutſche 16. Jahrhundert bis in die altisländifche Saga (Kol-
bitr) zuruͤckleiten, während die Schuhprobe zuerſt im mittelhochdeutſchen
König Rother erſcheint. Maͤrchenechter erſcheinen die deutſchen Va⸗
317
4
rianten, in denen die Ballgewaͤnder von einem Baum, der auf dem Grab
der Mutter waͤchſt, entnommen werden und in denen die Schweſtern
ihre Füße verſtuͤmmeln, um ſich die Schuhe paſſend zu machen. Die
neufranzoͤſiſchen Varianten find alle von Perrault abhängig Bit auf
85 bretoniſche (Sebillot: Contes 1 3, Luzel III 134), die das Motiv vom
Int im Schuh bewahrt haben. Der Glaspantaoffel iſt nach Ralſtons
anſprechender Vermutung (XIX. Century VI) nur ein Hoͤrfehler:
soulier de verre für soulier vair, „Schuh aus buntem Pelzwerk“. Eine
Analyſe des Maͤrchens gab Miß R. Cox: Cinderella in Publications of the
folklore society, London 1893.
28. Quelle: ebd. S. 141: , tit poucet“, in engem Anſchluß an die
Überſetzung S. 89. D äcchen, das heute noch vielfach aus dem
Volksmunde aufgezeichnet wird, last ſich über Perrault nicht zuruͤck⸗
verfolgen, iſt aber keine Erfindung von dieſem, ſondern gehoͤrt zum
Kreis des Hänfel und Gretelmaͤrch ens (ſ. unter Nr. II 50). In
modernen Varianten wird der Held ſpaͤter nochmals in die Wohnung
des Ogers geſchickt, um im Auftrage des Koͤnigs die Wunſchdinge des⸗
ſelben zu ſtehlen, vgl. Aarne 328 (ſo Vinſon S. 89, 5 II 231, Sebillot:
Contes 1 19, Carnoy: Picardie S. 241). Zum Maͤrchen vgl. Bolte⸗
Polivka I 124, Cosquin in Revue des trad. pop. XXV, G. Paris: Le
petit poucet et le grand - ourse, Paris 1875. Die Daͤumlingsgeſtalt
des Helden gehoͤrt nicht unbedingt zum 5 ſie duͤrfte
von Perrault aus dem auch im Franzoͤſiſchen weitverbreiteten Daum:
lingstypus übernommen fein (zu dieſem vgl. KHM 37, 45, Bolte⸗Po⸗
livka 1389, Aarne 700). Zum Wechſel der Kopfbedeckungen: Aarne 119.
29. Quelle: Perrault: Contes de ma mère l'Oie S. 81, „les Fées“. Das
Märchen gehört zum Frau⸗Holle⸗Kreis, vgl. Bolte⸗Polivka I 215 zu
KHM 24, Aarne 480. Auch in modernen franzoͤſiſchen Sagen und
Maͤrchen gehen die Feen verkleidet durch das Land, um die Guten zu
belohnen und die Boͤſen zu beſtrafen, vgl. Seébillot: Folklore I 265.
Ein neufranzoͤſiſches Frau⸗Holle⸗Maͤrchen |. unter II 19.
30. Quelle: Les contes des fees par Mme. d' Aulnoy, Amſterdam 1717.
S. 75, „l’oiseau bleu“. Gekuͤrzt. Die Einleitung bis zur Verwuͤnſchung
des Elben in einen Vogel iſt von der Gräfin erfunden; weiterhin über:
nahm fie die Schlußformel von der Maͤrchenwanderung und den drei
Nächten aus gewiſſen Faſſungen des Amor: und Pſychemaͤrchens,
waͤhrend in volkstuͤmlichen Faſſungen die Schlußformel den Erwer
des Heilmittels und die Heilung des verwundeten Elben durch die
Heldin berichtet. Die Dreinaͤchteformel bildet fernerhin mit den drei
Aufgaben im Rieſenhauſe (ſ. unter Nr. II 13) und der magiſchen
Flucht (f. unter Nr. 31) zuſammen den Jaſon⸗ und Medea⸗Typus
(KHM 113, vgl. Bolte⸗Polivka II 516). In modernen Sammlungen
iſt das Märchen in Frankreich nicht überliefert, wohl aber begegnet es
in einem Lai der Marie de France, „Lonec“, ſ. o. Nr. 15 b.
31. Quelle: Les contes des fees der Gräfin Aulnoy, nach dem Druck im
Cabinet des fees, Amſterdam und Paris 1785, II 304. Aus der langen
Liebesgeſchichte wurde die Formel von der magiſchen Flucht heraus:
ehoben. Vgl. KHM 51, 56, 79, 113, 186, 193 mit den Anm. Bolte⸗
Polivkas, Aarne 313. Der Dämon, dem in modernen Faſſungen des
818
Fier und Medeamoͤrchens das Liebespaar entflieht, iſt gleichfalls ein
ger (Cosquin 9, Rdtp VII 29), ein Teufel (Carnoy: Picardie 252,
Rdtp IXI 69, 170, 171, XVI 125, Cosquin 32, Meluſi ne 1 446), ein
Zauberer (Rdtp VI 588, I 238, Luzel II 3, 33, 57, Ssbillot: Contes 131)
oder eine Fee (Carnoy fre. S. 233).
32. Quelle: Mlle. l Höritier: La tour tön&breuse et les jours lumineux 1705,
nach dem Abdruck im Cabinet des fees XII 27, ſtark gekuͤrzt. Dieſe
Kunſtnovelle, die ſich von den volksmaͤßigen Faſſungen des bekannten
Rumpelſtilzchenmärchens dadurch unterſcheidet, daß der Name
nicht erraten, ſondern im Gedaͤchtnis behalten werden ſoll, hat in vielen
modernen franzoͤſiſchen Verſionen nachgewirkt: Melufine I 150,
Sebillot: Contes 1 48, Pineau S. 131, Orain S. 11 folgen dem Kunſt⸗
maͤrchen, während Sebillot: Contes I S. 301, Sebillot: Traditions 1 130,
Fleury S. 190, Cosquin 27, Carnoy: fre. S. 227, Rdtp VIII 369,
XIII 633, auf die populäre Verſion zurüdgehen. Ein Teufel tritt als
Dämon auf in Sebillot I 48, Cosquin 27, Carnoy 227, Rdtp VII 1369,
XIII 633, dagegen ein Zwerg in Melufine 1 150, Söbillot: Trad. 1130,
Pineau 131, Orain 11, ein Lutin bei Sebillot I 301. Zum Märchen
vgl. KHM 55, Bolte⸗Polivka I 490, Aarne 500, Clodd: Tom. Tit. Tot.,
London 1898, Polivka in ZVfVkk X 254, v. Sydow: Tv& spinnsagor,
Lunder Diſſ. 1909. Polivka und Sydow nehmen germaniſchen, letzterer
ſpeziell ſchwediſchen Urſprung des Maͤrchens an, von dort verbreitete
es ſich, über Norddeutſchland nach Frankreich. Die mythiſche Grund:
lage des Maͤrchens iſt in dem weitverbreiteten Aberglauben zu ſuchen,
daß die Kenntnis des Namens eines Daͤmons zugleich die Macht uͤber
denſelben verleiht. Zu dieſer Anſchauung vgl. K. Nyrop: Navnets
magt in deſſen Mindre afhandlinger, Kopenhagen.
33. Quelle: Mme. le prince de Beaumont: Magasin des enfants ou dia-
logues entre une sage gouvernante et plusieurs de ses élèves, Paris
und Frankfurt 1776, I 56, „la belle et la béte“, leicht gekuͤrzt. Die
Faſſung der Beaumont geht auf eine Ältere der Mme. de Villeneuve
(1740) zuruͤck. Das Maͤrchen gehoͤrt zum Kreiſe von der geſtoͤrten
Mahrtenehe, hat aber feinen Schluß aus der gleichfalls weit ver:
breiteten Gruppe vom erlöften Tierbräutigam entnommen. Zu
letzterem vgl. KHM 1, 63, 108, 144 mit den Anmerkungen bei Bolte⸗
Polivka. Die Vereinigung, die beide Maͤrchen hier eingegangen ſind, er⸗
ſcheint in dieſer Kunſtnovelle zum erſten Male in der Literatur, und man
hat (Ralſton in XIX Century 1878) eine weitgehende Beeinfluſſung des
lebendigen Maͤrchens durch die Faſſung der Beaumont vermutet. Die
Verbindung der Pſycheeinleitung mit dem Tierbraͤutigamſchluß dürfte
indes nicht die kuͤnſtleriſche Tat der Franzoͤſin ſein. Das eigentliche
Verbreitungsgebiet dieſes Miſchtypus iſt vielmehr Deutſchland, und der
Schluß mit der Erloͤſung durch Liebe, der liebevolle Umgang mit dem
Tier und endlich die Verwandtſchaft des Stoffes mit dem in Deutſch⸗
land beſonders verbreiteten Sagentypus von der erloͤſten Schlangen:
jungfrau (Grimm DS 13) läßt auf deutſchen Urſprung der Kombina⸗
tion ſchließen. Zu dieſer vgl. noch Bolte⸗Polivka II 237 zu KHM 88,
(In modernen franzoͤſiſchen Sammlungen erſcheint das Märchen bei
oquin 63, Blade I 181, Meyrae S. 470, Rdtp XIII 533).
319
Inhalt des 1 Bandes
Seit
Einleitung: Geſchichte des franzoͤſiſchen Maͤrchens I
12. und 13. Jahrhundert
1. Wie Galopin fuͤr Elias von St. Gilles das Wunder⸗
pferd Primſaus von Aragon ſtahhnᷣl.
2. Huͤon von Bordeauu r. 8
3. Bertha mit den großen Fuͤßßen - 15
4. Parthonopeus und Meliuu u 23
5. Robert der Teufel befreit Rom von den Tuͤrken. 30
6. Parzival in der Graalsb ung 36
7 wen ea 42
8. Die Geburt des Schwanritter s 52
9. Die Manek innen 61
10. Der Fiſchfang des Wolfes 72
11. Predigtmaͤrlein des 13. Jahrhunderts
Der neue udn 78
Der Engel und der Waldbrudeeenrne1uuͤ > 79
Der Wolf in der Vorrats kammer 8⁰
Der buͤßende Raͤubtr ee 81
Der König und der Weieiee e. 81
Crescentiaanananaggagndssnsdsss . 82
12. Cleomades und das hölzerne Pferd 84
13. Altfranzoͤſiſche Marienlegenden
Der Tänzer Unſerer lieben Frah Nu 97
Der Judenknalbbttt er. 99
Die Nonne und der Ritter ui LOL
Vom Dieb, der ſich jedesmal, wenn er zum Stehlen
ging, Unferer Frau empfail!l!l! . 105
Vom Koͤnig, der den Sohn ſeines Seneſchalls ver⸗
brennen wollte. 106
Von der Königin, die ihren Seneſchall toͤtete 109
14. Proſanovellen des 13. Jahrhunderts
Aucaſſin und Nicolette. 113
Vom Kaiſer Conſtannnns n na 119
820 |
8 RE JRRTIEFER,
Amicus und Ameliuunn s
Die Geſchichte von der ſchoͤnen Johanna . . . . .
15. Aus den Lais der Marie de France
S!!! 8
16. Die Herzmaͤrernrnee rennen
17. Aus den Fabeln des Mittelalters
Die Haſen und die Froͤſcehhetttete
Der Bauer und der Kobold
Der Wolf und das Zickl ein
18. Mittelalterliche Schwaͤnke
Die Geſchichte von den Rebhuͤh nenn
Von der Braunen, der Kuh des Pfarrers
Berengae eee N
Conſtant du Hamel
Der Bauer als Arlt
Wie der Bauer ins Paradies kaemnm
14. und 15. Jahrhundert
19. Das Märchen von der ſchoͤnen Zelandine
20. Predigtmaͤrlein des 14. Jahrhunderts
St. Nikolaus und der Juͤngling e e
Die Quelle der Jugend - n
16. Jahrhundert
21. Gargantuun Uu FFF
22. Aus den Novellenſammlungen des 16. Jahrhunderts
Von drei Bruͤdern, welche faſt wegen ihres Lateins
gehängt worden waͤreennnxnndmd
Wie ein Schotte durch ein Mittel, das ihm ſeine
Wirtin angegeben hatte, vom Bauchweh geheilt
Wrseeeeee 8
Vom Meiſter Berthold, dem man einredete, daß
// ee
21 Franz. Märchen 1
Seite
Von einem jungen Geſellen, der ſich dem Teufel
ergab, um ein junges Mädchen zur Frau zu be⸗
kommen, und wie er vom Teufel befreit wurde, als
er ihm auf den Rat ſeiner Frau ein Tier zeigte,
welches er nicht kanntt e 219
Von dreien Juͤnglingen, welche drei Feen begeg⸗
neten, und was ihnen mit den Gaben geſchah, ſo
befagte Feen ihnen gewaͤhrtenn 221
17. und 18. Jahrhundert
23. Fabeln von Lafontaine
Der Haſe und die Schildkröoͤrrtr ek 224
Der Milchtoooaff 2 220er 225
24. Schwaͤnke des 17. und 18. Jahrhunderts
Der Zeichendisplldn 226
Von einem angeblichen Wahrſagerr 227
Der FliegentoͤterrR᷑ᷓM eennnn 231
Ein Spitzbube entwendet die Kuh feines Nachbarn. 231
Der friedfertige Hahntei. - » - - 2200. . 233
Die Wette der drei Gevatten 234
f,... Kent 236
26. Der geſtiefelte Katerrõrõk 2202... 241
27. Aſchenbroͤdel oder das kleine Glaspantoffelchen 246
28. Der kleine Daͤum lining. 252
„ e ĩðWüQA· 8 262
30. Der blaue Vogel 265
31. Der Orangenbaum und die Bienne 279
32. Ricdin⸗Ricdoe n 287
33. Die Schönheit und das Tie . . 293
Quellennachweiſe und Anmerkungen 304
Gedruckt in der Roßberg' ſchen Buchdruckerei in Leipzig
Eugen Diederichs Verlag in Jena
Die Maͤrchen der Weltliteratur
Herausgegeben von Friedrich v. der Leyen und Paul Zaunert
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von Paul Zaunert. Mit Holzſchnitten von Ludwig Richter. 19. Tauf.
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Grimm. 2 Bände. Herausgegeben von Friedrich v. der Leyen. Jnbilaͤums⸗
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